{"id":118384,"date":"2024-02-13T12:25:46","date_gmt":"2024-02-13T11:25:46","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=118384"},"modified":"2024-02-13T12:32:04","modified_gmt":"2024-02-13T11:32:04","slug":"strand-der-guten-hoffnung","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/strand-der-guten-hoffnung\/","title":{"rendered":"Strand der guten Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p>Wenn Mohammad Haddad sich in seiner H\u00e4ngematte zur\u00fccklehnt, hat er nur die jordanische Seite im Blick: die zinnoberrote Bergkette und darunter den reglosen Salzsee. In diesen Tagen lehnt sich der Bademeister oft in seinem Ausguck zuru\u0308ck, raucht eine Zigarette und trinkt Kaffee, in dem der Satz so schwarz steht wie der Schlamm am Ufer. Kalia Beach geho\u0308rt jetzt den Einheimischen: den Israelis und den Pala\u0308stinensern \u2013 und die, sagt er, wissen um die Tu\u0308cken des Toten Meers. <\/p>\n<p>Vor der Pandemie brachten die Reisebusse an manchen Tagen bis zu 4000 Pilger und Touristen aus dem nahen Jerusalem. Seine Ansagen hat er deswegen sogar auf Koreanisch oder Ungarisch drauf: \u201eAuf dem Ru\u0308cken bleiben!\u201c \u201eNicht spritzen!\u201c \u201eDa hinten sind Lo\u0308cher!\u201c  Und im Notfall ru\u0308ckt er mit seinem Paddelbrett aus. Im Toten Meer geht man nicht unter, kann jedoch im kniehohen Wasser ertrinken. Manche geraten in Panik, wenn sie der Auftrieb in Bauchlage dreht und plo\u0308tzlich die Fu\u0308\u00dfe aus dem Wasser ragen. Sie suchen mit den Ha\u0308nden Halt im Schlick und schlucken eine Lake, die zehnmal so salzig ist wie das Mittelmeer. Sechs Todesfa\u0308lle gab es in den 13 Jahren, in denen Haddad hier arbeitet, 428 Meter unter dem Meeresspiegel, der tiefste Ort der Welt an Land, in einem von Bojen begrenzten Tu\u0308mpel.<br \/>\nIm Sommer hat das Wasser 40 Grad. Der Sand ist zu hei\u00df, um Burgen zu bauen. Die Salzkruste la\u0308sst sich gerade bis zu den Duschen ertragen. Eben erst wurden diese wieder weiter hinunter zum Ufer verlegt. \u201eDen Strand jagen\u201c nennen sie das. Bis zu sieben Meter ist das Wasser in den vergangenen Jahren gewichen. <\/p>\n<p>Ans Tote Meer fa\u0308hrt man nicht zum Schwimmen. Die einen kommen, um Hautkrankheiten zu kurieren oder schwerelos fu\u0308r einen Moment die Welt zu vergessen. Die anderen, weil sie von der Welt vergessen wurden. Das Meer mag ein See sein, ohne Wellen und Horizont. Aber fu\u0308r die Pala\u0308stinenser ist der Strand das na\u0308chste, was an ihre verlorene Heimat herankommt. Die Mittelmeerku\u0308ste liegt unerreichbar fu\u0308r sie hinter dem Sperrwall. <\/p>\n<p>Kalia liegt am Nordufer des Toten Meers und somit im Westjordanland. Nach internationalem Recht geho\u0308rt der Strand den Pala\u0308stinensern. Allerdings liegt er in der sogenannten Zone C, die seit dem gescheiterten Frieden von Oslo unter israelischer Milita\u0308rverwaltung steht. Pala\u0308stinenser du\u0308rfen hier nicht einmal auf Privatland bauen. Der Strand wird vom Kibbuz Kalia betrieben, einer illegalen ju\u0308dischen Siedlung. <\/p>\n<p>Surfshorts, Ray-Ban im Haar, konzentrierter Blick \u2013 Haddad sieht aus wie die Lifeguards am Strand von Tel Aviv. Doch er ist Pala\u0308stinenser aus