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Vom Führer und siine Fru

 

Rebellierende Rockstars, Rassisten und ein phillipinisches Pin-up: Es ist High Noon in Kimdotcomland. Das bedeutet verschärftes Fremdschämrisiko. Bisher fühlten wir Deutschen uns am schönsten Arsch der Welt vor peinlicher Polit-Prominenz sicher. Doch wenn Kim Schmitzens Supersize-Skandale weiter eskalieren, muss ich mir ein sicheres Drittland suchen. Oder meine Herkunft verleugnen.

Ausgerechnet mein lokaler Lieblingsmusiker Aaron Tokona steigt als Kämpfer gegen den Gründer der neuen Internet-Partei in den Ring. Der Jimi Hendrix Neuseelands ließ sich wie andere Kollegen von Mr. Mega-Upload für gutes Geld anheuern, um dessen schlechte Musik aufzumöbeln. Die Wochen im Tonstudio waren nicht nur künstlerisch eine Qual, sondern eine bizarre Reise ins Reich Kim des Bösen. Tokona, der den vom FBI gejagten Internet-Krösus vorher als eine Art Robin Hood geschätzt hatte, verlor in kürzester Zeit jeden Respekt vor dem „narzisstischen Megalomaniac“. Der habe angeblich keinen Gang zum Klo ohne Bodyguards bewältigen können, werfe obszön mit Geld um sich und behandele Menschen wie Dreck. So weit, so schlecht, so normal im Showbusiness. Wenn da nicht das unheimliche Deutsche wäre: Narziss oder Nazi?

Das Image klebt an Dotkom, seit er prahlte, Hitlers „Mein Kampf“ zu besitzen und sich als „War of the Worlds“-Fan in SS-Helm ablichten ließ. Letzte Woche dann Tokonas Enthüllung: Im Tonstudio habe Kim fröhlich bei einem von den afro-amerikanischen Produzenten ausgerufenen „Rassistentag“ mitgemacht. Ein Insider-Scherz, der vielleicht ohne Folgen geblieben wäre, wenn der Boss die Musiker – darunter Printz Board von den Black Eyed Peas – nicht mit politisch unkorrekten „Golliwogs“ überrascht hätte. Das sind zu Recht geächtete „Negerpuppen“ aus Kolonialzeiten.

In den USA sind darüber noch keine Proteste entbrannt. Aber der linken Mana-Partei hier im Lande, die hauptsächlich aus Maori besteht, dürfte der Golliwog-Gag aufstoßen. Ausgerechnet mit der bodenständigen Proletarier-Truppe will Dotcoms Partei koalieren, um über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen – ein Duett, in etwa so stimmig wie Conchita Wurst singend mit dem Papst.

Kaum wurde die braune Wäsche im Wahlkampf gewaschen, da erreichte uns diese Nachricht aus „Coatesville Reichstag“, wie Kims Feinde seine protzige Villa außerhalb Aucklands nennen. „Mona und ich haben uns getrennt“, twitterte Dotcom an seine Fans. Eine „Familienangelegenheit“, er bitte um „Privatsphäre“. Die Mutter seiner fünf Kinder hatte er in einer Bar in Manila kennengelernt. Im Internet kursierten zuletzt Monas voreheliche Nacktfotos aus einem Herrenmagazin. Jetzt wird über die Finanzlage der Internet-Partei spekuliert. Denn Mona, die Handtaschen in der Preisklasse von Kleinwagen liebt, hat Anteile am Dotcom-Vermögen.

Zwei Tage später dann die Schock-Schlagzeile: „Kims exekutierte Freundin tritt im Fernsehen auf“. Was hat unser Big Bad Boy noch alles in petto? Welche Frauenleichen lagern im Party-Keller? War aber diesmal nur Nordkorea. Der kleine Kim.

 

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Kiffer fliegt, Nigella landet

 

Ich lebe im Land der langen, weißen Rauchwolke. Das ist keine Übertreibung: Die Hälfte aller erwachsenen Neuseeländer hat schon mal einen Joint gepafft. Ist sogar statistisch belegt. Für das Rollen einer stinknormalen Zigarette wird man hier eher sozial geächtet als für das Stopfen seines Pfeifchens. Ja, das sind fast jamaikanische Zustände „down under“ – vor allem an der wilden Westküste, wo die eigene Hanfplantage so systemimmanent ist ist wie der Schrebergarten im Ruhrpott. Nur nicht ganz so legal.

Letzten Samstag, am „J Day“, rauchten daher Tausende von Kiwis in öffentlichen Parks Cannabis, verkauften Gras in Tütchen und demonstrierten für die Legalisierung von Marihuana. Es ist Wahlkampf, und das „Smoke-In“ war der Kampagnenauftakt der Aotearoa Cannabis Partei. Falls sie nicht zu bedröhnt ist, kann sie sich gleich ihres ersten Falles annehmen, der womöglich gar die bilateralen Verhältnisse zwischen Neuseeland und Deutschland belastet: Ein deutscher Austauschschüler versuchte sich in seiner Freizeit unter größter Anstrengung den nationalen Rauchgepflogenheiten anzupassen und soll dafür aus dem Lande fliegen.

Von der Schule flog der arme Kerl bereits. Der 17jährige, der lieber anonym bleiben möchte, war bis vor kurzem internationaler Schüler am Tauranga Boys College. Am 7. März schnappte er sich sein Motorrad und kaufte für 80 Dollar Dope, das er sich mit vier anderen deutschen Jugendlichen in einem Park teilte. Angeblich nahm er nur einen Zug und spürte nichts davon, als er nach Hause fuhr: „Ich konnte nicht richtig inhalieren und musste husten, weil es weh tat. Es war nichts für mich.“

Doch der Schulleiter bekam Wind von den Möchtegern-Kiffern und knöpfte sie sich vor. Dem 17jährigen wurde gesagt, ihm drohten keinerlei Konsequenzen, solange er die Wahrheit sage. Kaum hatte er gebeichtet, flog er jedoch 24 Stunden später von der Schule. Damit droht ihm auch die Abschiebung aus dem Lande, falls er nicht eine neue Schule findet.

Seine Familie argumentiert, dass der Junge bereits in seiner Gastfamilie in Tauranga mit Marihuana in Kontakt gekommen sei. Seine Unterstützer sind empört, dass an ihm ein Exempel statuiert und mit zweierlei Maß gemessen würde: Kein Kiwi-Kid fliege wegen eines Joints von der Schule, falls er außerhalb der Schule geraucht würde und niemand Schuluniform trüge. Das sei allein Sache der Polizei.

Am Wochenende reiste übrigens Fernsehköchin Nigella Lawson unbehellingt in Neuseeland ein. In die USA lässt man die Britin dagegen nicht mehr, seit sie gestand, die ein oder andere Nase Koks und ein paar Lungenzüge Gras genommen zu haben, als es ihr schlecht ging. Wer woanders nicht einreisen darf, bekommt auch kein Visum für Neuseeland. In ihrem Fall machten die Behörden jedoch eine Ausnahme – Nigella muss in Aotearoa einen Werbespot für eine Schokoladenfirma drehen. Solange sie keine Haschkekse backt, ist alles im grünen Bereich. Neue Hoffnung für den Abschiebe-Schüler?

