{"id":122454,"date":"2025-03-16T11:52:02","date_gmt":"2025-03-16T10:52:02","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=122454"},"modified":"2025-03-16T12:27:38","modified_gmt":"2025-03-16T11:27:38","slug":"ein-biogarten-in-malysia","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/ein-biogarten-in-malysia\/","title":{"rendered":"Ein Biogarten in Malysia"},"content":{"rendered":"<p>Fu\u0308r Lisa Ngan ist der Besuch der Bienen in ihrem Garten eine mindestens so gro\u00dfe Auszeichnung wie das Lob der Besucher, die sie am vergangenen Wochenende bewirtet hat. Sieben Jahre harte Arbeit haben sie und ihr Mann Pete Teo in diese 2,75 Hektar Land investiert, das sich u\u0308ber einen steilen Berghang erstreckt \u2013 rund 30 Kilometer nord\u00f6stlich von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur. \u201eAls wir die Farm 2013 u\u0308bernommen haben, war hier nur ein Abhang, auf dem etwas Gemu\u0308se wild durcheinanderwuchs. Es sah nicht besonders gut aus, es gab mehr L\u00f6cher als Pflanzen\u201c, erz\u00e4hlt Pete und denkt an die Anfangszeit zuru\u0308ck.<\/p>\n<div><\/div>\n<div>Mit Landwirtschaft hatten die beiden fru\u0308her nicht viel am Hut, nicht einmal einen Garten gab es. Die heute 53-j\u00e4hrige Architektin arbeitete fu\u0308r ein Londoner Bu\u0308ro an internationalen Bauprojekten, w\u00e4hrend der vier Jahre \u00e4ltere Jurist in Hongkong und Su\u0308dostasien auch als Musiker und Schauspieler bekannt wurde. Beide lebten in Wohnungen in verschiedenen Weltmetropolen und hielten nicht einmal Zimmerpflanzen, um sich nicht um deren Pflege ku\u0308mmern zu mu\u0308ssen. Als sie sich 1999 kennenlernten, w\u00e4re es ihnen nie in den Sinn gekommen, gemeinsam einen Biohof in der malaysischen Provinz zu bewirtschaften.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Den ersten Schritt in diese Richtung gingen Lisas Eltern, als sie 2008 ein Stu\u0308ck Land im Titiwangsa kauften. Dieser bis zu 2000 Meter hohe Gebirgszug erstreckt sich u\u0308ber die westmalaiische Halbinsel bis nach Thailand. Rund eine Dreiviertelstunde dauert die Autobahnfahrt aus dem Zentrum der Hauptstadt bis ins D\u00f6rfchen Janda Baik. Auf den letzten Kilometern fu\u0308hrt eine kurvige Stra\u00dfe in die Bergregion, deren Flu\u0308sse und W\u00e4lder beliebte Ausflugszielefu\u0308r St\u00e4dter sind. Dementsprechend voll sind an Wochenenden die einfachen Lokale in der Gegend, in denen frisch gefangene Welse oder knusprig gebratene Enten mit gedu\u0308nsteten Su\u0308\u00dfkartoffelbl\u00e4ttern und scharfem Tofu-Curry serviert werden.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u201eEs war keine Kurzschlusshandlung, sondern ist sozusagen organisch gewachsen\u201c, sagt Lisa u\u0308ber die Entscheidung, das Land ihrer Eltern zu u\u0308bernehmen. \u201eWir hatten Glu\u0308ck, dass die Farm schon da war \u2013 wir mussten sie nur wieder in Gang bringen.\u201c Und Pete, der nicht so wirkt, wie man sich einen Landwirt vorstellt, meint: \u201eEs war nie so, dass wir unser altes Leben unbedingt einpacken und in den Dschungel gehen mussten. Wir leben hier nur 40 Minuten von Kuala Lumpur entfernt und haben dort tats\u00e4chlich immer noch eine Wohnung.\u201c<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Wie kamen sie auf die Idee, einen Biohof mit \u201eFarmto- Table-Restaurant\u201c aufzubauen? Sie dachten daru\u0308ber nach, wie sie sp\u00e4ter, im Alter, leben wollten. Entschleunigt, mit mehr Natur und weniger Hektik, sollte es sich anfu\u0308hlen. Das ist in Gro\u00dfst\u00e4dten nicht m\u00f6glich. Lisa wollte unbedingt mit den eigenen H\u00e4nden Nahrungsmittel anbauen, fu\u0308r sich selbst und fu\u0308r andere Menschen. Heute macht sie, was sie bereits als Schu\u0308lerin gern hatte: am Herd experimentieren. Ein konventionelles Lokal konnte sie sich nicht vorstellen, auch keine Hobbygastronomie. Sie tr\u00e4umte von einem Ort, an dem sich Besucher fast so wohlfu\u0308hlen wie zu Hause. Ihr Mann Pete wollte einfach etwas Neues ausprobieren, k\u00f6rperlich arbeiten, eine Herausforderung meistern.