{"id":118052,"date":"2024-02-05T15:05:23","date_gmt":"2024-02-05T14:05:23","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118052"},"modified":"2024-02-05T15:05:23","modified_gmt":"2024-02-05T14:05:23","slug":"barcelona-in-der-coronakrise-eine-stadt-besinnt-sich","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/barcelona-in-der-coronakrise-eine-stadt-besinnt-sich\/","title":{"rendered":"Barcelona in der Coronakrise &#8211; Eine Stadt besinnt sich"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Das Altstadtviertel Born in Barcelona. Die Jalousien der Caf\u00e9s und Gesch\u00e4fte sind gr\u00f6\u00dftenteils noch heruntergelassen, lediglich die B\u00e4ckerei an der Ecke bietet &#8211; auf Vorbestellung &#8211; belegte Br\u00f6tchen und Kaffee zum Mitnehmen an. Unter den Platanen am Passeig del Born f\u00fchren ein paar Hundebesitzer ihre Vierbeiner spazieren. Vor der zum Museum umfunktionierten Markthalle fahren Kinder Rollschuhe: Platz daf\u00fcr gibt es jetzt genug. Eva Poch und ihre Schwester Nuria lehnen am Gem\u00e4uer der Markthalle und halten ihre Gesichter in die Nachmittagssonne.<\/p>\n<p>Nein, die Touristen vermisse sie \u00fcberhaupt nicht, betont Nuria. Ihre Schwester erg\u00e4nzt:\u201eWir Barceloniner hatten jahrelang Gef\u00fchl, dass die Stadt nicht mehr uns<br \/>\ngeh\u00f6rt. Wir waren blo\u00df ein St\u00f6rfaktor im gro\u00dfen Business der Hotels,<br \/>\nAirbnbs, Restaurants. Ich hoffe, dass sich das jetzt \u00e4ndert! Nat\u00fcrlich<br \/>\nwei\u00df ich, dass die Stadt die Touristen aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden<br \/>\nbraucht. Aber als Anwohnerin finde ich das gro\u00dfartig: Hier sitzen zu<br \/>\nk\u00f6nnen, mich hier an diesem Platz mit Nachbarn treffen zu k\u00f6nnen, nach<br \/>\ndem wir die ganze Altstadt jahrelang gemieden haben, ist unbezahlbar.<br \/>\nIch h\u00e4tte nie gedacht, dass ich das noch erleben darf.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div>Explosionsartig gestiegene Mieten, H\u00e4userblocks, die fast ausschlie\u00dflich<br \/>\naus \u2013 oft illegalen \u2013 Ferienappartements bestehen, Stra\u00dfenz\u00fcge, in<br \/>\ndenen es ein Dutzend Souvenirshops, aber keinen einzigen<br \/>\nLebensmittelladen gibt: Barcelonas Altstadt galt jahrelang als<br \/>\nMusterbeispiel f\u00fcr die Folgen von exzessivem Tourismus. Jetzt drohen der<br \/>\nBranche Umsatzeinbu\u00dfen von bis zu 40 Prozent, und das Mitleid vieler<br \/>\nAnwohner h\u00e4lt sich in Grenzen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p>Mehr sozial vertr\u00e4glicher Tourismus<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein paar hundert Meter weiter, im Rathaus von Barcelona, sieht man das etwas differenzierter. Die linksalternative Stadtverwaltung versucht sich im Spagat zwischen \u00f6konomischen Interessen und sozialer Vertr\u00e4glichkeit. 14 Prozent von Barcelonas Wirtschaftsleistung h\u00e4ngen am Tourismus. Als 2008 die spanische Immobilienblase platzte und das Land in eine schwere Krise rutschte, hatte sich die Branche als Stabilit\u00e4tsgarant entpuppt. Auch deswegen schn\u00fcrt die Verwaltung nun millionenschwere Hilfsmodelle und will die Zwangspause durch die Coronakrise lediglich f\u00fcr leichte Korrekturen nutzen. In Barcelona gebe es nicht zu viel Touristen, die Besucherlast sei lediglich ungleich verteilt, sagt Xavier Marc\u00e9, der zust\u00e4ndige Stadtrat.