{"id":119233,"date":"2024-05-08T07:51:52","date_gmt":"2024-05-08T06:51:52","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=119233"},"modified":"2024-05-08T07:51:52","modified_gmt":"2024-05-08T06:51:52","slug":"suedafrikas-jugend-will-perspektiven","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/suedafrikas-jugend-will-perspektiven\/","title":{"rendered":"S\u00fcdafrikas Jugend will Perspektiven"},"content":{"rendered":"<div class=\"detail-head-container\">\n<div class=\"hero-image-wrapper\"><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"detail-view-content\">\n<div class=\"detail-view-text\">\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p class=\"has-drop-cap\">B\u00e4sse wummern aus einem wei\u00dfen Zelt. Es steht auf einem Spielplatz in Newlands West, einem Stadtteil der s\u00fcdafrikanischen Hafenmetropole Durban. Es ist Ende M\u00e4rz. Der DJ l\u00e4uft sich schon einmal warm f\u00fcr eine Wahlkampfveranstaltung von Rise Mzansi, einer Partei, die erst vor knapp einem Jahr gegr\u00fcndet wurde. Am 29. Mai wird sie bei den Wahlen in S\u00fcdafrika antreten. Ein Ziel von Rise Mzansi: die Mehrheit des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) zu brechen, der das Land seit drei Jahrzehnten regiert.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Das w\u00fcnscht sich auch der 21-j\u00e4hrige Sthembiso Magwala, der zusammen mit anderen jungen Leuten vor dem Zelt steht. Es ist das erste Mal, dass er an einer Wahl teilnimmt. \u201eZuerst war ich nicht sicher, ob ich \u00fcberhaupt mit abstimmen soll, weil mich keine der etablierten politischen Parteien repr\u00e4sentiert\u201c, sagt er. Aber in Rise Mzansi sieht er eine politische Alternative, u. a. weil sie selbst F\u00fchrungspositionen mit jungen Menschen besetzt.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p><strong>Junge ohne Jobs.<\/strong> Von der Regierungspartei ANC, mit dem 71-j\u00e4hrigen Pr\u00e4sidenten Cyril Ramaphosa an der Spitze, f\u00fchlt sich der junge Mann jedenfalls nicht vertreten. Zwar hat sie gegen die Apartheid und f\u00fcr die Demokratie in S\u00fcdafrika gek\u00e4mpft, aber diese Errungenschaften sind nach 30 Jahren verblasst. Korruption, Misswirtschaft und eine Jugendarbeitslosigkeit, die mit \u00fcber 50 Prozent zu den h\u00f6chsten der Welt z\u00e4hlt, lassen junge Menschen heute wenig von der einst erk\u00e4mpften Freiheit sp\u00fcren. \u201eWer keine wirtschaftliche Teilhabe hat, sieht diese Freiheit nicht\u201c, so Magwala.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Zwar verspreche der ANC nun wieder jede Menge Jobs zu schaffen, aber die Partei liefere keinen Plan f\u00fcr die konkrete Umsetzung. Magwala hat zwar einen Schulabschluss, findet aber weder einen Studienplatz noch eine Arbeit. \u201eIn meinem Viertel brechen viele Teenager die Schule ab, weil sie darin keinen Sinn f\u00fcr ihre Zukunft sehen\u201c, beklagt er. F\u00fcr ihn steht fest: Die ANC-Regierung habe dabei versagt, die Perspektivenlosigkeit der Jugend anzupacken.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Das wird sich laut Umfragen auf die Wahlergebnisse auswirken. W\u00e4hrend der ANC 2019 noch 57,5 Prozent der Stimmen holen konnte, k\u00f6nnte die Regierungspartei diesmal die absolute Mehrheit verlieren und auf rund 45 Prozent der Stimmen abrutschen. Davon geht eine Studie des Ipsos Instituts, eines global t\u00e4tigen Marktforschungsunternehmens, aus. Das h\u00e4lt auch Politikwissenschaftler Zakhele Ndlovu f\u00fcr m\u00f6glich. Die Hochburgen des ANC konzentrieren sich zunehmend auf die l\u00e4ndlichen Gegenden. In den St\u00e4dten, wo teils schon Koalitionsregierungen an der Macht sind, sinke die Zustimmung weiter. Das Image des ANC habe sich seit 1994 komplett ver\u00e4ndert, erkl\u00e4rt Ndlovu.