{"id":123258,"date":"2025-03-28T04:07:52","date_gmt":"2025-03-28T03:07:52","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=123258"},"modified":"2025-03-28T04:07:52","modified_gmt":"2025-03-28T03:07:52","slug":"in-die-falle-getappt","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/in-die-falle-getappt\/","title":{"rendered":"In die Falle getappt"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine Anfrage, wie das Team der Nichtregierungsorganisation Futerasu sie h\u00e4ufig erh\u00e4lt: Eine junge Frau hat Schulden in einer Host Bar angeh\u00e4uft und weiss nicht, wie sie sie zur\u00fcckzahlen soll. Der Host habe sie gedr\u00e4ngt, das Geld doch mit Sexarbeit zu verdienen. Was soll sie nur tun?<\/p>\n<p>Host Bars sind in japanischen Innenst\u00e4dten weit verbreitet. M\u00e4nnliches Personal, die Hosts, flirtet und unterh\u00e4lt sich mit den G\u00e4sten, es wird Alkohol getrunken, die teuren Getr\u00e4nke werden oft angeschrieben. So passiert es schnell, dass Kundinnen den \u00dcberblick verlieren und am Ende mit einer sehr hohen Rechnung konfrontiert sind. Anw\u00e4ltin Mikami Saki und Sozialarbeiterin Chiba Miu erkl\u00e4ren das System: Fr\u00fcher seien Host Bars eigentlich nur etwas f\u00fcr Frauen mit viel Geld gewesen. Doch inzwischen seien die Clubs zug\u00e4nglicher f\u00fcr die breite Masse. Besonders junge Frauen w\u00fcrden gezielt als Kundinnen umworben. Das Perfide: Wenn die Frauen Schulden anh\u00e4ufen, wird ihnen oft nahegelegt, diese mit Sexarbeit abzustottern.<\/p>\n<h5>Leere Versprechen<\/h5>\n<p>Sexarbeit ist in Japan ein grosses Gesch\u00e4ft. Landesweit sollen laut Branchenangaben etwa 400 000 Frauen in der Sexindustrie arbeiten. Die Dunkelziffer k\u00f6nnte aber deutlich h\u00f6her sein. Eigentlich ist Prostitution illegal, doch das Verbot umfasst nur Penetration. Andere sexuelle Handlungen sind erlaubt und werden auch offen angeboten.<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen, dass Frauen aufgrund ihrer Besuche von Host Bars schliesslich in die Prostitution gedr\u00e4ngt werden, hat 2024 in den japanischen Medien viel Aufmerksamkeit erfahren. Die Polizei f\u00fchrte Razzien in Host Bars durch. Ende Mai wurde eine Host Bar im Tokioter Stadtviertel Kabukicho geschlossen. Ein Host der Bar \u00abLOVE\u00bb wurde verurteilt, weil er eine Frau in die Prostitution gedr\u00e4ngt hatte. Die Masche ist dabei immer dieselbe: Die M\u00e4nner nutzen junge, sexuell unerfahrene Frauen mit wenig Beziehungserfahrung aus, verf\u00fchren sie und gaukeln ihnen vor, verliebt zu sein. So locken sie die Frauen mit leeren Versprechungen immer wieder in die Host Bars, bis diese sich hoch verschuldet haben. Dann vermitteln die Hosts die Frauen an die M\u00e4nner, die sie ins Sexgewerbe dr\u00e4ngen. Laut den japanischen Beh\u00f6rden unterhalten viele Host Bars Verbindungen zu kriminellen Banden.<\/p>\n<p>Auch wenn l\u00e4ngst nicht alle Host Bars in illegale Gesch\u00e4fte verwickelt sind, so wird mit dem Versprechen von Zuneigung und Liebe gespielt und Geld verdient. Das Konzept, dass Menschen daf\u00fcr bezahlen, dass jemand in Bars oder Caf\u00e9s Zeit mit ihnen verbringt, ist in Japan sehr verbreitet. Auch f\u00fcr Frauen gibt es Datingservices, die f\u00fcr ein paar Stunden Freunde oder Partner vermitteln.<\/p>\n<h5>Fehlender Schutz<\/h5>\n<p>\u00abBei den Host Bars handelt es sich im Grunde genommen um einen Love Scam, also einen Liebesbetrug\u00bb, sagte Shiomura Ayaka, Mitglied des japanischen Oberhauses, die sich erfolglos f\u00fcr bessere Schutzmassnahmen gegen ausbeuterische Host Bars eingesetzt hat, gegen\u00fcber CNN. \u00abViele dieser Frauen glauben tats\u00e4chlich, dass sie mit den Hosts zusammen sind.\u00bb<\/p>\n<p>Im Jahr 2023 hat die Tokioter Polizei nach Angaben des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks NHK 140 Personen wegen angeblicher Prostitution in Kabukicho festgenommen \u2212 eine Verdreifachung gegen\u00fcber dem Vorjahr. Von den Festgenommenen sagten 40 Prozent der Polizei, dass sie sich prostituiert h\u00e4tten, um ihre Schulden in Host Bars zur\u00fcckzuzahlen.