{"id":118110,"date":"2024-02-08T21:31:10","date_gmt":"2024-02-08T20:31:10","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118110"},"modified":"2024-05-30T19:54:47","modified_gmt":"2024-05-30T18:54:47","slug":"das-geschlechter-paradox-foerdert-gleichberechtigung-alte-rollenbilder","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/das-geschlechter-paradox-foerdert-gleichberechtigung-alte-rollenbilder\/","title":{"rendered":"Das Geschlechter-Paradox \u2013 F\u00f6rdert Gleichberechtigung alte Rollenbilder?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Manuskript:<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Musik<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Wir leben in aufgekl\u00e4rten Zeiten. M\u00e4nner und Frauen sind gleichberechtigt \u2013 das sagt nicht nur das Grundgesetz, dem kommen wir auch im Alltag immer n\u00e4her. In der aktuellen Wertung des Weltwirtschaftsforums ist die Gleichberechtigung in Deutschland zu 82 Prozent verwirklicht, Tendenz steigend (1).<\/p>\n<p>Sind wir also auf dem Weg zur vollkommenen Gleichstellung der Geschlechter? In den letzten Jahren sind einige Studien erschienen, die behaupten: Bei aller Gleichberechtigung nehmen manche Stereotype \u00fcber M\u00e4nner und Frauen wieder zu. Ein Ph\u00e4nomen, das auf den ersten Blick paradox erscheint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Musik: <\/strong>Danger Dan \u2013 \u201eSand in die Augen\u201c<\/p>\n<p><em>\u2026 Wie soll ich ihr erkl\u00e4ren, wo liegt da der Unterschied?<\/em><\/p>\n<p>Man muss nicht auf Wunder warten, weil es keine Wunder gibt<em> \u2026<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin Titel:<\/strong><\/p>\n<p>Das Geschlechter-Paradox \u2013 F\u00f6rdert Gleichberechtigung alte Rollenbilder?\u00a0Von Christoph Dr\u00f6sser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Stra\u00dfenumfrage:<\/strong><\/p>\n<p>Frage: W\u00fcrden Sie M\u00e4dchen raten, ein technisches oder naturwissenschaftliches Fach zu studieren?<\/p>\n<p>Frau 1: Die sind sowieso vielseitig ausgerichtet und von daher brauche ich denen nichts zu empfehlen, die machen alles.<\/p>\n<p>Frau 2: Man kann eigentlich gar nicht mehr so einen Unterschied machen zwischen M\u00e4dchen und Junge finde ich heutzutage, die \u00e4ndern sich selber, die Kids sind inzwischen ganz anders wie ich als Kind war. Ich habe alles gemacht, was mir gesagt worden ist bis zur Berufsausbildung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>In unseren Stra\u00dfenumfragen in Baden-Baden und Halle an der Saale haben alle Befragten best\u00e4tigt, dass junge Frauen heute ganz selbstverst\u00e4ndlich Berufe w\u00e4hlen k\u00f6nnen, die fr\u00fcher M\u00e4nnern vorbehalten waren. Die Freiheit f\u00fcr beide Geschlechter bei der Berufswahl ist gr\u00f6\u00dfer denn je, das ist der Konsens. Aber was w\u00e4hlen die jungen Menschen tats\u00e4chlich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Atmo: <\/strong>Gepl\u00e4nkel mit Gijsbert Stoet<\/p>\n<p>&#8230; Gijsbert Stoet, das kann keiner sagen \u2026 auf Deutsch kann man Giesbert sagen, das ist das deutsche \u00c4quivalent \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Also gut, sprechen wir den Namen deutsch aus. Gijsbert Stoet ist ein niederl\u00e4ndischer Psychologie-Professor, er erregte im Jahr 2018 Aufsehen mit einer Studie, in der er die Studienfachwahl von jungen Menschen in 67 L\u00e4ndern unter die Lupe nahm (2).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Prof. Gijsbert Stoet, University of Essex:<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe Geschlechtsunterschiede in der Psychologie seit 2008 oder 2009 untersucht und meine Haltung ist eine eines Skeptikers, der nicht immer alles glaubt, was im Radio oder im Fernsehen \u00fcber Geschlechterunterschiede gesagt wird. Manchmal denkt man, ist es wirklich wahr?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Insbesondere interessierte Stoet und seinen Koautor David Geary der M\u00e4nner\u00fcberschuss in den MINT-F\u00e4chern, das sind Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Den gibt es in allen L\u00e4nden, aber er ist nicht \u00fcberall gleich gro\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Gijsbert Stoet:<br \/>\n<\/strong>Und dann haben wir gesehen, dass die Geschlechtsunterschiede einfach gr\u00f6\u00dfer werden, je gleichberechtigter das Land wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Wie bitte? Ja, wir haben richtig geh\u00f6rt. Auch Stoet war erstaunt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Gijsbert Stoet:<\/strong><\/p>\n<p>Und es war zun\u00e4chst auch ein bisschen eine \u00dcberraschung, weil jeder sicherlich in den 70er-Jahren oder in den 80ern, auch in den 90er-Jahren immer gesagt hat, na ja, gut, die Gleichberechtigung wird immer besser und junge M\u00e4nner und junge Frauen werden immer mehr die gleichen Aufgaben erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>In L\u00e4ndern wie Indonesien, Algerien oder Albanien war der Frauenanteil in den MINT-F\u00e4chern gr\u00f6\u00dfer als in Deutschland, Finnland oder Schweden. Generell wuchs die L\u00fccke zwischen M\u00e4nnern und Frauen mit der Zunahme der Gleichberechtigung in der Gesellschaft. Sie wird mit dem Gleichberechtigungsindex ermittelt, den das Weltwirtschaftsforum jedes Jahr erstellt \u2013 ein sehr deutlicher mathematischer Zusammenhang. Deutschland steht auf Platz 6 des L\u00e4nderrankings f\u00fcr die Gleichberechtigung \u2013 aber nur 27 Prozent der MINT-Absolventen an den Hochschulen sind Frauen. Algerien steht auf dem drittletzten Platz der Gleichberechtigung, aber 42 Prozent der Absolventinnen sind weiblich.<\/p>\n<p>Gijsbert Stoet war \u00fcberrascht \u2013 aber nicht entsetzt. Er findet, es wird eigentlich schon zu viel Druck auf Frauen gemacht, in diese mathematisch-technischen Berufe zu gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Gijsbert Stoet:<\/strong><\/p>\n<p>Wir sollen sehr froh sein, dass wir studieren k\u00f6nnen, was wir wollen. Und diese Idee, wenn eine junge Frau MINT studiert, ist sie eigentlich eine gute Frau. Und wenn eine junge Frau gut in MINT ist in der Schule, aber trotzdem kein MINT studiert, ist sie vielleicht nicht so gut in der Betrachtung von dieser Ideologie. Ich meine nicht, dass das ganz explizit gesagt wird, aber man h\u00f6rt es manchmal so im Radio oder so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Passantin:<\/strong><\/p>\n<p>Frau: Ich bin jetzt Kommunikationsdesignerin, also Grafikerin.<\/p>\n<p>Frage: Und du wolltest keinen technischen Beruf w\u00e4hlen?<\/p>\n<p>Frau: Das w\u00e4re mein Notnagel gewesen, wenn das mit der Bewerbung an der Kunsthochschule nicht geklappt h\u00e4tte<\/p>\n<p>Frage: Also es ist einfach kein Spa\u00df an Mathe?<\/p>\n<p>Frau: Doch das hatte ich schon, aber das war so eine Vorstellung: Okay, da w\u00fcrden wahrscheinlich die Frauen in der Minderheit sein. Und habe ich da so Bock drauf, die eine von 20 Frauen zu sein, die da im Studium sitzt? Ich bin nach wie vor gl\u00fccklich mit meiner Berufswahl, aber ich wei\u00df auch, dass ich mehr Geld h\u00e4tte, wenn ich Informatik oder Mathematik studiert h\u00e4tte. Aber ob jetzt Geld gl\u00fccklicher macht, ist ja dann auch die n\u00e4chste Frage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Stoet und Geary nannten das Ph\u00e4nomen das \u201eGender Equality Paradox\u201c, das Geschlechtergleichheitsparadox. Wenn wir so frei w\u00e4hlen k\u00f6nnen \u2013 warum entscheiden sich dann in den entwickelten L\u00e4ndern mehr Frauen f\u00fcr \u201efrauentypische\u201d Berufe, etwa Erzieherin, Lehrerin, Krankenschwester? Die naheliegendste Erkl\u00e4rung: Da kommt das \u201ewahre Wesen\u201c von Mann und Frau zum Ausdruck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Gijsbert Stoet:<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man etwas in jedem Land findet, dann ist eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung, dass es da eine biologische Grundlage gibt, insbesondere wenn es eigentlich keine alternative Erkl\u00e4rung gibt. Wir sagen nicht, dass M\u00e4nner und Frauen unterschiedliche kognitive F\u00e4higkeiten haben. Wir sagen in unserer Forschung immer, dass M\u00e4nner und Frauen unterschiedliche Interessen haben \u2013 und Interessen treiben, was man Letzten Endes macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor: <\/strong><\/p>\n<p>Die Vermutung ist also: Wenn \u00f6konomische Zw\u00e4nge wegfallen, kann jeder und jede sich nach seiner oder ihrer biologischen Natur entscheiden. Kein Wunder, dass diese These auf Widerspruch stie\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Prof. Thomas Breda, Paris School of Economics:<\/strong><\/p>\n<p>I&#8217;m Thomas Breda, I&#8217;m trained as a labor economist. And I work on inequality on the labor market, and in particular, gender inequality. I&#8217;m based in Paris, Paris School of Economics.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Der Pariser Arbeitswissenschaftler Prof. Thomas Breda fand diese biologisch-\u00f6konomische Erkl\u00e4rung unbefriedigend \u2013 dazu waren die Unterschiede auch zwischen den L\u00e4ndern mit \u00e4hnlichem Gleichheitsindex zu gro\u00df. Portugal und Italien zum Beispiel haben einen h\u00f6heren Frauenanteil bei den MINT-F\u00e4chern als Deutschland oder die Schweiz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Thomas Breda:<\/strong><\/p>\n<p>One of the wrong ideas in the \u2026. new type of gender norms.