{"id":118069,"date":"2024-02-05T13:59:06","date_gmt":"2024-02-05T12:59:06","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118069"},"modified":"2024-02-05T13:59:06","modified_gmt":"2024-02-05T12:59:06","slug":"spanien-europas-letzte-sklavenhaendler","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/spanien-europas-letzte-sklavenhaendler\/","title":{"rendered":"Spanien: Europas letzte Sklavenh\u00e4ndler"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Vor dem Postgeb\u00e4ude in Barcelona klafft eine L\u00fccke. Der Sockel des Denkmals ist leer. Bis vor wenigen Jahren stand darauf eine \u00fcberlebensgro\u00dfe Statue von Antonio L\u00f3pez y L\u00f3pez (1817-1883), seines Zeichens Graf von Comillas, Gr\u00fcnder einer transatlantischen Schifffahrts- und einer Eisenbahngesellschaft, Gro\u00dfinvestor f\u00fcr eine der wichtigsten damaligen Banken &#8211; und Sklavenh\u00e4ndler. Das Denkmal wurde 2018 nach Protesten von SOS Rassismus auf Initiative der linken Stadtregierung entfernt, der Platz umbenannt. Es war eine der wenigen vergangenheitspolitischen Initiativen zum Thema Sklaverei und Sklavenhandel in Spanien. Der Platz tr\u00e4gt jetzt den Namen Idrissa Diallos, eines jungen Mannes aus Guinea, der nach seiner Flucht nach Europa im Jahr 2012 unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden in einem spanischen Internierungslager starb.<\/p>\n<p>Jos\u00e9-Miguel Sanjuan steht vor der Gedenktafel, auf der die Geschichte des Platzes zusammengefasst ist. Der Wirtschaftshistoriker geh\u00f6rt zu dem Forschungsteam, das sich seit Jahren mit der Geschichte der Sklaverei und der Rolle von Barcelonas damaligen und heutigen Wirtschafseligen besch\u00e4ftigt. &#8220;Das Erbe der Kolonialzeit ist in Barcelona \u00fcberall greif- und sichtbar&#8221;, sagt er. &#8220;Aber kaum jemand wei\u00df davon.&#8221;<\/p>\n<p>Der Spaziergang durch Barcelonas Altstadt beginnt am oberen Ende der Rambles. Unter den Platanen schieben sich Touristen und Reisegruppen aus den Kreuzfahrtschiffen entlang. Durch die Luft schwirrt ein Kauderwelsch aus Englisch-, Deutsch-, Italienischbrocken; dazwischen h\u00f6rt man ab und zu etwas Spanisch und ganz selten Katalanisch. Die repr\u00e4sentativen B\u00fcrgerh\u00e4user, die die Flaniermeile s\u00e4umen, wurden gr\u00f6\u00dftenteils Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut. Das n\u00f6tige Geld dazu hatten viele Erbauer in den spanischen Kolonien verdient, durch Handel mit Zucker, sp\u00e4ter auch Tabak &#8211; und Sklaven. Zwar war der transatlantische Sklavenhandel seit 1821 auf Grundlage eines bilateralen Abkommens zwischen dem spanischen K\u00f6nigreich und der britischen Krone verboten, aber noch bis weit in die 1880er wurden versklavte Menschen verschifft und verkauft &#8211; allein zwischen 1820 und 1866 mindestens eine halbe Million. Ihre Arbeitskraft war einer der &#8220;Rohstoffe&#8221;, mit dem die begehrten Luxusg\u00fcter gewonnen wurden, und Grundlage f\u00fcr den Reichtum der &#8220;indianos&#8221;, wie die spanischen Gl\u00fcckssucher in den Kolonien genannt wurden.<\/p>\n<p>Menschen unterlagen der gleichen Verwertungslogik wie heute K\u00fche und Schweine<\/p>\n<p>Jos\u00e9 Miguel Sanjuan zitiert aus dem Ged\u00e4chtnis eine Statistik von 1853\/54. &#8220;Von den 50 damals reichsten Katalanen waren 15 \u203aindianos\u2039 &#8211; und elf davon hatten ihr Geld mit Sklavenhandel gemacht.&#8221; Vor der Rambla 109 bleibt er stehen. Die neoklassizistische Fassade ist mit Statuen griechischer G\u00f6tter und vor Blumen \u00fcberquellenden F\u00fcllh\u00f6rnern verziert. &#8220;Compa\u00f1\u00eda General de Tabacos de Filipinas&#8221; steht \u00fcber einem Seiteneingang. Die ehemalige Tabakfabrik war eines der letzten Unternehmen von Antonio L\u00f3pez y L\u00f3pez. Schr\u00e4g gegen\u00fcber befindet sich der Palau Moja, die majest\u00e4tische Familienresidenz des einst reichsten Mannes Kataloniens. Im Laufe seines Lebens investierte der urspr\u00fcnglich aus Kantabrien stammende Gesch\u00e4ftsmann in ein ganzes Netzwerk aus Unternehmen. Die Grundlage daf\u00fcr bildeten die Gewinne aus dem Handel mit Menschen. Ein eintr\u00e4gliches und florierendes Gesch\u00e4ft: Hatte L\u00f3pez y L\u00f3pez 1844 noch 33 Menschen ge- und verkauft, waren es 1851 bereits 399. Der Bedarf auf den kubanischen Zuckerplantagen war gro\u00df, die Lebenszeit eines Sklaven mit durchschnittlich f\u00fcnf bis sieben Jahren gering.