<\/p>\n<p>Sexarbeit ist ein unsicheres Gewerbe. Die Frauen sind freiberuflich, selbst jene, die in Etablissements arbeiten. Die Grenze zwischen legalen und illegalen Angeboten ist oft fliessend. Verdeckt werde auch Penetrationssex angeboten, sagt Mikami Saki. F\u00fcr die Frauen birgt das die Gefahr, mit einer Geldstrafe belegt zu werden. Haben die Frauen keine Kunden, bekommen sie in der Regel auch kein Geld. Auch nicht, wenn sie krankheitshalber ausfallen.<\/p>\n<p>Auch Sexarbeiterinnen, die ungewollt schwanger werden, stehen vor vielen H\u00fcrden: Die Pille zur Notfallverh\u00fctung ist verschreibungspflichtig. Schwangerschaftsabbr\u00fcche sind teuer. Zudem ist f\u00fcr einen Schwangerschaftsabbruch in Japan grunds\u00e4tzlich die Zustimmung des Kindsvaters notwendig. Es gebe allerdings Kliniken, die darauf verzichteten, sagt Mikami Saki.<\/p>\n<p>Auch Gewalt sei ein h\u00e4ufiges Problem, berichtet das Team von Futerasu, das Sexarbeiterinnen in ganz Japan ber\u00e4t. Zwar hat die Regierung vor einiger Zeit das Sexualstrafrecht versch\u00e4rft, doch tats\u00e4chlich werden nur wenige Vergewaltigungen angezeigt. F\u00fcr die Sexarbeiterinnen kommt erschwerend das gesellschaftliche Stigma hinzu. Es gebe F\u00e4lle, in denen die Polizei den Frauen die Schuld f\u00fcr den \u00dcbergriff als eine Art Berufsrisiko zuschreibe und ihre Anzeige nicht ernst nehme, berichtet Mikami Saki.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt die Branche f\u00fcr viele Frauen attraktiv. In Tokio liegt der durchschnittliche Mindestlohn bei umgerechnet knapp 7 Schweizer Franken pro Stunde. In der Sexarbeit k\u00f6nne man zwischen 17 und 116 Schweizer Franken pro Stunde verdienen, sagt Anw\u00e4ltin Mikami Saki. \u00abEs ist daher oft die effizienteste M\u00f6glichkeit f\u00fcr Frauen, Geld zu verdienen.\u00bb<\/p>\n<p>Das von Host Bars verwendete Abrechnungssystem ist nach geltendem Recht nicht illegal. Allerdings hat ein landesweiter Aufschrei dazu gef\u00fchrt, dass Politiker*innen an einer Gesetzesversch\u00e4rfung arbeiten, die den Bars ihre intransparenten Abrechnungspraktiken untersagen soll.<\/p>\n<p>Ein von Shiomura Ayaka entworfener Gesetzentwurf, der staatliche Ermittlungen, \u00f6ffentliche Aufkl\u00e4rungskampagnen, Beratungsdienste und Besch\u00e4ftigungshilfe f\u00fcr die Opfer vorsah, wurde jedoch von der Regierungspartei abgelehnt. Kritiker* in nen argumentierten, dass die Kundinnen selbst f\u00fcr ihren Besuch von Host Bars und ihre \u00fcberm\u00e4ssig hohen Ausgaben verantwortlich seien.<\/p>\n<p>\u00abDiese Ansichten zeigen, dass wir in der japanischen Gesellschaft ein Problem haben. Die K\u00f6rper von jungen Frauen haben keinen Wert und werden nur als Produkt betrachtet\u00bb, sagte die Parlamentarierin Shiomura Ayaka gegen\u00fcber CNN.<\/p>\n<h5>Tabuthema Sex<\/h5>\n<p>Das Sexgewerbe mag in Japan sehr offen f\u00fcr sich werben, im Alltag der meisten Menschen ist Sex aber eher ein Tabuthema. Dies ist mit ein Grund daf\u00fcr, dass Gewalt an Frauen und sexualisierte Gewalt in Japan oft normalisiert werden. Die NGO Futerasu fordert daher eine Reformation des Sexualkundeunterrichts, damit nicht nur sexualisierte Gewalt, sondern auch das Recht auf k\u00f6rperliche Selbstbestimmung offen thematisiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Japan ist nach wie vor eine patriarchalische Gesellschaft. M\u00e4nner dominieren die Politik und die F\u00fchrungsetagen von Unternehmen. Im Index zur Geschlechtergleichstellung des Weltwirtschaftsforums landet Japan auf Platz 118 von insgesamt 146 L\u00e4ndern. Wie Frauen dargestellt werden, welche Rechte sie \u00fcber ihren K\u00f6rper haben \u2013 diese Entscheidungen liegen nach wie vor meist in M\u00e4nnerhand.<\/p>\n","protected":false},"author":119,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-123258","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/123258","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/119"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=123258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=123258"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=123258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}