<\/p>\n<p>&#8220;Das Stadtgebiet von Barcelona umfasst 100 Quadratkilometer, die Touristen bewegen sich aber h\u00f6chstens auf 20 Quadratkilometern. Wenn es uns gelingt, den Tourismus auf etwa 50 oder 60 Quadratkilometern zu verteilen, h\u00e4tten wir nicht mehr den Eindruck, dass die Stadt so \u00fcberlaufen ist.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Neue Konzepte jenseits der Touristenpfade<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Post-Pandemie-Szenario b\u00f6te eine einmalige Chance, die Touristenstr\u00f6me umzulenken, glaubt Marc\u00e8: Wer das Gedr\u00e4nge vor Barcelonas Top-Ten-Sehensw\u00fcrdigkeiten entzerrt, macht die Stadt zugleich Covid19-sicher &#8211; und davon profitierten sowohl Tourismusunternehmer wie auch Bewohner. Alternative Routen und Haltestellen f\u00fcr Touristenbusse und Fahrdienste liegen bereits in der Schublade. Jetzt m\u00fcsse man verst\u00e4rkt die dazu geh\u00f6rigen Orte ins Bewusstsein r\u00fccken.<\/p>\n<p>\u201eBisher haben wir in Barcelona einfach nicht genug daran gearbeitet,<br \/>\ndiese alternativen Sehensw\u00fcrdigkeiten aufzuzeigen, um so einen Tourismus<br \/>\nzu f\u00f6rdern, der nicht passiv die drei, vier Postkartenmotive<br \/>\nkonsumiert, sondern interessengeleitet ist: Besucher, die sich f\u00fcr<br \/>\nKultur, Design, Mode, Sport oder Wissenschaft interessieren.\u201c<\/p>\n<p>Wer kein Ticket mehr f\u00fcr die klassischen Gaud\u00ed-Sehensw\u00fcrdigkeiten mehr<br \/>\nergattert h\u00e4tte, k\u00e4me bei entsprechenden Alternativen dann gar nicht<br \/>\nmehr auf die Idee, sich trotzdem in die Schlange vor dem Einlass zu<br \/>\nstellen. Dass das nicht von heute auf morgen geht, wei\u00df Xavier Marc\u00e8,<br \/>\naber die Coronakrise zwingt ohnehin zu einem schrittweisen \u00dcbergang zur<br \/>\n\u201eneuen Normalit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p>\u00dcber 80 Prozent der Barcelona-Besucher stammen aus dem Ausland. Noch wei\u00df keiner, wann die Grenzen ge\u00f6ffnet werden, wann der Flugverkehr wiederbeginnt. Die Ramblas sind menschenleer. An den T\u00fcrmen der verrammelten Altstadtpensionen kleben Zettel mit der Aufschrift &#8220;Cerrado hasta nuevo aviso&#8221;, &#8220;Bis auf weiteres geschlossen&#8221;.<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Restaurants und Bars stehen vor dem Aus<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Nat\u00fcrlich vermisse er die Menschenmassen \u2013 auch die Touristen, sagt ein<br \/>\nbeleibter Herr, der ein W\u00e4gelchen mit dem Wocheneinkauf hinter sich<br \/>\nherzieht: Ohne sie k\u00f6nne er seine Bar schlie\u00dfen. Ein Viertel aller<br \/>\nBetriebe sind laut Gastronomieverband vom Aus bedroht. \u00dcber 80.000<br \/>\nMenschen k\u00f6nnten dauerhaft oder zeitweise ihren Job verlieren.<\/div>\n<div>Zu ihnen geh\u00f6rt auch Resi Nickl. Die \u00d6sterreicherin arbeitet seit acht<br \/>\nJahren als staatlich gepr\u00fcfte, freiberufliche Fremdenf\u00fchrerin in<br \/>\nBarcelona. Bis in den September sind alle Touren gecancelt. Sie hat die<br \/>\nZwangspause genutzt, um sich zum \u201eVirtual Guide\u201c fortzubilden.