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Chronik einer Katastrophe

Schon wieder hat die Erde in Indonesien gebebt. Diesmal 240 Kilometer südlich von Westjava am Montag, den 17. Juli 2006, um 15.19 Uhr. Um 16 Uhr – ich saß gerade mitten in einer Besprechung in einem einstöckigen Privathaus im zentraljavanischen Yogyakarta und hatte von dem Beben überhaupt nichts gespürt – erhielt ich den ersten Anruf aus Deutschland: „Können Sie uns Details über die neue Katastrophe berichten? Stimmt es, dass es einen Tsunami gab?“

Wie schon so oft, hatte ich von einer Katastrophe nur wenige hundert Kilometer vor meiner Haustür, über die Redaktionen in Deutschland erfahren. Die Newsticker der internationalen Agenturen kommen in der Regel dort schneller an, als die Nachrichtenmeldungen der indonesischen Medien bei der eigenen Bevölkerung.

Leider galt das in diesem Fall auch für die internationale Tsunami-Warnung des Pacific Tsunami Warning Center in Hawaii, das die indonesischen Behörden mindestens eine halbe Stunde vor der drohenden Todeswelle an der Südküste Javas gewarnt hatte. Die hielt die Befürchtungen jedoch für übertrieben und gab die Warnung nicht weiter. Die Bevölkerung an den Stränden Westjavas wurde daher vom Indischen Ozean völlig ungewarnt überrollt.

Während ich mich ans Telefon stürzte, um bei Bekannten aus der betroffenen Gegend mehr über die aktuelle Situation vor Ort herauszufinden, telefonierte der indonesische Nachrichtensender Metro-TV mit panischen Einwohnern aus den bedrohten Orten, die genauso wenig Ahnung hatten, was direkt an der Küste vor sich ging. Zu diesem Zeitpunkt hatten zwei Tsunami-Wellen die Strände von Pangandaran, Batukeras und anderen Fischerorten bereits platt gewalzt und Hunderte Menschen mit sich in den Tod gerissen. Selbst mein Lieblingsstrand, nur 30 Kilometer von Yogyakarta entfernt, wurde von der Riesenwelle verwüstet – und keiner hier hatte etwas davon mitbekommen.

In Europa dagegen waren bereits die ersten Satellitenbilder zu sehen. In den kommenden Stunden fragten vier verschiedene Fernseh- und Radiostationen aus Deutschland Telefonschalten an, zwei Tageszeitungen wollten Berichte. Dabei ging es weniger um die neuesten Informationen – die waren ja schon längst in Hamburg, Berlin oder Wiesbaden angekommen – als um das Bild einer „Expertin vor Ort“. Am nächsten Tag, während an der javanischen Küste die Suche nach Überlebenden weiterging, spekulierten die deutschen Medien über die technischen Details des von Deutschland entwickelten Tsunami-Frühwarnsystems. Etwas zur gleichen Zeit trafen in den abgelegeneren Fischerdörfern die ersten Ambulanzen ein.

Drei Tage später, als die Zahl der Toten nicht mehr stündlich stieg und die ersten Touristen aus der Katastrophengegend in Yogyakarta und Jakarta eintrafen, war der Tsunami in Deutschland bereits kein Thema mehr. „Vielen Dank und bis zur nächsten Katastrophe“, flötete ein Redakteur durchs Telefon. Mehr über Seebeben in Indonesien: www.bmg.go.id

 

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Doha, die langweiligste Hauptstadt der Welt

Zuerst wurde ich überrascht. Am Flughafen von Qatar begrüßte mich ein grimmig aussehender Polizeibeamter. „Das ist ein neuer Pass“, brummte er durch seinen Vollbart. Es klang wie ein Vorwurf. Ich, vorsichtig: „Ja? Stimmt etwas nicht?.“ – Er: „Die neuen deutschen Pässe sind fälschungssicher.“ Ich, meine Sonnenbrille anhebend: „Ja. das ist mein Pass.“ Er: „Schauen Sie, das Hologramm. Toll!“. Es klang jetzt wie Bewunderung. Ich war zu müde, um dass zu verstehen.

