{"id":118059,"date":"2024-02-05T13:47:57","date_gmt":"2024-02-05T12:47:57","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118059"},"modified":"2024-02-05T13:47:57","modified_gmt":"2024-02-05T12:47:57","slug":"hyperloop-ab-durch-die-roehre","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/hyperloop-ab-durch-die-roehre\/","title":{"rendered":"Hyperloop: Ab durch die R\u00f6hre"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Auf Zukunftsvisionen versteht man sich in Valencia. Aus dem ehemaligen Bett des Flusses Turia schwingen sich die Museumsbauten von Santiago Calatrava. Wegen ihrer futuristischen Anmutung werden die wei\u00dfen Stahlbetonskelette mit den verspiegelten Glasfl\u00e4chen von Unternehmen gern als Werbekulisse genutzt. Auch das spanische Start-up Zeleros hat seinen Hyperloop-Pod hier fotografieren lassen: eine l\u00e4ngliche Kapsel, die elektromagnetisch angetrieben durch eine fast luftleere R\u00f6hre flitzen und &#8211; wenn mit gr\u00fcnem Strom betrieben &#8211; emissionsloses nahezu in Schallgeschwindigkeit erm\u00f6glichen soll. Das System kombiniere, so verspricht es ein Werbevideo der Firma, &#8220;die Geschwindigkeit eines Flugzeuges mit der H\u00e4ufigkeit der U-Bahn&#8221; und gebe den Menschen ihr &#8220;wertvollstes Gut&#8221; zur\u00fcck: Zeit.<\/p>\n<p>Die Grundidee f\u00fcr das Reisen in der R\u00f6hre findet sich bereits in Drucken aus dem sp\u00e4ten 18. Jahrhundert. Magnettechnologien und Elektronik machen sie technisch umsetzbar. Seit Tesla-Chef die Idee 2013 aus der Versenkung holte, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/mobilitaet\/2018-07\/fernverkehr-hyperloop-reisen-kritik-elon-musk\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">t\u00fcfteln weltweit Firmen an dem Konzept<\/a>. Eingesetzt werden soll die ultraschnelle Schwebebahn auf Strecken zwischen 400 und 1.200 Kilometern. Auf diesen Distanzen sind Flugzeuge nicht gerade effizient und mit dem Zug braucht man viel Geduld.<\/p>\n<p>Geht es nach Zeleros, soll es bereits 2030 erste Verbindungen geben, 2050 dann ein Streckennetz, das Hauptst\u00e4dte und Wirtschaftszentren miteinander verkn\u00fcpft. &#8220;Der Bedarf an schnellen, emissionsfreien Reisen ist durch die Klimakrise so gro\u00df wie nie. Das ist unsere Chance&#8221;, sagt Juan Vic\u00e9n. Der 28-j\u00e4hrige Maschinenbauingenieur hat das Unternehmen 2016 mit Studienkommilitonen gegr\u00fcndet. Zehn Millionen Euro an F\u00f6rder- und Investorengelder konnten sie seitdem einsammeln und wichtige Verb\u00fcndete finden &#8211; vom spanischen Hochspannungsnetzbetreiber Red El\u00e9ctrica Espa\u00f1ola bis zur auf Hightech spezialisierten Unternehmensberatung Capgemini.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein besonderes Hyperloop-Konzept<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vic\u00e9n f\u00fchrt durch das Gro\u00dfraumb\u00fcro von Angels, einem Innovationshub am Yachthafen von . Die Firma belegt inzwischen den Gro\u00dfteil der zweiten Etage, die Labore befinden sich in einem Vorort. Vor den Fenstern des Neubaus d\u00fcmpeln Yachten, im Aufenthaltsraum gibt es Sushi und Smoothies. Fast alle der 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind j\u00fcnger als 35 Jahre, auf den Namensschildern steht nur der Vorname. So wie man das von einem Start-up erwartet.<\/p>\n<p>Der US-amerikanische Konkurrent Virgin Hyperloop One hat bereits im Herbst 2020 ein Video von der <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/news\/2020-11\/09\/erste-passagiere-sausen-in-hyperloop-kapsel-durch-roehre\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">ersten bemannten Testfahrt<\/a> gepostet, wenn auch nur in einer 500 Meter kurzen Testr\u00f6hre und mit einer Maximalgeschwindigkeit von gerade einmal 172 Kilometern pro Stunde. So weit ist Zeleros noch nicht. Aber die Spanier haben ein Konzept, das sie von Wettbewerbern abhebt und das ihnen zuletzt einen Platz auf der Liste der 50 <a href=\"https:\/\/startupprize.eu\/2022\/01\/25\/europes-top-50-clean-mobility-startups-for-2022\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">vielversprechendsten europ\u00e4ischen Start-ups<\/a> im Bereich saubere Mobilit\u00e4t einbrachte.