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>\u201eDamals wurde die Partei noch als Befreiungsbewegung gesehen, die das Unrecht der Apartheid wiedergutmachen wollte. 30 Jahre sp\u00e4ter hat sie nicht nur darin versagt, sondern wird von vielen sogar als schlimmer wahrgenommen als die damals regierende Nationale Partei. Und zwar, weil sich ANC-Politiker:innen selbst bereichern, Staatsressourcen pl\u00fcndern und nicht umsetzen, was sie versprechen\u201c, sagt der Politikwissenschaftler.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p><strong>Ungleiche Verteilung.<\/strong> Laut aktuellen Daten der Weltbank ist S\u00fcdafrika das Land der Welt mit der st\u00e4rksten Ungleichheit. Kriminalit\u00e4t und Gesetzlosigkeit, t\u00e4gliche Stromausf\u00e4lle und Einschnitte bei der Wasserversorgung sowie wachsende Armut pr\u00e4gen das Land.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Die demokratische Wende hat nicht den erhofften Wohlstand f\u00fcr alle gebracht. Das dr\u00fcckt sich auch in der Wahlbeteiligung aus, die seit 1994 stetig abnimmt. An der letzten Parlamentswahl haben erstmals weniger als die H\u00e4lfte aller Wahlberechtigten teilgenommen.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Wahlberechtigt ist jeder und jede \u00fcber 18 Jahren. Dazu muss man sich als W\u00e4hler:in registrieren lassen. F\u00fcr die anstehende Wahl ist die Frist bereits abgelaufen. Es registrieren sich nicht alle und von denen, die registriert sind, gehen l\u00e4ngst nicht alle zur Wahl.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Der Wissenschaftler Ben Roberts erwartet diesbez\u00fcglich in diesem Jahr keinen \u201eradikalen Wandel\u201c, soll hei\u00dfen, er geht nicht davon aus, dass dieses Jahr wesentlich mehr Menschen w\u00e4hlen gehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Roberts arbeitet f\u00fcr das Forschungsinstitut Human Sciences Research Council und hat mit seinem Team zwei repr\u00e4sentative Studien zur Stimmung vor der Wahl und den Perspektiven junger W\u00e4hler:innen, also jene zwischen 18 und 35 Jahren, ver\u00f6ffentlicht. Trotz gro\u00dfer Anstrengungen haben sich laut Roberts nicht gen\u00fcgend junge W\u00e4hler:innen registrieren lassen, um wirklich etwas zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Aber das bedeute nicht, dass die Jungen \u201epolitisch apathisch\u201c seien, wie es oft medial dargestellt werde, sagt der Forscher: \u201eUnsere Studie belegt, dass viele von ihnen die Demokratie weiterhin wichtig finden. Aber sie hat ihre Erwartungen nach besseren Lebensbedingungen nicht erf\u00fcllt\u201c.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p><strong>Aus Zeiten der Apartheid.<\/strong> Was das konkret bedeutet, ist im S\u00fcden von Durban un\u00fcbersehbar. Zwischen einem Umspannwerk, Arbeiterwohnblocks aus Zeiten der Apartheid und der Autobahn liegt Barcelona \u2013 eine Siedlung, die mit der spanischen Mittelmeermetropole nur den Namen gemein hat. Hier dr\u00e4ngen sich Wellblechh\u00fctten, sogenannte Shacks, Raum an Raum, gebaut in Reihen, getrennt durch enge Gassen. Waschr\u00e4ume sind in blauen Schiffscontainern untergebracht. Sie werden von hunderten Familien, die hier leben, gemeinsam genutzt. M\u00e4nner sitzen mit Bierflaschen auf Holzb\u00e4nken, Frauen h\u00e4ngen W\u00e4sche auf, Kinder spielen auf den Wegen, daneben t\u00fcrmen sich M\u00fcllberge.