Ein zweiter Polizist trat hinzu und deutete auf den Pappbecher in meiner Hand: „Was ist das für ein Kaffee?“ Ich: „Nun, ein ganz normaler Kaffee, ich habe ihn gerade da vorne gekauft.“ Der Polizist: „Er richt so gut. Wissen Sie, ich habe schlimme Kopfschmerzen. Der Geruch tut meinem Kopf richtig gut.“ Doha, Hauptstadt von Qatar, ist offenbar eine Gegend mit besonders sanftmütigen Menschen.

Ich war aus Versehen gekommen, eigentlich nur zum Umsteigen, doch die zwölf Stunden Wartezeit wollte ich nutzen, um mir die fremden arabische Boomstadt anzuschauen. Ich fuhr mit dem Taxi ins Stadtzentrum, fragte den Fahrer, einen Inder, was man sich hier anschauen könnte. Er antwortete misstrauisch: „In Doha?“ Er hielt meine Frage offenbar für einen Scherz. Geantwortet hat er zumindest nicht.

Die freundlichen Polizeibeamten hatten mir nicht ohne Stolz empfohlen, ins City Centre zu fahren. Wir fuhren über sandigen Straßen, vorbei an sandfarbenen Gebäuden, mutige architektonische Mischbauten aus modernen Spiegelglasfassaden und Wachtürmen im Stil alter Wüstenoasen.

Der Wagen hielt an einer riesigen Shoppingmall mit amerikanischen Fastfood-Imbissen und kitschigen Möbelhäusern. Es kalt wie in einem Gefrierfach. Schnell wieder in die Sonne.

Ich irrte über breite Straßen, vorbei an vielen sämtlich unfertigen Hochhäusern. Es gab Banken, Botschaften und Ministerien. Menschen sah ich lange nicht. „Was kann man sich hier anschauen?“, fragte ich, als ein paar Blocks weiter ein paar Jugendliche auftauchten. „Das City Centre“, antworteten beide gleichzeitig. – „Kenne ich.“ Sie überlegten. „Waren Sie schon am Flughafen? Der ist neu!“

Von extremer Hitze und der aggressiven Klimaanlagenkälte hatte ich Kopfschmerzen bekommen. Ich fuhr mit dem Gefühl zurück, nichts und trotzdem alles Wichtige gesehen zu haben. Ich setzte mich wieder in das Café. Mein Gehirn pulsierte. Es roch angenehm nach Kaffe und Zimt. Ein Amerikaner setzte sich neben mich. Ich sagte: „Wissen Sie, ich habe schlimme Kopfschmerzen. Der Geruch tut meinem Kopf richtig gut.“ Er schaute mich irritiert an. Nach Doha fahre ich nie wieder.

 

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Südafrikas multiple Persönlichkeit oder: Auf der Suche nach der verlorenen Identität

Als in Südafrika vor wenigen Monate die Ausstellung "Picasso in Africa" eröffnete, trat ein bis dato unbekannter (und damit offensichtlich unzufriedener) Politiker eine groteske Kulturdebatte los. Sein Vorwurf: Der große Meister habe sich ungefragt von afrikanischer Kunst inspirieren lassen. Dem Kontinent quasi die Identität gestohlen. Mit afrikanischer Kreativität Weltkarriere gemacht, ohne die Afrikaner dafür um Erlaubnis zu bitten.

Wie absurd!, raunte es das Land hinauf und hinunter, bevor man sich wieder wichtigeren Dingen zuwandte. Ausrutscher können schon mal passieren – schließlich ist Südafrika schwer damit beschäftigt, stellvertretend für den gesamten Kontinent das Joch des Kolonialismus abzuschütteln, Afrika in die Zukunft zu führen und zu Hause die Regenbogennation zusammenzuhalten. Vielleicht braucht man dafür auch eine gesunde Portion schwarzen Nationalismus oder, wie Präsident Thabo Mbeki es zu nennen pflegt, eine "afrikanische Renaissance". Mit nicht tot zu kriegender Betonung auf der zweiten Silbe. Steckt in dieser Formel eine Ungereimtheit?