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>W\u00e4hrend Lisa erz\u00e4hlt, bereitet sie einen Caf\u00e9 Latte an ihrer Espressomaschine zu. In Jeans und T-Shirt, die langen dunklen Haare im Nacken zusammengebunden, strahlt sie eine Art warmherzige Autorit\u00e4t aus, vielleicht weil sie die \u00e4lteste von drei Schwestern ist. Das Licht f\u00e4llt durch die Fensterfront auf ein Regal mit Kr\u00e4utern und Gewu\u0308rzen in handbeschrifteten Gl\u00e4sern. Von einem lang gezogenen Holzbalkon \u00f6ffnet sich der Blick u\u0308ber das Gel\u00e4nde, u\u0308ber dem sich der morgendliche Nebel gerade lichtet. Gegenu\u0308ber liegt ein schlichtes Holzgeb\u00e4ude mit einem verglasten Bu\u0308ro im Erdgeschoss, daru\u0308ber ein an den Seiten offener Gastraum, in dem bis zu 60 Leute Platz finden.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u201eWir empfangen hier ganz unterschiedliche G\u00e4ste und freuen uns u\u0308ber jeden einzelnen. Einige wollen einfach die Natur erleben und gesund essen\u201c, erz\u00e4hlt die ehemalige St\u00e4dterin. Das Besondere: Alle sitzen gemeinsam an einer langen Tafel und bedienen sich aus denselben Schu\u0308sseln \u2013 v\u00f6llig egal, welcher Kultur sie angeh\u00f6ren. Schweinefleisch ist grunds\u00e4tzlich tabu, andere Optionen werden vor der Reservierung gekl\u00e4rt. Das ist ein ungew\u00f6hnliches Konzept fu\u0308r Malaysia, wo Trennung nach ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit ein gro\u00dfes Thema ist. \u201eUnsere Vision ist, eine Gemeinschaft aufzubauen, die miteinander und nicht nebeneinander lebt\u201c, sagt Lisa, die wie Pete aus einer chinesischst\u00e4mmigen Familie kommt.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Die meisten Zutaten fu\u0308r die mediterran-asiatischen Gerichte, die Lisa mit viel Sorgfalt zubereitet, hat sie in den eigenen Gemu\u0308sebeeten angebaut. Dafu\u0308r ziehen sich symmetrisch angelegte Terrassen den Hang hinauf. Auberginen, Bohnen, Gurken und Ku\u0308rbisse, Okra, Rote Bete und Maniok sind gerade erntereif. Neben einem Gew\u00e4chshaus, in dem Pete mit der Zucht von Tomaten experimentiert, liegt Lisas Kr\u00e4utergarten, in dem Thymian, Rosmarin und Lorbeer viel u\u0308ppiger wachsen als sonst in den Tropen u\u0308blich. Chilis und Zitronengras wuchern regelrecht, Roselle-Str\u00e4ucher und lokale Wildkr\u00e4uter wie Zwergpfeffer oder Betelbl\u00e4tter gedeihen pr\u00e4chtig. Sie eignen sich als natu\u0308rliche Medizin ebenso wie als Salatgewu\u0308rz. \u201eWenn man Nahrungsmittel direkt von den Fl\u00e4chen nebenan isst, schmecken sie reiner, intensiver, frischer. Supermarktprodukte haben meiner Ansicht nach keinen Geschmack. Das ist uns erst hier oben wieder bewusst geworden.\u201c Pete ist der Sohn eines einfachen H\u00e4ndlers und hat seine Kindheit auf der Insel Borneo verbracht.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Von Du\u0308nger und Kompost Das zweist\u00f6ckige Wohnhaus der beiden versteckt sich hinter<br \/>\nbaumhohen Bananen- und Papayastauden. Unter der Woche leben hier auch einige ihrer Mitarbeiter. \u00dcberall im Garten w\u00e4chst Obst: erfrischende Wasserrosen\u00e4pfel, riesige Jackfru\u0308chte und ein stattlicher Durianbaum, dessen stachelige Stinkfrucht in Su\u0308dostasien als K\u00f6nigin der Fru\u0308chte gilt. Die neu gepflanzten Avocado-B\u00e4ume brauchen noch ein paar Jahre bis zur ersten Ernte, dafu\u0308r ranken die Maulbeeren in diesem Jahr besonders u\u0308ppig.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u201eAls wir hier anfingen, wussten wir nichts u\u0308ber Landwirtschaft, wir kannten nicht einmal den Unterschied zwischen Du\u0308nger und Kompost\u201c, erz\u00e4hlt Pete, der sich nach eigenen Worten immer dann besonders fu\u0308r eine Sache begeistert, wenn er sie erst noch verstehen muss. \u201eWir mussten viele romantische Vorstellungen u\u0308ber Bord werfen und stattdessen erst einmal lernen, wie man ohne chemische Hilfsmittel Erde anreichert und Sch\u00e4dlinge bek\u00e4mpft. Also wurden wir Google-Farmer.