 

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Safety in Paradise

 

Seit die Malaysia-Maschine vom Radar verschwand, macht man sich vor dem Fliegen so seine Gedanken. Ich bin in den in den nächsten Wochen viel im Lande unterwegs. Meine Vorkehrung heißt:  Spruchbänder und Megafon ins Handgepäck. Vielleicht noch  Proviant, falls wir gar nicht abheben. Denn in den ersten Minuten an Bord könnte es zu Tumulten kommen. Von Menschen, die aus Protest aufstehen und demonstrativ den Rücken zu den Bildschirmen drehen. Dann ist Solidarität gefragt. Denn dann zeigt Air New Zealand sein neuestes Sicherheitsvideo.

Normalerweise sind diese Bordfilmchen kulturelle Großereignisse. Kiwis sind immer sehr happy, ihr schönes Land beworben zu sehen. Unsere nationale Fluglinie lässt sich stets was Feines einfallen: Stewards in Bodypaint oder Rugby-Stars. Doch diesmal bin ich aufs Schärfste vorgewarnt. Das neue Air-New-Zealand Video ist ein Eklat. Es ist sexistisch. Es ist der diesjährige Aufreger der antipodischen Luftfahrt. Ein Schocker, der die Titelseiten dominierte, während Kim Dotcom kurze Verschnaufpause machte. Dazu Schlagzeilen von Sydney bis CNN: „Turbulenzen für Air New Zealand“!

Ich bin aufs Schlimmste gefasst, als ich endlich in die nächste Maschine steige. Mit internationaler Frauenpower gewappnet schnalle ich mich an. Vielleicht sollte ich aus weiter Ferne live an #aufschrei tweeten? Davon muss die Welt erfahren. Das Video springt an: „Safety in Paradise“. Polynesische Musik erklingt. Ich traue mich kaum, hinzugucken. Vier Schönheiten aus dem „Sports Illustrated“-Sortiment flanieren auf dem Sand der Südseeinsel Rarotonga. Eine Unverschämtheit: Auf den Cook-Inseln sieht es nicht überall so paradiesisch aus! Aber um Postkartenklischee contra polynesische Realität geht es jetzt nicht. Also doch hingeschaut. Tut auch kaum weh. Die Models werfen verführerisch die Haare zurück, schlürfen aus Strohhalmen Kokossaft und demonstrieren nebenbei, wie der Anschnallgurt zwischen Tanga und Blumenkette straff sitzt. Vier Minuten lang weichgespülte Bikini-Posen. Ich hab’s überlebt. Die Langnese-Spots früher waren auch nicht schlimmer.

Ginge es nach Deborah Russell, Dozentin an der Massey Universität, wäre mir dieser Affront besser erspart geblieben. „Safety in Paradise“ schade der Sicherheit der Frau, so die feministische Streiterin. Leider hat sie wohl übersehen, dass in dem hirn- und harmlosen Filmchen auch ein paar Island Boys vorkommen – knackig, dumpfbackig und natürlich nackt bis zur Hüfte. Sie bestechen auch nicht gerade nur durch ihr Hirn. Aber egal. Wollen wir nicht kleinlich sein, wenn’s ums Große geht.

Der Sturm über den Wolken schlug Wellen: 1,2 Millionen Klicks des Videos auf YouToube in nur fünf Tagen. Vielleicht bleibt neben der knappen Bademode auch die wichtigere Botschaft hängen: Notausgänge, Atemmaske, Schwimmweste! Noch ist die Nacktfleisch-Kalkulation nicht ganz aufgegangen. Ein früherer Air-New-Zealand-Spot mit „Golden Girl“-Star Betty White erzielte weit mehr Zuschauer. Die alte Dame ist 92 und komplett bekleidet.

 

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Panik vor Iren im Suff

 

Morgen steht uns der Tag des heiligen Patrizius ins Haus. Oh dear – oh Danny boy! Mangels Töchtern schließe ich wohl besser die Hündin weg. St. Patrick’s Day, der Nationalfeiertag der Iren, ist weltweit eine karnevaleske Ausgeburt an froschgrünen Hüten, Gnomen-Bärten, Kleeblättern und Fideln. Diese feucht-folkloristischen Umtriebe kleiner Immigranten-Gemeinden konnte man bisher getrost ignorieren. Aber seit dem Erdbeben, das letzten Monat seinen Dreijährigen feierte, ist das Volk komplett iritisiert – also von Iren irritiert. Statt mit all den Paddys fröhlich ein Ale zu trinken, schieben wir lieber Panik. „Hibernophobie“ heißt das korrekt – Angst vor den Auswanderern von der grünen Insel.

Anti-irische Stimmung weltweit gibt es schon seit dem Mittelalter, denn die Iren waren stets ein Immigrantenvolk. Hunderte von keltischen Bauarbeitern lockte auch der Wiederaufbau Christchurchs. Oft teilen sie sich zu mehreren eine Bude. Das stößt Vermietern auf, die Spuren exzessiven Alkoholkonsums auf ihrer Auslegeware befürchten. Auf der größten Baustelle der südlichen Hemisphäre sind die zugereisten Handwerker als harte Arbeiter beliebt, aber nach Feierabend vor allem für eines berüchtigt: Spaß, Suff und Sex.

Letztes Jahr kam es nach einem Rugbyspiel zum Eklat. Die irischen Zuschauer im AMI-Stadion seien die größten „trouble maker“ gewesen: fünf Verhaftungen, 16 Rausschmisse und 30 Fans, die wegen ihres Alk-Pegels erst gar nicht reingelassen wurden. Der Polizeikommissar tönte danach öffentlich, Christchurchs Iren hätten „große Probleme“ mit Alkohol. Welch ein Schock, welch ein Affront in Aotearoa, dem Land der konsequenten Abstinenz, wo besonders in jungen Jahren das als „binge drinking“ bekannte Kampftrinken schärfstens verpönt ist! Kiwis sind auch im Ausland für ihre vorbildliche Nüchternheit bekannt. Davon kann man sich besonders beim Münchner Oktoberfest, bei den Anzac-Feiern in der Türkei und beim Londoner „pub crawl“ am Waitangi Day überzeugen. Oder hat man sie dort immer mit den Australiern verwechselt?

Seit dem Rugby-Krawall wehren die Iren sich gegen ihr schlechtes Image. Anfangs wurden sie nur mit Klischee-Sprüchen genervt – „sag doch mal ‚fiddle-dee-dee potatoes‘ mit deinem lustigen Akzent, haha!“ -, und Christchurchs Single-Frauen sind den gut verdienenden und gut gelaunten Kerle trotz oder wegen ihrer Aussprache durchaus zugeneigt. Aber seit Monaten hat sich das Stereotyp gewandelt. Das ging so weit, dass ein irischer Zimmermann sich an die Behörden wandte, weil er auf seiner Arbeitsstelle ständig angepöbelt wurde. Man sprach ihm schließlich 13.000 Dollar Schmerzensgeld zu.

Geld allein wird jedoch nicht reichen, um die größte Gefahr zu bannen, die angeblich von den Söhnen Irlands ausgeht: Geschlechtskrankheiten. Laut Gesundheitsamt explodiert gerade die Zahl der irischen Patienten, die wegen Chlamydien und Gonorrhoea in Behandlung sind. Hilfe! Nächste Woche besser nichts Grünes tragen und Beine fest zusammen.