<\/p>\n<p>Juan Vic\u00e9n stellt ein armlanges Modell des Hyperloop-Pods &#8211; also der Kapsel, die durch die R\u00f6hre rasen soll &#8211; auf den Tisch. An der Vorderseite sitzt ein turbinenf\u00f6rmiger Kompressor. Im Gegensatz zu den Vorschl\u00e4gen der meisten Mitbewerber ist die R\u00f6hre bei Zeleros nicht luftleer, sondern ahmt lediglich die Druckverh\u00e4ltnisse in Flugh\u00f6he nach. Materialverhalten und Dynamik auf Flugreiseh\u00f6he sind bekannt, das soll die Zertifizierung der Pods erleichtern. Der Wissenstransfer von einer Branche in die andere geh\u00f6rt zum Konzept: Airbus ist Kooperationspartner der Spanier. &#8220;Wir verstehen uns nicht als Konkurrenten, sondern als Alliierte des Luftverkehrs&#8221;, sagt Vic\u00e9n.<\/p>\n<p>Dazu versucht Zeleros, so viel Technologie wie m\u00f6glich in die Pods und so wenig wie m\u00f6glich in die R\u00f6hren zu stecken. Je einfacher das R\u00f6hrensystem, je niedriger seine Baukosten, desto gr\u00f6\u00dfer die Chancen, dass Hyperloops tats\u00e4chlich irgendwann Passagiere und Waren bef\u00f6rdern. 20 bis 40 Millionen Euro pro Kilometer wird der Bau der R\u00f6hren laut firmeneigenen Sch\u00e4tzungen kosten, etwa genau so viel wie das Streckennetz des spanischen Hochgeschwindigkeitszuges AVE.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Der ideale Ort f\u00fcr den Hyperloop: die W\u00fcste<\/h2>\n<div>\n<p>Tats\u00e4chlich kann niemand sicher sagen, wie teuer das<br \/>\nStreckennetz f\u00fcr Hyperloops wird. Das zeigt der <a href=\"https:\/\/oa.upm.es\/64650\/1\/TFM_JORGE_MARTINEZ_GARCIA_B.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Blick in<br \/>\nvergleichende Studien<\/a>, wie sie etwa Jorge Mart\u00ednez Garc\u00eda f\u00fcr die<br \/>\nPolytechnische Universit\u00e4t Madrid erstellt hat: Manche Entwickler sprechen von<br \/>\nelf, manche von 108 Millionen Euro pro Kilometer, je nachdem, ob die R\u00f6hren aus<br \/>\nStahl oder Beton sind, ob Berge durchbohrt, St\u00e4dte untertunnelt oder Fl\u00fcsse<br \/>\n\u00fcberbr\u00fcckt werden m\u00fcssen. Ausschlaggebend sei letztlich, sagt Garc\u00eda, wie<br \/>\nschnell und effizient Tr\u00e4ger und Br\u00fcckenteile industriell gefertigt werden<br \/>\nk\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Bereits bestehende Infrastrukturen wie Schienen oder<br \/>\nAutobahnen k\u00f6nnen f\u00fcr Hyperloops nicht verwendet werden. Sie sind zu kurvig,<br \/>\ndie Fliehkraft w\u00fcrde das Reisen in der Hochgeschwindigkeitskapsel f\u00fcr Menschen<br \/>\nunertr\u00e4glich machen. Das kann jeder nachvollziehen, der einmal in einem<br \/>\nKettenkarussell sa\u00df. Je gerader und ebenerdiger die m\u00f6gliche Route, desto<br \/>\neinfacher.<\/p>\n<p>Auch deswegen sieht das Start-up aus Valencia seine Chance<br \/>\nvor allem im Mittleren Osten. Die W\u00fcste sei ein idealer Ort f\u00fcr futuristische<br \/>\nR\u00f6hrenreisen: viel Platz, kaum Infrastrukturen, dazu risikofreudige Investoren,<br \/>\ndie sich auf das Ende des fossilen Zeitalters vorbereiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Spanien will vorne mit dabei sein<\/h2>\n<p>Juan Vic\u00e9n klickt durch eine Powerpoint-Pr\u00e4sentation, die er<br \/>\nf\u00fcr die Weltausstellung Expo vorbereitet hatte, die noch bis Ende M\u00e4rz in Dubai<br \/>\nstattfindet. Sein Team hat im spanischen Pavillon den Prototypen der Reisekapsel<br \/>\nausgestellt. Das Interesse sei mit \u00fcber einer Million<br \/>\nBesucher &#8220;sehr gro\u00df&#8221; gewesen, sagt Vic\u00e9n \u2013 auch dank der R\u00fcckendeckung vom<br \/>\nStaat. Spanien hat die Entwicklung von Hyperloop-Systemen bereits 2019 zu<br \/>\nseinen strategischen Zielen erkl\u00e4rt. Das Land hat bereits eines der<br \/>\nbestausgebauten Hochgeschwindigkeitszugnetze Europas und will auch beim potenziellen<br \/>\nTransportmittel der Zukunft vorne mit dabei sein.