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecher 1 Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Eine weit verbreitete falsche Vorstellung ist, dass die Geschlechternormen verschwinden, wenn die Gleichberechtigung steigt. Ich komme aus dem Land des Soziologen Pierre Bourdieu. Der hat erkl\u00e4rt, wie schwer es ist, soziale Differenzierung zu verhindern. Sobald man die einen Unterschiede beseitigt, versuchen Frauen und M\u00e4nner, sich in neuen Dimensionen voander zu unterscheiden. Das k\u00f6nnte eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Paradox sein, dass sich in den L\u00e4ndern, die einige traditionelle Geschlechternormen abgeschafft haben, andere Geschlechternormen verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Aber wie messen Forscher Geschlechtervorurteile? Sie k\u00f6nnen die Menschen direkt fragen, ob sie zum Beispiel finden, dass Jungs in Mathe von Natur aus besser sind als M\u00e4dchen oder dass M\u00e4dchen technisch weniger begabt sind als Jungs. Aber das f\u00fchrt nicht sehr weit, findet Breda.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Thomas Breda:<\/strong><\/p>\n<p>But if you ask directly \u2026 want to compare countries<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecher 1 Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man Menschen direkt danach fragt, erh\u00e4lt man wahrscheinlich verzerrte Antworten. Wir nennen das soziale Erw\u00fcnschtheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Stra\u00dfenumfrage:<\/strong><\/p>\n<p>Frage: W\u00fcrden sie sagen, dass Jungen besser geeignet sind f\u00fcr technische F\u00e4cher als M\u00e4dchen?<\/p>\n<p>Frau: Nein, warum? Diie Frauen sollen das gleiche Recht haben, auch mit dem Geld und mit allem.<\/p>\n<p>Mann: Nee, ich denke, dass Frauen genauso gut geeignet sind wie \u00a0M\u00e4nner und dass M\u00e4dchen genauso auch naturwissenschaftliche F\u00e4higkeiten entwickeln k\u00f6nnen und da sich dann entsprechend entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Die Franzosen ma\u00dfen das Vorurteil \u00fcber Frauen und MINT-F\u00e4cher indirekt. In der Pisa-Studie, dem internationalen Sch\u00fclertest, werden die Jugendlichen auch regelm\u00e4\u00dfig gefragt, wie sie ihre Interessen und Neigungen selbst einsch\u00e4tzen und wie diese von au\u00dfen gesehen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Thomas Breda:<\/strong><\/p>\n<p>We use two questions to give a very concrete idea \u2026 the same math ability.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Wir verwenden zwei Fragen beziehungsweise Aussagen aus der Studie. Die eine lautet: \u201eOb ich in Mathematik gut bin oder nicht, h\u00e4ngt allein von mir ab.\u201c Und die andere: \u201eMeine Eltern sind der Meinung, dass es f\u00fcr mich wichtig ist, Mathematik zu lernen.\u201c Wir vergleichen die Antworten der M\u00e4dchen und der Jungen auf diese Fragen unter Ber\u00fccksichtigung ihrer mathematischen Leistungen. Wir nehmen also Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen, die die gleichen mathematischen F\u00e4higkeiten haben und ein gleiches Interesse an Mathematik haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Die Forschenden schauten also nicht nur, ob die Jugendlichen gut in Mathematik waren und ob sie Spa\u00df daran hatten, sondern ob sie fanden, dass es <em>nur<\/em> auf ihre eigenen F\u00e4higkeiten ank\u00e4me und ob ihr Umfeld sie positiv in ihrem mathematischen Interesse best\u00e4rkte. Und der daraus berechnete Index f\u00fcr das Geschlechter-Vorurteil bez\u00fcglich Mathematik passte noch besser zum Gleichheitsindex und der Wirtschaftskraft der L\u00e4nder als die Studienfachwahl aus der Studie von Stoet (3) \u2013 je reicher und gleichberechtigter und man k\u00f6nnte meinen aufgekl\u00e4rter ein Land, umso gr\u00f6\u00dfer die Vorurteile bez\u00fcglich der mathematischen F\u00e4higkeiten von Frauen.<\/p>\n<p>Das klingt nun wirklich paradox. Was f\u00fcr eine Erkl\u00e4rung kann Breda anbieten, wenn es nicht die Wesensunterschiede von Mann und Frau sind?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Thomas Breda frei:<\/strong><\/p>\n<p>I don&#8217;t pretend I have a definitive answer, this should be clear .<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Er hat noch keine. Aber er hat eine Idee:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Thomas Breda:<\/strong><\/p>\n<p>So the more developed countries, \u2026 and your social identity.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecher 1 Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Die entwickelteren L\u00e4nder mit h\u00f6herer Gleichberechtigung sind auch individualistischer, man glaubt dort, sich in der Arbeit selbst zu verwirklichen. Die Entscheidung, die man bei der Berufswahl trifft, ist f\u00fcr die Selbstdefinition als Mensch und f\u00fcr die soziale Identit\u00e4t von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Diese Rollenzuweisung f\u00e4ngt schon sehr fr\u00fch an, fanden die Franzosen in einer gro\u00dfen Studie mit s\u00e4mtlichen franz\u00f6sischen Grundsch\u00fclern. In der ersten Klasse rechnen Jungen und M\u00e4dchen gleich gut \u2013 aber bald differenziert sich das Bild.