{"id":118054,"date":"2024-02-05T14:49:47","date_gmt":"2024-02-05T13:49:47","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118054"},"modified":"2024-02-05T14:49:47","modified_gmt":"2024-02-05T13:49:47","slug":"weder-kirche-noch-vaterland-dissidentinnen-gegen-die-moral","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/weder-kirche-noch-vaterland-dissidentinnen-gegen-die-moral\/","title":{"rendered":"Weder Kirche noch Vaterland: Dissidentinnen gegen die Moral"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Der Raum im Ausstellungszentrum Centre del Born in Barcelona ist abgedunkelt, auf einem kleinen Tisch liegen sechs Kopfh\u00f6rer. Ihm gegen\u00fcber: eine Leinwand mit Aufnahmen von feministischen Demonstrationen aus den sp\u00e4ten 1970er Jahren. Spanierinnen recken k\u00e4mpferisch die Faust nach oben, halten Plakate f\u00fcr das Recht auf Abtreibung in die Kamera, k\u00fcssen sich. Wer die Kopfh\u00f6rer aufsetzt, h\u00f6rt die Geschichten von sechs Frauen, die ihre Jugendjahre in den Besserungsanstalten des &#8220;Patronato para la protecci\u00f3n de la mujer&#8221; (&#8220;Patronat zum Schutz der Frauen&#8221;) verbrachten. Die Anstalten unterstanden dem Justizministerium der Franco-Diktatur und sollten &#8220;gefallene M\u00e4dchen und junge Frauen&#8221; auf den Pfad der franquistischen Moral zur\u00fcckbringen. Eine Frau erz\u00e4hlt, wie sie wegen einer unehelichen Schwangerschaft eingewiesen wurde; eine andere, wie sie dort mit Medikamenten stillgestellt wurde, wenn sie aufbegehrte. Geleitet wurden die spanischen Heime von sieben katholischen Frauenorden, zwischen 1941 bis 1983 waren dort vermutlich Tausende M\u00e4dchen und junge Frauen untergebracht. Genaue Zahlen gibt es nicht. Viele der Besucherinnen und Besucher verlassen ersch\u00fcttert und kopfsch\u00fcttelnd den Raum. Was im Patronato geschah, ist in Spanien so gut wie unbekannt. Dabei zeigte sich in der Einrichtung die Moral der Diktatur in ihrer ganzen H\u00e4rte.<\/p>\n<p>Nach seinem Sieg <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1166843.spanien-wunden-die-nie-heilen.html?sstr=Francisco%7CFranco\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">im Spanischen B\u00fcrgerkrieg<\/a> (1936-1939) errichtete General Francisco Franco seinen Staat auf den Prinzipien des &#8220;National-Katholizismus&#8221;. In ihm verschmolzen die rigiden Moralvorstellungen der katholischen Kirche und ein faschistisches Staatsverst\u00e4ndnis zu einem Amalgam, das alle Bereiche der Gesellschaft durchdrang. Von Francos &#8220;biopolitischem Machtapparat&#8221; sprechen Amanda Cuesta und Nora Ancarola, die Kuratorinnen der Ausstellung &#8220;Un altre fi. La Resta&#8221; (&#8220;Ein anderes Ende. Der Rest&#8221;). Schul- und Gesundheitswesen unterstanden gr\u00f6\u00dftenteils kirchlichen Einrichtungen. Rechtlich wurden Frauen wie Minderj\u00e4hrige behandelt: Ohne Zustimmung ihres Ehemannes oder Vaters konnten Spanierinnen bis in die 1970er Jahre weder ein Konto er\u00f6ffnen noch den F\u00fchrerschein machen. Auch f\u00fcr Reisen ins Ausland oder eine Erwerbsarbeit war eine schriftliche Genehmigung des Mannes notwendig. &#8220;Die einzig legitime Funktion von Frauen im National-Katholizismus war, Kinder zu geb\u00e4ren und zu gehorsamen Dienern des Vaterlands zu erziehen&#8221;, sagt Ancarola. &#8220;Ohne diese Struktur und letztlich auch ohne Institutionen wie das Patronato h\u00e4tte das Regime nicht mehr als vier Jahrzehnte \u00fcberdauern k\u00f6nnen.&#8221;<\/p>\n<p>Mithilfe von Consuelo Garc\u00eda del Cid haben die beiden die vergessene Geschichte des Patronato rekonstruiert &#8211; als Beispiel f\u00fcr die strukturelle Gewalt, die Frauen unter dem Regime erlitten. Garc\u00eda del Cid, die selbst einige Jahre in einer Besserungsanstalt verbrachte, erz\u00e4hlt von Tugendw\u00e4chterinnen, die systematisch auf Volksfesten, in Bars, am Strand, nach M\u00e4dchen oder jungen Frauen Ausschau hielten, die zu kurze R\u00f6cke trugen, offensiv flirteten, rauchten oder Alkohol tranken oder die Schule schw\u00e4nzten. Egal, ob Priester, Klassenlehrer oder Familienangeh\u00f6riger: Verst\u00f6\u00dfe junger Frauen zwischen 16 und 21 Jahren gegen die &#8220;\u00f6ffentliche Moral&#8221; konnten von jedem angezeigt werden.