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Diese Siedlung ist vor vielen Jahren entstanden und war eigentlich nur f\u00fcr den \u00dcbergang gedacht, bis der Staat f\u00fcr die B\u00fcrger:innen H\u00e4user gebaut hat. \u201eAber das sind nur leere Versprechungen, die in jedem Wahlkampf gemacht werden\u201c, erz\u00e4hlt Anwohner Nkululeko Ketelo. Dazu kommen bewusst gestreute Ger\u00fcchte, wie beispielsweise, dass nach einer Wahlschlappe des ANC die Sozialleistungen gestrichen w\u00fcrden.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>In S\u00fcdafrika gibt es mehr Empf\u00e4nger:innen staatlicher Hilfen als Steuerzahler:innen. In seiner Nachbarschaft w\u00fcrden viele Familien ausschlie\u00dflich von Kindergeld, Pension oder den weiterlaufenden Covid-Hilfen \u00fcberleben, sagt Ketelo.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Vor der Wahl\u00a0 wurden die Summen gerade noch einmal leicht aufgestockt. \u201eEs ist entt\u00e4uschend, dass der ANC diese Leistungen nutzt, um die Leute auf seine Seite zu ziehen\u201c, so der 30-J\u00e4hrige.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><\/figure>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-default\"><p><strong>Rassismus als staatliches System<\/strong><\/p>\n<p>Von 1948 bis Anfang der 1990er Jahre herrschte in S\u00fcdafrika die Apartheid, das institutionalisierte System der \u201egetrennten Entwicklung\u201c. Gesetze teilten die Bev\u00f6lkerung nach rassistischen Kriterien ein: In Wei\u00dfe, Schwarze, \u201eColoureds\u201c und sp\u00e4ter auch Asiat:innen. Je dunkler die Hautfarbe, desto weniger Rechte. Nicht-wei\u00dfe Bewohner:innen wurden in Townships an den Stadtr\u00e4ndern und \u201eHomelands\u201c auf dem Land vertrieben. Die Schwarze Bev\u00f6lkerungsmehrheit hatte kein Wahlrecht und keine B\u00fcrger:innenrechte. Zensur und Polizeigewalt geh\u00f6rten zum Alltag. Schulen, Krankenh\u00e4user, Str\u00e4nde, sogar Parkb\u00e4nke waren getrennt.<br \/>\nDie wei\u00dfe Minderheit zementierte ihre Macht, sicherte sich den Zugang zu billigen Schwarzen Arbeitskr\u00e4ften sowie fruchtbares Farmland. Die massiven Menschenrechtsverletzungen f\u00fchrten zu einem erbitterten Widerstandskampf und internationalen Sanktionen. Nach Verhandlungen des Regimes mit der m\u00e4chtigsten Befreiungsbewegung ANC, der Freilassung des Widerstandsk\u00e4mpfers Nelson Mandela aus dem Gef\u00e4ngnis und seiner Pr\u00e4sidentschaft begann 1994 eine neue demokratische \u00c4ra. <strong>L. M.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p><strong>Misstrauen in Parteien.<\/strong> Auch Ketelo will mit seiner Stimme dazu beitragen, dass die absolute Mehrheit des ANC endet. \u00dcber vierzig Parteien treten bei dieser Wahl an, darunter etliche neue und au\u00dferdem erstmals parteilose Kandidat:innen.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Ketelo hat sich noch nicht entschieden, wem er seine\u00a0 Stimme geben wird. Er ist misstrauisch. Politische Parteien haben seiner Ansicht nach generell versagt. \u201eUnsere Erfahrung hier in S\u00fcdafrika ist, dass sich Politik und Korruption nicht trennen lassen. Alle tun so, als wollten sie nur das Beste f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Aber letztlich k\u00e4mpfen sie nur um die Macht. Und wer die politische Macht hat, hat den Zugriff auf die Staatsfinanzen\u201c, so Ketelo.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Das ist seine Lehre aus der sogenannten State Capture unter Ex-Pr\u00e4sident Jacob Zuma, der ma\u00dflosen Korruption und der Aush\u00f6hlung staatlicher Institutionen. S\u00fcdafrika sp\u00fcrt die Konsequenzen bis heute. Und trotz einer Aufarbeitung durch eine unabh\u00e4ngige Kommission gab es bislang kaum Verurteilungen.