{"id":118055,"date":"2024-02-05T14:46:19","date_gmt":"2024-02-05T13:46:19","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118055"},"modified":"2024-02-05T15:30:07","modified_gmt":"2024-02-05T14:30:07","slug":"cannabisclubs-kiffen-bis-die-polizei-kommt","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/cannabisclubs-kiffen-bis-die-polizei-kommt\/","title":{"rendered":"Cannabisclubs: Kiffen, bis die Polizei kommt"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<div>\n<p>Zuf\u00e4llig findet niemand den Weg zu La Kalada. Das Vereinslokal des Cannabisclubs liegt in einer ruhigen Seitenstra\u00dfe am Hang von <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/barcelona\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Barcelonas<\/a> Hausberg Montju\u00efc. Ein schlichter zweist\u00f6ckiger grauer Bau, am garagen\u00e4hnlichen Eingangstor ist nur eine namenlose Klingel. Wer darauf dr\u00fcckt, muss zun\u00e4chst dem Pf\u00f6rtner seinen Mitgliedsausweis vorzeigen. Wer keinen hat: Die Ausstellung erfolgt nach Vorlage von Pass oder Personalausweis in ein paar Minuten. Erst danach geht es durch eine schwere Brandschutzt\u00fcr in den eigentlichen Club: ein weitl\u00e4ufiger, etwa 100 Quadratmeter gro\u00dfer Raum, die W\u00e4nde mit gro\u00dffl\u00e4chigen Graffiti bemalt. Ein paar ausladende Sitzgruppen, ein Tresen mit Zubeh\u00f6r f\u00fcr Joints, in der Ecke eine kleine Bar.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Nachmittag ist noch nicht viel los. Ein schwacher Geruch von Reinigungsmitteln und s\u00fc\u00dflich-w\u00fcrzigem Marihuana h\u00e4ngt in der Luft. Zwei Frauen Mitte 40 unterhalten sich leise. Vereinspr\u00e4sident Alessio Mondini gr\u00fc\u00dft sie mit einem Kopfnicken. Die beiden winken freundlich zur\u00fcck. Man kennt sich.<\/p>\n<p>La Kalada, zu Deutsch &#8220;Der Zug&#8221; (aus Zigarette oder Joint), ist einer von Barcelonas bekanntesten Cannabisclubs. Internetrezensionen r\u00fchmen das k\u00fcnstlerische Ambiente und die frei verf\u00fcgbaren Videospiele. Und nat\u00fcrlich die verschiedenen Marihuanasorten, die bei Verkostungen diverse Preise gewonnen haben.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Clubs soll es bald auch in Deutschland geben: private Vereine Gleichgesinnter, in denen sich Cannabisliebhaber nach Einlasskontrolle in begrenzten Mengen mit gemeinschaftlich angebautem Marihuana zumindest versorgen k\u00f6nnen. Das sieht ein Entwurf vor, den Gesundheitsminister <a title=\"Link: https:\/\/www.zeit.de\/thema\/karl-lauterbach\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/karl-lauterbach\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Karl Lauterbach<\/a> j\u00fcngst vorgestellt hat. Vom &#8220;spanischen Modell&#8221; ist die Rede. Dabei existiert dieses Modell streng genommen gar nicht. Und <a title=\"Link: https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2023-04\/cannabis-legalisierung-karl-lauterbach-neue-plaene-droge\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2023-04\/cannabis-legalisierung-karl-lauterbach-neue-plaene-droge\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">gemeinschaftlichen Konsum sieht Lauterbachs Plan auch gar nicht vor<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bereits 1.500 Clubs landesweit<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt in Spanien kein Gesetz, das die Cannabisclubs explizit gestattet. Anbau, Handel und Transport von sind in Spanien weiterhin verboten, lediglich der Konsum in privaten R\u00e4umen ist erlaubt. Die Cannabisclubs haben ihre Organisationsform aus spanischen Gerichtsurteilen aus den Neunzigerjahren abgeleitet, die den gemeinschaftlichen Anbau von Cannabis f\u00fcr den Privatkonsum und den gemeinsamen Drogengebrauch f\u00fcr straffrei erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Laut der Wissenschaftszeitschrift The Lancet ist das Land mit dem EU-weit dritth\u00f6chsten Cannabiskonsum. Und Growshops, also L\u00e4den mit Zubeh\u00f6r f\u00fcr den Eigenanbau, fehlen in keiner Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Auch wenn Kiffen in Spanien weit verbreitet ist, bewegen sich die Cannabisclubs in einer rechtlichen Grauzone. Dabei gibt es sie bereits seit \u00fcber 30 Jahren. Die ersten entstanden in Katalonien und im Baskenland. Inzwischen sind es nach einer Sch\u00e4tzung des \u00fcberregionalen Zusammenschlusses ConFac etwa 1.500 im ganzen Land.