 

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Im Netz von Kim dem Großen

 

Ich lebe nicht mehr in Neuseeland, sondern in Kimdotcomland. Es vergeht keine Woche, in der der berühmteste Deutsche im Lande mich nicht auf Trab hält. Seit dem algerischen Flüchtling und vermeintlichen Terroristen Ahmed Zaoui hat kein Fremder mehr diese Nation so aufgemischt, und das ist zehn Jahre her. Keiner außer Kim Dotcom, geboren Kim Schmitz. Kein Grund mehr zum Schämen, sondern Trittbrettfahren. Vielleicht sollte ich „embedded journalist“ in der Schlacht um das Reich Kim des Großen werden?

Es gehört zu meiner Korrespondentenpflicht, Schmitzens alte Heimat – voran die demnächst als Pilgerstätte geplante Wiege Kiel-Mettenhof – an dieser Stelle regelmäßig über den Wirbel zu unterrichten, den Mr. Mega-Upload inszeniert. In den Buchläden steht seine Biographie, „The Secret Life of Kim Dotcom“, mit einem Cover, das einen von Supermächten gejagten Weltall-Messias suggeriert. Auch von Aucklands Bussen grinst er breit, neben dem Titel „Good Times“: Kims neuer Song, dem Musikkritiker halbe Seiten gewidment haben, wenn auch nicht nur anbetend. „Ansteckend wie ein Tripper“ seien die Beats, der Text so „dumpf wie ein Eimer Sand“.

Bei so viel dubioser Promi-Präsenz bitte nicht angewidert wegklicken, sondern mit mir den Platz in der ersten Reihe einnehmen. Die Show geht jetzt erst richtig los. Wann jemals wieder wird es diese transkontinentale Achse der Internet-Befreiungsfront geben? Welcher Landsmann wurde je im Exil mit solchem Tamtam gefeiert und gleichzeitig vom FBI gejagt? Also: hinsetzen und megamäßig staunen, was man mit Chuzpe, Bullshit, dickem Polster und schlauen PR-Beratern alles aus sich machen kann. Oder zu deichseln versucht, um seine Auslieferung in die USA zu verhindern.

Sollte ich plötzlich nicht mehr auftauchen, dann gibt es dafür nur einen Grund: Auch ich bin plötzlich in „Dotcoms Netz“ gefangen. So nennen es hier die Zeitungen. Gerade kam heraus, dass Grünen-Chef Russel Norman Meetings mit dem digitalen Sonnenkönig hatte, um ihm die Gründung seiner Internet-Partei auszureden. Für die würde laut Umfrage jeder Fünfte im Lande stimmen. Dafür versichert die Opposition dem jetsettenden Anti-Öko, der dicke Wagen im PS-Rausch liebt, Unterstützung im Kampf gegen Hollywood. Auch der ehemalige Außenminister Winston Peters war mehrfach in Kims Villa. Über die Treffen schwieg er sich aus, es sei „Vertraulichkeit“ vereinbart worden. Er wiederum behauptet, von offizieller Seite beschattet worden zu sein. Der reinste Politthriller. Ende offen, in jeder Hinsicht.

Sollte dieser Blog plötzlich Aussetzer haben, was so tief embedded im Jahr des Großen Kim wahrscheinlich ist, dann steckt der neuseeländische Geheimdienst SIS hinter der Störung. Die Spionage-Firma ist zwar ab sofort in den Händen einer kompetenten und menschlich astreinen Frau. Aber trotz neuer Chefin traue ich den Agenten, die Dotcom illegal abhörten, alles zu. Wenn Menschen oder Texte verschwinden, liebe Whistleblower: Ich habe an dieser Stelle gewarnt. Bis dahin „Good Times“!

 

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Krawall im Sperrbezirk

 

Alice Schwarzer ist zwar weit weg, aber Nuttenalarm haben Neuseeländer auch – wenn frau das so salopp sagen darf. Unsere Probleme mit der Prostitution sind jedoch anderer Natur. Genauer, seismischen Ursprungs. Seit wir keine richtige Stadt mehr haben, weil vor drei Jahren ein Erdbeben Christchurch platt machte, haben auch die Sexarbeiterinnen ihren sicheren Arbeitsplatz verloren.

Kurze historische Nachhilfe: Neuseeland hat vor elf Jahren die Prostitution entkriminalisiert und ist seit der Reform schwer fortschrittlich, was das älteste Gewerbe der Welt betrifft. Fürsorglich geradezu. Aber wo seit dem Beben keine richtige Straße, da auch kein Strich:  In der dunklen, halbabgerissenen Geisterstadt, der unbewohnten „Roten Zone“ von Christchurchs Zentrum, will sich nachts keine Straßenschwalbe mehr einnisten. Zu unheimlich. Der Stadtrat will jetzt darüber entscheiden, wo die Frauen flanieren dürfen – und muss für ausreichende Beleuchtung und Sanitäranlagen sorgen.

In der Zwischenzeit jedoch hat sich der Strich von der Innenstadt in ein Wohnviertel an der nördlichen Manchester Street verlagert. Und da flogen die Fetzen, als das horizontale Treiben unter freiem Himmel letztens einer Anwohnerin zu bunt wurde: Die Frau, in ihren 50ern, schlug eine Prostituierte in ihrem Vorgarten nieder. Dort fand sie immer öfter Kondome und Fäkalien, von der Geräuschkulisse ganz abgesehen. Sie hatte ihr Opfer und deren Kollegin zuvor konfrontiert, worauf die beiden auf die Hausbesitzerin losgingen. Die Prostituierte zog den Kürzeren und musste ins Krankenhaus.

Seitdem wird an allen Fronten vermittelt. Aber das Problem besteht, solange der Wiederaufbau läuft. Berühmt ist mittlerweile der Fall der Straßenarbeiterin, die sich mit ihrem Hund, ihrer Matratze und einem Stapel Liebesroman-Heftchen auf den interkonfessionellen Friedhof an der Barbadoes Street verzog. Das Stöhnen ihrer Kunden störte jedoch die Bewohner des Nachbargrundstücks, die die Polizei riefen.  Sie konnte jedoch nichts ausrichten, da der Friedhof öffentlich ist – siehe progressives Prostitutionsgesetz. Erst als Tierschützer alarmiert wurden, um sich um den angeblich verwahrlosten Hund zu kümmern, räumte die Dame das Feld. Oder das Grab.

Anna Reed, Sprecherin des Prostituierten-Kollektivs, hat inzwischen neue Sorgen: Durch die vielen ausländischen Bauarbeiter in der Stadt aus „anderen Kulturen“ würden ihre Kolleginnen schlechter behandelt, öfter bedroht oder betuppt – „weil sie glauben, dass wir als ‚gemeine Nutten‘ nicht zur Polizei gehen würden, wie in so vielen anderen Ländern.“ Da haben die fiesen Freier aber nicht mit Christchurchs Beamten gerechnet. Das Gesundheitsamt gab prompt eine Broschüre heraus, die erklärt, wie das in Neuseeland korrekt läuft mit dem bezahlten Sex und wo es entsprechend Rat und Hilfe gibt. Sie wird in Backpacker-Hostels, Herbergen und auf Baustellen verteilt. Damit auch niemand zu kurz kommt, liegt jedem Heftchen ein Kondom bei. Nur bloß nicht in den Vorgärten entsorgen!

