{"id":118056,"date":"2024-02-05T14:55:48","date_gmt":"2024-02-05T13:55:48","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118056"},"modified":"2024-02-05T15:42:54","modified_gmt":"2024-02-05T14:42:54","slug":"spanien-und-die-eta-zehn-jahre-waffenstillstand","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/spanien-und-die-eta-zehn-jahre-waffenstillstand\/","title":{"rendered":"Spanien und die ETA &#8211; Zehn Jahre Waffenstillstand"},"content":{"rendered":"<div>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-118056-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/weltreporter.net\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/spanien_und_die_eta_zehn_jahre_waffenstillstand_weltzeit_drk_20211020_1830_71fc1639.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/weltreporter.net\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/spanien_und_die_eta_zehn_jahre_waffenstillstand_weltzeit_drk_20211020_1830_71fc1639.mp3\">https:\/\/weltreporter.net\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/spanien_und_die_eta_zehn_jahre_waffenstillstand_weltzeit_drk_20211020_1830_71fc1639.mp3<\/a><\/audio>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Buchhandlung &#8220;Lagun&#8221; ist in der baskischen Metropole San Sebasti\u00e1n eine Institution. 1968 gegr\u00fcndet, zeigten die Besitzer der Franco-Diktatur die Stirn und verkauften sogenannte &#8220;verbotene Literatur&#8221;. Sp\u00e4ter, als sie sich in der Demokratie w\u00e4hnten, wurden sie wieder angegriffen, dieses Mal von der linksseparatistischen baskischen Untergrundorganisation ETA.<\/p>\n<p>Mitgr\u00fcnder Ignacio Latierro ist stadtbekannt. Der r\u00fcstige, schlaksige Mann Anfang 70 bekam die Gewalt der ETA erstmals 1983 zu sp\u00fcren. Nachdem ein Terrorist beim Manipulieren mit Sprengstoff ums Leben gekommen war, forderte die ETA den lokalen Handel auf als Zeichen der Solidarit\u00e4t in Streik zu treten und zu schlie\u00dfen. Doch Latierro und seine Kollegen weigerten sich.<\/p>\n<p>&#8220;Nachdem das Kommando die Buchhandlung beschmiert hatte, kam die Anf\u00fchrerin auf mich zu und drohte: \u201aIhr seht, was wir tags\u00fcber machen. Passt auf, was Euch nachts passiert.&#8217; Ich antwortete: \u201aDas ist ja genauso wie damals unter Franco, als die ultrarechten \u201aGuerrilleros de Cristo Rey&#8217; erst die W\u00e4nde beschmierten und dann nachts Bomben legten'&#8221;, erz\u00e4hlt er.<\/p>\n<p>&#8220;In diesem Augenblick kam ein Priester hinter einer S\u00e4ule hervor und fl\u00fcsterte der Frau etwas ins Ohr. Daraufhin ging sie. 1983 war es f\u00fcr die ETA noch unpassend, gegen eine Institution vorzugehen, die wie die Buchhandlung Lagun ganz eindeutig auf der Seite des antifranquistischen Widerstands gek\u00e4mpft hatte.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zertr\u00fcmmerte Schaufenster, verbrannte B\u00fccher<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber die Zeiten \u00e4nderten sich schnell. Richteten sich die Anschl\u00e4ge der ETA zun\u00e4chst \u00fcberwiegend gegen die Guardia Civil, gerieten in den 1990er-Jahren auch Lokalpolitiker und Journalisten ins Visier. Grunds\u00e4tzlich konnten Autobomben und Brandanschl\u00e4ge jede \u00f6ffentliche Person treffen, die sich nicht eindeutig hinter die Organisation stellte &#8211; so wie die Betreiber der Buchhandlung Lagun, die in ihrem Sortiment zwar jede Menge baskische B\u00fccher hatten, den Terror der ETA aber offen kritisierten. Weihnachten 1996 klingelte eine Nachbarin Ignacio Latierro aus dem Bett. Alle Schaufenster des Ladens waren zertr\u00fcmmert, alle B\u00fccher beschmiert worden. Er r\u00e4umte auf. Nachts gingen die Krawalle weiter.<\/p>\n<p>Wie viele Anzeigen er damals gestellt habe, wisse er nicht mehr. Dennoch hat Latierro diese Tage in guter Erinnerung: Wegen der Solidarit\u00e4t seiner Kunden.