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Thomas Breda:<\/strong><\/p>\n<p>What we find is pretty depressing \u2026 as well in all schools.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecher 1 Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Was wir herausgefunden haben, ist ziemlich deprimierend. Wir untersuchen die gesamte franz\u00f6sische Bev\u00f6lkerung \u2013 es gibt keinen Familientyp, in dem die M\u00e4dchen nicht nach einem Jahr Grundschule im Rechnen zur\u00fcckbleiben, obwohl sie zu Beginn genauso gut sind wie die Jungen. Ob es sich um homosexuelle Familien handelt, Alleinerziehende, Lehrerhaushalte, Kinder von Ingenieuren \u2013 \u00fcberall und in allen Schulen dasselbe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Musik: <\/strong>Danger Dan \u2013 \u201eSand in die Augen\u201d<\/p>\n<p><em>\u2026 die Sprechstundenhilfe eine Frau, der Oberarzt ein Mann<\/em><\/p>\n<p><em>Und so weiter, ganz egal wohin man sieht<\/em><\/p>\n<p><em>Der Kindergartenleiter leitet, die Erzieherin erzieht<\/em><em> \u2026<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Maria Charles, University of California, Santa Barbara<\/strong><\/p>\n<p>I&#8217;m Maria Charles, I&#8217;m a professor of sociology at the University of California, Santa Barbara. And I&#8217;ve been studying gender from a comparative perspective for more than 30 years.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Mit Geschlechter-Stereotypen besch\u00e4ftigt sich Maria Charles von der University of California in Santa Barbara schon seit langem. Die Soziologie-Professorin ist in ihren Studien schon im Jahr 2009 auf das Geschlechterparadox gesto\u00dfen, sie hat es nur nicht so genannt (4).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Maria Charles:<\/strong><\/p>\n<p>Some forms of gender segregation would decline with economic development \u2026 very different in different categories.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin 1 Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Einige Geschlechterbarrieren nehmen mit der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes ab: etwa, dass Frauen keinen Zugang zu h\u00f6herer Bildung haben oder zu F\u00fchrungspositionen. Aber andere Unterschiede nehmen zu. Ich habe \u00fcber Logik nachgedacht, die den verschiedenen Formen der Geschlechtertrennung zugrunde liegt. Bei manchen ist es die Vorstellung von der \u00dcberlegenheit des Mannes, bei den anderen ist es der verbreitete Glaube, dass sich die Geschlechter grunds\u00e4tzlich unterscheiden. Das \u00e4u\u00dferte sich schon vor 40 Jahren in Buchtiteln wie \u201eM\u00e4nner sind vom Mars, Frauen sind von der Venus\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Und diese hartn\u00e4ckigen Stereotype \u00fcber den Unterschied von Mann und Frau k\u00f6nnen sich trotz zunehmender Gleichheit in der Gesellschaft sogar verst\u00e4rken. Auch Charles macht den Individualismus in den reicheren L\u00e4ndern daf\u00fcr verantwortlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Maria Charles:<br \/>\n<\/strong>And so in rich countries, we&#8217;re constantly told, \u2026 on these kinds of stereotypes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin 1 Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>In den reichen L\u00e4ndern wird uns st\u00e4ndig gesagt: Folge deinen Leidenschaften. Die Menschen suchen nach Dingen, von denen sie erwarten, dass sie sie m\u00f6gen. Dinge, in denen Leute wie sie gut sind. Und da die Menschen nicht wirklich im Voraus wissen, was sie gut k\u00f6nnen, folgen sie diesen Stereotypen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Stra\u00dfenumfrage:<\/strong><\/p>\n<p>Frage: W\u00fcrdest du sagen, dass auch allgemein Frauen leicht in MINT-F\u00e4cher reinkommen oder in MINT-Berufe oder ob es da irgendwie H\u00fcrden gibt?<\/p>\n<p>Frau: Man sagt ja schon, dass gerade Berufe, die irgendwie Ansehen schaffen, meistens dann eher so die M\u00e4nnerberufe sind und auch die besser bezahlten. Und ich meine, MINT-Berufe wie Informatikerinnen, die waren ja auch lange tats\u00e4chlich Frauenberufe, als sie halt eben vielleicht noch eher die in Anf\u00fchrungszeichen \u201edumme Zuarbeit\u201c waren, was ja gar nicht gestimmt hat \u2013 aber wie das heute so sich entwickelt, ist eine gute Frage \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Heute bestimmen Informatiker die Zukunft in unserer technischen Gesellschaft, und in Gegenden wie dem kalifornischen Silicon Valley sind sie eine Kaste f\u00fcr sich, bewundert und hoch bezahlt \u2013 und in der gro\u00dfen Mehrheit m\u00e4nnlich. Die australische Historikerin und Psychologin Prof. Cordelia Fine hat in Deutschland vor mehr als zehn Jahren das Buch \u201eDie Geschlechterl\u00fcge \u2013 Die Macht der Vorurteile \u00fcber Mann und Frau\u201c (5) ver\u00f6ffentlicht. Sie beschreibt in ihrem bald erscheinenden neuen , wie sich das Rollenbild der Programmiererinnen und Informatiker