 

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Leichenfledderei bei Audi

 

„How bizarre“, dachte sich Kristine Fuemana, als sie nichtsahnend den Fernseher einschaltete. Aber sie meinte nicht den gleichnamigen Hit ihres verstorbenen Gatten. Zu sehen war der neueste Werbespot von Audi: „Land of Plenty. Land of Quattro“. Ein schnittiger Wagen, der durch die schönsten Landschaften Aotearoas saust, dazu eine poppige Melodie, die irgendwie vertraut klingt – ein Akt geschäftstüchtiger Leichenfledderei des deutschen Auto-Konzerns?

Auch Fuemanas Kinder vor der Glotze waren baff. „Hey, Mum, sie spielen Papas Lied!“, riefen sie aus, sechs Stück an der Zahl. Die füttert die Witwe alleine durch, seit OMC-Sänger Pauly Fuemana vor drei Jahren plötzlich starb. Der polynesische Rapper war schwer krank, hatte Schulden und Drogenprobleme. Vom plötzlichen Ruhm hatte er sich nie erholt. „How Bizarre“ war 1995 ein Riesenhit und ist bis heute der meistverkaufte neuseeländische Tonträger aller Zeiten. Ein Jahr später folgte die Single „Land of Plenty“. Und die soll Audi angeblich im neuen TV-Spot verwurstet haben, behaupten Kristine Fuemanas Anwälte und die Plattenfirma Universal Music.

Auch dem Co-Autoren des OMC-Songs wurde „übel“, sagt er, als er das hörte, was er für ein klares Plagiat hielt. Denn Audi hatte weder die Rechte für „Land of Plenty“ gekauft noch das Original verwendet, sondern einen ausgewanderten neuseeländischen Musiker in Kalifornien beauftragt, den Soundtrack beizusteuern. Dass der erstaunlich ähnlich klänge, streiten Komponist und Audi New Zealand kategorisch ab. Man darf auf den Prozess gespannt sein. 2006 gewann Sänger Tom Waits eine Klage gegen Audi in Spanien, weil man seinen Sound treffend imitiert hatte.

In Fuemanas Fall ist es jedoch nicht so, dass die Hinterbliebenen was gegen Werbung hätten – nur gegen’s Bescheißen. Denn zum TV-Spot des Müsli-Riegel „Tasti“ läuft munter „How Bizarre“. Aber dafür floß eine sechsstellige Summe. Einen kleinen Obolus würden sich auch die Südseeinsulaner wünschen, deren traditionellen Designs auf den Kleidern der New Yorker Designerin Nanette Lepore auftauchen. Die Promi-Schneiderin, die Michelle Obama und Scarlett Johansson zu ihren Kundinnen zählt, hatte die Motive als „aztekisch“ verkauft, was geschickt ist, denn die Azteken können nicht mehr klagen. Samoaner, Tonganer und Fidschianer sehr wohl.

„Passport to Style“ hatte die Modeschöpferin als Slogan über ihre Kleider geschrieben. „Passport to stealing“ nannte dagegen Künstlerin Vaimoana Niumeitolu aus den USA die Werke. Immerhin erklärte Nanette Lepore: „Es tut mir sehr leid, das Azteken-Kleid falsch benannt zu haben. Ich respektiere örtliche Künstler.“ Damit ist sie in guter bis schlechter Gesellschaft. Ein neues Sport-Trikot von Nike für Frauen sieht genauso aus wie ein Pe’a – die traditionelle Halbkörper-Tätowierung samoanischer Männer. Der kulturelle Fauxpas sorgte für Ärger von Auckland bis Apia, Nike hat sich entschuldigt. Damit dürfte die Botschaft auch für Audi klar sein: Nicht mit Polynesiern anlegen!

 

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Satans Braten statt Milchbar

 

Vor einem Monat hatten wir Aucklands Bürgermeister mit heruntergelassenenHosen – gesegnete Zeiten! Die haben sich rasant geändert. Keiner spricht mehr von Len Browns Affäre. Alle reden von den „Roast Busters“. Ja, die klingen lustig, wie ein Filmtitel. Zeigen sich auch in spaßigen Posen, samt Basecaps und Pickeln. Sie sind aber Vergewaltiger.

Immer öfter tauchen in Neuseeland Facebook-Seiten auf, die „root and rate“ oder „Goon Rigs and Scrags“ heißen: Junge Männer bewerten aufs Übelste Frauen, mit denen sie Sex hatten – mit Namen und Fotos. Dafür gibt es dann schon mal tausend „Likes“– und etliche zutiefst gedemütigte Internet-Opfer. Doch das ist alles Kinderkram im Vergleich zu den „Roast Busters“. Ein „roast“ ist laut „Urban Dictionary“ eine Frau, die von zwei Männern penetriert wird und damit einem Braten am Spieß ähnelt. Weiß ich auch erst seit kurzem und würde es gerne wieder vergessen. Soviel zur Linguistik.

Die „Roast Buster“ sind eine Gruppe 17- bis 18jähriger aus Auckland, zwei davon mittlerweile namentlich bekannt. Sie prahlten auf Facebook mit ihren „Eroberungen“. In Wirklichkeit waren das Gruppenvergewaltigungen von jungen Mädchen, die auf Parties schwerst betrunken waren. Sie wurden gefilmt, die Videos ins Netz gestellt. Eines ihrer Opfer, eine 13jährige, ging danach zur Polizei. Ihre Anzeige vor zwei Jahren, sagte sie jetzt, sei jedoch schlimmer gewesen, als von den „Roast Busters“ entjungfert worden zu sein. Seitdem dümpelte der Fall vor sich hin. Was vielleicht daran liegt, dass einer der Täter der Sohn eines Polizisten ist.

Nur zögerlich melden sich jetzt weitere Opfer. Eine Freundin von ihnen wurde von zwei Radiomoderatoren so sexistisch befragt, dass die anschließenden Proteste die Herren bis auf Weiteres vom Sender vertrieben. Gut so. Aotearoa – Speerspitze der Frauenrechte und angeblich heile Welt – hat damit nicht nur einen Skandal, sondern ein Problem. Gewalt gegen Frauen ist das eine, das Internet das andere, Porno sowieso. Das ganze Land sorgt sich um die Moral seiner Teenager. Vielleicht sollte es sich parallel auch über seine Polizei Gedanken machen.

1954 gab es einen ähnlichen Aufschrei. Damals waren es die „Milk Bar Cowboys“, die sich in einer Milchbar in Lower Hutt mit Gleichaltrigen trafen, um sich in die Büsche zu schlagen. Es folte eine offizielle Untersuchung. Sie enthüllte „einen schockierender Grad unmoralischen Betragens, das sich zu sexuellen Orgien ausweitet“. Verrottete Jugend, schon damals – oh heilige Unschuld.