<\/p>\n<p>Tugendw\u00e4chterinnen hielten Ausschau<\/p>\n<p>Die Einweisungsbescheide, die sie ver\u00f6ffentlicht hat, zeigen die ganze Bandbreite m\u00f6glicher Gr\u00fcnde: Da gibt es eine Ana-Maria, die eingewiesen wurde, weil sie mit den Statisten des Kinostars Marisol gefeiert hatte, eine Mercedes, die ihrer Mutter nicht gehorchte oder eine Aurelia, 17 Jahre alt, die &#8220;Jungs und Kino&#8221; mochte. Besonders alarmiert waren die Beh\u00f6rden, wenn der Verdacht auf lesbische Beziehungen oder Prostitution bestand. Oft waren es die Eltern selbst, die sich an das Patronato wandten &#8211; weil sie mit ihren T\u00f6chtern \u00fcberfordert waren oder das Geld nicht reichte, vor allem auf dem Land. In den 1950er Jahren galten 60 Prozent der spanischen Bev\u00f6lkerung als arm, 17 Prozent der erwachsenen M\u00e4nner und Frauen konnten weder lesen noch schreiben.<\/p>\n<p>Besonders hart traf es Frauen, die unverheiratet schwanger geworden waren. Sie wurden nach Madrid, in die Entbindungsanstalt &#8220;Nuestra Se\u00f1ora de la Almudena de Pe\u00f1a Grande&#8221; \u00fcberwiesen. K\u00f6rperliche Z\u00fcchtigung, k\u00f6rperliche Schwerstarbeit auch f\u00fcr Hochschwangere und Mangelern\u00e4hrung: Bei einem Routinebesuch 1968 schienen die Zust\u00e4nde selbst zwei Beamtinnen des Patronato untragbar. Sie empfahlen die Schlie\u00dfung. Ihr Bericht verschwand in der Schublade. Das Heim wurde erst 1983, f\u00fcnf Jahre nach Verabschiedung der demokratischen Verfassung Spaniens, geschlossen &#8211; nach Protesten ehemaliger Insassinnen.<\/p>\n<p>Mit der &#8220;Nuestra Se\u00f1ora de la Almudena de Pe\u00f1a Grande&#8221; verbindet sich auch ein Skandal, der international f\u00fcr Aufsehen sorgte. In der Entbindungsanstalt wurden Frauen von den Ordensschwestern nicht nur massiv dazu gedr\u00e4ngt, ihre Kinder nach der Geburt in Adoption zu geben. In mehreren F\u00e4llen sollen die S\u00e4uglinge geraubt und an wohlhabende kinderlose Familien verkauft worden sein. Den Geb\u00e4renden t\u00e4uschte man einen pl\u00f6tzlichen Kindstod vor &#8211; mit einer im K\u00fchlfach aufbewahrten Babyleiche. Der Fall hat auch die spanischen Gerichte besch\u00e4ftigt. Eduardo Varelo, Mitglied des Patronato und einer der zust\u00e4ndigen \u00c4rzte der Klinik, wurde 2018 in drei F\u00e4llen zwar f\u00fcr schuldig befunden, aber nicht verurteilt. Die Straftat war nach spanischem Recht verj\u00e4hrt. Dabei ist die Tragweite des Skandals enorm. Bis zu 30\u2005000 Babys k\u00f6nnten laut einer Sch\u00e4tzung des ehemaligen Richters Baltasar Garz\u00f3n ihren M\u00fcttern entrissen worden sein, nicht nur in Heimen, die dem Patronato unterstanden, sondern auch in den Gef\u00e4ngnissen, in denen im Nachkriegsspanien Republikanerinnen und Kommunistinnen inhaftiert worden waren.<\/p>\n<p>Der Fall der &#8220;geraubten Babys&#8221; zeigt exemplarisch, welche Fallstricke in der spanischen Erinnerungspolitik lauern. Einen Bruch mit der Diktatur hat das Land nach Francos Tod nicht vollzogen. Schrittweise wandelte es sich zwischen 1975 und 1979 zur parlamentarischen Monarchie, unter der Schirmherrschaft des Staatsoberhauptes, das der Diktator noch zu Lebzeiten eingesetzt hat: <a title=\"Link: https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1145628.spanien-das-schweigen-von-felipe.html?sstr=Francisco%7CFranco\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1145628.spanien-das-schweigen-von-felipe.html?sstr=Francisco%7CFranco\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">dem ehemaligen K\u00f6nig Juan Carlos<\/a>. Mit den Amnestiegesetzen von 1977 setzte man einen