{"id":118071,"date":"2024-02-05T13:53:42","date_gmt":"2024-02-05T12:53:42","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118071"},"modified":"2024-02-11T12:12:34","modified_gmt":"2024-02-11T11:12:34","slug":"macheten-angriff-in-spanien-ich-bring-dich-um-ich-bring-dich-um","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/macheten-angriff-in-spanien-ich-bring-dich-um-ich-bring-dich-um\/","title":{"rendered":"Macheten-Angriff in Spanien: &#8220;Ich bring dich um, ich bring dich um!&#8221;"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>\u00a0Von Antonia Sch\u00e4fer und Julia Macher.<\/p>\n<p>Im Zimmer des T\u00e4ters herrscht Chaos. Hinter einem blauen Vorhang liegen zwei umgest\u00fcrzte Betten, auf einem Beistelltisch B\u00fccher und Papiere. &#8220;Die Polizei hat alles durchw\u00fchlt&#8221;, sagt Mehdi*, der gemeinsam mit Yassine Kanjaa und vier anderen jungen Marokkanern in dem verwahrlosten H\u00e4uschen in Algeciras gelebt hat. Mehdi deutet auf verstreute Kleider, die die schimmeligen Stufen im Hof bedecken. Kanjaas westliche Kleider. Die seien f\u00fcr ihn nun verboten, habe Kanjaa behauptet &#8211; so erz\u00e4hlt es Mehdi der ZEIT nach der Bluttat.<\/p>\n<p>Yassine Kanjaa st\u00fcrmte am vergangenen Mittwoch, bewaffnet mit einer Machete, in zwei Kirchen, verletzte vier Menschen und erstach schlie\u00dflich einen K\u00fcster. Nun ermittelt die Audiencia Nacional, das in f\u00fcr Terrordelikte zust\u00e4ndige Gericht, wegen des Verdachts auf ein dschihadistisches Attentat. Es w\u00e4re das erste in der s\u00fcdspanischen Hafenstadt Algeciras, die bisher als Musterbeispiel f\u00fcr gutes Zusammenleben der Religionen galt.<\/p>\n<p>Die muslimischen Mitbewohner des Verhafteten wirken hilflos. Ihnen sei fr\u00fcher schon aufgefallen, dass mit Yassine Kanjaa etwas nicht stimme. &#8220;Er war etwas paranoid&#8221;, sagt Maleek*, ein 28-J\u00e4hriger mit gegelten Haaren und bunter Winterjacke. Maleek ist der einzige der vier Bewohner, der einen Arbeitsvertrag und eine Aufenthaltsgenehmigung hat. Bereits auf kleinste Ger\u00e4usche habe Yassine empfindlich reagiert, sein aufbrausender Charakter sorgte f\u00fcr Zwist. &#8220;Aber vor zwei Monaten wurde es richtig schlimm.&#8221; Er sei ausfallend geworden, wenn Frauen ins Haus kamen, habe an Flaschen gerochen, um zu pr\u00fcfen, ob sie Alkohol enthielten. &#8220;Alles war pl\u00f6tzlich haram.&#8221; Haram bedeutet nach der Scharia verboten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor zwei Wochen bedrohte Kanjaa einen Mitbewohner mit einer Machete, weil der schlecht \u00fcber ihn geredet hatte. Der junge Mann zog noch am selben Tag aus. Es war vermutlich dieselbe Waffe, mit der Kanjaa nun loszog, um einen Menschen zu t\u00f6ten: ein etwa 50 Zentimeter langes Messer mit breiter, gekr\u00fcmmter Klinge. W\u00e4hrend der Glaubenskriege der spanischen Reconquista wurden \u00e4hnliche Waffen von christlichen wie muslimischen K\u00e4mpfern verwendet.