Jericho. Viele Einwohner dort arbeiten in ju\u0308dischen Siedlungen auf den Baustellen oder in den Dattelplantagen. Ein Job hier in Kalia aber, zwischen Ha\u0308ngematte und Paddelbrett, ist ein Glu\u0308cksgriff. Morgens um acht bringt sie ein Bus aus Jericho, die Barma\u0308nner, Ko\u0308che, Putzleute und den Bademeister. <\/p>\n<p>Am Vormittag sind nur Israelis am Strand. Haddad beugt sich u\u0308ber die Balustrade und winkt einem Stammgast im Rollstuhl zu. Dessen Frau spritzt ihn am Ufer mit Wasser und Schlamm ab. Der Bademeister ruft ihr ein paar nette Worte zu. Hebra\u0308isch hat er hier am Strand gelernt. Israelis kannte er zuvor nur in Uniform, als Soldaten an den Checkpoints.<\/p>\n<p>\u201eDu musst hier wie ein Babysitter denken\u201c, sagt Haddad. Kinder, die sich im Sand die Fu\u0308\u00dfe verbrennen; alte Leute, die im Schlamm stecken bleiben; Paare, die auf die Idee kommen, im bei\u00dfenden Wasser Liebe zu machen. Da passe es irgend- wie, dass er eigentlich einen Abschluss in Sozialarbeit habe. <\/p>\n<p>Von seinem Ausguck erspa\u0308ht er nicht nur die Gebrechlichen und die U\u0308bermu\u0308tigen. An der Ko\u0308rperhaltung liest er auch die politische Gesinnung ab. Am liebsten sind Haddad die Israelis aus dem Norden und aus Tel Aviv. \u201eDie sind liberaler und nicht so angespannt.\u201c Die Juden aus der nahen Gegend, aus Jerusalem und den Siedlungen, die erkenne er oft schon von Weitem. \u201eDie Situation macht sie aggressiv. Man spu\u0308rt ihre Wut.\u201c Manchmal entlade sie sich beim Anblick pala\u0308stinensischer Ga\u0308ste oder wenn Haddad eine Ansage auf Arabisch mache. Und dann sind da noch die jungen ultraorthodoxen Ma\u0308nner, die im August Ferien von der Thora haben. Donnerstagabends wird das Bad fu\u0308r sie gesperrt. Frauen sind dann verboten. <\/p>\n<p>\u201eSonst gehen wir Ma\u0308nner doch an den Strand, um Frauen zu sehen\u201c, sagt Haddad und grinst vorsichtig. Es ist ein heikles Thema in Kalia. Junge Pala\u0308stinenser, die ohne Familie kommen, werden am Eintritt abgewiesen. \u201eManche haben eben noch nie einen Strand gesehen. Oder einen Bikini\u201c, sagt Haddad. Dann gucke man natu\u0308rlich. Er sei fru\u0308her selbst vom Nebenufer nach Kalia geschwommen. Zu den Touristinnen aus dem Ausland. <\/p>\n<p>Vor der Pandemie nannten sie Kalia \u201eDie Vereinten Nationen\u201c. Weil die Menschen hier aus allen La\u0308ndern kommen. Fu\u0308r das Personal aus Jericho ist der Strand mehr als ein Fenster in die Welt. Ibrahim von der Bar hat jetzt eine deutsche Freundin, die er bald besuchen will. Murad, der zweite Bademeister, ist nun mit einer Ju\u0308din verheiratet. Als sie ihn das erste Mal zu sich einlud, musste er ihr erst erkla\u0308ren, dass er eine Sondergenehmigung brauche, um nach Jerusalem zu fahren. \u201eViele Israelis haben keine Ahnung, wie wir hier leben\u201c, sagt Haddad. Er beschra\u0308nkt sich darauf, Nummern mit den Touristen auszutauschen und surreale Fotos vom Salzsee nach Italien oder Australien zu verschicken, in die er Haie und Surfer montiert. Zu Hause wartet seine Frau auf ihn, eine gla\u0308ubige Muslimin, die 14 Katzen und sein Adler. Seine zwei Welten vermischen sich selten. \u201eMeiner Frau ist es zu hei\u00df am Strand\u201c, sagt Haddad. Manchmal bitte er den ju\u0308dischen Manager nach Betriebsschluss um den Schlu\u0308ssel. \u201eFu\u0308r ein bisschen Romantik.