<\/p>\n<p>Alessandro Mondini l\u00e4sst sich auf eines der breiten roten Sofas fallen und br\u00f6selt etwas Marihuana aufs Drehpapier. Mondini ist Musiker. K\u00fcnstlername: Jahki Revi; Stilrichtung: Reggae. Kiffen sei Teil seines Lebensstils, sagt er. Nach Barcelona kam er, weil die Rechtsprechung beim Cannabiskonsum hier im Vergleich zu seinem Geburtsland Italien liberaler schien. 2012 gr\u00fcndete er gemeinsam mit befreundeten Musikern den Club La Kalada, laut Vereinsregister als Kulturverein. Damals gr\u00fcndeten sich in der Mittelmeerstadt ganz viele solcher Clubs &#8211; Barcelona ist seitdem das Amsterdam des S\u00fcdens.<\/p>\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter schuf die linksalternative Stadtverwaltung sogar eine spezifische Regulierungsrichtlinie f\u00fcr Cannabisclubs, mit Vorgaben f\u00fcr Filteranlagen und Mindestabst\u00e4nden zu Schulen. Nach mehreren Urteilen des spanischen Verfassungsgerichts musste die Stadt diese Richtlinie allerdings inzwischen zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Die Lage ist verzwickt&#8221;, sagt<br \/>\nMondini und nimmt einen tiefen Zug. Ende des Jahres habe er nach einer<br \/>\nRazzia drei Tage in einer Gef\u00e4ngniszelle verbringen m\u00fcssen, &#8220;wegen der<br \/>\n\u00fcblichen Vorw\u00fcrfe&#8221;. Mehr sagt er nicht. Sein Anwalt habe ihm empfohlen,<br \/>\nsich nicht zum laufenden Verfahren zu \u00e4u\u00dfern. &#8220;Ich bin es jedenfalls<br \/>\nsatt, morgens nicht zu wissen, ob ich abends zu Hause oder auf einer<br \/>\nPolizeistation schlafen werde.&#8221;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Die Anw\u00e4ltin Gabriela Sierra<br \/>\nFontecilla hat sich auf das Thema Cannabis spezialisiert. &#8220;Der Druck auf<br \/>\ndie Cannabisclubs ist gr\u00f6\u00dfer als je zuvor&#8221;, best\u00e4tigt sie. Klienten<br \/>\ngibt es genug: Etwa 70 Prozent der Clubs haben oder hatten Probleme mit<br \/>\nder Justiz, hei\u00dft es von ConFac, einem \u00fcberregionalen Zusammenschluss<br \/>\nvon Cannabisclubs. Illegaler Anbau oder Handel mit Cannabis k\u00f6nnen in<br \/>\nSpanien mit bis zu drei Jahren Gef\u00e4ngnis bestraft werden.<\/p>\n<p>2016 lie\u00df das oberste<br \/>\nGericht mehrere Cannabisclubs schlie\u00dfen, wegen Verst\u00f6\u00dfen gegen die<br \/>\n\u00f6ffentliche Gesundheit und Bildung einer illegalen Vereinigung. Seither<br \/>\ngeht die Justiz immer restriktiver gegen die Vereine vor. In der<br \/>\nspanischen Presse h\u00e4ufen sich Berichte \u00fcber Gew\u00e4chsh\u00e4user in leer<br \/>\nstehenden Fabrikanlagen oder abgelegene Felder, die f\u00fcr illegalen Anbau<br \/>\nbenutzt wurden. Allein in Katalonien beschlagnahmte die Polizei im<br \/>\nletzten Jahr 26 Tonnen Marihuana, 2.130 Menschen wurden im Zusammenhang<br \/>\ndamit verhaftet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Szene gibt sich bedeckt.<br \/>\nKaum ein Cannabisclub verr\u00e4t, woher er sein Gras bezieht. Kaum einer<br \/>\nspricht \u00fcber Grammpreise. Offiziell verwahren die Vereine lediglich<br \/>\nkommissarisch das Marihuana, das ihre Mitglieder zu Hause anbauen. Die<br \/>\nMitgliedsgeb\u00fchren, bei La Kalada 20 Euro im Jahr, sind die einzigen<br \/>\nEinnahmen, die die Vereine offiziell erwirtschaften d\u00fcrfen. Dabei ist es<br \/>\nein offenes Geheimnis, dass auch gehandelt wird. In vielen Clubs liegen<br \/>\nPreislisten aus, inklusive genauer Beschreibung der psychoaktiven<br \/>\nWirkungen und der Geschmacksnuancen.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&#8220;Bei uns hat jedes Mitglied<br \/>\nein eigenes Schlie\u00dffach mit Namen&#8221;, beteuert Vereinspr\u00e4sident Mondini.<br \/>\nEtwa 300 k\u00e4men regelm\u00e4\u00dfig einmal die Woche. Wie viele Mitglieder der<br \/>\nClub insgesamt hat, m\u00f6chte er nicht sagen. Im spanischen Modell ist die<br \/>\nAbgabe, abgeleitet aus Rechtsprechung, auf zwischen 60 und 100 Gramm pro<br \/>\nMitglied im Monat begrenzt \u2013 Deutschland plant eine Obergrenze von 50<br \/>\nGramm. Allerdings sind in Spanien Mehrfachmitgliedschaften nicht<br \/>\nausgeschlossen. Auch Mondini hat mehrere Ausweise &#8220;von befreundeten<br \/>\nClubs&#8221;.