<\/p>\n<p>V\u00f6llig au\u00dfer sich habe Yassine an jenem Nachmittag gewirkt, erz\u00e4hlt Sab*, ein weiterer Mitbewohner. Yassine habe an einer Stra\u00dfenecke, keine 15 Meter vom Haus entfernt, ein M\u00e4dchen bep\u00f6belt. Sab fuhr ihn an, es in Ruhe zu lassen. &#8220;Ich bring dich um, ich bring dich um&#8221;, schrie Yassine daraufhin angeblich. Dann stand er still, starrte ins Nichts. &#8220;Als h\u00e4tten seine Augen etwas anderes gesehen als ich.&#8221;<\/p>\n<p>Die Tatorte sind eine klassische andalusische Kulisse. Die Plaza Alta ist ein von Palmen und Orangenb\u00e4umen ges\u00e4umter Platz, auf dem Rentner Nachmittagsplausch halten und Kinder Skateboard-Tricks \u00fcben. Im Westen erstrahlt wei\u00df die Pfarrkirche Nuestra Se\u00f1ora de La Palma mit ihrem Glockenturm im Kolonialstil, ein Wahrzeichen der Stadt. Auch wenn die Zahl der Katholiken in Spanien mit 18 Prozent auf einem historischen Tiefstand ist: Hier feiert man t\u00e4glich die Messe.<\/p>\n<p>In der Kirche Nuestra Se\u00f1ora de La Palma arbeitete Diego Valencia, der an diesem Tag von Yassine Kanjaa erstochen wird, 16 Jahre lang als K\u00fcster. Nur 500 Meter entfernt steht eine bescheidenere Kirche, die Parroquia San Isidro. Hier zelebriert der Salesianer-Priester Antonio Rodr\u00edguez, den der T\u00e4ter schwer verletzt.<\/p>\n<p>Bereits am fr\u00fchen Abend des Tattages soll Kanjaa durch die Altstadt gezogen sein. Der 25-j\u00e4hrige Marokkaner mit dem rotbraunen Haar und dem Vollbart tr\u00e4gt \u00fcber einer wei\u00dfen Jogginghose eine schwarze Dschellaba. Solche langen Gew\u00e4nder sind nichts Ungew\u00f6hnliches in Algeciras: liegt in Sichtweite, die F\u00e4hre nach Nordafrika verkehrt bis zu 14-mal t\u00e4glich. Etwa zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung sind Muslime, zum Fastenbrechen und anderen Festen laden sie Christen ein.<\/p>\n<p>Laut Zeugenaussagen betritt Kanjaa die San-Isidro-Kirche erstmals gegen 18.30 Uhr. Pfarrer Antonio Rodr\u00edguez und seine K\u00fcsterin bereiten die Abendmesse vor. Kanjaa nimmt die Bibel vom Pult, sagt, dieses Buch sei nichts wert. Es kommt zum Wortgefecht. Doch als die K\u00fcsterin ihm die T\u00fcr weist, leistet er Folge. Ob er die Tatwaffe schon bei sich tr\u00e4gt, bleibt unklar.<\/p>\n<p>Er k\u00f6nnte in seine Wohnung zur\u00fcckgekehrt sein. Das Haus mit den zerbrochenen Fensterscheiben in der gepflasterten Gasse, ein Fremdk\u00f6rper zwischen schmucken wei\u00df-blauen Geb\u00e4uden, liegt nur hundert Meter entfernt. Dort in der N\u00e4he begegnet ihm sein erstes Opfer, ein Marokkaner, den er als &#8220;Ungl\u00e4ubigen&#8221; beschimpft, ihm einen Faustschlag versetzt und seine Brille zerst\u00f6rt. Laut Aussage des Opfers tr\u00e4gt Kanjaa da die Machete schon bei sich.<\/p>\n<p>Um<br \/>\n19.25 Uhr betritt er abermals die San-Isidro-Kirche, diesmal mit der<br \/>\nTatwaffe in der Hand. Der Pfarrer hat eben die Kommunion gereicht, er<br \/>\nsteht am Altar. Kanjaa geht direkt zu ihm, versetzt ihm mit der Machete<br \/>\neinen Hieb in den Nacken. Pfarrer Rodr\u00edguez, ein schm\u00e4chtiger<br \/>\n74-J\u00e4hriger, bricht zusammen. Die Wunde blutet stark. Ein anwesender<br \/>\nKrankenpfleger und ein Polizist leisten Erste Hilfe.