Kein Grund zur Sorge, sowas kommt öfter vor: Als ich neulich sonntags durch die Company Gardens in Kapstadt spazierte, stolperte ich in meiner verträumten Sorglosigkeit fast über das Maschinengewehr eines wichtig aussehenden Soldaten. Der bewachte einen Militärgottesdienst, in dem viele Orden, Krawatten, Anzüge und Uniformen Spalier standen. Und dann stand da diese Militärkapelle im britischen Bobbie-Outfit: rote Uniform mit schwarzer Riesenbommel auf dem Kopf. Die VIP's durften Kränze niederlegen, und die erste, die es damit erwischte, war Kapstadts neue Bürgermeisterin Helen Zille. Stoisch tat Zille ihre Pflicht, während ein schottisch bestrumpfter Dudelsackspieler der südafrikanischen (!) Highlands-Ehrengarde in Zeitlupe um sie herumstolzierte. Der Nation zur Ehre und dem Kontinent zur Renaissance – vielleicht haben die Südafrikaner ihn ja doch im Blut, den Multikulti-Nationalismus.

 

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Die Frauen haben gewonnen

Es ging ganz schnell, eine Revolution, die uns überraschte. Die düsteren Bars mit Dartscheiben an den Wänden verschwanden zuerst. Es kamen Friseure und Nagelstudios. Wo früher Fußball gespielt wurde, treten heute Boygroups auf. Autohändler verwandelten sich über Nacht in Spa-Paläste. Was Männer mochten verschwand. Was Frauen mögen entstand. Es hat nur wenige Monate gedauert.

Seit 15 Jahren boomt Shanghai. Seitdem arbeiten die Männer jedes Jahr mehr. Wirtschaftsreformen und Rekordboom haben Shanghai zu einer wohlhabenden Stadt gemacht. Den Menschen geht es gut. Doch die Männer haben sich in Fabrik- oder Büroroboter verwandelt.

Auch die Frauen machen in Shanghai Karriere. Aber sie haben den Spaß nicht vergessen. Und während die Männer immer beschäftigter und immer grauer wurden, nehmen sich die Frauen immer mehr Freizeit – und haben in kurzer Zeit die ganze Stadt für sich erobert. Weil die Frauen die einzigen sind, die noch Zeit zum Geldausgeben haben, hat sich das komplette öffentliche Leben inzwischen ihren Bedürfnissen angepasst. Wir Männer wurden versklavt und die meisten merken es nicht einmal.

Als Mann muss man inzwischen die verrücktesten Sachen machen, wenn man einer von diesen Frauen gefallen will. Wir tragen ihnen beim Einkaufen die Handtaschen hinterher, sitzen geduldig wartend in Schuhgeschäften herum und schälen ihnen vor dem Fernseher die Weintrauben, weil sie es so am liebsten mögen. Man kann sich an sehr vieles gewöhnen. Seit der Machtübernahme der Frauen ist Shanghai entspannter geworden, schöner auch und vor allem bunter.

Shanghai ist die Stadt der Frauen. Das ist – und das sage ich hier nicht nur um zu gefallen – gar nicht mal so schlecht.

 

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Fußballfieber in Indonesien

Jakarta. Ohne Stau. Es ist acht Uhr abends und man kann die Hauptausfallstraße fast ohne Stocken hinunterrasen. Falls man das Glück hat, ein Taxi zu finden – die sind auf einmal auch ziemlich rar geworden. Ein Wunschtraum? Nein: Es ist Fuballzeit.

Fern vom Fußball taumelnden Deutschland hatte ich die Hoffnung, dem Weltmeisterschaftsfieber weitgehend zu entkommen – in einem Land, das noch nie eine Mannschaft im Wettbewerb hatte. Welch naive Vorstellung. Die Indonesier sind nicht einfach nur Fußballfans, sie sind absolute Worldcup-Fanatiker.

Angefangen bei meinen Mitbewohnern. Seit drei Jahren teilen wir ein Haus, doch bislang waren keine Anzeichen von schleichendem Fußballfieber zu erkennen. In diesen Tagen kriechen sie auf einmal mitten in der Nacht auf dem Dach herum, um neue Fernsehantennen zu installieren. Ganz nebenbei, dieses orange-silberne Modell, das auf einmal von jedem zweiten Haus in Jakarta schimmert.

Bei einer anderen Freundin steht plötzlich ein riesiger neuer Flachbildschirm auf der Veranda, die sich in den letzten Wochen zum Dauertreffpunkt aller Fußballfreunde der Umgebung entwickelt hat. Wie kommt es, dass plötzlich jeder zum Fan mutiert? „Das ist nicht einfach Fußball, das ist die Weltmeisterschaft, das musst doch gerade Du als Deutsche verstehen“, so die Antwort.