\u201c <\/p>\n<p>Itai Maor hei\u00dft der Strandmanager. Er ist im Kibbutz Kalia geboren und \u00e4rgert sich, wenn man ihn einen Siedler nennt, also einen, der den Pala\u0308stinensern das Land wegnimmt. \u201eMeine Eltern haben das Land erst bewohnbar gemacht.\u201c U\u0308berhaupt setze er sich hier mehr fu\u0308r die Versta\u0308ndigung ein als alle Politiker. Als Teenager hat er in der Bar hier gejobbt, jetzt sitzt er dort am Tresen und empfiehlt die Falafel, die er jeden Tag aus Jericho anliefern la\u0308sst. \u201eBesser als das Zeug, was man in Tel Aviv bekommt.\u201c Auch seine Mitarbeiter aus Jericho seien handverlesen. Der Service, das sei der Charme von Kalia. Sein neuester Coup ist der Shuttlebus, den an den Umkleiden per Knopfdruck anfordern kann, wem der Weg zum Strand zu beschwerlich ist. <\/p>\n<p>Vor 50 Jahren reichte der Wasserpegel noch bis zu den alten Baracken oben an der Stra\u00dfe, die dem iraelischen Milita\u0308r damals als Basis dienten. Wenn Linda Stein dort Wache schob, starrte sie stundenlang auf diesen reglosen Salzsee. Es gab nicht viel zu sehen. Nur das gro\u00dfe Riesenrad dru\u0308ben am jordanischen Ufer. \u201eWenn Frieden ist, mo\u0308chte ich gern dorthin einmal einen Ausflug machen\u201c, sagte Stein zu ihren Kameraden und tra\u0308umte vom Vergnu\u0308gungspark.<\/p>\n<p>Heute betrachtet sie den Sonnenunter- gang u\u0308ber den jordanischen Bergen lieber aus dem Jacuzzi in ihrem Garten im Kibbuz Kalia, fu\u0308nf Kilometer die Stra\u00dfe hinauf. Das Salzwasser mochte die 66-Ja\u0308hrige nie besonders. Zart und rotlockig, wirkt sie im Blu\u0308mchenkleid in der Wu\u0308ste so exotisch wie das saftig gru\u0308ne Gras vor ihrer Haustu\u0308r. <\/p>\n<p>Der Krieg u\u0308berraschte Stein wie alle Israelis. Gerade erst war sie mit den Eltern aus den USA, aus Philadelphia eingewandert. Zum Wehrdienst meldete sie sich heimlich, weil sie Anschluss suchte. \u201eDa kriege ich dich nicht rausgeboxt\u201c, schimpfte der Vater. Einen Monat spa\u0308ter, an Jom Kippur 1973 \u2013 dem Verso\u0308hnungstag, an dem die Radios und Fernseher stumm bleiben \u2013, schrillten die Sirenen. \u201eMein erster Gedanke war, ob man im Krieg die Ausgehuniform tra\u0308gt. Mit dem Minirock?\u201c Statt an die Front schickte die Armee sie ans Tote Meer. Um mit einer Pioniereinheit die Wu\u0308ste \u2013 mit viel Wasser \u2013 zum Blu\u0308hen zu bringen. <\/p>\n<p>Schon vor Staatsgru\u0308ndung gab es dort am Strand eine hebra\u0308ische Siedlung, benannt nach dem Element Kalium. Hier wohnten die Arbeiter der Pottaschefabrik, die 1929 unter den Briten gebaut wurde. Dass die Juden Seite an Seite mit Arabern arbeiteten, war ungewo\u0308hnlich. Und noch mehr, dass 1932 ein Kurbad in Kalia ero\u0308ffnet wurde: als britisch-ju\u0308disch-arabische Kooperation. Im Hotel na\u0308chtigte nicht nur David Ben-Gurion, sondern auch der Ko\u0308nig von Jordanien. <\/p>\n<p>Das alte Kalia wurde 1948 von den Jordaniern zersto\u0308rt. Zwei Kriege spa\u0308ter bastelten die Pioniere aus Steins Einheit ein Akronym aus dem Namen der