{"id":118061,"date":"2024-02-05T13:52:25","date_gmt":"2024-02-05T12:52:25","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118061"},"modified":"2024-02-05T13:52:25","modified_gmt":"2024-02-05T12:52:25","slug":"duerre-in-spanien-mit-aller-macht-gegen-das-verdursten","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/duerre-in-spanien-mit-aller-macht-gegen-das-verdursten\/","title":{"rendered":"D\u00fcrre in Spanien: Mit aller Macht gegen das Verdursten"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Das Symbol der spanischen D\u00fcrre thront auf einem H\u00fcgel aus Schutt, umgeben von rissiger Erde: Von der romanischen Kirche Sant Rom\u00e0 de Sau war jahrzehntelang nur Wetterfahne oder Glockenturm zu sehen, das Fundament ruhte auf dem Grund des Stausees Pant\u00e0 de Sau. Jetzt steht die Kirche komplett frei und leicht erh\u00f6ht. Der Stausee, der einst eine Fl\u00e4che von 528 Hektar bedeckte, ist nur noch zu einem Zehntel gef\u00fcllt. Die Kirche und der geschrumpfte See: Dieses Bild hat in den letzten Monaten Dutzende D\u00fcrrereportagen illustriert.<\/p>\n<p>Spanien hat den hei\u00dfesten und trockensten Fr\u00fchling seit Jahrzehnten hinter sich, mit Rekordtemperaturen von \u00fcber 40 Grad. &#8220;Spanien geh\u00f6rt weltweit zu den L\u00e4ndern, in denen der Temperaturanstieg am deutlichsten sichtbar ist&#8221;, sagt Jorge Olcina, Geograf und Klimaforscher der Universit\u00e4t Alicante. Das lie\u00dfe sich vor allem am Ph\u00e4nomen der tropischen N\u00e4chte festmachen: W\u00e4hrend es in den Achtzigerjahren pro Jahr durchschnittlich 15 bis 20 N\u00e4chte mit Temperaturen von 20 und mehr Grad gab, waren es in den letzten Jahren 80 und mehr.<\/p>\n<p>Vor allem aber ist es viel zu trocken. Die Rede ist von einer historischen D\u00fcrre. Regenf\u00e4lle kommen unregelm\u00e4\u00dfiger und seltener. Und wenn es regnet, dann nur lokal begrenzt &#8211; und teils so heftig, dass es mehr schadet, als n\u00fctzt. Die landesweiten Wasserbest\u00e4nde liegen mit knapp 40 Prozent ihrer Kapazit\u00e4ten deutlich unter dem Vergleichswert der letzten zehn Jahre: 64,6 Prozent w\u00e4ren normal um diese Jahreszeit. Doch mit dem Klimawandel stellt sich die Frage, ob dieses &#8220;Normal&#8221; \u00fcberhaupt noch gilt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine historische D\u00fcrre<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Besonders gravierend ist die Lage in Andalusien und Katalonien. Im Nordosten Spaniens gelten bereits seit M\u00e4rz Wasserrestriktionen: Gr\u00fcnfl\u00e4chen d\u00fcrfen nicht mehr bew\u00e4ssert werden, die Landwirtschaft muss mit 40 Prozent weniger auskommen. In einigen Gemeinden wird nachts der Hahn abgedreht, Schwimmb\u00e4der d\u00fcrfen nicht mehr bef\u00fcllt werden. Die Bauern haben den Gro\u00dfteil der Weizen- und Gerste-Ernte bereits abgeschrieben.<\/p>\n<p>&#8220;Wir k\u00f6nnen uns nicht mehr wie fr\u00fcher darauf verlassen, dass es im Fr\u00fchling und Herbst wieder regnet und die Stauseen dann wieder voll sind&#8221;, sagt Olcina. Dabei sind die Stauseen das wichtigste Wasserreservoir Spaniens. Kein anderes Land weltweit hat mehr Talsperren auf gleicher Fl\u00e4che: \u00dcber 350 sind es zwischen den Pyren\u00e4en und Gibraltar. Viele von ihnen wurden w\u00e4hrend der Franco-Diktatur als technologische Gro\u00dfprojekte angelegt. Bis heute werden sie intensiv genutzt &#8211; f\u00fcr die Stromerzeugung, zur Bew\u00e4sserung der Landwirtschaft und f\u00fcr den Tourismus. Doch nun sind viele von ihnen nahezu ausgetrocknet.