in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Cordelia Fine sagt: Frauen sind in der Community der Computer-Fachleute nicht willkommen, auch wenn wir sie bei dem Versuch unterst\u00fctzen, dort Fu\u00df zu fassen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Prof. Cordelia Fine, University of Melbourne, frei:<\/strong><\/p>\n<p>We can tell girls: Oh, yes, you should go into computer science, right. But there it&#8217;s been very masculinized, there&#8217;s a particular kind of person who suits those kinds of jobs \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>In der Computerwelt geht es m\u00e4nnlich zu. Nur ein besonderer Typ Mensch ist angeblich f\u00fcr diese Jobs geeignet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Prof. Cordelia Fine, University of Melbourne,:<\/strong><\/p>\n<p>Women are not welcome \u2026 or less welcoming to women.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Da sind Frauen nicht sehr willkommen, obwohl in der Anfangszeit der Computertechnik Programmieren eher ein Frauenberuf war und sie auch gut darin waren. Aber die Stereotype rund um diesen Beruf sind im Lauf der Zeit immer weniger frauenfreundlich geworden.<\/p>\n<p>Die herrschende Vorstellung in westlichen Gesellschaften ist, dass wir unseren Lebensweg frei w\u00e4hlen, nur aus unserem inneren Antrieb heraus und gem\u00e4\u00df unseren Talenten und Interessen. Aber die Natur hat uns zu sozialen Wesen gemacht, die sich stark von ihrem Umfeld beeinflussen lassen. Von den Eltern, von der Freundesclique, von den Medien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Cordelia Fine:<\/strong><\/p>\n<p>What is it that&#8217;s special about the human \u2026 simple way of way of putting it.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin 1 Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Was ist das Besondere an der menschlichen Evolution? Wir haben diese au\u00dfergew\u00f6hnliche F\u00e4higkeit, uns auf komplexe Weise und in gro\u00dfem Ma\u00dfstab mit Fremden zu koordinieren. Wir haben diese \u00a0F\u00e4higkeit des sozialen Lernens und der kumulativen Kultur und \u00fcbertreffen da alle anderen Tiere. Dazu geh\u00f6rt auch, dass wir andere nachahmen, dass wir empf\u00e4nglich sind f\u00fcr Normen, und die setzen wir durch, auch wenn es uns selbst teuer zu stehen kommt. Wirtschaftswissenschaftler haben gezeigt, dass das schon bei der Interaktion mit Babys anf\u00e4ngt und sich durch die Bildungsinstitutionen zieht. Wir sollten die evolution\u00e4ren Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Konstruktion des sozialen Geschlechts nicht ignorieren. Ganz einfach ausgedr\u00fcckt: Es liegt in unserer Natur, die Kultur zu verinnerlichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Prof. Armin Falk, Universit\u00e4t Bonn:<\/strong><\/p>\n<p>Mein Name ist Armin Falk, ich bin Professor f\u00fcr Volkswirtschaftslehre an der Universit\u00e4t Bonn. Und mich interessieren die Grundlagen menschlichen Verhaltens \u2013 das, was man auch Verhaltens\u00f6konomik nennt, also die Schnittstelle zwischen der psychologischen Motivation von Entscheidungen auf der einen Seite und ihren \u00f6konomischen Wirkungen auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Armin Falk ist \u00fcberzeugt, dass das wirtschaftliche Handeln von Menschen nicht nur Vernunftregeln folgt, sondern durch kulturelle Normen und die individuelle Pers\u00f6nlichkeit bestimmt wird. Im gleichen Jahr 2018, in dem die Studie zum Gender Equality Paradox ver\u00f6ffentlicht wurde, erschien in der Zeitschrift <em>Science <\/em>eine gro\u00dfe internationale Studie, die Falk betrieben hatte (6). Sein Team untersuchte mit Umfragen einige psychologische Dimensionen des wirtschaftlichen Handelns in 76 L\u00e4ndern, die etwa 90 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung repr\u00e4sentierten. Eigenschaften wie Geduld \u2013 die braucht man zum Beispiel, wenn man Geld f\u00fcrs Alter auf die hohe Kante legt. Oder die Risikobereitschaft, die einen guten Investor ausmacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Armin Falk:<\/strong><\/p>\n<p>Und bei der Frage, woher Unterschiede in Pr\u00e4ferenzen kommen, st\u00f6\u00dft man immer wieder auf die Frage, dass es Unterschiede gibt zwischen M\u00e4nnern und Frauen. Also beispielsweise finden wir in unseren Studien, und das gilt auch weltweit im Durchschnitt jedenfalls, dass M\u00e4nner etwas risikobereiter sind als Frauen, dass Frauen etwas altruistischer sind als M\u00e4nner und so weiter. Und die Frage war: Woher kommen eigentlich diese geschlechterspezifischen Unterschiede? Und dann sind wir eben auf die Idee gekommen zu gucken, ob es vom Einkommen, also vom Sozialprodukt abh\u00e4ngt oder eben auch davon, wie ausgepr\u00e4gt die Geschlechtergleichheit in den L\u00e4ndern ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Das Ergebnis war wieder dasselbe Paradox: Je reicher ein Land und je