<\/p>\n<p>Von einer &#8220;Intensivwirtschaft&#8221; spricht der Historiker: Der Vergleich mit der heutigen Landwirtschaft klingt zynisch, aber der Begriff ist mit Bedacht gew\u00e4hlt. Menschen unterlagen der gleichen Verwertungslogik wie <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1160436.tierrechte-fleisch-tiere.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">heute K\u00fche oder Schweine<\/a>. &#8220;Sklaven waren ganz einfach Teil des kapitalistischen Produktionssystems. In Frage gestellt hat das niemand &#8211; am allerwenigstens aus menschenrechtlichen \u00dcberlegungen&#8221;, sagt Sanjuan. Das spanische K\u00f6nigreich tolerierte die illegale Praxis: Ohne das Geld, das von der Zuckerinsel in die Metropole floss, w\u00e4re auch die Wirtschaft im Heimatland gef\u00e4hrdet gewesen. Und im prosperierenden Barcelona waren die einflussreichen Gesch\u00e4ftsm\u00e4nner aus \u00dcbersee gern gesehen. Man zeigte sich mit ihnen in den Logen des Opernhauses Liceu, dem damaligen Treffpunkt der High Society, und bewunderte sie f\u00fcr ihr gro\u00dfz\u00fcgiges M\u00e4zenatentum.<\/p>\n<p>800 Meter meerw\u00e4rts auf den Rambles, in einer Seitenstra\u00dfe, fotografieren ein paar Touristen die beiden schmiedeeisernen Eingangstore des Palau G\u00fcell, auf denen sich Tiere, Pflanzen, Symbole kunstvoll ineinander winden. Das Stadtpalais mit der beindruckenden Veranda in der Beletage geh\u00f6rt zu den ersten Wohnh\u00e4usern, die Antoni Gaud\u00ed geschaffen hat &#8211; f\u00fcr den Textil-Industriellen Eusebi G\u00fcell, der zeitlebens sein wichtigster F\u00f6rderer sein sollte.<\/p>\n<p>Auch Joan G\u00fcell, Eusebis Vater, war auf Kuba reich geworden. <a title=\"Link: https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/294752.ein-wunder-aus-der-hand-katalanischer-meister.html?sstr=Eusebi%7CG%C3%BCell\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/294752.ein-wunder-aus-der-hand-katalanischer-meister.html?sstr=Eusebi%7CG%C3%BCell\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Der Gaud\u00ed-M\u00e4zen<\/a> selbst hatte Luisa Isabel, die \u00e4lteste Tochter des Sklavenh\u00e4ndlers L\u00f3pez y L\u00f3pez geheiratet. Sie war die einzige von L\u00f3pez &#8216; vier Kindern, die selbst Nachwuchs bekommen sollte. Ihre Familie wurde somit zur Gesamterbin des Verm\u00f6gens des reichsten Mannes der Stadt. Eine direkte Verwicklung der G\u00fcells in den Sklavenhandel konnten Historiker trotz Indizien nicht nachweisen, aber die Quelle des Gelds ist eindeutig &#8211; und die einflussreiche Familie setzte nachweislich auch in ihren Besitzt\u00fcmern versklavte Menschen als Arbeitskr\u00e4fte ein.<\/p>\n<p>&#8220;Die Nachfahren der damaligen Unternehmerfamilien geh\u00f6ren noch heute zu den Eliten&#8221;<\/p>\n<p>Der Palau G\u00fcell ist Teil des Standardprogramms der meisten Besucher. Und der Palau Moja ist heute ein \u00f6ffentliches Geb\u00e4ude, die Regionalregierung stellt Besuchern dort die katalanische Kultur vor. Beides eigentlich also ideale Orte, um an die Verwicklung in den Sklavenhandel zu erinnern. Doch Plaketten, die von den ehemaligen Besitzern erz\u00e4hlen, sucht man vergeblich. Das Personal am Eingang zuckt auf Nachfragen irritiert mit den Schultern. W\u00e4hrend in den USA und auch in Frankreich schon l\u00e4nger \u00fcber die Folgen der Sklaverei \u00f6ffentlich diskutiert wird, ist das Kapitel in Spanien immer noch weitgehend unbekannt. &#8220;Die Nachfahren der damaligen Unternehmerfamilien geh\u00f6ren noch heute zu den f\u00fchrenden Eliten&#8221;, erz\u00e4hlt der Historiker. Ihr Interesse an einer Aufarbeitung ist gering. Zugang zu den Familienarchiven gew\u00e4hren nur wenige. &#8220;Sie wollen nicht, dass der Name ihrer Familie beschmutzt wird, oder sie sind tats\u00e4chlich davon \u00fcberzeugt, dass ihre Vorfahren damit nichts zu tun hatten&#8221;, so Sanjuan.