<\/p>\n<p>&#8220;Bis Mitte Januar kauften tags\u00fcber Hunderte Menschen die beschmutzten B\u00fccher, Glasscherben, alles was wir hatten. Und nachts kamen die Randalier wieder &#8211; bis sie dann tats\u00e4chlich B\u00fccher hier auf dem Platz verbrannten. Da haben endlich auch die Beh\u00f6rden reagiert und eine Polizeistreife f\u00fcr uns abbestellt.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Baskische Solidarit\u00e4t mit ETA-H\u00e4ftlingen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Plaza de la Constituci\u00f3n erinnert nur ein Transparent an die j\u00fcngste Vergangenheit. Darauf wird die Verlegung aller baskischen H\u00e4ftlinge ins Baskenland fordert. Nach wie vor sind 190 ETA-Mitglieder in Haft.<\/p>\n<p>In der Calle Juan de Bilbao gleich nebenan ist die Solidarit\u00e4t mit ihnen gro\u00df. Vor den Kneipen weht die Ikurri\u00f1a, die baskische Fahne mit einem wei\u00dfen und gr\u00fcnen Kreuz auf roten Grund, an den W\u00e4nden kleben Aufrufe zu Demos. Fr\u00fcher standen Solidarit\u00e4tskassen auf dem Tresen, die guten Kontakte mancher Kneipenbesitzer zur ETA waren stadtbekannt.<\/p>\n<p>Ainara Esteran, 46 Jahre alt, war Mitglied der ETA. Wenn sie von ihrem Weg in die Terrororganisation erz\u00e4hlt, bleibt sie allgemein.<\/p>\n<p>&#8220;Es war in meinem Lebenslauf vorgezeichnet: Ich f\u00fchlte mich als Teil der Arbeiterklasse und wollte f\u00fcr ein gerechteres Land k\u00e4mpfen. Die 1980er-Jahre waren sehr gewaltt\u00e4tig. Auf dem Weg zur Schule habe ich Blutlachen gesehen, bei den Demonstrationen hat die Polizei auf alles geschossen, Nachbarn von mir sind umgekommen. Das pr\u00e4gt nat\u00fcrlich.&#8221;<\/p>\n<p>Wegen der Vorbereitung von Attentaten und Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung hat Ainara Esteran neuneinhalb Jahre im Gef\u00e4ngnis verbracht, den Gro\u00dfteil davon wie fast alle ETA-Terroristen unter Bedingungen &#8220;ersten Grades&#8221;, den h\u00e4rtesten des spanischen Strafvollzugs: 90 Prozent der Zeit verbrachte sie allein in der Zelle, Gespr\u00e4che, Briefe, Besuch wurden \u00fcberwacht.<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Teil der Strafe sa\u00df Esteran in Alicante ab, 800 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. ETA-Mitglieder wurden jahrzehntelang grunds\u00e4tzlich in Gef\u00e4ngnissen untergebracht, die so weit wie m\u00f6glich vom Baskenland entfernt waren: So sollte die Organisation zerschlagen werden.<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p>&#8220;Ich bin ein staatliches Folteropfer&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Esteran ist heute Sprecherin von Egiari Zor, einer Stiftung, die die Interessen der Opfer der &#8220;staatlichen Gewalt&#8221; vertritt. Dazu z\u00e4hlen die etwa hundert Menschen, die von den staatlichen Todesschwadronen GAL in den 1980er-Jahren get\u00f6tet wurden und ihre Angeh\u00f6rigen &#8211; sowie die, laut Studien, mehrere Tausend H\u00e4ftlinge, Sympathisanten, Unbekannte, die von Sicherheitsbeh\u00f6rden misshandelt wurden. Auch sie habe man 2001 gefoltert, sagt Esteran. Wie, will sie nicht erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Finanzielle Entsch\u00e4digung erhalten in Spanien derzeit nur Folteropfer der Jahre zwischen 1979 und 1999. Egiari Zor will, dass der Zeitraum bis in die Gegenwart ausgeweitet wird. Sie beurteilt die Vergangenheit wie viele im Baskenland: Es war ein Konflikt, f\u00fcr den beide Seiten gleicherma\u00dfen Verantwortung tragen, die ETA und die Regierung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch heute haben die ETA-Terroristen vielerorts Heldenstatus<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Hernani, einer Kleinstadt zehn Zugminuten von San Sebastian entfernt, prangt an einer wei\u00dfen H\u00e4userwand ein Graffiti mit den Portr\u00e4ts aller verurteilten ETA-H\u00e4ftlinge aus dem Ort. Mehrere Quadrate sind bereits gewei\u00dft, als Zeichen daf\u00fcr, dass die H\u00e4ftlinge frei und wieder &#8220;zu Hause&#8221; sind. Die &#8220;Ongi Etorris&#8221;, \u00f6ffentliche Willkommensfeiern f\u00fcr Ex-Terroristen, werden in der spanischen Presse scharf kritisiert.