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Jahr wird im zentralspanischen Castilla La<br \/>\nMancha eine vier Kilometer lange Teststrecke gebaut, in der sich Aufh\u00e4ngung der<br \/>\nReisekapseln und Anschubtechnik unter Realbedingungen pr\u00fcfen lassen. Ihr soll<br \/>\neine 30 Kilometer lange R\u00f6hre folgen, in der sich das gesamte System validieren<br \/>\nl\u00e4sst, inklusive Beschleunigung, Bremssysteme, Evakuierungsma\u00dfnahmen. Es w\u00e4re<br \/>\nder entscheidende Schritt zur Zertifizierung auch auf europ\u00e4ischer Ebene. Ein<br \/>\nBudget daf\u00fcr gibt es allerdings noch nicht.<\/p>\n<p>Die technische Kommission, die f\u00fcr Hyperloops EU-weite<br \/>\nStandards festlegen soll, tagt bereits seit anderthalb Jahren, auch ihr sitzt<br \/>\nein Spanier vor: Javier Tamarit. Er ist pensionierter Ingenieur und<br \/>\nBahnexperte und h\u00e4lt das Timing der Jungunternehmer f\u00fcr &#8220;sehr optimistisch&#8221;. Denn:<br \/>\n&#8220;Beim Hochgeschwindigkeitszug haben wir f\u00fcr einen gemeinsamen Standard 15 Jahre<br \/>\ngebraucht&#8221;, sagt Tamarit. &#8220;Das beim Hyperloop zu schaffen, w\u00e4re schon sehr<br \/>\ngut.&#8221;<\/p>\n<p>Bisher sind sich die Entwickler weder \u00fcber die beste Technik<br \/>\nnoch \u00fcber den idealen Durchmesser der R\u00f6hre einig. In einem ersten Schritt zur<br \/>\nStandardisierung sollen alle Firmen nun die Risiken ihrer Projekte analysieren.<br \/>\nWas passiert bei Havarien in der R\u00f6hre? Wie evakuiert man am besten bei<br \/>\nUnf\u00e4llen? &#8220;Die Herausforderungen sind enorm, aber wir sind mit Feuereifer<br \/>\ndabei&#8221;, sagt Tamarit.<\/p>\n<div>\n<h2>Das Transrapid-Trauma<\/h2>\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit ihm wird klar: Eine Motivation sind auch die<br \/>\ngescheiterten Pl\u00e4ne einer europ\u00e4ischen Magnetschwebebahn. Immer wieder taucht<br \/>\ndas Stichwort Transrapid auf. Dass in Europa Pl\u00e4ne f\u00fcr eine, so Tamarit,<br \/>\n&#8220;ausgereifte und fertig entwickelte Technologie&#8221; eingestampft wurden, wirkt als<br \/>\nTrauma in der Branche nach. Bis heute haben lediglich China und <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wissen\/2015-04\/maglev-weltrekord-japan-geschwindigkeit\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Japan<br \/>\nMagnetschwebebahnen<\/a>. Noch einmal will Europa der Konkurrenz aus Fernost das<br \/>\nTerrain nicht \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Und das zwingt zur Eile. Zeitfenster f\u00fcr neue Technologien sind<br \/>\nkurz. Hyperloops sind nur sinnvoll, wenn sie inklusive der enormen<br \/>\nInvestitionen tats\u00e4chlich energieeffizienter und emissions\u00e4rmer sind als andere<br \/>\nFormen des Reisens. Kommt das Wasserstoffflugzeug oder machen Superbatterien<br \/>\nirgendwann <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2022\/12\/flugverkehr-strom-fliegen-fugzeug-elektromobilitaet\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">elektrische Flugreisen \u00fcber l\u00e4ngere Strecken<\/a> m\u00f6glich, werden die<br \/>\nPl\u00e4ne f\u00fcr schwebende R\u00f6hrenbahnen wohl nie umgesetzt.<\/p>\n<div><\/div>\n<p>Auch Zeleros-Mitgr\u00fcnder Juan Vic\u00e9n ist Realist genug, um das<br \/>\nzu wissen. &#8220;Wir rennen gegen die Zeit. Eine Chance haben wir nur, wenn das<br \/>\nSystem in den n\u00e4chsten zehn Jahren eingef\u00fchrt wird.&#8221; Und wenn nicht? Der<br \/>\nJungunternehmer zuckt die Schultern und lacht. &#8220;Dann flie\u00dft die entwickelte<br \/>\nTechnologie eben in andere Produkte ein.&#8221; In den Flugzeugbau, verbesserte<br \/>\nHochgeschwindigkeitsz\u00fcge, Magnetantriebe: Fast alles eigne sich f\u00fcr ein Spin-off.<\/p>\n<p>Bevor Vic\u00e9n seinen Laptop zusammenklappt, zeigt er noch ein<br \/>\npaar Fotos vom Hafen von Sagunt. Ein f\u00fcr den Hyperloop entwickelter Linearmotor<br \/>\nbewegt dort inzwischen emissionslos Container von einem Lager ins andere. Das kann<br \/>\ner auch tun, wenn das Reisen im Hyperloop ein Traum bleibt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118059","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118059","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118059"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}