<\/p>\n<p>Auch wenn das Thema historiographisch inzwischen gut erforscht ist, ist es im \u00f6ffentlichen Bewusstsein kaum verankert. Das ist kein Zufall: Katalonien war einer der wirtschaftlichen Motoren Spaniens. Aus der im Vergleich zum restlichen Spanien raschen Industrialisierung speist sich ein betr\u00e4chtlicher Teil des katalanischen Selbstbewusstseins. Daran zu kratzen, geziemte sich einfach nicht &#8211; vor allem nicht zu einem Zeitpunkt, in dem durch die <a title=\"Link: https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1166842.katalonien-gespalten-am-nationalfeiertag-diada.html\" href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1166842.katalonien-gespalten-am-nationalfeiertag-diada.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">katalanische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung der Dauerkonflikt mit dem Zentralstaat<\/a> verst\u00e4rkt aufbrach. Sanjuan zitiert das Bonmot eines Kollegen: &#8220;\u203aEin unterdr\u00fccktes Volk kann nicht selbst Unterdr\u00fccker sein\u2039 &#8211; dieses Mindset pr\u00e4gt.&#8221; Dabei waren Industrialisierung und Sklavenhandel eng miteinander verkn\u00fcpft. Finanziert wurden industrielle Gro\u00dfprojekte wie der Bau der ersten Eisenbahnstrecke auf dem spanischen Festland \u00fcber den Banco de Barcelona. Und die wichtigsten Aktion\u00e4re des Finanzinstituts waren mit Menschenhandel reich geworden. Ohne ihr Geld w\u00e4re Kataloniens Aufstieg zur Industrienation wom\u00f6glich anders verlaufen.<\/p>\n<p>Am Fu\u00df der Ramblas weist eine Kolumbus-Statue Richtung Meer, auch sie ein Hinweis darauf, welche Bedeutung die \u00dcberseekolonien f\u00fcr Barcelonas Bourgeoisie hatten. Zehn Minuten Fu\u00dfweg entfernt, am Pla de Palau, erstreckt sich ein Geb\u00e4ude \u00fcber einen gesamten H\u00e4userblock. Wegen des ber\u00fchmten Paella-Restaurants &#8220;Set Portes&#8221;, das unter seinen Arkaden residiert, ist die Adresse stadtbekannt. Doch auf die Reliefs an der Fassade achtet kaum ein Gast. Auf einem schleppen dicke Engelchen F\u00e4sser von einem Schiff. Auf einem anderen schneiden Putten B\u00fcndel Zuckerrohr. Pittoreske Szenen, die eine andere Lesart bekommen, wenn man sie in den Kontext setzt. Denn nat\u00fcrlich handelt es sich dabei in Wahrheit um Sklaven. Zwischen den Portalen prangt das Portrait eines Mannes mit afrikanischen Z\u00fcgen, auf dem Kopf ein federverzierter Turban. Josep Xifr\u00e9 i Cases hatte das Geb\u00e4ude 1830, inspiriert von den Pariser Luxusmeilen, erbauen lassen. Wie viele andere war auch er auf Kuba in wenigen Jahren zum Million\u00e4r geworden, durch Zucker-, Kaffee- und Sklavenhandel. Mit seinem Verm\u00f6gen finanzierte er auch Theater und Hospit\u00e4ler. Die Hintergr\u00fcnde des Reichtums des einflussreichen M\u00e4zens zu akzeptieren, f\u00e4llt in Spanien schwer.<\/p>\n<p>Als der Pay-TV-Sender Canal Historia k\u00fcrzlich eine Dokumentarreihe zum Thema Sklaverei in Spanien ver\u00f6ffentlichte, f\u00fcr die auch Sanjuan und andere Forscher interviewt worden waren, h\u00e4uften sich in den Kommentarspalten Bemerkungen wie &#8220;Alles L\u00fcge!&#8221; und &#8220;Nestbeschmutzer&#8221;. Von einer R\u00fcckkehr der &#8220;schwarzen Legende&#8221; war die Rede, vom vor allem im angels\u00e4chsischen Raum verbreiteten Klischee eines r\u00fcckst\u00e4ndigen Spanien: ein Zerrbild, das vor allem Spaniens Konservative immer noch in Rage bringt. Jos\u00e9-Miguel Sanjuan seufzt. &#8220;Es geht uns nicht darum, irgendwelche Namen in den Schmutz zu ziehen. Wir wollen lediglich aufzeigen, wie der Reichtum aus dem Sklavenhandel die wirtschaftliche Entwicklung mitbedingte&#8221;, betont er. Nur so k\u00f6nne man aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und bis heute <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1166851.karl-may-und-winnetou-genozidforscher-zimmerer-das-ist-weisse-identitaetspolitik.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">existente rassistische Stereotype<\/a> erkennen und hinterfragen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118069","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118069","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118069"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118069"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118069"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}