{"id":123261,"date":"2025-03-28T04:14:11","date_gmt":"2025-03-28T03:14:11","guid":{"rendered":"https:\/\/weltreporter.net\/?post_type=arbeitsprobe&#038;p=123261"},"modified":"2025-03-28T04:14:11","modified_gmt":"2025-03-28T03:14:11","slug":"die-weibliche-samurai","status":"publish","type":"arbeitsprobe","link":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/arbeitsprobe\/die-weibliche-samurai\/","title":{"rendered":"Die weibliche Samurai"},"content":{"rendered":"<p>Ein Zweikampf. Die St\u00f6cke knallen aufeinander. Ein Schritt nach vorn, ein Schritt zur\u00fcck, ausweichen, vorsto\u00dfen. Gewinnen oder verlieren \u2013 das ist hier die Frage. Doch pl\u00f6tzlich stockt das Duell, als w\u00fcssten die Kontrahent*innen nicht mehr weiter. Lehrerin\u00a0<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/kaho_nouchi\/\">Kaho\u00a0<\/a><a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/kaho_nouchi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Nouchi<\/a>\u00a0hilft und erkl\u00e4rt noch einmal genau die Choreografie. In welche Richtung muss ich ausweichen? Wie genau den Stock halten? Nouchi lehrt Tate (ausgesprochen: Tat\u00e9), eine Form des B\u00fchnenkampfes in Japan.<\/p>\n<p>Wer schon mal einen Samurai-Film gesehen hat, dem ist auch Tate schon begegnet. Filme wie \u201eLast Samurai\u201c mit Tom Cruise und der Klassiker \u201eSieben Samurai\u201c greifen darauf zur\u00fcck. Oder die Serie \u201eSh\u014dgun\u201c, die im Februar auf Disney+ gestartet ist und auch k\u00e4mpfende Frauen zeigt. Ein Gefecht mit Schwertern oder anderen Waffen m\u00f6glichst spannend darzustellen ist das Ziel dieser Kunstform. Die Sch\u00fcler*innen lernen an diesem Tag allerdings mit Holzst\u00f6cken.<\/p>\n<p><strong>Unterhaltung steht im Vordergrund<\/strong><\/p>\n<p>In einem echten Schwertkampf w\u00fcrde sie wohl nicht bestehen, sagt Nouchi. Bei Tate gehe es um Unterhaltung. Es soll echt aussehen, aber niemanden verletzen. Trotzdem, m\u00fcssten sie sehr aufpassen. Anders als bei einem echten Konflikt stehe auch vorher fest, wer gewinnt. Welche Rolle mag sie lieber: Gewinnerin oder Verliererin? Gewinnerin nat\u00fcrlich, lacht Nouchi. Wie entscheidet sich das? \u201eDa ich die Anf\u00fchrerin bin, spiele ich immer die Gewinnerin.\u201c<\/p>\n<p>Eine Show auf der B\u00fchne dauere in der Regel zwischen 15 und 60 Minuten. Eine Geschichte wird dabei nicht erz\u00e4hlt, es geht nur um die Darstellung eines Kampfes. Die Gruppe entwirft die Choreografie selbst und \u00fcbt sie ein \u2013 oft nur an einem einzigen Tag. Im Tate gibt es ein Set an festen Bewegungsabl\u00e4ufen. Anf\u00e4nger*innen lernen 30 davon. Insgesamt gebe es aber rund 200. Profis wissen eine Vielzahl der Moves auswendig und k\u00f6nnen daher schnell lernen. Ihr Publikum in den Shows sei ganz gemischt, sagt Nouchi: Jung und Alt, M\u00e4nner und Frauen.<\/p>\n<p><strong>Mit drei Jahren angefangen\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>In dem Trainingsraum in Osaka, der drittgr\u00f6\u00dften Stadt Japans, sind die Frauen heute in der \u00dcberzahl: drei Sch\u00fclerinnen, drei Sch\u00fcler sowie Nouchi und ihre Schwester Yuri als Trainierinnen. In der Welt des Schwertkampfes ein eher ungew\u00f6hnlicher Anblick. \u201eTate ist eine M\u00e4nnerwelt\u201c, sagt Nouchi. K\u00e4mpfen, selbst wenn es nur der Unterhaltung dient, verbinden viele immer noch mit m\u00e4nnlich geltenden Attributen: St\u00e4rke, Aggressivit\u00e4t. Sie ist eine der wenigen Frauen, die in dieser Branche ihren Weg geht.