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-default\"><p><strong>30 Jahre ANC im Zeitraffer<\/strong><\/p>\n<p><strong>1994<\/strong><br \/>\nIn S\u00fcdafrika markiert die erste demokratische Wahl das Ende der Apartheid. Erstmals ist die gesamte Bev\u00f6lkerung stimmberechtigt. Vor den Wahllokalen bilden sich lange Schlangen. Die Befreiungsbewegung ANC (gegr\u00fcndet 1912) gewinnt mit 62,7 Prozent die absolute Mehrheit. Nelson Mandela wird als erster Schwarzer Pr\u00e4sident vereidigt.<\/p>\n<p><strong>1999<\/strong><br \/>\nMandela tritt nach nur einer Amtszeit nicht mehr an, sein Nachfolger Thabo Mbeki \u00fcbernimmt. Der ANC kann seine absolute Mehrheit ausbauen und gewinnt 66,4 Prozent der Stimmen. Mbekis Amtszeit ist einerseits durch star-kes Wirtschaftswachstum gepr\u00e4gt, andererseits durch eine fatale HIV\/Aids-Politik.<\/p>\n<p><strong>2004<\/strong><br \/>\nDas starke Wirtschaftswachstum unter Mbeki \u00fcberzeugt die W\u00e4hler:innen. Knapp unter 70 Prozent stimmen f\u00fcr den ANC.<\/p>\n<p><strong>2009<\/strong><br \/>\nMbeki verliert den innerparteilichen Machtkampf gegen Jacob Zuma. Im September 2008 \u00fcbernimmt \u00dcbergangspr\u00e4sident Kgalema Motlanthe die Amtsgesch\u00e4fte. Bei der Wahl verliert der ANC mit 65,9 Prozent erstmals knapp seine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament. Zuma wird Pr\u00e4sident.<\/p>\n<p><strong>2014<\/strong><br \/>\nUnter Zuma verliert der ANC (mit 62,2 Prozent) weiter Stimmen. Korruption und Misswirtschaft charakterisieren seine Pr\u00e4sidentschaft. Aufgrund innerparteilichen Drucks tritt Zuma 2018 zur\u00fcck. Das Parlament w\u00e4hlt ANC-Pr\u00e4sident Cyril Ramaphosa zum Staatspr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p><strong>2019<\/strong><br \/>\nDer ANC erreicht mit 57,5 Prozent der Stimmen seinen bisherigen Tiefpunkt. Auch die Wahlbeteiligung ist so niedrig wie nie zuvor. Pr\u00e4sident Ramaphosa entt\u00e4uscht, er setzt Versprochenes nicht um.<\/p><\/blockquote>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p><strong>Neue Bewegungen.<\/strong> Ketelo r\u00fcckt die rote Barett-M\u00fctze auf seinem kahlgeschorenen Kopf zurecht. In S\u00fcdafrika tragen diese M\u00fctzen sonst vor allem Anh\u00e4nger der Economic Freedom Fighters, der derzeit drittgr\u00f6\u00dften Partei im Land. Sie ist f\u00fcr populistische Parolen bekannt, f\u00fcr handgreifliche<br \/>\nAuseinandersetzungen im Parlament und f\u00fcr ihre Forderung nach einer Landenteignung ohne Entsch\u00e4digung. Das ist reizvoll f\u00fcr junge Menschen in Vierteln wie diesem. Aber Ketelos M\u00fctze tr\u00e4gt ein anderes Logo \u2013 das der zivilgesellschaftlichen Organisation Abahlali baseMjondolo, die sich f\u00fcr die Rechte der Menschen einsetzt, die, wie er, in Shacks leben.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Vor ein paar Jahren hat sich Ketelo dieser Bewegung angeschlossen, und auch bei seiner Wahlentscheidung spielt sie eine Rolle. Die Mitgliederbasis habe politische Parteien nominiert, die ihrer Meinung nach zu den Zielen und Werten ihrer Organisation passen. \u201eUnd ich werde entsprechend abstimmen. Denn obwohl uns keine Partei wirklich begeistert, ist es wichtig, unser Wahlrecht auszu\u00fcben\u201c, betont Ketelo. Es sei eine strategische Entscheidung. Zivilgesellschaftliche Organisationen sind stark in S\u00fcdafrika. Sie springen regelm\u00e4\u00dfig dort ein, wo die Regierung versagt. Sie genie\u00dfen das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung und ziehen viele junge Mitglieder an. Die wenigsten geben nun, so wie Abahlali base-Mjondolo, eine konkrete Wahlempfehlung ab, aber sie alle rufen dazu auf, w\u00e4hlen zu gehen. Und es gibt einen weiteren Trend: Aktivist:innen aus der Zivilgesellschaft kandidieren als Parteilose f\u00fcr das Parlament, oder schlie\u00dfen sich sogar zu neuen Parteien zusammen, so wie Rise Mzansi.