<\/p>\n<p>Von Unterst\u00fctzervereinen wurden Besuchsreisen in die entlegensten Winkel Spaniens organisiert, wo man die ETA-Gefangenen inhaftiert hatte. F\u00fcr Josune Dorronsoro geh\u00f6ren Gef\u00e4ngnisbesuche zum Alltag. Ihr Bruder Jos\u00e9 Mari war in Gef\u00e4ngnissen in Frankreich, Madrid, C\u00e1diz inhaftiert &#8211; und sitzt jetzt, seit M\u00e4rz, in Pamplona. Eine deutliche Verbesserung, denn so ist er seiner Familie viel n\u00e4her.<\/p>\n<p>Aber eigentlich sollte Jos\u00e9 Mari Dorronsoro l\u00e4ngst in Freiheit sein. Nur ein Sonderstrafrecht, das Spanien speziell f\u00fcr ehemalige ETA-Mitglieder anwendet, macht eine quasi lebenslange Haftstrafe m\u00f6glich. Dieses Sonderstrafrecht m\u00fcsse sofort beendet werden, fordern Unterst\u00fctzerverb\u00e4nde, weil sich die Organisation ETA 2018 aufgel\u00f6st hat, also keine Gefahr besteht, dass sie wieder straff\u00e4llig werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zarte Vers\u00f6hnungsversuche<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Vitoria, der Hauptstadt der autonomen Region des Baskenlandes, hat die spanische Regierung im Sommer das &#8220;Memorial para las V\u00edctimas del Terrorismo&#8221; er\u00f6ffnet, eine Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr alle Opfer des Terrorismus. In einer Videoinstallation direkt am Eingang erz\u00e4hlen nicht nur Opfer der ETA oder anderer Terrorgruppen von ihrem Schmerz, sondern auch Menschen, die Angeh\u00f6rige durch staatliche Gewalt verloren haben. Themen wie Polizeifolter allerdings bleiben ausgespart.<\/p>\n<p>Gorka Landaburu, Journalist, wurde 2001 Opfer der ETA. Eine Briefbombe zerfetzte ihm mehrere Fingerglieder an beiden H\u00e4nden und das Trommelfell. Auch seine Sehkraft ist seitdem eingeschr\u00e4nkt. Landaburu bezeichnet sich als &#8220;privilegiertes Opfer&#8221;: Als Journalist hatte er die \u00d6ffentlichkeit auf seiner Seite. Der Mitinitiator von &#8220;Gesto por la paz&#8221; geh\u00f6rte zu den wenigen, die bereits in den 1980er-Jahren f\u00fcr einen Gewaltverzicht eintraten.<\/p>\n<p>&#8220;Wunden m\u00fcssen vernarben, um zu heilen. Die beste Methode daf\u00fcr ist der Dialog. Allerdings muss es dabei ein \u00fcbergeordnetes Prinzip geben. Und das ist das Recht auf Leben. Zu t\u00f6ten, war ungerecht. Das anzuerkennen, ist Vorbedingung f\u00fcr alle zuk\u00fcnftigen Debatten. Und bei der Anerkennung dieses Prinzips hat das Umfeld von ETA mehr Hausaufgaben zu erledigen als andere&#8221;, sagt er.<\/p>\n<p>Kurz vor dem endg\u00fcltigen Waffenstillstand nahm der Journalist auch an Opfer-T\u00e4ter-Begegnungen teil: Die Resozialisierungsma\u00dfnahme sollte Ex-Terroristen, die der Organisation \u00f6ffentlich abgeschworen hatten, den Weg in die Normalit\u00e4t erleichtern.<\/p>\n<p>&#8220;Beim Abschied eines Gespr\u00e4chs kamen zwei der Terroristen auf mich zu und sagten, sie h\u00e4tten zu dem Kommando geh\u00f6rt, das mir damals die Briefbombe geschickt hat. Sie haben mich um Verzeihung gebeten. Das hat mich betroffen gemacht. Ich habe ihnen geantwortet: Das freut mich &#8211; f\u00fcr mich, aber auch f\u00fcr euch. Ich werde mich daf\u00fcr einsetzen, dass ihr so schnell wie m\u00f6glich aus der Haft kommt. Im Auto \u00fcberkam mich dann ein Gef\u00fchl der tiefen Erleichterung &#8211; und Befriedigung: Ich habe mir gesagt: Genau das ist der Weg. Reden, reden, reden. Reden und erinnern.&#8221;<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[1314,841,832],"kategorie":[],"class_list":["post-118056","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry","tag-eta","tag-spanien","tag-terrorismus"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118056","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118056"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118056"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118056"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}