&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Hallo und herzlich willkommen! K\u00f6nnt ihr mich alle h\u00f6ren und sehen? Daumen hoch! In wenigen Sekunden seht ihr auf eurem Bildschirm jetzt einen Blick \u00fcber das Panorama der Stadt Barcelona&#8230;&#8221;<\/p>\n<p>Die virtuelle F\u00fchrung durch die Sagrada Familia ist ein Probelauf. Klappt alles gut, will sie solche Online-Veranstaltungen erg\u00e4nzend zum regul\u00e4ren Angebot in ihr Portfolio aufnehmen: Zur besseren Vorbereitung &#8211; und auch, um Gedr\u00e4nge vor den Hot Spots k\u00fcnftig zu vermeiden.<\/p>\n<p>Resi Nickl arbeitet im Vorstand des katalanischen Fremdenf\u00fchrerverbands Aguicat. Der Verein will schon seit langem, dass Besuchergruppen auf maximal 30 Personen beschr\u00e4nkt werden und Guides grunds\u00e4tzlich mit Fl\u00fcstermikrofon und Knopf im Ohr arbeiten. Das beide Forderungen nun vermutlich Eingang in den offiziellen Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen-Katalog finden, freut Nickl:<\/p>\n<p>&#8220;Das k\u00f6nnte tats\u00e4chlich eine Chance sein, denn dadurch l\u00f6sen sich viele Probleme, die durch die riesigen Gruppen in der Altstadt entstehen, die Stra\u00dfen blockieren und so Anwohner ver\u00e4rgern. Eine unserer Hoffnungen ist auch, dass durch die Covidkrise die Freetours ein Ende finden, die sich \u00fcber Trinkgelder so halb an der Legalit\u00e4t vorbeiwinden. Wir hoffen, dass sich dadurch einige \u00dcbel am Markt von selbst erledigen und wieder mehr Wert auf Qualit\u00e4t gelegt wird.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Weniger Besucher bedeutet weniger Einnahmen&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht nur die Fremdenf\u00fchrer, auch das Management von Barcelonas Top-Ten-Sehensw\u00fcrdigkeiten wird sich umstellen m\u00fcssen. Resi Nickl klickt durch eine Bildergalerie mit Ansichten der Sagrada Familia: Alle Kr\u00e4ne stehen still. Die Bauarbeiten an Gaud\u00eds Meisterwerk werden zu 90 Prozent aus Eintrittsgeldern finanziert, erkl\u00e4rt die Fremdenf\u00fchrerin ihren vier virtuellen G\u00e4sten. \u201eWenn dann die Sagrada Familia wieder aufgemacht wird, werden<br \/>\nvoraussichtlich 1000 Leute pro Tag eingelassen. Das ist sehr viel<br \/>\nweniger als die 10.000, die es bis jetzt gab. Weniger Besucher bedeutet<br \/>\nweniger Einnahmen. Dadurch wird sich auch der Baufortschritt verz\u00f6gern.<br \/>\nEigentlich war geplant, die Sagrada Familia bis 2026 fertig zu stellen:<br \/>\nLeider wird diese Deadline nicht zu schaffen sein. Aber vielleicht freut<br \/>\nes ja auch ein paar Leute, dass man noch weiter Work in Progress sehen<br \/>\nkann.\u201c<\/p>\n<p>Die Entschleunigung als Chance sehen: Das scheint das Gebot der<br \/>\nStunde. Dass die Branche sich grundlegend wandeln wird, glaubt kaum<br \/>\njemand. Aber einige Exzesse lassen sich in Zukunft vielleicht vermeiden.<br \/>\nDie Miet- und Immobilienpreise in einer der teuersten St\u00e4dte Spaniens<br \/>\nfallen langsam. Viele, die ihre Wohnungen legal oder illegal an<br \/>\nTouristen vermietet haben, versuchen jetzt l\u00e4ngerfristig zu vermieten.