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p><strong>Gro\u00dfe Hoffnung.<\/strong> Die Anh\u00e4nger:innen, die im wei\u00dfen Zelt in Newlands West zusammengekommen sind, tragen T-Shirts mit dem Slogan \u201e2024 ist unser 1994\u201c auf der Brust und dem Zitat auf dem R\u00fccken: \u201eEs ist unsere Zeit, wir sind dran, wenn wir nichts unternehmen, ist es unser Fehler\u201c.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Die Stimmung ist ausgelassen, die Hoffnung gro\u00df. Ihre Spitzenkandidatin f\u00fcr die Provinz ist in diesem Viertel aufgewachsen: Nonkululeko Hlongwane-Mhlongo ist 37 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und bekannt durch ihr jahreslanges Engagement in einer Jugendorganisation.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>\u201eDie Wende von der Zivilgesellschaft in die Politik kam durch die Erkenntnis zustande, dass wir die Politik nicht beeinflussen k\u00f6nnen, egal wie sehr wir an der Basis k\u00e4mpfen\u201c, sagt sie. Ob es ein Kampf f\u00fcr Bildung, Gesundheit oder gegen Drogen sei, die M\u00f6glichkeiten von NGOs seien begrenzt. \u201eAngesichts des anhaltenden Leids in der Bev\u00f6lkerung haben wir uns oft hilflos gef\u00fchlt. Wir wollen nicht mehr l\u00e4nger nur Kritik \u00fcben, sondern finden es insbesondere bei dieser Wahl wichtig, dass so viele Menschen aus der Zivilgesellschaft wie m\u00f6glich die politische B\u00fchne betreten\u201c.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p><strong>Aktiv f\u00fcr Ver\u00e4nderung.<\/strong> Das kommt bei jungen Leuten wie dem 21-j\u00e4hrigen Magwala gut an. \u201eWas Rise Mzansi umsetzen m\u00f6chte, wurde nicht von den Anf\u00fchrer:innen der Partei beschlossen. Sie haben das alles vorab mit uns an der Basis diskutiert\u201c, erz\u00e4hlt er.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Sie h\u00e4tten bei B\u00fcrger:innenversammlungen gefragt, was die Menschen br\u00e4uchten, ihnen wirklich zugeh\u00f6rt und all das in einem Aktionsplan festgeschrieben. \u201eDiese neuen Politiker:innen sitzen bei Kundgebungen nicht im Schatten, w\u00e4hrend wir in der Sonne schwitzen. Sie sitzen unter uns. Es sind Leute, die wir alle durch ihre gute Arbeit in den Gemeinden kennen und die sich dort bereits aktiv f\u00fcr Ver\u00e4nderungen eingesetzt haben\u201c.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Der Wunsch nach Ver\u00e4nderung ist nicht nur in diesem Zelt, sondern \u00fcberall im Land sp\u00fcrbar. Die bislang gr\u00f6\u00dfte Oppositionspartei, Democratic Alliance, ruft dazu auf, S\u00fcdafrika \u201ezu retten\u201c. Aber ihr ist auch bewusst, dass sie das auf nationaler Ebene mit einem wei\u00dfen Spitzenkandidaten und einem Stimmenanteil um 20 Prozent allein nicht stemmen kann. Deshalb hat die Democratic Alliance mit mehreren kleineren Parteien einen Pakt geschmiedet. Sie wollen gemeinsam eine Koalition bilden und den ANC abl\u00f6sen.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Die Aussichten auf Erfolg sind laut Politikwissenschaftler Ndlovu allerdings gering: \u201eDer Abstand bleibt riesig. Wenn der ANC wirklich unter die 50-Prozent-Marke fallen sollte, wird er trotzdem eine oder zwei Oppositionsparteien f\u00fcr eine Koalition finden und weiter regieren\u201c, so Ndlovu. Das Narrativ, dass der ANC auf nationaler Ebene abgew\u00e4hlt werden k\u00f6nne, ist aus seiner Sicht ein \u201ereines Wunschdenken der Opposition\u201c.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p><strong>Ex-Pr\u00e4sident Zuma droht.