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Yassine Kanjaa eilt weiter,<br \/>\nRichtung Plaza Alta. Mit erhobener Waffe st\u00fcrmt er durch das Hauptportal<br \/>\nder Nuestra Se\u00f1ora de La Palma. Die Messe ist eben zu Ende. K\u00fcster<br \/>\nDiego Valencia, 65, r\u00e4umt den Altarraum auf. Der T\u00e4ter fegt das Kruzifix<br \/>\nvom Altar, greift den K\u00fcster an. Offenbar verwechselt er ihn mit einem<br \/>\nPriester.<\/p>\n<p>Die Augenzeugin Teresa<br \/>\nCabello, 69, steht bei der Jesusstatue vorm Seiteneingang, als Kanjaa<br \/>\ndie Kirche betritt. &#8220;Er schrie \u203aAllah, Allah!\u2039 \u2013 wie ein Verr\u00fcckter&#8221;,<br \/>\nerz\u00e4hlt sie der ZEIT. Gemeindemitglieder seien zur\u00fcck in die Kirche<br \/>\ngest\u00fcrzt. &#8220;Ich lief mit, aber zu langsam, mein Knie ist kaputt.&#8221; Noch<br \/>\ndrau\u00dfen h\u00f6rt sie, wie der K\u00fcster um Hilfe ruft. Unter Tr\u00e4nen sagt sie<br \/>\njetzt: &#8220;Das hat Diego nicht verdient.&#8221;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Diego Valencia schafft es ins<br \/>\nFreie, doch der Angreifer folgt ihm. Vom Geschehen auf der Plaza Alta<br \/>\ngibt es ein Video, gefilmt von einem der Fliehenden: Kanjaa mit der<br \/>\nMachete in der Hand, wie er \u00fcber den fast leeren Platz rennt. F\u00fcr<br \/>\nSekunden verschwindet er aus dem Bild, dann kehrt er zur\u00fcck, reckt<br \/>\ntriumphierend den rechten Arm mit der Waffe in die H\u00f6he, die linke Hand<br \/>\nsteckt in der Tasche der Jogginghose. Kanjaa deutet eine Verbeugung an,<br \/>\nwie ein Schauspieler, wenn der Vorhang f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Laut <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/thema\/polizei\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Polizei<\/a><br \/>\nhaben mindestens zwei Passanten versucht, ihn festzuhalten, er st\u00f6\u00dft<br \/>\nsie von sich, verletzt sie leicht. Anschlie\u00dfend schlendert er zur<br \/>\nBarockkapelle Capillita de Europa auf der anderen Seite des Platzes.<br \/>\nMessen werden hier keine zelebriert. Das wei\u00df Kanjaa wohl nicht. Er<br \/>\nr\u00fcttelt an der verschlossenen T\u00fcr. Minuten sp\u00e4ter l\u00e4sst er sich<br \/>\nwiderstandslos festnehmen.<\/p>\n<p>Im Bericht des<br \/>\nErmittlungsrichters lesen sich die letzten Sekunden im Leben des K\u00fcsters<br \/>\nDiego Valencia dramatisch: Als das Opfer auf dem Boden lag, &#8220;hob der<br \/>\nAngreifer das Messer mit beiden H\u00e4nden, blickte zum Himmel und stie\u00df,<br \/>\nw\u00e4hrend er einige Worte auf Arabisch rief, darunter \u203aAllah\u2039, noch einmal<br \/>\nzu&#8221;. Der Tathergang ist neben dem in Kanjaas Wohnung sichergestellten<br \/>\nPropagandamaterial Hauptindiz f\u00fcr den Terrorismusverdacht.