Okay, die die Indonesier sind wirkliche Fußball-Liebhaber. Das ist keine wirklich neue Nachricht. Da ist zum Beispiel dieser Hausmeister aus Timor, der sich immer den Wecker stellt, um zu den unmöglichsten Zeiten die Live-Übertragungen der deutschen, englischen oder italienischen Liga-Spiele anzusehen. Oder unser Klempner, der den Lebenslauf jedes Spielers herunterbeten kann, der an den letzten zehn Weltmeisterschaften teilgenommen hat. Und da sind diese Taxi-Fahrer, die einem Fahrgast sofort die neuesten Ergebnisse seines Heimatvereins entgegenschleudern, sobald sie die Herkunftsfrage geklärt haben. Für all diese Menschen bedeutet der Worldcup absoluter Ausnahmezustand.

Dennoch blieb es für mich zunächst ein Geheimnis, warum plötzlich selbst die steifen Beamten aus der Ausländerbehörde oder die aufgedonnerten Mädels aus den exklusivsten Shopping-Malls sich mitten in der Nacht in überfüllte Cafes drängen, wie Pingpong-Bälle auf und ab hüpfen und schrille Töne von sich geben, nur weil sich gerade irgendein Spieler aus Ghana oder Ecuador dem Tor genähert hat. Bei den Mädels fand sich die Erklärung schnell, als sie bei jedem mäßig ausgestatteten Lateinamerikaner oder Südamerikaner vor der Kamera anfingen zu quietschen: „Guck mal, ist der nicht süß!“

Die Hauptmotivation der restlichen Fans verstand ich dann auch recht bald: Wetten. Den ganzen Tag und die ganze Nacht lang. Mit Kollegen im Büro, mit den Freunden daheim, mit anderen Passanten am Straßenkiosk. Keine Glücksspielrazzia des neuen Saubermanns an der Spitze der indonesischen Polizei konnte daran irgendetwas ändern. Eigentlich ist es ein Wunder, dass die indonesische Wirtschaft in den vergangenen Wochen noch nicht komplett zusammengebrochen ist bei all den schlafwandelnden, augenberingten Verkäufern, Kellnern und Sachbearbeitern, die sich durch den Tag zum nächsten Spiel mitten in der Nacht schleppen.

Am Ende fiel es mir ziemlich schwer, mich dem indonesischen Fußballfieber zu entziehen. Der Hang der Indonesier, immer das schwächere Team zu unterstützen, zeigt den sympathischen Zug eines Volkes, das selbst noch nie am größten Sportereignis der Welt teilnehmen konnte. Genauso dass sie einfach bei jedem Tor mitjubeln, egal wer es schießt – Hauptsache es kommt Leben in die Bude. Und mal ehrlich: Wer will schon allein zu Hause bleiben, wenn da draußen ein ganzes Land eine riesige Party feiert?

Mehr über Fußball in Indonesien:
www.aboutaball.co.uk/html2/countries/indonesia.php
en.wikipedia.org/wiki/Football_Association_of_Indonesia

 

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Chinesische Mauer auf dem Dach der Welt

Jungfernfahrt der höchsten Eisenbahn der Welt – kaum ein Pekinger Korrespondent, der dabei fehlen wollte. Am 1.Juli sollte sie starten, bis drei Tage vorher hieß es in der Pressestelle des Eisenbahn-Ministeriums: "kein Kommentar".

Dann, zwei Tage vorher, die erlösende Nachricht: 40 ausländische Korrespondenten seien auserwählt. Am 2.Juli abends Einstieg in Peking, 48 Stunden später Ankunft in Lhasa.

Eine Jungfernfahrt? mitnichten. Der erste Zug war einen Tag vorher gestartet, termingerecht, aber unter Ausschluß der Weltpresse. An Bord waren kommunistische Prominenz und das chinesische Staatsfernsehen. Ein fröhliches Fest für Chinas Propaganda – mit Tanzgruppen auf dem Bahnsteig und Lobeshymnen des Staatspräsidenten.

Zudem hatte man die westliche Presse während der Bahnfahrt von der Kommunikation weitgehend abgeschnitten: sie musste mit der 2.Klasse vorlieb nehmen, wo es weder Strom noch Internet-Zugang gibt.

Ist diese Land wirklich reif für Olympia 2008?