Arbeiter- siedlung: Kam Litchia Iam HaMavet, \u201eDas Tote Meer ist zum Leben erwacht\u201c. <\/p>\n<p>Das war 1974. Mit Stein blieben 50 Soldaten, um den Milita\u0308rposten in einen Kibbuz zu verwandeln. Sie versetzten die Siedlung in den Schatten der Qumranberge, in dessen Ho\u0308hlen man die a\u0308ltesten Bibelhandschriften fand, verfasst von den alten Hebra\u0308ern. Stein erinnert sich, wie sie auf Knien die Grashalme einzeln in den Salzboden pflanzten. \u201eWir glaubten nicht, dass hier etwas wa\u0308chst.\u201c Sie erza\u0308hlt, wie die Pioniere lernten, den Boden urbar zu machen. Was sie nicht erza\u0308hlt: Bis heute beruht die intensive Landwirtschaft der Siedler im Jordantal auf dem Grundwasser, das sie aus dem Boden pumpen \u2013 wa\u0308hrend pala\u0308stinensische Bauern ihre Felder aufgeben, weil ihre Quellen versiegen. <\/p>\n<p>20 Jahre spa\u0308ter standen die Ha\u0308uschen im Schatten von Feigen und Palmen und Akazien \u2013 der Speisesaal, die Wa\u0308scherei und der Kindergarten. Die Frauen arbeiteten wie die Ma\u0308nner und hatten am Feierabend frei wie die Ma\u0308nner. Linda Stein versorgte die Kibbuzka\u0308lbchen und wunderte sich nicht mehr, dass sie in der Wu\u0308ste von Vogelgezwitscher geweckt wurde. Und: Es war Frieden. Zumindest mit Jordanien. Der ganze Kibbuz machte einen Ausflug ans andere Ufer. \u201eDas Riesenrad war ziemlich rostig\u201c, sagt Stein. Ihr Mann baute damals den Tourismus aus: Die Qumranho\u0308hlen bekamen einen Besucherpark, und neben den alten Armeebaracken ero\u0308ffnete der Kibbuz ein Erlebnisbad mit Zugang zum Strand. <\/p>\n<p>Die Beziehung zu Jericho sei immer gut gewesen, sagt Stein. Die Siedler wurden zu Hochzeiten eingeladen und a\u00dfen in arabischen Restaurants. \u201eDie Pala\u0308stinenser dort sind einfach entspannter. Vielleicht, weil es immer eine Touristenstadt war.\u201c Jericho war auch die erste Stadt, die Israel 1994 im Friedensprozess von Oslo an die Pala\u0308stinensische Autonomiebeho\u0308rde u\u0308bergab. \u201eWir waren uns einig in Kalia\u201c, sagt Stein. \u201eHa\u0308tten wir den Kibbuz fu\u0308r den Frieden aufgeben mu\u0308ssen, wir ha\u0308tten am na\u0308chsten Tag unsere Sachen gepackt.\u201c <\/p>\n<p>Der Kibbuz habe damals sogar die Clana\u0308ltesten aus Jericho zum ju\u0308dischen Sukkothfest eingeladen. Und alle sa\u00dfen eintra\u0308chtig unter einer gro\u00dfen Laubhu\u0308tte auf dem Rasen. So erinnert sich Linda Stein an die Zeit der gro\u00dfen Hoffnung. Als Jitzchak Rabin zu einem Besuch herein- schneite, war sie fassungslos, dass er keine Bodyguards bei sich hatte. \u201eIch habe ihn gewarnt: \u201aDer Frieden liegt auf deinen Schultern. Pass auf dich auf.\u2018\u201c Im darauf- folgenden Jahr wurde Rabin von einem ju\u0308dischen Extremisten ermordet. <\/p>\n<p>Im Wasserpark kondensierte der Konflikt, bevor sich die Pala\u0308stinenser zur Zweiten Intifada erhoben. \u201eEs ist schwierig, daru\u0308ber zu reden\u201c, sagt Stein zo\u0308gerlich. \u201eDie Araber haben eben eine andere Kultur.