Dass die Welt hier unten doch noch in Ordnung ist, haben uns dann am Samstag Jill Jeffries und James Dobinson gezeigt. Das junge Paar aus Lyttelton, beide mit Down-Syndrom und seit fünf Jahren liiert, haben als erste in der neuen Papp-Kathedrale von Christchurch geheiratet. Der ganze Hafenort half bei der Hochzeit, brachte Essen und Blumen, lieh einen Bentley, vergoss Freudentränen. Monatelang hatten Jill und James auf dem Wochenmarkt getanzt, um Geld für ihr Fest zu sammeln. Es lebe die Liebe.

 

 

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Buchhimmel, Buchhölle, Buchmesse

 

Als ich gestern begann, diese trauerumflorten Zeilen zu schreiben, gewann doch glatt Eleonar Catton den Man-Booker-Preis. Ja, eine Neuseeländerin sackte den begehrtesten Literaturpokal ein. Als Jüngste überhaupt, und für den dicksten Booker-Schmöker aller Zeiten: „The Luminaries“ hat 832 Seiten. So viele Superlative, so toll! Das erinnert mich ans letzte Jahr, als ich von der Buchmesse wiederkam und jeder fragte, wie wir waren. Denn Neuseeland, das ja alle so schätzen, sich nach ihm sehnen, aber selten was von ihm lesen, war damals Ehrengast gewesen. Ein Riesen-Tamtam.

Die gefühlte Häfte aller einheimischen Autoren wurde nach Frankfurt verschifft, wo sie etwas ratlos rumstand. Es war wie auf Klassenfahrt. Radio New Zealand machte eine Live-Schaltung, man feierte sich ab, dazu Pinot Noir aus Central Otago – wer kann da meckern? Ich hielt mich eher an die Freigetränke meines Verlages als bei Maori-Tänzen auf und konnte die ganze Pazifik-Pracht kaum aufnehmen. Aber eines war klar: So viel Beachtung wie in jener Woche hat die kleine, feine Verlagszene Aotearoas noch nie bekommen. Und ein Jahr später ist klar: So beschissen wie jetzt ist es ihr auch noch nie ergangen. Während die Frankfurter letzte Woche mit Brasilien anstießen und unsere neue Star-Autorin in London geehrt wurde, herrscht daheim beim ehemaligen Ehrengast Krise.

Kevin Chapman lief damals als kiwianischer Wichtigmann von Halle zu Halle. Das deutsche Messe-Essen war ihm suspekt, er hielt sich an Hot Dogs. Im Mai diesen Jahres tönte er als Präsident der Verlegervereinigung Neuseelands noch: „Dies ist eine Branche, die über ein Jahrhundert lang bemerkenswerte Widerstandskraft bewiesen hat.“ Zwei Monate später war er seinen Posten los. Der Verlag Hachette, dessen neuseeländischer Direktor er war, machte sein Auckland-Büro dicht und strich 15 Stellen, auch seine.

Zuvor hatte sich bereits HarperCollins aus Neuseeland zurückgezogen – die Geschäfte werden jetzt von Sydney aus geregelt. Random House und Penguin haben sich im Juli global vereinigt, was ein paar Druckmöglichkeiten weniger für Kiwi-Autoren bedeutet. Und dann schloss noch Pearson seine Tore, der größte Schulbuchverleger. Von den 2000 Büchern, die pro Jahr in Neuseeland erschienen, waren allein 1200 Lese-Heftchen für Grundschüler.

Was in den letzten fünf Jahren weltweit den Buchmarkt umkrempelte, erlebten die Kiwis in nur 12 Monaten: Mehr selbstverlegte E-Books im Netz, weniger echte Verlage. Es ist in Aotearoa billiger, sich was von Amazon schicken zu lassen, als es im Buchladen zu kaufen. „Book shop“ bedeutet in vielen Fällen Schreibwarenladen mit Sportzeitschriften, in dem als literarisches Beiwerk Dan Browns Schinken und ‚Fifty Shades of Grey‘ stehen, aber selten ein im Lande produziertes Buch. Zum Beispiel von Awa Press. Mary Varnham ist dort Verlegerin und sagt: „Wer weiß, ob es uns in fünf Jahren noch geben wird.“ Mit einem Caipirinha allein lässt sich das nicht runterspülen. Prost, Eleanor!

 

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Mafia, Maori, Maasdamer

 

Picture 2Manchmal ist doch wunderbar, wenn die Welt klar, kompakt und Entscheidungen einfach sind. Ich zb wüßte genau, was ich machen würde, wenn ich am 1. August um 20 Uhr nicht in silly Sydney, sondern ausnahmsweise circa 16500 Kilometer weiter nördlich wäre: Ich würde in die Rudi-Dutschke-Straße 23 in BerlinKreuzberg radeln, mich im taz-Café an einen schattigen Tisch setzen, zuhören, am Kaltgetränk nippen und viel und laut lachen.

Dann und dort nämlich lesen drei Weltreporter aus ihren extrem kurzweiligen Büchern: Anke Richter (Christchurch), Kerstin Schweighöfer (Den Haag) und Martin Zöller (Rom/München) lassen bei ihrer Culture-Clash Lesung übrigens auch mit sich reden und diskutieren. Das Motto des Abends ist sommerlich freudvoll alliteriert und geht so: “Mafia, Maori und Maasdamer”. Aber lassen Sie sich davon nicht abschrecken 😉 es wird garantiert ein urkomisch vergnüglicher Abend! Viel Spass und gute Unterhaltung!

Ps: der Eintritt ist übrigens frei.

 

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Flughafen-Penner

 

Tourist sein kann jeder. Aber um sich Backpacker zu nennen, muss man Initiationsriten durchstehen. Nein, nicht Bungeespringen und Kampftrinken. Sondern kostenlose Härtetests, die Insiderkenntnisse und Weltläufigkeit beweisen. Früher waren das: Vollmondparty auf Ko Pha Ngan, überfallen werden in New York, Amöbenruhr in Indien. Heute ist es eine Nacht am Flughafen von Christchurch. Die schlägt alles an Tortur und globalem Wir-Gefühl. Damit kommt man sogar in die Schlagzeilen.

Christchurch ist die größte Stadt der Südinsel Neuseelands und hat einen schick umgebauten Terminal, wo man gutes Sushi bekommt. Ein internationaler Umsteigeplatz ist der Flughafen jedoch nicht. Dagegen aber ein internationaler Einschlafplatz. Unter den Travellern hat sich herumgesprochen, wie gut man dort auf dem Boden und den Bänken ruht – und sich damit das Geld für ein teures Hotel in der Nähe spart.

Reihenweise rollten sich junge Reisende im Ankunftsbereich in ihre Schlafsäcke, in den Toilettenräumen wurde sogar auf Campingkochern gekocht. Bis zu 200 betuchte Obdachlose pro Nacht: wunderbare Globetrotterwelt, warm und mit WiFi! Doch damit hatte es vorletzte Woche ein jähes Ende. In einer unbarmherzigen Nacht- und Nebelaktion beschloss die Flughafenverwaltung, die Campierer vor die Tür zu setzen, da zwischen Mitternacht und Morgengrauen keine Flüge mehr starten.