<\/p>\n<p>Schon im Alter von drei Jahren habe sie mit Tate angefangen, erz\u00e4hlt Nouchi. Ihr Vater habe bei zahlreichen Filmen als Trainer und Choreograf mitgewirkt. Au\u00dferdem trat er im Theater auf. Sie sei immer bei ihrem Vater backstage gewesen und habe ihn auf der B\u00fchne gesehen. Das fand Nouchi nach eigenen Angaben \u201erichtig toll\u201c. 2003 habe ihr Vater eine Schule gegr\u00fcndet, um Tate zu lehren. Da begann auch Nouchi bei ihm eine professionelle Ausbildung. Ihr Hobby war ungew\u00f6hnlich, negativ aufgefasst wurde es aber nicht. Ihre Mitsch\u00fcler*innen fanden es eher cool, erinnert sie sich.<\/p>\n<p>Sie hat ihr Leben fr\u00fch dem Tate verschrieben. Als Kind habe sie jeden Tag zwei Stunden ge\u00fcbt. Sie erz\u00e4hlt sehr positiv von ihrem Vater, sagt aber auch, dass es keine leichte Zeit gewesen sei. Ihr Vater sei sehr streng gewesen. Wieder und wieder habe sie im Training Bewegungen wiederholen m\u00fcssen. \u201eIch wurde nicht verh\u00e4tschelt.\u201c Dass ihr Vater gleichzeitig ihr Mentor war, habe sich auch auf ihr Familienleben ausgewirkt.<\/p>\n<p>In Japan gilt oft das Motto: Lernen durch Beobachten. Wer eine Kunstform wie Tate zur Perfektion bringen will, muss die Mentorin oder den Mentor genau studieren, ihre oder seine Bewegungen nachahmen. Sie habe ihren Vater \u201e365 Tage im Jahr\u201c beobachtet \u2013 selbst, wie er eine Tasse hielt, lacht Nouchi. Sie h\u00e4tten damals eher eine Lehrer-Sch\u00fclerin-Beziehung gehabt. Nouchi liebt Tate. Das wird deutlich, wenn sie davon erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>Zweifel am Karriereweg<\/strong><\/p>\n<p>Als das Interview beginnt, besteht sie darauf, erst \u00fcber Tate sprechen zu wollen, dann \u00fcber sich. Trotz ihrer Leidenschaft hatte sie lange Zweifel, ob sie es wagen sollte, Profi zu werden. Weibliche Vorbilder hatte sie nicht. Ihre Eltern h\u00e4tten sie zwar unterst\u00fctzt, trotzdem blieben Zweifel. Einen Schwertkampf mit Frauen? M\u00f6chte irgendjemand so etwas \u00fcberhaupt sehen?<\/p>\n<p>Erst ein Schl\u00fcsselmoment \u00e4nderte ihre Meinung. 16 oder 17 sei sie damals gewesen. Sie hatte ihre erste Solo-Performance auf der B\u00fchne. Das Publikum applaudierte. \u201eEs war ein High-Moment\u201c, erz\u00e4hlt Nouchi. Da habe sie beschlossen, eine professionelle Karriere anzustreben. Zun\u00e4chst arbeitete sie als Assistentin f\u00fcr ihren Vater, unterst\u00fctzte ihn in der Lehre und trat in Shows auf.<\/p>\n<p>2014 gr\u00fcndete sie mit ihrer Schwester und weiteren Sch\u00fcler*innen ihres Vaters eine eigene Schwertkampfgruppe namens \u201eSukedachi-ya Ohako\u201c. Sukedachi hei\u00dft Helfer*in oder Bodyguard, Ohako l\u00e4sst sich mit Spezialit\u00e4t oder Besonderheit \u00fcbersetzen. \u201eEs bedeutet, dass es unsere Spezialit\u00e4t ist, mithilfe des Schwerts anderen zu helfen und als Bodyguard zu agieren.\u201c<\/p>\n<p>Die Mitglieder der Gruppe geben Unterricht und treten in Shows auf, haupts\u00e4chlich in Osaka. Nouchi ist die Chefin und ihr Gesicht nach au\u00dfen. Sie postet regelm\u00e4\u00dfig Videos auf YouTube und Instagram. Da zeigt sie Tate-Performances, Szenen aus ihrem Alltag \u2013 und macht Werbung f\u00fcr Produkte.<\/p>\n<p>Denn Nouchi ist auch eine gefragte Influencerin. Auf Instagram hat sie mehr als 61.000 Follower. Und sie gibt Online-Klassen f\u00fcr Sch\u00fcler*innen in 13 verschiedenen L\u00e4ndern, unter anderem in Deutschland, Mexiko und den USA. Sie reiste auch schon nach Spanien und zur Expo 2017 in Kasachstan, um dort ihr Heimatland zu vertreten. Das Besondere: Sie ist ein Tate-Profi und kann davon leben.