<\/p>\n<p>Das wacklige Konstrukt<br \/>\nist auch ein Einfallstor f\u00fcr Organisierte Kriminalit\u00e4t. Laut spanischer<br \/>\nPolizei mischen zunehmend &#8220;Banden aus Osteuropa, Marokko und Spanien&#8221;<br \/>\nmit. Deren Gewinnmargen sind enorm: &#8220;Mit einer Investition von 6.000<br \/>\nEuro lassen sich 240.000 Euro verdienen&#8221;, sagte der Richter Josep<br \/>\nPerarnau im spanischen Fernsehen. Das Gesch\u00e4ft sei straff<br \/>\ndurchorganisiert: von der Suche nach leer stehenden Fabrikanlagen \u00fcber<br \/>\ndas illegale Abzapfen von Elektrizit\u00e4t f\u00fcr die UV-Lampen f\u00fcr den<br \/>\nIndooranbau bis zum Verkauf an den Meistbietenden. Das bekommen auch die<br \/>\nCannabisclubs zu sp\u00fcren. Immer wieder brechen bewaffnete Kriminelle<br \/>\nein, auch ins La Kalada. &#8220;Die meisten Clubs bringen das gar nicht erst<br \/>\nzur Anzeige, um sich nicht noch ein zus\u00e4tzliches Problem mit der Polizei<br \/>\naufzuhalsen&#8221;, sagt Mondini.<\/p>\n<p>Dabei<br \/>\nw\u00e4re die L\u00f6sung des Problems einfach: &#8220;Wir brauchen endlich einen<br \/>\ngesetzlichen Rahmen \u2013 sowohl f\u00fcr die Clubs als auch f\u00fcr den Anbau und<br \/>\nden Handel&#8221;, fordert Anw\u00e4ltin Sierra Fontecilla. Drei parlamentarische<br \/>\nVorst\u00f6\u00dfe f\u00fcr eine Legalisierung gab es in Spanien bisher, unter anderem<br \/>\nvon Unidas Podemos, dem kleineren Koalitionspartner der spanischen<br \/>\nLinksregierung. Doch bisher lie\u00dfen die regierenden Sozialisten lediglich<br \/>\n\u00fcber medizinisches Cannabis mit sich reden. Eine Freigabe als<br \/>\nGenussmittel lehnten sie mit Blick auf die europ\u00e4ische Rechtslage und<br \/>\ndie Gesetze in den europ\u00e4ischen Nachbarl\u00e4ndern ab.<\/p>\n<p>Sierra, die sich als<br \/>\nAktivistin auch in der Procannabispartei Luz Verde engagiert, setzt<br \/>\ndaher gro\u00dfe Hoffnungen in den Entwurf der Bundesregierung. &#8220;Wenn in<br \/>\neinem so wichtigen EU-Land wie Deutschland Cannabiskonsum erlaubt wird,<br \/>\nziehen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter alle anderen L\u00e4nder nach.&#8221; Die notwendige<br \/>\ngesellschaftliche Unterst\u00fctzung gebe es l\u00e4ngst. Laut einer Befragung des<br \/>\nstaatlichen Meinungsforschungsinstitut CIS von 2021 bef\u00fcrworten 90<br \/>\nProzent der Spanierinnen und Spanier die medizinische Therapie mittels<br \/>\nCannabis und Marihuana \u2013 wie sie in Deutschland bereits m\u00f6glich ist. Und<br \/>\nknapp 50 Prozent haben keine Einw\u00e4nde gegen einen Joint zur<br \/>\nEntspannung. Bis auch der Handel mit Freizeitcannabis in der EU und im<br \/>\nSchengenraum m\u00f6glich werden, sei dann nur noch eine Frage der Zeit.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Die Gr\u00fcnder von La Kalada wollen so lang nicht mehr warten. Mondinis Partner <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2023\/13\/thailand-cannabis-legalisierung-tourismus\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">ist derzeit in Thailand, wo die Regierung den Handel mit Cannabis Anfang des Jahres freigegeben hat<\/a>.<br \/>\nAuf der Insel Ko Samui er\u00f6ffnet demn\u00e4chst das Ferienresort La Kalada,<br \/>\nein eigenst\u00e4ndiges Unternehmen, aber unter dem Namen der Dachmarke aus<br \/>\nBarcelona. Mit zehn Apartments, einem italienischen Restaurant, einer<br \/>\nBar und einem Marihuanashop. Und alles ganz legal<\/p>\n<\/div>\n<p><\/p>","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[1302,1301,841],"kategorie":[],"class_list":["post-118055","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry","tag-cannabis","tag-gesundheitspolitik","tag-spanien","medien-online"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118055","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118055"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118055"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118055"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}