juristischen Schlussstrich unter die Diktatur: Der Straferlass f\u00fcr alle politischen Delikte aus B\u00fcrgerkrieg und Diktatur war urspr\u00fcnglich eine Forderung der Opposition der Franco-Diktatur gewesen, verhinderte letztlich aber auch, dass die Schergen des Regimes f\u00fcr Folter und Repression zur Verantwortung gezogen werden konnten. Finanzielle Entsch\u00e4digungen gab es in den folgenden Jahrzehnten nur f\u00fcr Menschen, die in franquistischen Gef\u00e4ngnissen sa\u00dfen, Angeh\u00f6rige von zum Tode Verurteilten oder Exilierte; nicht aber f\u00fcr Menschen, die auf andere Weise die Repression des Regimes erfahren hatten.<\/p>\n<p>Keine juristische Aufarbeitung in Sicht<\/p>\n<p>An diesem Kernproblem \u00e4ndert auch das Gesetz zur &#8220;demokratischen Erinnerung&#8221; nichts, das die spanische Linkskoalition im Herbst vergangenen Jahres durch Parlament und Senat gebracht hat. Es sieht zwar Strafen wegen Verherrlichung der Diktatur vor, stellt Gelder f\u00fcr die Exhumierung von Toten aus dem B\u00fcrgerkrieg zur Verf\u00fcgung und beinhaltet eine symbolische Entsch\u00e4digung f\u00fcr alle Opfer der Diktatur, die aus weltanschaulichen Gr\u00fcnden oder wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden. Aber eine juristische Aufarbeitung der Geschehnisse in den Heimen des Patronato para la Protecci\u00f3n de la Mujer scheint so gut wie unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Das wissen auch die Ausstellungsmacherinnen Nora Ancarola und Amanda Cuesta. Viele Dokumente aus den Heimen sind verschwunden oder wurden vernichtet, andere befinden sich noch immer in Obhut der religi\u00f6sen Orden und sind nicht zug\u00e4nglich. Aus Scham wollen viele ehemalige Heimbewohnerinnen nicht \u00fcber diesen Teil ihrer Geschichte sprechen. Eine offizielle Interessenvertretung konnte bis heute nicht entstehen. Die Ordensschwestern wachten dar\u00fcber, dass sich keine intensiven pers\u00f6nlichen Bindungen zwischen den jungen Frauen bilden konnten. Fast immer wurden sie ohne Vorwarnung von einem Heim ins andere verlegt oder entlassen. Der Kontakt zwischen den Frauen verlor sich so schnell. Cuesta sieht darin auch strukturelle Gewalt. &#8220;Die wenigen erinnerungspolitischen Ma\u00dfnahmen in Spanien beschr\u00e4nken sich in erster Linie auf die Massengr\u00e4ber aus dem B\u00fcrgerkrieg und die politische Dissidenz. Aber diese Frauen hat man einfach unsichtbar gemacht. Ihnen bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als ihre Geschichte jetzt selbst zu schreiben.&#8221;<\/p>\n<p>Dass die kleine Audiothek Bestandteil einer Ausstellung \u00fcber den Widerstand gegen die Diktatur werden musste, war beiden Kuratorinnen von Anfang an klar. &#8220;Diese Frauen haben mit ihrem Verhalten, mit ihrem K\u00f6rper gegen das Franco-Regime aufbegehrt&#8221;, ist Ancarola \u00fcberzeugt. Das mache sie zu Dissidentinnen, ebenso wie die &#8211; meist m\u00e4nnlichen &#8211; Gewerkschafter oder Mitglieder linker Parteien, die f\u00fcr ihre Opposition mit Gef\u00e4ngnis oder Exil bestraft worden waren.<\/p>\n<p>Begleitend zur Ausstellung haben Ancarola und Cuesta eine Podiumsdiskussion mit Heimbewohnerinnen organisiert. Immer wieder erhalten sie seitdem Anrufe und E-Mails: Historikerinnen, Journalistinnen und Psychologinnen haben sich zu einem Unterst\u00fctzerkreis zusammengeschlossen, um gemeinsam zu \u00fcberlegen, wie sie dem Thema mehr Aufmerksamkeit verschaffen k\u00f6nnen. &#8220;Dass die Ausstellung auf diese Weise Fr\u00fcchte tr\u00e4gt, ist das Beste, was ihr passieren konnte&#8221;, sagt Ancarola.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118054","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118054","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118054"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118054"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118054"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}