{"id":118380,"date":"2024-02-13T11:33:35","date_gmt":"2024-02-13T10:33:35","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118380"},"modified":"2024-02-13T11:33:35","modified_gmt":"2024-02-13T10:33:35","slug":"neuer-krieg-mit-gaza-kein-konflikt-von-ein-paar-tagen","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/neuer-krieg-mit-gaza-kein-konflikt-von-ein-paar-tagen\/","title":{"rendered":"Neuer Krieg mit Gaza: Kein Konflikt von ein paar Tagen"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><i>Wieder einmal werden in Israel und im Gazastreifen Tote gez\u00e4hlt und Kinderleben gegeneinander aufgewogen. Doch etwas ist diesmal anders.<\/i><\/p>\n<p><\/p>\n<\/p>\n<p>In den Augen der Welt sind gerade mal ein paar Tage vergangen, seitdem die Stimmung in Jerusalem hochkochte &#8211; und scheinbar aus heiterem Himmel ein neuer Gazakrieg entbrannte. Schliesslich feierte sich Israel gerade noch als Impfweltmeister, n\u00e4chste Woche sollten erste TouristInnen einreisen und die Wirtschaft ankurbeln. In Tel Aviv wurde in den Clubs getanzt. Israel lebte vor, worauf man in der Schweiz noch hofft.<\/p>\n<p>Stattdessen heulen nun die Sirenen. 3100 Raketen sollen bislang gegen Israel abgefeuert worden sein, wobei gut 400 davon noch im Gazastreifen niedergingen und die H\u00e4lfte vom Abwehrsystem Iron Dome abgefangen wurde. Israel antwortet mit schwerem Bombardement, das vor allem &#8220;Machtsymbole der Hamas&#8221; im Visier hat, im dicht besiedelten Gaza aber bei weitem nicht nur K\u00e4mpfer das Leben kostet. Wieder einmal werden Tote gez\u00e4hlt und Kinderleben gegeneinander aufgewogen. Doch etwas ist diesmal anders.<\/p>\n<p> <b>Ahnungslose Geheimdienste<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>Niemand hatte damit gerechnet, dass sich die Hamas so vehement einmischen und die demonstrierenden Pal\u00e4stinenserInnen am Tempelberg mit Raketen verteidigen w\u00fcrde. Oder damit, dass sich dieses Mal nicht nur das Westjordanland anstecken lassen w\u00fcrde, sondern zudem auch die Orte in Israel, an denen arabische und j\u00fcdische Staatsb\u00fcrgerInnen T\u00fcr an T\u00fcr leben. Nicht mal Benjamin Netanjahus Geheimdienstler und Sicherheitsexpertinnen hatten damit gerechnet. Und das ist sehr seltsam.<\/p>\n<p>Von einem &#8220;Aufflammen&#8221; des Konflikts sprachen PolitikerInnen und Medien. Dabei war es von pal\u00e4stinensischer Seite vielmehr eine Entladung.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, die Hamas nutzte die Situation f\u00fcr Propaganda. Gerade noch hatte deren F\u00fchrung gehofft, bei Neuwahlen endlich Teil einer neuen Regierung werden zu k\u00f6nnen. Aus ebendiesem Grund ruderte Mahmud Abbas, Kopf der im Westjordanland regierenden Fatah, zur\u00fcck &#8211; und sagte die Wahlen ab. Mit den Raketen inszenierte sich die Hamas als Verteidigerin der Pal\u00e4stinenserInnen, liess Abbas schwach dastehen und sammelte neue Unterst\u00fctzerInnen auch unter den Liberalen. Selbst wenn sie dabei zwei Millionen Menschen im Gazastreifen einem gnadenlosen Bombenhagel aussetzte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, es gab jede Menge Faktoren, die die Situation anheizten: die erste Hitzewelle des Jahres; die Terminkollision von Pessach-Fest und Ramadan und damit der Streit um den Zugang zum Tempelberg; neue Sicherheitsschranken vor der Al-Aksa-Moschee; ein Tik-Tok-Video, in dem ein junger Pal\u00e4stinenser einen Orthodoxen ohrfeigt; ein neuer rechtspopulistischer Polizeichef; nicht zuletzt drohende Zwangsr\u00e4umungen in Ostjerusalem zugunsten j\u00fcdischer SiedlerInnen und ein provokanter Marsch zum j\u00fcdischen Jerusalemtag.<\/p>\n<p> <b>Vollends von der Welt vergessen<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>Vergessen schien dagegen, dass die pal\u00e4stinensischen Gebiete im vergangenen Jahr nicht nur unter der Pandemie litten, die die Kluft zwischen Besatzerinnen und Besetzten nochmals verdeutlichte und vertiefte. Noch bis zum Sommer f\u00fcrchtete man im Westjordanland, dass Netanjahu Donald Trumps &#8220;Peace Deal&#8221; in die Tat umsetzen und ein Drittel des Landes annektieren w\u00fcrde. Abgesehen davon hatte die US-Regierung bereits 2018 die Hilfsgelder f\u00fcr die pal\u00e4stinensischen Gebiete zusammengestrichen. Und gleichzeitig wurde der Siedlungsbau aggressiv fortgesetzt. Als Israel auf Trumps Dr\u00e4ngen Frieden mit arabischen Staaten wie den Emiraten und Bahrain schloss, f\u00fchlten sich die Pal\u00e4stinenserInnen vollends von der Welt vergessen.<\/p>\n<p>Nicht nur die Menge und die Taktung der Raketen der Hamas \u00fcberraschten Israel, sondern vor allem deren Ziele. Die Angriffe auf Tel Aviv und Jerusalem \u00fcberschritten eine rote Linie. Seit dem Krieg 2014 hielt sich die Hamas an die &#8220;Spielregeln&#8221;, den Tanz aus Grenzraketen, Lockerungen und Strafmassnahmen durch die BesatzerInnen. Wenn Israel von Absprachen abwich, sandte die Hamas eine &#8220;Erinnerung&#8221;.