<\/strong> F\u00fcr Unruhe und Unsicherheit im Wahlkampf sorgt die neue Partei des ehemaligen ANC- und Staatspr\u00e4sidenten Zuma. Vor allem in seiner Heimatprovinz Kwazulu Natal ist er trotz einer langen Liste an Korruptionsvorw\u00fcrfen und einer Gef\u00e4ngnisstrafe beliebt.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Seine neue Partei hei\u00dft uMkhonto we Sizwe (MK), wie der bewaffnete Arm des ANC zu Zeiten der Apartheid. Das ist als eine Beschw\u00f6rung des Befreiungskampfes zu verstehen, und als eine Drohung. Mitglieder der Partei haben schon mehrmals zu Gewalt aufgerufen. Es herrscht Angst vor Ausschreitungen und politischen Morden.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p><strong>Politische Gewalt.<\/strong> In dem wei\u00dfen Zelt hat ein privater Sicherheitsmann die junge Politikerin bei ihrer Wahlkampfrede nicht aus den Augen gelassen. Er begleite sie \u00fcberall hin, sagt Hlongwane-Mhlongo von Rise Mzansi. \u201eOb ich in st\u00e4ndiger Angst lebe? Ja. Ob ich das alles trotzdem mache? Ja. Ich gehe mutig voran und wenn mir etwas zusto\u00dfen sollte, wei\u00df ich, dass ich alles gegeben habe\u201c. Damit habe sie ihren Frieden geschlossen. \u201eAber nat\u00fcrlich sollten wir im Jahr 2024 nicht mehr sterben, weil wir uns politisch engagieren\u201c, f\u00fcgt sie hinzu.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Zu viele Menschen seien bereits f\u00fcr S\u00fcdafrikas Demokratie gestorben. So wie ihr Vater, der im Vorfeld der ersten demokratischen Wahlen 1994 bei Auseinandersetzungen zwischen zwei rivalisierenden Anti-Apartheid-Bewegungen \u2013 dem ANC und der Inkatha Freedom Party \u2013 get\u00f6tet wurde.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>In S\u00fcdafrika gebe es heutzutage keine Politiker:innen mehr wie Nelson Mandela, der vor 30 Jahren zum ersten Schwarzen Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde, sagt die junge Politikerin Hlongwane-Mhlongo. \u201eDiese Generation ist schon lange nicht mehr da. Und mit ihr ist das Narrativ der Regenbogennation verstummt\u201c. Das sei zwar eine schmerzhafte Erkenntnis, f\u00e4hrt sie fort. \u201eAber je schneller wir sie akzeptieren, desto besser wird es uns gelingen, die Probleme unseres Landes anzuerkennen und anzupacken\u201c. Dazu geh\u00f6rten auch F\u00e4lle von Wahlf\u00e4lschung und politischer Gewalt.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Erstmals seit der demokratischen Wende werden Sorgen vor Wahlmanipulationen und Ausschreitungen in der breiten \u00d6ffentlichkeit diskutiert, verbunden mit dem Ruf nach mehr unabh\u00e4ngigen Wahlbeobachter:innen. \u201eWir brauchen nicht noch mehr Politiker:innen, die \u00fcber Gewalt sprechen, als geh\u00f6re sie zum Machtkampf. Die Leute sind seit der Gr\u00fcndung der MK-Partei ohnehin schon nerv\u00f6s\u201c, sagt Hlongwane-Mhlongo bevor sie sich wieder unter ihre Fans mischt.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<section class=\"paragraph\">\n<div class=\"paragraph__container\">\n<p>Die Hoffnung auf einen politischen Neuanfang, auf ein friedlicheres und besseres Leben lassen sich zumindest diese jungen Oppositionsanh\u00e4nger:innen nicht nehmen. 2024 soll ihr 1994 werden \u2013 ein Befreiungsjahr.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"author":64,"featured_media":119234,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-119233","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/119233","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/64"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/119234"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=119233"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=119233"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=119233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}