<\/p>\n<p>&#8220;Wir brauchen eine andere Ressourcenverwaltung&#8221;, sagt Olcina. Dabei geht es nicht so sehr um die Frage, ob zuerst der Hotel-Pool bef\u00fcllt oder das Erdbeerbeet bew\u00e4ssert wird, sondern um eine verst\u00e4rkte Nutzung anderer Wasserquellen: Wasser aus Entsalzungsanlagen und aufbereitetes Wasser. Viele der kleineren, in den Siebziger- und Achtzigerjahren gebauten Entsalzungsanlagen sind veraltet. Und bisher werden nur zehn Prozent des recycelten Wassers ins Trinkwassernetz eingespeist oder zur Bew\u00e4sserung eingesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So viel entsalzen und reyclen wie geht<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr als 4.000 Kubikhektometer, so viel wie Spaniens gr\u00f6\u00dfter Stausee in La Serena in der Provinz Badajoz fassen kann, verlassen j\u00e4hrlich die Kl\u00e4ranlagen. Ein gigantisches Reservoir, das auch Spaniens Linkskoalition st\u00e4rker nutzen will. Als die Regierung am 11. Mai ihr 2,19 Milliarden schweres Hilfspaket f\u00fcr die Folgen der D\u00fcrre vorstellte, k\u00fcndigte Umweltministerin Teresa Ribera an, den Recycling-Anteil im Nutzwasser bis 2027 zu verdoppeln. Olcina w\u00e4re eine gesetzliche Verpflichtung zu einer hundertprozentigen Nutzung lieber. Au\u00dferdem sollen 400 Millionen Euro f\u00fcr den Bau von drei neuen Entsalzungsanlagen zur Verf\u00fcgung gestellt werden, in M\u00e1laga, Almer\u00eda und Tordera.<\/p>\n<p>Bereits jetzt werden diese alternativen Wasserressourcen genutzt. In der Millionenmetropole Barcelona \u00fcberstieg der Anteil von Entsalzungs- und Recyclingwasser im Trinkwasser in diesem Jahr erstmals den aus den Stauseen. Die Desalinizadora del Prat, auf halbem Weg zwischen Flughafen und Industriegebiet, l\u00e4uft bereits seit August letzten Jahres auf Hochtouren, so lange wie noch nie. Bei Einweihung 2009 galt die Entsalzungsanlage als eine der modernsten , noch heute ist sie die gr\u00f6\u00dfte, die ausschlie\u00dflich Trinkwasser produziert.<\/p>\n<p>Seit die D\u00fcrre die Nachrichten beherrscht, f\u00fchrt Direktor Carlos Miguel regelm\u00e4\u00dfig Besuchergruppen durch die riesigen Hallen, erkl\u00e4rt, wie bei der Umkehrosmose gefiltertes Meerwasser mit Hochdruck durch Membrane gepresst wird, die dabei entstehende Sole energiegeladen bleibt und beim Transport des Wassers hilft. Das senkt die Energiekosten. Teuer bleibt das Verfahren trotzdem: Etwa 70 Cent kostet die Aufbereitung eines Kubikmeters Wasser, 14-mal mehr als bei S\u00fc\u00dfwasser aus Fl\u00fcssen und Stauseen. &#8220;Entsalzungsanlagen sind keine Patentl\u00f6sung f\u00fcr die D\u00fcrre, sondern nur ein Baustein unter vielen&#8221;, so Miguel. Sie schaffen in erster Linie dort Abhilfe, wo die meisten Menschen leben, in den St\u00e4dten an der K\u00fcste. Gegen den Wassermangel auf dem Land helfen sie nicht.<\/p>\n<p>Das spanische Hochplateau und das<br \/>\nLandesinnere werden seit Jahrzehnten intensiv f\u00fcr die Landwirtschaft<br \/>\ngenutzt. Das Wasser aus den Stauseen hat dort eine Bew\u00e4sserung im gro\u00dfen<br \/>\nStil erm\u00f6glicht, 4,5 Millionen Hektar Land werden bew\u00e4ssert:<br \/>\nOlivenhaine in Ja\u00e9n, Weinreben in der Rioja, Getreidefelder in der<br \/>\nMancha. F\u00fcr den Geologen Jorge Olcina ist die spanische Landwirtschaft<br \/>\ndas Hauptproblem beim Umgang mit dem Wasser. Sie verbraucht zwischen 70<br \/>\nund 80 Prozent der immer knapper werdenden Ressource.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Fragt man Bauern, wie viel<br \/>\nsie davon im Schnitt verbrauchen, zucken die oft mit den Schultern: Es<br \/>\npladdert eben aus dem Hydranten am Feldrand, kommt \u00fcber Kan\u00e4le vom nahen<br \/>\nStausee, vom Fluss oder aus einem unterirdischen Wasserreservoir, oft<br \/>\nillegal angezapft. &#8220;Beim Anbau im Gew\u00e4chshaus kann der Wasserverbrauch<br \/>\ngenau kalibriert werden&#8221;, sagt Olcina. &#8220;Aber auf dem \u00fcberwiegenden Teil<br \/>\nder Agrarfl\u00e4chen wei\u00df niemand genau, wie viel Liter flie\u00dfen.