<\/p>\n<p>Am Montag wird Yassine<br \/>\nKanjaa vor der Audiencia Nacional in Madrid vernommen. Das Gericht f\u00fcr<br \/>\nTerrordelikte ist in einem achtst\u00f6ckigen Neubau untergebracht. Lange<br \/>\nZeit wurden hier fast nur Anschl\u00e4ge der baskischen Terrororganisation<br \/>\nEta ermittelt. Seit 2004 besch\u00e4ftigt auch islamistischer Terror die<br \/>\nRichter. Damals z\u00fcndeten T\u00e4ter, die Al-Kaida und der &#8220;Marokkanischen<br \/>\nKampfgruppe&#8221; nahestanden, Sprengs\u00e4tze in vier Madrider Vorortz\u00fcgen, 193<br \/>\nMenschen starben. Im August 2017 raste ein Islamist mit einem<br \/>\nLieferwagen \u00fcber die Ramblas in Barcelona und t\u00f6tete 16 Menschen.<br \/>\nUrspr\u00fcnglich waren Sprengstoffanschl\u00e4ge geplant, so vor der Sagrada<br \/>\nFam\u00edlia. In beiden F\u00e4llen waren internationale T\u00e4tergruppen beteiligt.<\/p>\n<p>Der Fall von Algeciras<br \/>\nist anscheinend anders gelagert. Kanjaa habe allein gehandelt, ohne<br \/>\nKomplizen, ohne Netzwerk, hei\u00dft es aus der Audiencia Nacional. Er sei<br \/>\nvon niemandem angestiftet worden, gab er selbst zu Protokoll.<\/p>\n<p>Islamistische Einzelt\u00e4ter<br \/>\nsind nichts Ungew\u00f6hnliches. Der IS verf\u00fcgt nicht mehr \u00fcber die<br \/>\nInfrastruktur, um detaillierte Anschl\u00e4ge in Europa zu planen. Seit dem<br \/>\nNiedergang des &#8220;Kalifats&#8221; existiert der IS nur noch im Untergrund. Aber<br \/>\nes gibt Hinweise, dass er st\u00e4rker im Internet agiert. So wurden in<br \/>\nDeutschland zwei F\u00e4lle bekannt, in denen der IS potenzielle Attent\u00e4ter<br \/>\n\u00fcber Messenger anleitete. Ermittler k\u00f6nnen oft auch nach Auswertung der<br \/>\nSmartphones nicht sagen, in welchem Staat solche Strippenzieher sa\u00dfen.<br \/>\nManchmal radikalisieren sie junge M\u00e4nner, manchmal melden sich<br \/>\nRadikalisierte bei ihnen. Eine Terror-Support-Hotline.<\/p>\n<p>Ob Yassine Kanjaa einen<br \/>\nMentor hatte, ist unklar. Laut den Ermittlungsakten radikalisierte er<br \/>\nsich schnell, vor allem durch den Konsum von &#8220;dschihadistischem<br \/>\nMaterial&#8221; im Netz. Die Polizei hat laut Presseberichten auch USB-Sticks<br \/>\nmit Chat-Verl\u00e4ufen sichergestellt.<\/p>\n<div>\n<p>Kanjaas Mitbewohner sagen, er<br \/>\nhabe argw\u00f6hnisch \u00fcber sein Handy gewacht, h\u00e4ufig Predigten geh\u00f6rt. Und<br \/>\ner distanzierte sich von ihnen. Als sie einen Geburtstag feierten, mit<br \/>\nMusik und Bier, st\u00fcrmte Kanjaa aus seinem Zimmer, schrie: &#8220;Musik aus!<br \/>\nKein Alkohol!&#8221; Oft sa\u00df er wie abwesend auf einem Stuhl in der Ecke. &#8220;Er<br \/>\nwar verr\u00fcckt&#8221;, sagt Sab. Und Maleek erg\u00e4nzt: &#8220;Ich hatte Mitleid und<br \/>\nahnte nicht, dass er so durchdreht.&#8221;<\/p>\n<p>Warum sie nicht die<br \/>\nPolizei riefen? Bis auf Maleek hat keiner von ihnen Papiere. Gegen<br \/>\nYassine lag ein Ausweisungsbescheid vor, verh\u00e4ngt nach einer<br \/>\nRoutinekontrolle der Polizei im Juni 2022, nur weil Yassine keinen Pass<br \/>\nvorlegen konnte. Da er nicht vorbestraft war, lie\u00dfen die Beh\u00f6rden den<br \/>\nFall ruhen. Allein im Jahr 2022 wurden vom Innenministerium 34.949<br \/>\nAusweisungsbescheide verh\u00e4ngt, fast alle wegen illegaler Einreise. 