gleichberechtigter die Geschlechter, desto gr\u00f6\u00dfer waren die Unterschiede in diesen Pers\u00f6nlichkeitsmerkmalen zwischen Mann und Frau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Armin Falk:<\/strong><\/p>\n<p>Also ich bin ganz ehrlich, ich war \u00fcberrascht, und ich habe diesen Befund auch in vielen Vortr\u00e4gen vorgestellt, und bevor ich dann die Ergebnisse zeige, die Leute gefragt. Und die meisten Zuh\u00f6rer und Zuh\u00f6rerinnen in den Vortr\u00e4gen sind dann auch \u00fcberrascht und fangen dann an, sich zu \u00fcberlegen, woran es denn liegen k\u00f6nnte, aber man darf eben eine Sache nicht verwechseln: Die M\u00f6glichkeit, sich frei zu entfalten, das, was man eigentlich ja mit Chancengerechtigkeit beschreibt, ist nicht dasselbe wie, dass Menschen nachher auch alle gleich sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Beziehungsweise die gleichen Entscheidungen treffen. An einen rein biologischen Unterschied zwischen den Geschlechtern glaubt Falk aber nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Armin Falk:<br \/>\n<\/strong>Man k\u00f6nnte ja vermuten, es gibt eine biologische Konstante, M\u00e4nner sind systematisch risikobereiter als Frauen, aber dass es in vielen L\u00e4ndern \u00fcberhaupt keinen signifikanten Unterschied gibt und dass die positiven Unterschiede in der Gr\u00f6\u00dfe sehr stark variieren \u2013 das ist mit so einer einfachen biologistischen Erkl\u00e4rung \u00fcberhaupt nicht kompatibel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Industriel\u00e4ndern wie Gro\u00dfbritannien und den USA die Geschlechterunterschiede bei diesen Eigenschaften sehr ausgepr\u00e4gt sind, sind sie in China oder Uganda fast ausgeglichen, in Ghana und Kasachstan haben sie sogar umgekehrte Vorzeichen \u2013 da sind die Frauen \u00f6konomisch risikofreudiger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Armin Falk:<\/strong><\/p>\n<p>Dem entgegen haben wir eine andere Hypothese formuliert, wir nennen das die Ressourcenhypothese. Die kurz gefasst folgenden Gedanken umfasst, dass n\u00e4mlich zur Herausbildung individueller Eigenschaften bestimmte Voraussetzungen erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, vor allem muss man aus einem Subsistenzlevel rauskommen, das ist n\u00e4mlich geschlechtsneutral.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Subsistenzlevel \u2013 das bedeutet: Die Menschen haben gerade genug f\u00fcrs nackte \u00dcberleben. Wem es wirtschaftlich schlecht geht, der kann seinen Beruf nicht frei w\u00e4hlen. Auch bei uns gab es fr\u00fcher solche Zw\u00e4nge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Armin Falk:<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich so an die Aufstiegsgeneration beispielsweise meiner Eltern denke, ging es nicht um die Frage: Was macht mir Spa\u00df? Es ging auch nicht um die Frage: Was bedeutet f\u00fcr mich Erf\u00fcllung oder was entspricht meiner Natur? All diese Dinge waren viel weniger relevant als die Frage: Wie kommen wir aus dem Dreck raus, wie kommen wir aus dieser Armut heraus?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Aber hei\u00dft das, die M\u00e4dchen in \u00e4rmeren L\u00e4ndern studieren MINT-F\u00e4cher, weil das ihre beste Chance ist, sozial aufzusteigen und aus der Armut herauszukommen? Klingt plausibel. Doch Maria Charles hat ihre Zweifel. In internationalen Sch\u00fclerstudien wird nicht nur ermittelt, worin die Jugendlichen gut sind, sondern auch, was ihnen Spa\u00df macht (6).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Maria Charles:<\/strong><\/p>\n<p>It&#8217;s not just that they do it because they want to achieve material security \u2026 in affluent Western countries.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin 1 Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Die tun das doch nicht nur, um materielle Sicherheit zu erreichen. Die Frauen in diesen L\u00e4ndern bringen auch eine gr\u00f6\u00dfere Affinit\u00e4t f\u00fcr die MINT-F\u00e4cher zum Ausdruck. Sie w\u00fcrden nichts anderes machen, wenn sie mehr Sicherheit h\u00e4tten, sondern sie identifizieren sich mit diesen F\u00e4chern in einer Weise, wie es in den wohlhabenden westlichen L\u00e4ndern nicht der Fall ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Stra\u00dfenumfrage:<\/strong><\/p>\n<p>Frage: W\u00fcrden Sie M\u00e4dchen raten, ein technisches oder ein naturwissenschaftliches Fach zu lernen oder zu studieren?<\/p>\n<p>Frau: Ich w\u00fcrde gar nichts raten. Sie soll das machen, was sie gerne machen m\u00f6chte. Ich selber habe Naturwissenschaft und Technik gemacht, insofern kann ich das nur aus vollstem Herzen empfehlen. Aber einschr\u00e4nken w\u00fcrde ich es nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Wenn freie Menschen in einer freien Gesellschaft unterschiedliche Wahlen treffen \u2013 kann man das nicht einfach hinnehmen? Gijsbert Stoet sieht die Sache entspannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Gijsbert Stoet:<\/strong><br \/>\nMenschen sollen gl\u00fccklich sein, das w\u00e4re meine Haltung. Vielleicht so eine Art humanistische Haltung. W\u00e4hrend vielleicht andere Menschen eine Haltung haben: Man sollte irgendwie die Gesellschaft \u00e4ndern.