Übernächtigte Rucksackreisende, die für die Stunden bis zum nächsten Flug nicht eigens in ein Hostel in der Stadt fahren wollten, lernten gleich zur Ankunft den schönsten Arsch der Welt von seiner unschönen Seite kennen. Das Flughafenpersonal warf sie bei Minustemperaturen hinaus in die kalte Nacht. Auch aus der Raucherecke im Freien wurden sie vertrieben. Die Flughafen-Penner saßen ihre Nacht frierend in Bushaltestellen und auf Grünstreifen ab.

Eine mitleiderregende Odyssee hatten vier Deutsche hinter sich, die mit dem letzten Flug am Abend gelandet waren und früh morgens um acht als erstes ihr Wohnmobil abholen wollten. Erst verkrochen sie sich unter die Treppe des Parkhauses, wurden aber auch dort aufgestöbert. Dann wanderten sie schlaftrunken zum nächsten McDonalds . Da wollte man sie am Drive-Through-Schalter nicht bedienen, weil sie kein Auto hatten.

Als das gesittete Christchurch die Bilder der herumirrenden Karawane in der Tageszeitung sah, war es geschockt. Nichts trifft einen Kiwi schlimmer, als wenn man ihn für nicht gastfreundlich hält. Der erste Eindruck von Aotearoa – ein Fußtritt in die Kälte? Die Empörung war groß. Die Stadt fürchtet, noch mehr Touristen zu verlieren, wenn sich diese Art der Begrüßung herumspricht.

„Wir sind keine Herberge“, verteidigte sich Flughafen-Chef Jim Boult und behauptet, manche Rucksackreisende würden ihren Zwischenstopp dreist auf mehrere Tage ausdehnen. Damit hat es jetzt ein Ende. Wer landet, darf zwar auch nachts im Terminal bleiben – aber nur mit einem Abflugticket für den nächsten Morgen. Insider-Tipp: McDonalds gilt es weiterhin zu meiden.

 

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Katzenkiller und Vogelfreunde

 

„Pussy Riot“ haben wir auch. Ganz ohne Putin und bunte Hauben, dafür mit Hinrichtungen und echten Katzen. Gegen die laufen seit Wochen Pogrome der übelsten Art. Eine Mordwelle hat im Norden des Landes begonnen und breitet sich aus, es kommt zu Ausschreitungen und Übergriffen. Wir stehen knapp vor der Zwangseuthanasie der kleinen Lieblinge. Wo bleibt der internationale Aufschrei? Miau!

Der Mann hinter dem Felinozid ist Gareth Morgan – Haustier-Hitler für die einen, mutiger Naturschützer für die anderen. Er ist einer der erfolgreichsten Geschäftsmänner, Finanzmanager und Philantrophen Neuseelands, baute Schulen auf den Solomon-Inseln, unterstützt Umweltprojekte in der Antarktis und half dem Pinguin ‚Happy Feet‘ wieder auf die Flossen. Anfang des Jahres startete er seine neueste Kampagne „Cats to go“, und seitdem wird er mindestens so gehasst wie verehrt. Denn Morgan fordert: Neuseeland muss katzenfrei werden. Ein ethisches Dilemma.

Jeder zweite Haushalt in Aotearoa hat eine Katze. Insgesamt sind es 1,4 Millionen, was uns im Pro-Kopf-Durchschnitt angeblich zum Land mit den meisten Miezen macht. Ganz schön schnurrig, wenn da nicht all die einheimischen Vögel wären. Oder waren. 40 Prozent von ihnen sind bereits ausgestorben, neun Sorten insgesamt. Der Rest ist bedroht, und wer ist schuld daran? Vor allem streunende Katzen, so Gareth Morgan. Eine allein könne pro Woche an die hundert Vögel erlegen. „Das kleine flauschige Bündel, das Ihnen gehört, ist ein ‚natural born killer‘“, so Morgans Appell. Er plädiert dafür, sich keine Katze mehr anzuschaffen, wenn die alte ins Gras beißt. Auch Einschläferung im Dienste der guten Sache sei „eine Option“.

Da sträubt sich bei Frauchen oder Herrchen das Fell. Die Fronten zwischen Vogel- und Katzenfeinden haben sich in den letzten Monaten verhärtet. In Pahia, einer Kleinstadt in der Bay of Islands, kam es in den letzten Wochen zu hässlichen Szenen. Es geht vor allem um eine Kolonie heimatloser Katzen, die vom Tierschutzverein auf einem Grundstück der Stadt durchgefüttert werden. Die Miezenfreunde bezeichnen sich als „Soldaten“ im „Kampf um Pahia“. Ihr Feind: Die Naturschützer von „Bay Bush“. Letztes Jahr drückte eine 70jährige Katzenoma Carol Davis aus Kerikeri gegen die Wand drohte ihr: „Du bist in dieser Stadt unerwünscht!“ Davis ging zur Polizei.

Die Stadtverwaltung hat jetzt die Fütterung der wilden Katzen verboten. Doch auch die Vogelfreunde sind nicht zimperlich. Gruselfotos auf Facebook zeugen von ihren Massakern: Katzen, die in eigens dafür umgerüsteten Possum-Fallen zu Tode gekommen sind; eine baumelt am eigenen Kiefer. „Gut gemacht“, freut sich ein Betrachter in einem Kommentar darunter. „Ich frage mich, wie viele Baby-Kiwis diese bösartige Katze getötet hat.“ An welche Romanfigur fühlt man sich bei solchen Worten erinnert? Richtig, an den fanatischen Walter aus Jonathan Franzens Buch „Freiheit“. Der kämpft gegen Hauskatzen, um die aussterbende Grasmücke zu retten. Wir können auch Bestseller in echt.

 

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Den Maori kommen die Dänen

 

Was war das schön, als Neuseeland die Homo-Ehe absegnete. Das gesamte Parlament erhob sich spontan und sang „Pokarekare Ana“, ein Liebeslied der Maori. Ob braun, weiß oder regenbogenfarben: Noch nie saßen so viele Kiwis gerührt vor dem Fernseher, ohne dass es um Rugby ging. Das Ständchen ging um die Welt und dürfte einer Dame im Norden so richtig den Pölser versalzen haben.

Marie Krarup ist Abgeordnete der Dänischen Volkspartei, Prädikat Ausländerfeindlichkeit. Die stramm nationalistisch gesinnte Politikerin war Teil einer Delegation des dänischen Verteidigungsausschusses. Auf der Marine-Basis in Auckland wurde die Truppe offiziell von staatlicher Seite begrüßt. Wie es sich für hohen Besuch gehört, fand der traditionelle Festakt namens ‚powhiri‘ im zur Marine gehörenden Versammlungshaus der Maori statt, dem Te Taua Moana Marae. (Für alle, die bisher nichts über Neuseeland wussten, so wie es vielleicht bei Marie Krarup der Fall war: Aotearoa, wie der Name schon sagt, ist ein zweisprachiges, bikulturelles Land. Es liegt nicht in Europa, sondern südöstlich von Australien. 15 Prozent der Bewohner sind indigener Abstammung und das Grundgesetz sieht vor, dass deren Kultur lebendig bleibt. Okay, weiter!)