\u201c Wa\u0308hrend sich die Israelis u\u0308ber die muslimischen Frauen mokierten, die in vollem Gewand im Pool sa\u00dfen, fu\u0308hlten sich israelische Frauen im Bikini von deren Ma\u0308nnern bela\u0308stigt. Schlie\u00dflich ging der Park bankrott. <\/p>\n<p>Der alte Wasserpark von Kalia steht immer noch eingeza\u0308unt neben den Armeebaracken. Besta\u0308ubt mit Wu\u0308stensand, ragen die Rutschen u\u0308ber leere Becken und weit u\u0308ber den Spiegel des Toten Meers, wie ein postapokalyptisches Gerippe. Der Nahostkonflikt ist auch ein Konflikt um Wasser. Und nirgendwo zeigt sich der Kampf um Su\u0308\u00dfwasser so eindru\u0308cklich wie am Salzsee, dem am Jordan von allen Seiten der Zufluss abgepumpt wird. <\/p>\n<p>Ein Symbol der Koexistenz sollte es sein, als Linda Stein vor vier Jahren mit dem Strandmanager Ku\u0308nstler aus der Region einlud, um den Armeebaracken Farbe zu verpassen. Nur Pala\u0308stinenser konnten sie nicht gewinnen. Stattdessen spru\u0308hte ein mexikanischer Street-Art-Ku\u0308nstler zwei Portra\u0308ts auf eine Barackenfront: die Tochter des ju\u0308dischen Strandmanagers neben einen seiner pala\u0308stinensischen Arbeiter. <\/p>\n<p>Am Nachmittag trudeln die Pala\u0308stinenser am Parkplatz ein. Die Ma\u0308nner in langen Hosen, die Frauen in Sommerma\u0308nteln und Hidschab. Die Feiertagsgarderobe ist verknautscht. Gerade noch kurvten sie u\u0308ber Umgehungsstra\u00dfen um stacheldrahtbewehrte ju\u0308dische Siedlungen, lie\u00dfen sich an Checkpoints von Soldaten mit Maschinengewehren durch- suchen \u2013 jetzt reihen sie sich zwischen Ju- den mit Badeschlappen und Strandtaschen in die Schlange am Eintritt. <\/p>\n<p>Fu\u0308r einen Moment vermischen sich arabische und hebra\u0308ische Wortfetzen. 60 Schekel, etwa 16 Euro, kostet der Eintritt. Auch fu\u0308r israelische Verha\u0308ltnisse happig, aber eine pala\u0308stinensische Gro\u00dffamilie la\u0308sst insgesamt knapp einen Wochenlohn an der Kasse. Dann eilen die Juden hinunter zum Strand und zu den Liegen in die Sonne. Die Pala\u0308stinenser dagegen schleppen Ku\u0308hlboxen und Wasserpfeifen unter das Dach auf der Terrasse u\u0308ber dem Strand. Picknicktische auf Kunstrasen \u2013 gemu\u0308tlich ist es nicht, aber schattig. <\/p>\n<p>Die Familie Abd al Raman ist aus dem Dorf Hablah im Nordosten angereist. Es liegt nur zwo\u0308lf Kilometer vom Mittelmeer entfernt. \u201eMan spu\u0308rt die Brise\u201c, sagt der Gro\u00dfvater. Sehen kann man es nicht mehr. Das Dorf ist auf drei Seiten vom israelischen Sperrwall ummauert.<br \/>\nDas Meer sehen, und wenn es nur das Tote Meer ist. Den meisten scheint das erst einmal zu reichen. Von der Terrasse aus machen die Pala\u0308stinenser Fotos. Mit ein paar Palmwedeln im Bild und ohne die schlammbepackten Israelis sieht es fast nach Karibik aus, auf jeden Fall weit weg. Aus der Bar quietscht ein Popsong, \u201eOh, I\u2019m just a girl\u201c. <\/p>\n<p>Niemand blickt auf, als fu\u0308nf junge Soldatinnen vorbeimarschieren. Mit langen Pferdeschwa\u0308nzen, die u\u0308ber geschulterten Gewehrla\u0308ufen baumeln. Einmal hinunter zum Wasser und schnell wieder hinauf. \u201ePra\u0308senz zeigen\u201c, seufzt eine der Frauen. Ein la\u0308stiger Pflichttermin bei dieser gro\u00dfen Hitze. Die Sonne steht jetzt u\u0308ber dem Bergru\u0308cken, der Badebereich fu\u0308llt sich. Eine Pala\u0308stinenserin hat sich in vollsta\u0308ndiger Bekleidung direkt in den Ufermatsch gesetzt und schaufelt den Heilschlamm in Wasserflaschen fu\u0308r zu Hause. Hanan ist mit der Familie aus Bethlehem gekommen. Eigentlich, sagt sie, mo\u0308ge sie das Tote Meer nicht besonders. \u201eEs ist zu hei\u00df, und die Kinder ko\u0308nnen nicht planschen.