\u00a0Wenn man zum Beispiel zu mir sagen, Gijsbert, du wirst jetzt den MINT-Zar in\u00a0Deutschland, du hast einen unbeschr\u00e4nkten Budget, du kannst machen was du willst, wir geben dich Milliarden \u2013 hier ist, was ich machen w\u00fcrde:\u00a0viel mehr Geld f\u00fcr Lehrer, dann hat man, glaube ich, eine Chance das Ganze zu \u00e4ndern, aber wenn man das nicht hat, dann ist es sehr schwierig, die Kinder fangen zu sp\u00e4t an, vielleicht sich wirklich zu verlieben in ein Fach wie Technik oder so etwas.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Leider sind die meisten Jobs, die Frauen w\u00e4hlen, immer noch die schlechter bezahlten, darauf weist Thomas Breda aus Paris hin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Thomas Breda:\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>If you pay more for jobs where you have many females, \u2026 between social groups.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man f\u00fcr frauentypische Berufe wie Krankenschwester h\u00f6here Geh\u00e4lter zahlen w\u00fcrde, dann k\u00f6nnte jeder machen, was er will, und die Leute w\u00fcrden im Schnitt dasselbe verdienen. Solange man es aber f\u00fcr normal h\u00e4lt, dass Ingenieure besser bezahlt werden, so lange f\u00fchren diese Entscheidungen zu Ungleichheiten. Und wenn sie nicht auf angeborenen Pr\u00e4ferenzen beruhen, dann muss man nach den gesellschaftlichen Ursachen forschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Maria Charles:<\/strong><\/p>\n<p>If a young woman says they want to be a preschool teacher, \u2026 and not at an engineering?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin 1 Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Wenn eine junge Frau Erzieherin werden will und man sagt ihr, sie solle stattdessen Ingenieurin werden, wird das nicht gut ankommen. Denn sie glaubt ja, dass sie als Erzieherin ihre Talente am besten einsetzt und sich damit selbst verwirklicht. Man sollte die Menschen zu nichts zwingen. Aber die Frage ist: Warum glaubt sie denn, dass sie eine gute Kinderg\u00e4rtnerin ist und keine gute Ingenieurin?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Musik: <\/strong>Danger Dan \u2013 \u201eSand in die Augen\u201c<\/p>\n<p><em>\u2026Ob sie studiert oder ackert auf&#8217;m Bau<br \/>\nSie wird weniger verdienen, denn sie ist eine Frau \u2026<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>In anderen Sparten schrumpft die Geschlechterl\u00fccke erfreulicherweise, im Gesundheitswesen sind Frauen zum Beispiel immer h\u00e4ufiger die \u00c4rztin und nicht nur die Krankenschwester (7). Aber dass junge Frauen nicht in mathematisch-technische Berufe gehen, f\u00fchrt nicht nur dazu, dass sie sp\u00e4ter weniger verdienen als M\u00e4nner. Es bedeutet auch: Die Zukunftstechniken, die unsere Gesellschaft zunehmend pr\u00e4gen, werden vorwiegend von M\u00e4nnern vorangetrieben. Im Silicon Valley zum Beispiel bleiben die Softwareentwickler weitgehend unter sich, nur ein F\u00fcnftel von ihnen sind Frauen. Die gro\u00dfen KI-Unternehmen werden alle von Alpha-M\u00e4nnern geleitet, und viele meinen, dass das auch den Charakter der Technik pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Dagegen sind andere kulturelle Ph\u00e4nomene vielleicht nebens\u00e4chlich, aber doch wichtig. Beispiel Kinderspielzeug: Auch da findet eine zunehmende Polarisierung in eine rosa Welt f\u00fcr M\u00e4dchen und eine blaue Welt f\u00fcr Jungen statt. Die Soziologin Elizabeth Sweet wollte das einmal quantifizieren, erz\u00e4hlte sie in einem TEDx-Talk an der University of California in Davis (8).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton TEDx-Talk Elizabeth Sweet, San Jose State University:<\/strong><\/p>\n<p>In my dissertation research, and now postdoctoral research here at UC Davis, I analyzed over 7000 Sears catalog toy advertisements from various time points over the 20th century \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor dar\u00fcber:<\/strong><\/p>\n<p>7000 Spielzeugangebote aus Warenhauskatalogen seit Anfang des 20. Jahrhunderts untersuchte sie darauf, ob sie speziell auf Jungen oder M\u00e4dchen zielten. Das Ergebnis: Nie waren Spielzeuge so gegendert wie heute \u2013 selbst dann, wenn sie nicht einmal ein typisches Rollenverhalten bedienen. Das konnte sie ganz pers\u00f6nlich erfahren, als sie mit ihrer Tochter eine neue Brotdose kaufen wollte. Eine gr\u00fcne Box mit einem Dinosaurier drauf hatte es dem M\u00e4dchen besonders angetan.