2627<br \/>\nwurden vollstreckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wann und wie kam Kanjaa<br \/>\nnach Spanien? Aktenkundig ist lediglich, dass Kanjaa zweimal illegal<br \/>\neinreiste. 2019 \u00fcberquerte er die Meerenge von Gibraltar, wurde gleich<br \/>\nwieder abgeschoben. \u00dcber das Datum seiner zweiten Einreise und seine<br \/>\nFamilie in Marokko war bei Redaktionsschluss nichts bekannt. In seiner<br \/>\nWohnung in Algeciras lie\u00dfen die Ermittler Kanjaas handschriftliche<br \/>\nVokabellisten zur\u00fcck, ein Weihrauchgef\u00e4\u00df und einen Zettel mit arabischen<br \/>\nBittgebeten. Es sind magische Worte, wie manche Muslime sie noch heute<br \/>\nbei sich tragen, zum Schutz vor Schaden und Krankheit.<\/p>\n<div>In den Moscheen von Algeciras<br \/>\nist Kanjaa nicht gut gelitten. Der Imam Mohamed El Mkaddem, 43 Jahre<br \/>\nalt, sitzt in einem B\u00fcro in der Al-Huda-Moschee, der gr\u00f6\u00dften der Stadt.<br \/>\nDas Holztor ist mit eisernen Kn\u00f6pfen verziert, eine Klingel gibt es<br \/>\nnicht. Yassine Kanjaa sei nie in seine Moschee gekommen, sagt der Imam.<br \/>\nEinmal habe er ihn an der T\u00fcr getroffen, er habe sich beschwert \u00fcber die<br \/>\nGl\u00e4ubigen. &#8220;Sie w\u00fcrden zu laut sprechen und sich nach dem Waschen nicht<br \/>\nrichtig abtrocknen, sodass Wasser auf den Boden tropfe.&#8221; El Mkaddem<br \/>\nsch\u00fcttelt den Kopf: &#8220;Ich habe ihm gesagt, dass jeder nach seiner Art<br \/>\nleben kann. Er nickte und ging.&#8221;<\/div>\n<p>Aus einer anderen,<br \/>\nkleinen Moschee am Hafen warf man Kanjaa eine Woche vor der Tat raus,<br \/>\nweil er lautstark forderte, die Moschee 24\u00a0Stunden zu \u00f6ffnen, nicht nur<br \/>\nf\u00fcr Gebete.<\/p>\n<p>Als der K\u00fcster Diego<br \/>\nValencia am vergangenen Freitag bestattet wird, nehmen viele Vertreter<br \/>\nder muslimischen Gemeinden teil. Vor der Kirche legen Frauen im Hidschab<br \/>\nBlumen ab. Die Islamische Kommission, die alle islamischen Verb\u00e4nde<br \/>\nSpaniens vertritt, ist ersch\u00fcttert &#8220;\u00fcber das m\u00f6rderische Verbrechen&#8221;.<br \/>\nBei der Trauerfeier predigt ein Bischof Frieden. Drau\u00dfen: Polizei,<br \/>\nAbsperrgitter, Mannschaftswagen. \u00dcber den Toten hei\u00dft es, er sei<br \/>\nwehrhaft gewesen. Einmal jagte er einen Dieb aus der Kirche.<\/p>\n<p>Diego Valencia<br \/>\nhinterl\u00e4sst eine Frau, zwei Kinder, zwei Enkel. Auch die erste<br \/>\nSonntagsmesse nach seinem Tod ist &#8220;unserem Diego&#8221; gewidmet. Zwei<br \/>\nPolizisten stehen vor der Kirche. B\u00fcrgermeister Jos\u00e9 Ignacio Landaluce<br \/>\nbegr\u00fc\u00dft sie pers\u00f6nlich und verspricht: &#8220;63 neue Beamte kommen bald zum<br \/>\nEinsatz.&#8221;<\/p>\n<p>F\u00fcr den Gemeindepfarrer<br \/>\nJuan Jos\u00e9 Marina ist es die erste Messe, die er allein, ohne seinen<br \/>\nK\u00fcster zelebriert. Eigentlich ist Marina ein leutseliger Priester, der<br \/>\nauf Facebook gern Fotos von sich beim Stiertreiben in Pamplona postet.