&#8221;<\/p>\n<p>Eine grobe Orientierung<br \/>\ngibt bisher lediglich der Wasserbedarf der wechselnden Anbauarten.<br \/>\nKataloniens Bauern etwa pflanzen in diesem Jahr statt durstigem Mais<br \/>\ngen\u00fcgsame Sonnenblumen an. Das spart Wasser, kurzfristig. Aber ohne eine<br \/>\nentsprechende Infrastruktur, ohne Z\u00e4hler, die messen, wie viel Wasser<br \/>\naus der Leitung kommt und ohne strenge Kontrollen der Verwaltung, ist<br \/>\ndas keine nachhaltige L\u00f6sung f\u00fcr die Wasserknappheit, auf die sich<br \/>\nSpanien durch den Klimawandel auch langfristig einstellen muss. &#8220;W\u00e4hrend<br \/>\nder Tourismus sich schon seit Langem um einen verantwortungsvolleren<br \/>\nUmgang mit der Ressource Wasser bem\u00fcht und der Wasserverbrauch in<br \/>\nSt\u00e4dten sinkt, bleibt die Landwirtschaft das Problemkind&#8221;, so Olcina.<\/p>\n<p>2,1 Milliarden Euro,<br \/>\nteils aus Europa, teils aus der Staatskasse, will Spanien bis 2027 zur<br \/>\nModernisierung seines Bew\u00e4sserungssystems ausgeben. Schon einmal hat das<br \/>\nLand versucht, den Wasserverbrauch der Landwirtschaft zu reduzieren. In<br \/>\nden Neunzigern wurde nach israelischem Vorbild die Tr\u00f6pfchenbew\u00e4sserung<br \/>\neingef\u00fchrt. Zun\u00e4chst wurden 30 Prozent Wasser eingespart, kurz darauf<br \/>\nschnellten die Zahlen wieder in die H\u00f6he: Landwirte und Agrarbetriebe<br \/>\nverdoppelten ihre Fl\u00e4chen, um mit dem gleichen Wasser mehr zu<br \/>\nerwirtschaften oder ernteten zweimal im Jahr. Allein in Huelva hat sich<br \/>\ndie Anbaufl\u00e4che f\u00fcr Erdbeeren in den letzten 40 Jahren versechsfacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Zurzeit geht es nur um Notfalll\u00f6sungen&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Der<br \/>\nGeologe Antonio Aretxabala von der Universit\u00e4t Navarra spricht von<br \/>\neinem &#8220;Effizienz-Paradoxon&#8221;. Er k\u00e4mpft schon seit Langem f\u00fcr ein<br \/>\ngrunds\u00e4tzliches Umdenken. &#8220;Wir m\u00fcssen den naiven Glauben an ein &#8216;immer<br \/>\nweiter, immer mehr&#8217; endlich hinter uns lassen&#8221;, sagt er. 80 Prozent der<br \/>\nspanischen Landwirtschaft gehen in den Export, direkt als Erdbeeren f\u00fcr<br \/>\ndeutsche Superm\u00e4rkte, indirekt als Futter f\u00fcr Schweine, deren Schinken<br \/>\nnach China verschifft wird. &#8220;Es macht keinen Sinn, dass das trockenste<br \/>\nLand Europas sein Wasser in alle Welt verschickt.&#8221;<\/p>\n<p>Doch der Agrarsektor ist<br \/>\neiner der St\u00fctzpfeiler der Wirtschaft des Landes, 2,8 Millionen Menschen<br \/>\nverdienen ihr Geld auf \u00c4ckern und in St\u00e4llen. Die Beharrungskr\u00e4fte sind<br \/>\ngro\u00df. Die Branche selbst w\u00fcrde lieber auf biotechnologische L\u00f6sungen<br \/>\nsetzen. Im M\u00e4rz haben spanische Wissenschaftler ein Verfahren<br \/>\npatentieren lassen, das \u00fcber Hormonzugabe die D\u00fcrreresistenz von<br \/>\nPflanzen erh\u00f6ht und sie zwei Wochen Trockenheit \u00fcberstehen l\u00e4sst.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Solche Methoden mindern zwar<br \/>\ndie unmittelbaren Folgen. Am eigentlichen Problem selbst \u00e4ndern sie<br \/>\nnichts, sagt Olcina: &#8220;Zurzeit geht es nur um Notfalll\u00f6sungen f\u00fcr die<br \/>\nn\u00e4chsten Monate. Aber was wir brauchen, ist, neben der Nutzung<br \/>\nalternativer Ressourcen, ein neuer Rahmen mit strengeren Kontrollen in<br \/>\nallen Bereichen.&#8221; Wann eine solche Strukturreform in die Wege geleitet<br \/>\nwerden soll? Sobald die aktuelle Notlage \u00fcberstanden sei. Wenn es wieder<br \/>\nregnet.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118061","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118061","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118061"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}