Die Redner, Tänzer und Offiziere warfen sich ins Zeug, um den Nachfahren der Wikinger zu zeigen, was „Haere Mai“ heißt: Herzlich willkommen! Es wurde gesungen, gestampft und getanzt, dass es eine martialische Pracht war. Marie Krarup jedoch war anderes gewohnt, zum Beispiel zackige Paraden und Stechschritt. Ziemlich maorisch kam ihr die Begrüßung des Kriegervolkes vor. Anstatt daheim in Kopenhagen endlich einen Reiseführer zur Hand zu nehmen, um sich in Sitten und Gebräuche des Gastlandes einzulesen, schrieb sie sich lieber in der Zeitung „Berlingske Tidende“ ihre Eindrücke von der Seele. Getreu nach Karl Valentin („Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“) war sie geschockt. Wie viel Exotik kann einer xenophoben Militaristin mit eurozentristischem Weltbild zugemutet werden?

„Grotesk“ fand sie den Erstkontakt mit den Fremdlingen. „Wir wurden nicht per Handschlag oder einem Salut von Uniformierten empfangen“, entrüstete sie sich. „Nein, wir wurden mit einem Tanz begrüßt, von einem halbnackten Mann im Grasrock, der auf Maori brüllte.“ Weitere „seltsame Rituale“ musste sie über sich ergehen lassen: Der Mann streckte die Zunge heraus. Wie „ein Idiot“ habe sie sich gefühlt, als einer dieser Barbaren ihr auch noch einen Nasenkuss aufdrücken wollte. Die Maori-Lieder, die die Marinetruppen zu Gitarrenklängen vortrugen, klangen für sie wie „Darbietungen im Kindergarten“.

Damit war der Kulturschock noch lange nicht vorüber. Krarup schaute sich kritisch prüfend im „Maori-Tempel“ um, wie sie den Marae bezeichnete, und erblickte Furchtbares: Holzschnitzereien von „Gottheiten mit wütenden Gesichtern und großen erigierten Penissen.“ Da hilft nur eins: Starkes Nisseöl (Elfenbier – für die, die Dänemark noch nicht so gut kennen).

 

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Pazifikölsch für die Damen

 

Hergehört, männermüde Wesen, die ihr weiblich und unwiderstehlich seid! Ihr wollt beim Ausgehen nicht mehr angebaggert werden? Ihr habt genug davon, als Sexobjekte gesehen zu werden? Dann sage ich euch, welcher Trick zumindest in einer neuseeländischen Kneipe funktioniert: Bestellt euch ein Bier.

Es geht so einfach, wirkt aber genauso effektiv wie Mundgeruch im Endstadium: Jeder Kerl – es sei denn, er nippt auch gerne mal am Piccolöchen – lässt dich mit deinem Frischgezapften in der Hand sofort in Ruhe. Oder gibt einen Spruch von sich, der keiner Anmache mehr würdig ist. Warum? Weil Biertrinken laut kiwianischer Testosteron-Logik zutiefst unsexy ist. Genauso könnte man sich den imaginären Sack kratzen und dazu rülpsen. Wer einer Frau nicht die Weinkarte, sondern ein Dosenbier reicht, kann sie auch gleich fragen, wie oft sie sich rasiert. Für den Mann dagegen wurden unzweideutig klingende Sorten wie „Massive Knockers“, „Double D Blonde Ale“, „Panty Peeler“ und „Golden Shower Pilsener“ erfunden.

Frauen, die Bier trinken, haben im weiß Gott nicht abstinenten Aotearoa etwa den gleichen Sozialstatus wie Frauen, die unter Tage arbeiten. Und viel mehr sind es auch nicht: Gerade mal 13 Prozent der weiblichen Bevölkerung bekennen sich zu ihrem unattraktiven Laster, während im trinkfesten Irland 36 Prozent der Einwohnerinnen das Nationalgebräu schätzen und im schwer flirtösen Brasilien gar 38 Prozent. Waren es nicht Frauen, die im Jahre 1700 vor Christi den Gerstensaft miterfanden? Unterlag der Gärungsprozess nicht der Biergöttin Ninkasi? Irgendwas läuft bei uns eindeutig schief.

Schuld ist die sexistische Bierwerbung. Besonders hervorgetan hat sich ‚Lion Red‘, eine Marke, die „man points“ an echte Männer vergibt. Punkte gibt es für den Besitz eines Geländewagens, für den eigenhändigen Bau einer Holzveranda und für Pies zum Frühstück. Punktabzug gibt es fürs Eincremen des Gesichts, den Besitz eines Pudels und das Wachsen von allem, was nicht Ski oder Surfboard ist. Ach ja, und der Liebsten Blumen zu schenken – es sei denn, man hat wirklich was verbrochen. So ein blaues Auge geht ja nicht von heut auf morgen weg. Nette Marke, Lion Red.

Tapfer kämpfen Neuseelands Edelbierfans gegen das Macho-Image an. Wendy Roigard, die in Auckland die Bierverkostungsfirma ‚Lady Glass‘ führt und am liebsten aus Tulpengläsern trinkt, arbeitet emsig an der Feminisierung des Biertrinkens. Auch sie greift dabei auf alte Tricks zurück: „Es hat mehr Vitamine und Mineralien und weniger Kalorien als Wein!“ Damit kriegt sie mich noch nicht rum. Mir schmeckt Chardonnay nun mal besser als Lager.

Letztens jedoch sah ich im ‚Twisted Hop‘, einem neuen Pub in Christchurch, überm Zapfhahn ‚Pazifikölsch‘ angeschrieben. Meine bikulturelle Identität, elegant vereinigt – genial! Darunter stand ‚Sauvinpilsner‘, was sicher bei frankophilen Tschechinnen zieht. Ich bestellte sofort einen Probierschluck, ganz Dame.

 

 

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Juden helfen Nazi

 

Ich hab’s wahrscheinlich schon oft genug erwähnt, aber muss es gebetsmühlenhaft wiederholen: Ich lebe im nettesten Land der Welt. Niemand ist niemandem in Neuseeland jemals richtig böse. All dieser heilige Zorn, von dem die Weltpolitik und das europäische Intellektuellentum zehren, all die Rechtschaffenheit, die Empörung, das Anklagen und Ankreiden: Das kennen Kiwis nicht.

Wer aus Versehen angerempelt wird, entschuldigt sich. Wer aus dem Bus aussteigt, bedankt sich beim Fahrer, auch wenn der fuhr wie die Sau. Höflichkeit geht über Rechthaberei und Vergeltung, solange es nicht um Rugby geht. Es ist ein äußerst angenehmes Völkchen, das sich da am Rande des Pazifiks entwickelt hat und auch mit Minderheiten immer sehr pfleglich umgeht. Daher gibt es keinen besseren Platz auf der Welt, außer vielleicht ein paar brandenburgischen oder arabischen Dörfern, um Nazi-Parolen zu sprühen. In Aotearoa gibt’s für diese Heldentat, wenn man Glück hat, ein Studium spendiert.