\u201c Eigentlich hatten sie nach Tel Aviv gewollt. An den echten Strand. Am vergangenen Wochenende hatte Israel die Grenzen geo\u0308ffnet. Ein seltenes Ereignis. Die Zeitung \u201eHa\u2019aretz\u201c schrieb: \u201eDas Milita\u0308r dru\u0308ckt ein Auge zu, und Pala\u0308stinenser schwelgen am Strand von Jaffa.\u201c Da hatte Hanan gehofft, es werde noch einmal ein Auge zugedru\u0308ckt, zumal ihr Mann in Israel auf dem Bau arbeitet. Doch am Checkpoint wies man sie ab. <\/p>\n<p>Hanans 16-ja\u0308hrige Nichte trieb bisher mit geschlossenen Augen auf dem Ru\u0308cken, jetzt o\u0308ffnet sie sie. \u201eIch habe geweint vor Wut.\u201c Wa\u0308hrend ihre Tante weiter durch die Schlammmaske la\u0308chelt, sagt sie leise: \u201eSie nehmen uns wirklich alles .\u201c Nur einen Beinschlag entfernt steht ein Israeli, er reibt sich genu\u0308sslich mit Matsch ein und merkt nicht, dass er im Bild steht. Hinter ihm waten fu\u0308nf Pala\u0308stinenserinnen aneinandergeklammert durch den Schlick, um fu\u0308r ein Foto zu posieren. Wa\u0308hrend sie ihre Kopftu\u0308cher richten, gera\u0308t eine aus der Balance, und die ganze Riege droht zu kippen. <\/p>\n<p>Vielleicht liegt es an den Matschsprenkeln auf der Brille. Vielleicht sind es Scheuklappen, die der Israeli Itai fu\u0308r diesen Ausflug auf die andere Seite angelegt hat. Es sei ihm gar nicht aufgefallen, dass er sich das Wasser mit Pala\u0308stinensern teile. \u201eJe mehr, desto besser\u201c, fu\u0308gt er schnell hinzu. Itai freut sich immer noch u\u0308ber den spontanen Einfall. Nur eine Stunde mit dem Auto aus Tel Aviv, wo ihm die Stra\u0308nde am Schabbat zu voll sind. Auch er wollte den Kindern heute etwas Besonderes bieten. \u201eNun ja\u201c, sagt sein Sohn Gadi, \u201edas Tote Meer ist nur was fu\u0308r Leute, die gern brennende Augen haben.\u201c <\/p>\n<p>Beduselt wirken die Badenden, als sie die Treppen hinaufsteigen. Und das sei nicht nur die Hitze, sagen die Einheimischen. Die Mineralien aus dem Toten Meer helfen nicht nur gegen Psoriasis. Wenn sich das Bromid aus dem Wasser mit dem Sauerstoff an der Oberfla\u0308che verbinde, steige es ins Gemu\u0308t wie ein Beruhigungsmittel. \u201eEs macht uns friedlich\u201c, glaubt Linda Stein. \u201eEs macht su\u0308chtig\u201c, sagt Mohammad Haddad. Bei Vollmond paddelt der Bademeister mit seinem Brett hinaus auf den See, klemmt sich ein aufblasbares Kopfkissen in den Nacken, und schwebt ko\u0308rperlos vor der israelischen Radarstation. Manchmal nickt er dabei ein. <\/p>\n","protected":false},"author":103,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-118384","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/118384","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/103"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118384"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118384"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=118384"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}