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Elizabeth Sweek:<\/strong><\/p>\n<p>As she&#8217;s taking the lunchbox off the shelf, she happens to see this tag on the lunchbox which says plain as day \u201eboys\u2018 lunchbox.\u201d And just like that, I could see the doubt cloud her eyes. She began to say I don&#8217;t think I want that lunchbox. I&#8217;m not supposed to have that lunchbox.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Als die Tochter sah, dass es sich angeblich um eine \u201eJungen-Lunchbox\u201d handelte, verflog die Begeisterung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Musik:<\/strong> Billie Eilish \u2013 \u201e What was I made for\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Kinder lernen sehr fr\u00fch, was von ihnen erwartet wird. Spielzeug ist wichtig f\u00fcr die Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit, Kinder \u00fcben soziales Verhalten, lernen Rollenmuster. Deshalb waren und sind Barbiepuppen vielen Eltern ein Dorn im Auge. Die haben fr\u00fcher ein sehr rigides Rollenbild propagiert, in den letzten Jahren sind sie ein wenig progressiver geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Maria Charles:<\/strong><\/p>\n<p>I think in 1990, there was a Barbie \u2026 Barbie is still wearing pink.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sprecherin 1 Voice-Over:<\/strong><\/p>\n<p>Anfang der 90er Jahre gab es eine Barbie, die man aufziehen konnte und dann sagte sie: \u201eMatheunterricht ist schwer, lass uns shoppen gehen.\u201c Das hatte eine gro\u00dfe Emp\u00f6rung bei Feministinnen ausgel\u00f6st, und Barbie begann sich anzupassen. Jetzt gibt es die Informatik-Barbie, die NASA-Barbie und alle Arten von Berufs-Barbies. Aber auch die Ingenieurs-Barbie tr\u00e4gt immer noch rosa.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>O-Ton Stra\u00dfenumfrage:<\/strong><\/p>\n<p>Frau: M\u00e4dchen d\u00fcrfen Pink anziehen \u2013 aber nicht, weil alle Pink tragen, sondern weil sie vor dem Kleiderschrank stehen und sagen: Ja, Pink will ich!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Autor:<\/strong><\/p>\n<p>Wir leben in einer Gesellschaft, in der die pers\u00f6nliche Autonomie und Freiheit gro\u00dfgeschrieben wird. Niemand sagt mehr, dass M\u00e4dchen d\u00fcmmer seien als Jungs, jeder und jedem steht prinzipiell die Welt offen. Diese Freiheit will uns auch niemand nehmen \u2013 aber manchmal sollten wir ein wenig Abstand nehmen und dar\u00fcber nachdenken, welche \u00e4u\u00dferen Faktoren unsere Entscheidungen mitbestimmen \u2013 und woher die geschlechtlichen Rollenmuster kommen, an denen wir uns immer noch orientieren.<\/p>\n<p><strong>Absage: <\/strong>SWR2 Wissen. Das Geschlechter-Paradox \u2013 F\u00f6rdert Gleichberechtigung alte Rollenbilder? Autor und Sprecher: Christoph Dr\u00f6sser. Mitarbeit: Fabiana Blasco. Redaktion: Sonja Striegl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Endnoten und Links<\/strong><\/p>\n<p>(1) <a href=\"https:\/\/www3.weforum.org\/docs\/WEF_GGGR_2023.pdfhttps:\/www.boeckler.de\/de\/boeckler-impuls-zahe-fortschritte-39338.htm\">https:\/\/www3.weforum.org\/docs\/WEF_GGGR_2023.pdfhttps:\/\/www.boeckler.de\/de\/boeckler-impuls-zahe-fortschritte-39338.htm<\/a><\/p>\n<p>(2) \u201cThe Gender-Equality Paradox in Science, Technology, Engineering, and Mathematics Education\u201d, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1177\/0956797617741719\">https:\/\/doi.org\/10.1177\/0956797617741719<\/a><\/p>\n<p>(3) \u201cGender stereotypes can explain the gender-equality paradox\u201d, www.pnas.org\/cgi\/doi\/10.1073\/pnas.2008704117<\/p>\n<p>(4) \u201eIndulging Our Gendered Selves? Sex Segregation by Field of Study in 44 Countries\u201d, https:\/\/www.jstor.org\/stable\/10.1086\/595942<\/p>\n<p>(5) <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Die-Geschlechterl%C3%BCge-Macht-Vorurteile-%C3%BCber\/dp\/3608947353\">https:\/\/www.amazon.de\/Die-Geschlechterl%C3%BCge-Macht-Vorurteile-%C3%BCber\/dp\/3608947353<\/a><\/p>\n<p>(6) \u201cRelationship of gender differences in preferences to economic development and gender equality\u201d, https:\/\/www.science.org\/doi\/10.1126\/science.aas9899<\/p>\n<p>(7) \u00c4rztestatistik 2016 <a href=\"https:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/baek\/ueber-uns\/aerztestatistik\/2016\">https:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/baek\/ueber-uns\/aerztestatistik\/2016<\/a><\/p>\n<p>(8) \u201eBeyond the Blue and Pink Toy Divide\u201d, https:\/\/www.elizabethvsweet.com\/tedx-talk<\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":118112,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118110","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118110","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/118112"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118110"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118110"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118110"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}