<\/p>\n<p> <b>Bomben aufs Medienhaus<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>Als die Hamas ank\u00fcndigte, das Abwehrsystem Iron Dome dieses Mal zu \u00fcberlasten, antwortet Netanjahu: &#8220;Das ist erst der Anfang. Wir werden ihnen Schl\u00e4ge versetzen, die sie sich niemals h\u00e4tten tr\u00e4umen lassen.&#8221; Dabei schienen seine Tage als Regierungsoberhaupt noch Anfang letzter Woche gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Europa und USA angesichts der Attacken auf Israels Zivilbev\u00f6lkerung noch auf Israels Recht auf Selbstverteidigung pochen, spricht der Sekret\u00e4r der NGO Reporter ohne Grenzen bereits von einem &#8220;Kriegsverbrechen&#8221; (vgl. &#8220;Zyklus der Straflosigkeit durchbrechen&#8221; im Anschluss an diesen Text). Israel hatte in Gaza ein Hochhaus bombardiert, in dem neben einer angeblichen Hamas-Zelle Redaktionen von Medien wie &#8220;Al Jazeera&#8221; und der Associated Press sassen, wichtige Stimmen aus der blockierten Stadt.<\/p>\n<p>Die dritte \u00dcberraschung war f\u00fcr die j\u00fcdischen Israelis die &#8220;neue&#8221; zweite Front im Land. Noch vor einer Woche fand die israelische Zeitung &#8220;Haaretz&#8221;, dass es ungew\u00f6hnlich sei, wie viele arabische Israelis dieses Mal in Ostjerusalem demonstrierten. Traditionell hielten sich diese n\u00e4mlich eher heraus, wenn es zwischen Pal\u00e4stinenserInnen und Siedlern oder Soldatinnen brodelte. Viele Pal\u00e4stinenserInnen wiederum betrachten ihre Br\u00fcder und Schwestern hinter der gr\u00fcnen Linie als weichgewaschen: Sie haben einen israelischen Pass, die besseren Jobs &#8211; und Bewegungsfreiheit.<\/p>\n<p>So gut es ihnen im Vergleich gehen mag, der israelische Staat l\u00e4sst die arabische Bev\u00f6lkerung seit Jahrzehnten links liegen, egal ob es um Wohnraum oder Infrastruktur geht. Sie sind B\u00fcrgerInnen zweiter Klasse; das j\u00fcdische Nationalstaatsgesetz von 2018 hat das offiziell best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Netanjahu mag in den letzten Wochen abgelenkt gewesen sein durch seinen Korruptionsprozess, er mag sich sogar an die arabische Ra&#8217;am-Partei herangeschmissen haben, um endlich eine Regierung zu bilden, befindet sich Israel doch seit mehr als zwei Jahren in einer politischen Dauerkrise. Die arabischen Israelis jedoch haben nicht vergessen, dass er zuvor mit rassistischen Wahlkampagnen gegen sie hetzte &#8211; und in seinem Profilierungskampf schliesslich die UltrafaschistInnen gesellschaftsf\u00e4hig gemacht hat: Als Vereinigung der &#8220;Religi\u00f6sen Zionisten&#8221; schafften sie den Einstieg in die Knesset, Israels Parlamentskammer.<\/p>\n<p> <b>Die Wunden im Land<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>W\u00e4hrend also die ersten Raketen gegen Israel flogen, loderten im Land w\u00f6rtlich neue Brennpunkte auf, und zwar ausgerechnet in den &#8220;gemischten&#8221; Orten. In Lod wurde eine Synagoge angez\u00fcndet, in Akko ein allseits beliebtes j\u00fcdisches Fischrestaurant, in Jaffa Autos, und schliesslich sogar ein arabisches Haus &#8211; wobei noch nicht klar ist, von wem. W\u00e4hrend sich vor allem \u00e4ltere EinwohnerInnen distanzierten, organisierte die j\u00fcdische Ultrarechte Schl\u00e4gertrupps und Lynchmobs. Zwar repr\u00e4sentieren die Organisation Lehava oder die Hooligangruppe La Familia genauso wenig die Mehrheit der j\u00fcdischen Israelis wie z\u00fcndelnde Araber die muslimische und christliche Minderheit im Land, doch das Misstrauen und die Angst werden sp\u00fcrbar gr\u00f6sser &#8211; und das in den St\u00e4dten und Vierteln, die bisher f\u00fcr friedliche Koexistenz standen. Dass sich die Polizei sichtbar auf die j\u00fcdische Seite stellt, erinnert an die allt\u00e4gliche Diskriminierung im Judenstaat.<\/p>\n<p>Seitdem es nun auch im Westjordanland und an der Nordgrenze zum Libanon heftig rumort, bef\u00fcrchtet die Uno einen Fl\u00e4chenbrand mit Folgen f\u00fcr den gesamten Nahen Osten.<\/p>\n<p>Selbst wenn sich Israel und die Hamas hoffentlich bald zu einem Waffenstillstand bewegen lassen sollten: Die Wunden im eigenen Land werden nicht so schnell vernarben. Und noch etwas wird bleiben: Bereits nach der zweiten Raketennacht erkl\u00e4rte Naftali Bennett vom rechten B\u00fcndnis, die Option einer Regierung ohne Netanjahu sei vom Tisch. Netanjahu kam der Konflikt mal wieder gerade recht.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"author":103,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118380","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118380","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/103"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118380"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118380"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118380"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}