<br \/>\nDoch der Mord an Diego, der seit acht Jahren f\u00fcr ihn arbeitete,<br \/>\nersch\u00fcttert ihn sichtlich. Der Anschlag habe ihm gegolten, sagt er. Und<br \/>\nh\u00e4tte er an dem Mittwoch nicht in einer Nachbargemeinde ausgeholfen\u00a0&#8230;<br \/>\nPfarrer Marina liest nun aus der Bergpredigt: &#8220;Selig sind die<br \/>\nTrauernden, denn sie werden getr\u00f6stet werden.&#8221; Dass diese Bibelstelle im<br \/>\nKalender stehe, sei &#8220;Vorsehung&#8221;. Dann predigt er Vergebung.<\/p>\n<p>Da hat die politische<br \/>\nInstrumentalisierung des Anschlags l\u00e4ngst begonnen. Im Herbst 2023 wird<br \/>\nin Spanien gew\u00e4hlt, Parteien des rechten und konservativen Spektrums<br \/>\nbuhlen um dieselbe Klientel. Die rechtsextreme Vox kam in Algeciras 2022<br \/>\nmit ihren Themen innere Sicherheit und illegale Migration auf fast 20<br \/>\nProzent, sieben Prozent mehr als im Rest Andalusiens. &#8220;Wir d\u00fcrfen das<br \/>\nVoranschreiten des Islamismus nicht tolerieren&#8221;, twittert der<br \/>\nVox-Pr\u00e4sident gleich nach dem Attentat. Die Konservativen schlagen in<br \/>\ndieselbe Kerbe. Das Drama von Algeciras spielt in einer ver\u00e4nderten<br \/>\npolitischen Landschaft: Andalusien ist nicht mehr Hochburg der<br \/>\nSozialisten. Der Hafen von Algeciras ist Einfallstor f\u00fcr Drogen, auch<br \/>\nweil Marokko weltweit f\u00fchrender Exporteur von Haschisch ist. Gegen die<br \/>\nDrogenh\u00e4ndler gab es schon Demos.<\/p>\n<p>Am Sonntag<br \/>\nin der Kirche stehen sie Schlange, um den Pfarrer Marina zu umarmen. Als<br \/>\ner sp\u00e4ter in Stra\u00dfenkleidung aus dem Seiteneingang tritt, weil vorn die<br \/>\nMedien warten, wirkt er ersch\u00f6pft. Die dicke Brille l\u00e4sst seine<br \/>\nger\u00f6teten Augen \u00fcbergro\u00df erscheinen. Sieht er einen religi\u00f6sen<br \/>\nHintergrund der Tat? Marina seufzt. &#8220;Der Mensch missbraucht den Namen<br \/>\nGottes, seit er s\u00fcndigt.&#8221; Dann beklagt er die Lebensumst\u00e4nde des T\u00e4ters.<br \/>\nSo viele junge M\u00e4nner k\u00e4men ohne Papiere nach Spanien, f\u00e4nden keine<br \/>\nArbeit und keine Zukunft. &#8220;Was tun sie dann hier?&#8221;, fragt Marina. Das<br \/>\nGanze mache ihn w\u00fctend, vor allem aber traurig.<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<p><em>*Die Namen sind von der ZEIT anonymisiert<\/em><\/p>\n<p><em>Mitarbeit: Ulrich Ladurner, Yassin Musharbash, Abdel-Hakim Ourghi<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":67,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118071","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118071","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/67"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118071"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118071"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118071"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}