\u201c<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Doch die meisten englischsprachigen Informationen zu Biolandwirtschaft stammen aus Australien und den Vereinigten Staaten, wo ein ganz anderes Klima als in Malaysia herrscht. Erst die indische Biolandwirtschaft gab ihnen Antworten. So haben sie etwa indische Neemb\u00e4ume im Garten gepflanzt, aus deren Fru\u0308chten sie \u00d6l gewinnen, das als natu\u0308rliches Sch\u00e4dlingsbek\u00e4mpfungsmittel gilt. Weil in Malaysia Rinderfarmen rar sind, kam Kuhmist als Du\u0308nger nicht infrage. Stattdessen n\u00e4hren sie den Boden mit Wurm-Mist. \u201eNun zu\u0308chtet ein Bauer in der N\u00e4he fu\u0308r uns Wu\u0308rmer\u201c, sagt Pete. \u201eEs gibt die puristische Denkweise der reinen Selbstversorgung bei manchen Biobauern. Uns geht es jedoch um eine Biogemeinschaft und um eine Versorgungskette. Alles alleine zu machen ist nicht immer \u00f6kologisch.\u201c<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Sie wollen enger mit den lokalen Bauern zusammenarbeiten und einen gemeinsamen Direktvertrieb an Restaurants und andere Kunden in der Stadt aufbauen. \u201eDas hier ist zwar ein l\u00e4ndliches Paradies \u2013 aber eben nur teilweise. Vieles dreht sich auch um Mittelbeschaffung und Vertrieb\u201c, sagt Pete, der in Malaysia fu\u0308r seine sozialpolitischen Musikund Filmprojekte bekannt ist. So bezieht die \u201elittle Farm on the Hill\u201c Geflu\u0308gel, Ziegenfleisch und K\u00e4se von anderen H\u00f6fen, Bio-Rindfleisch stammt aus Australien. Die bislang einzige eigene Tierzucht sind einheimische Karpfen, Brassenbarben und Marmorgrundeln, die in einem klaren Teich hinter duftendem Fackel-Ingwer schwimmen. \u201eWir wollten anfangs Hu\u0308hner halten, sind aber wegen der Vogelgrippe wieder davon abgekommen\u201c, erz\u00e4hlt Lisa, der auf Schritt und Tritt mindestens einer ihrer vier Hunde folgt. \u201eAu\u00dferdem lockt Geflu\u0308gel Schlangen und Riesenwarane an. Gerade denken wir u\u0308ber eine eigene Ziegenhaltung nach.\u201c<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Das Restaurant profitiert von der N\u00e4he zu Kuala Lumpur. Doch die urbane Mittel- und Oberschicht, die sich neuerdings in Malaysia fu\u0308r den Bio-Trend erw\u00e4rmt, erwartet zwar rustikale Atmosph\u00e4re \u2013 zu viel Matsch und Ungeziefer sind jedoch nicht gefragt. \u201eWir versuchen daher, die Wahrnehmung der Menschen zu \u00e4ndern. Denn was sie hier sehen, ist l\u00e4ndlich und modern zugleich\u201c, erkl\u00e4rt Pete. Wer ankommt, holt erst einmal tief Luft, denn sie ist klar und erfrischend ku\u0308hl. In der Regenzeit rauschen zwei Bachl\u00e4ufe ins Tal, V\u00f6gel rufen, Bienen summen \u2013 Ger\u00e4usche, die man in einer asiatischen Gro\u00dfstadt nicht mehr h\u00f6rt. \u201eAm liebsten wu\u0308rde ich jedem noch viel mehr zeigen, zum Beispiel wie klar der Sternenhimmel hier oben ist oder wie intensiv die Naturger\u00e4usche in der Nacht\u201c, schw\u00e4rmt Lisa. \u201eIch musste mir oft anh\u00f6ren, was fu\u0308r eine Verschwendung es sei, nach so vielen Jahren als Architektin B\u00e4uerin zu werden. Doch wenn ich heute nach Kuala Lumpur fahre, nehme ich erst all den L\u00e4rm und die Lichter und den Gestank wahr \u2013 und bin froh, wenn ich wieder hierher zuru\u0308ckkehren kann.<\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":122654,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[1388,1387,1386],"kategorie":[],"class_list":["post-122454","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-bio","tag-landwirtschaft","tag-malaysia"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/122454","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/122654"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=122454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=122454"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=122454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}