<\/p>\n<p><strong>Ber\u00fchmte Kriegerinnen<\/strong><\/p>\n<p>Tate kommt aus dem traditionellen japanischen Theater, ist also keine Martial Arts wie Judo oder Karate. Kampfszenen darzustellen war im Theater nicht un\u00fcblich. Zudem handeln viele Geschichten vom Leben der Samurai, einer Kriegerkaste im mittelalterlichen Japan. Sie \u00fcbten teilweise gro\u00dfen politischen und kulturellen Einfluss aus.<\/p>\n<p>In den historischen Erz\u00e4hlungen Japans \u00fcber die Samurai dominieren M\u00e4nner. K\u00e4mpfende Frauen waren eine Ausnahmeerscheinung. Dennoch gab es sie. Die wohl ber\u00fchmteste unter ihnen ist Tomoe Gozen. Sie taucht in den Heike-Erz\u00e4hlungen auf, die vom Kampf zweier Herrscher-Clans Ende des 12. Jahrhunderts handeln und wird dort als gef\u00fcrchtete Kriegerin beschrieben, die es \u201emit Tausenden\u201c K\u00e4mpfern aufnehmen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Unter Wissenschaftler*innen ist aber umstritten, ob Gozen tats\u00e4chlich existiert hat. Unbestritten ist dagegen die Existenz von Nakano Takeko, die Mitte des 19. Jahrhunderts gelebt hat, ein Frauen-Bataillon gr\u00fcndete und f\u00fcr das damalige F\u00fcrstentum Aizu k\u00e4mpfte. Oder Fujinoye (um 1189), die mit ihrer Verteidigung der Burg Takadachi in Gem\u00e4lden verewigt ist.<\/p>\n<p><strong>Tate in den USA<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn Frauen im Tate immer noch in der Minderheit sind, ist Nouchi nicht die Einzige, die es geschafft hat:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/tatehatoryuny\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kyo Kasumi<\/a>, 53, lernte Tate in Japan. Als Kind habe sie den Film \u201eCharlie\u2019s Angels\u201c gesehen und sei fasziniert von der Idee gewesen, dass Frauen stark sein und M\u00e4nner \u201ebesiegen\u201c k\u00f6nnten. Sie ging in die USA und er\u00f6ffnete 2014 in New York ihre eigene Tate-Schule; auf ihrer Webseite bezeichnet sie sich als erste Japanerin, die den B\u00fchnenkampf in den USA lehrt. Au\u00dferdem produziert sie Schwertkampffilme.<\/p>\n<p>Zu Beginn sei sie einmal f\u00fcr eine Performance abgelehnt worden. Ein Samurai k\u00f6nne nicht von einer Frau dargestellt werden, habe es gehei\u00dfen. Diese Vorstellung zu \u00e4ndern sei auch ein Grund gewesen, warum sie ihre Schule gegr\u00fcndet habe. Heute beobachtet Kasumi, dass es seit der #MeToo-Bewegung mehr weibliche Hauptfiguren in Action-Filmen und -Szenen gebe. Tate sei grunds\u00e4tzlich offen f\u00fcr alle \u2013 unabh\u00e4ngig von Alter oder Geschlecht. Das sei eines der sch\u00f6nsten Dinge daran.<\/p>\n<p>Nouchi liebt am meisten die Balance aus Bewegung und Stille und die Reaktionen des Publikums, das mit den K\u00e4mpfer*innen mitfiebert. Bei einem Auftritt lege sich ein Schalter um, werde sie \u201eein anderer Mensch\u201c und \u201eeine sch\u00f6ne, unglaublich starke Frau\u201c. Was St\u00e4rke f\u00fcr sie bedeutet? Geerdet sein, meint Nouchi, vor Gefahr nicht zur\u00fcckzuschrecken. Ob sie im Alltag auch so sei? Da sei sie fr\u00f6hlicher, lache viel. Auf der B\u00fchne lache sie nicht.<\/p>\n","protected":false},"author":119,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"tags":[],"kategorie":[],"class_list":["post-123261","arbeitsprobe","type-arbeitsprobe","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe\/123261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/arbeitsprobe"}],"about":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/arbeitsprobe"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/119"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=123261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=123261"},{"taxonomy":"kategorie","embeddable":true,"href":"https:\/\/weltreporter.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/kategorie?post=123261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}