<br \/>\nUnd auch der Mobile World Congress, der mit Rekordbesucherzahlen und<br \/>\nexorbitanten Hotelpreisen Sinnbild des H\u00f6her, Weiter, Schneller war,<br \/>\nk\u00f6nnte im n\u00e4chsten Jahr schlanker ausfallen. Ein Nachteil ist das nicht,<br \/>\nglaubt Mateu Hern\u00e1ndez von Barcelona Global, einem Zusammenschluss von<br \/>\nInstitutionen und Unternehmen. &#8220;Die pers\u00f6nlichen Kontakte und die Erfahrungen werden strategisch wichtiger als zuvor. Vor dem Bildschirm arbeiten wir zwar mehr als fr\u00fcher im B\u00fcro, aber was fehlt, sind diese informellen Treffen, bei denen die Ideen entstehen, die die Wirtschaft wirklich voranbringen. Das wird bleiben &#8211; und Barcelona ist daf\u00fcr bestens ger\u00fcstet, auch weil hier fu\u00dfl\u00e4ufig so viel zu erreichen ist. Vielleicht kommen zum n\u00e4chsten Mobile World Congress nicht 150.000 Besucher, aber auch 50.000 sind schon eine Menge.&#8221;<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p>Barcelonas Chance<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch ist die Stadt im Dornr\u00f6schenschlaf. In den n\u00e4chsten Wochen werden Museen, Restaurants, Theater zun\u00e4chst f\u00fcr die Bewohner ge\u00f6ffnet, dann f\u00fcr Besucher aus dem Umland &#8211; und erst in ein paar Monaten f\u00fcr internationale Touristen. Der Rhythmus ist dem spanischen Exitplan geschuldet. Doch im Tourismusamt der Stadt w\u00fcnscht man sich, dass auch die Barcelonesen die Ruhepause nutzen &#8211; und sich ihre Stadt wieder aneignen. Auch Mateu Hern\u00e1ndez glaubt, dass das der K\u00f6nigsweg in eine bessere Zukunft ist.<\/p>\n<p>&#8220;Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist die Markthalle Boquer\u00eda. In den letzten zehn Jahren hat sie erheblich an Charme verloren. Statt Obst zu verkaufen, haben die H\u00e4ndler vorgeschnittenes Obst im Plastikbecher f\u00fcr Touristen verkauft, statt Schinken gab es Knabberh\u00f6rnchen mit Sticks zum Mitnehmen&#8230; Die Einheimischen haben den Markt daher gemieden &#8211; und die H\u00e4ndler noch st\u00e4rker auf billige Produkte f\u00fcr Touristen gesetzt. Jetzt, wo es keine Touristen mehr gibt, konzentriert sich die Boquer\u00eda wieder auf ihre traditionellen Kunden. Barcelona hat jetzt die Chance, wieder authentisch zu werden.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und von einer authentischen Stadt werde auch der Tourismus profitieren. Auf der Plaza del Born ist es fr\u00fcher Abend geworden. Die M\u00fctter dr\u00e4ngen zum Aufbruch, die Stunde zwischen sieben und acht Uhr abends ist f\u00fcr den Abendspaziergang der Senioren reserviert. Eva Poch deutet mit dem Kinn auf die heruntergelassenen Jalousien der Gesch\u00e4fte am Platz.<\/p>\n<p>&#8220;Diese Krise war ein heftiger Schlag f\u00fcr alle hier. Wenn sie sich jetzt mit Gesch\u00e4ften oder Unternehmen neu erfinden m\u00fcssen, werden sie nicht mehr blo\u00df an Touristen denken, sondern m\u00fcssen auch unsere Bed\u00fcrfnisse ber\u00fccksichtigen. Alles andere w\u00e4re zu teuer: Wer wei\u00df, vielleicht machen sie in zwei Monaten ja wieder die Grenzen zu. Ich wei\u00df aber auch, dass wir B\u00fcrger dar\u00fcber wachen m\u00fcssen. Auf die Institutionen d\u00fcrfen wir uns dabei nicht verlassen.&#8221;<\/p>\n<p>Sonst sei man in wenigen Jahren wieder dort, wo man vor der Pandemie aufgeh\u00f6rt habe: Im Barcelona der Exzesse.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118052","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118052","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118052"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118052"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118052"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}