Im Oktober letzten Jahres wurde der jüdische Teil eines Friedhofs in Auckland geschändet. Hakenkreuze, das Hitler-Symbol ‚88‘ und „Fuck Israel“ tauchten über Nacht auf 20 porösen Grabsteinen auf. 125 Jahre sind sie alt. Die Farbe ist davon nur schwer zu entfernen, 50.000 Dollar soll die Spezialreinigung kosten. Es gab Proteste vor dem Friedhof, die ‚National Front‘ wurde verdächtigt, die israelische Botschaft zeigte sich bestürzt. Einen Sicherheitszaun im Wert von einer halben Million Dollar wollte man errichten.

Kurz darauf standen zwei junge Männer wegen der Nazi-Graffiti vor Gericht, Robert Moulden und Christian Landmark. Der 19jährige Moulden bekannte sich schuldig: Zum Zeitpunkt der Tat sei er betrunken gewesen. Er lebt von Sozialhilfe, wohnt in einem Hostel und hat keine Familie, die ihn unterstützt. Wer schritt dem mittellosen jungen Mann da prompt zu Hilfe? Die Jüdische Gemeinde Aucklands, die stets betont besonnen reagiert, wenn es um antisemitische oder antiisraelische Ausschläge im Lande geht.

Moulden unterzog sich einem Programm für „wiederherstellende Gerechtigkeit“. Das bedeutete, dass er über den Holocaust informiert und zu einem Sabbat-Essen dazugeladen wurde. Ein erquicklicher Abend für beide Seiten. „Ich war sehr zufrieden damit, wie die Leute am Tisch auf diesen Mann reagierten und wie er sich mit jedem unterhielt, das war gut“, stellte Geoff Levy, der Vorsitzende der Jüdschen Rates von Neuseeland, fest.

Man erkundigte sich auch nach den Zukunftsplänen des Gestrauchelten. Ingenieur wolle er gerne werden, sagte Moulden. Aber Studieren kostet in Neuseeland. „Wenn wir ihm helfen können, machen wir das gerne“, so Levy. „Hoffentlich können wir ihm Unterstützung, Mentoring und Beihilfe geben, um eine Ausbildung zu machen.“ Eine eigens dafür berufene Person soll sich um die Studienhilfe kümmern, falls Moulden sie denn annehmen will. Dazu hat er sich noch nicht geäußert. Aber bei der Grabsteinreinigung will er helfen. Verdammt nett von ihm, oder?

 

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Das Jahr des dicken Deutschen

 

Wenn Deutsche in Neuseeland Schlagzeilen machen, dann steht da meistens nichts Gutes drunter. Entweder verlaufen sie sich beim Wandern und kommen in der Wildnis um, oder sie haben irgendwas Komisches ausgefressen. So wie Kim Schmitz aus Kiel-Mettenhof, in meinen Breitengraden als ‚Mr. Dotcom‘ bekannt – und neuerdings sogar beliebt.

Der Megaupload-Gründer, der zum Jahresanfang mit riesigem Helikopter-Einsatz in seiner Villa bei Auckland filmreif festgenommen wurde, hat sich über die Monate zum schwergewichtigen Volksheld gemausert. Was man als Deutscher und als unbescheidener Multimillionär erst mal schaffen muss. Denn uns eilt nicht gerade der beste Ruf vorraus. Und Großkotze haben es in Aotearoa schwer.

Doch Kim Dotcom, immer in schwarz, mit getönter Brille, Käppi und Megadoppelkinn, hat es in der neuen Heimat geschafft: Man lacht nicht mehr über ihn, sogar mit ihm. Eine kleine Spende hier, ein Auftritt dort, ein flotter Song, und plötzlich fliegen dem angeblichen Internet-Rebell die Herzen zu. Man darf ihn nicht mal mehr in der Werbung verarschen.

Die Biermarke ‚Tui‘ wirbt seit eh und je mit dem Slogan ‚Yeah right‘. Der ist ironisch gemeint, denn davor steht immer ein Satz, der so gar nicht ehrlich gemeint ist. Ende November dann das: „She clearly married Dotcom for his body.“ Yeah right. Es hagelte Beschwerden: Was für eine bodenlose Unterstellung, dass Kim Dotcom einen unansehlichen Körper habe und seine hübsche phillipinische Frau ihn nur des Geldes wegen geheiratet habe. Pfui, Tui! Die Plakate wurden schnell überklebt.

Das waren die letzten Schlagzeilen über seltsame Deutsche in diesem Jahr, aber es waren nicht die einzigen. Ebenfalls im November kam es zum Eklat um die Gruppe ‚Wise Guys‘. Neuseelands Schüler mussten in ihren Abschlußprüfungen im Fach Deutsch dem Song ‚Relativ‘ lauschen – und sie verzweifelten. Einige brachen gar in Tränen aus und verließen das Zimmer. Es muss wohl an der Textzeile „Ich nehme an, im Bett wäre mit dir relativ viel machbar“ gelegen haben.

Besonders schockierend, so wurde kolportiert, sei die Anzüglichkeit des harmlosen Liedchens gewesen. Wer’s glaubt… Was man sich in einem Land, das statistisch die promiskuitivsten Jugendlichen hat, nicht alles so einfallen lässt, um um eine schlechte Note herumzukommen. Das Goethe-Institut in Wellington ließ sich ebenfalls was einfallen und konterte mit einem T-Shirt, auf dem stand: „Deutsch ist sexy“. Auch nicht so glaubhaft – aber ein Geschenk für alle, die die Prüfung mit Auszeichnung bestehen.

Völlig unter ging in all dem Tohuwabohu eine andere Nachricht: Der Künstler Ralf Witthaus bohrte sich von seiner Heimatstadt Löhne in Ostwestfalen symbolisch in den Botanischen Garten von Auckland. Das Bohr- bzw. Mähloch, das aus einer Rasenrasur bestand, war Teil seines Projekts „Die Internationale Rasenschau 2012“. Daraus lässt sich leider keine Bierwerbung machen und auch kein flottes T-Shirt, aber wenn das das nicht eine Meldung wert ist! Was für ein Jahr.

 

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Hobbits im Mitteldreck

 

Seit Wochen tobt „Der Hobbit“ übers Land, zwei Fortsetzungen drohen uns. Elfenseidank bin ich nicht die einzige, die das Getöse um die wanderlustigen Plattfüßler langsam peinlich findet. Auch die ‚New York Times‘ hat sich beschwert: Neuseeland betreibe Etikettenschwindel. Es sei nämlich gar nicht Mittelerde, sondern eher Mitteldreck.

Vor zehn Jahren hatten wir den Rummel schon mal. Damals startete „Der Herr der Ringe“. Peter Jacksons Trilogie war die beste Tourismuskampagne, die das Land sich wünschen konnte: Wow, diese geilen Landschaften! Diese Hügel, diese Fjorde! Wir waren plötzlich Mittelerde und stolz darauf, so gut auszusehen. „100 % Pure“ hieß das Motto, mit dem Tourism New Zealand sich seitdem erfolgreich in seiner Reinheit vermarktete, und niemand widersprach. Es wurde gefeiert, dass Lothlorien bebte, und wehe, man war kein Frodo-Fan: Das glich Landesverrat. Immerhin kannte uns jetzt Hollywood!

Nun bekommen wir den zweiten Tolkien-Aufguss serviert. Wieder gibt es Sonderbriefmarken, Gedenkmünzen und bunt beklebte Air-New-Zealand-Flugzeuge. Aber erstmals regt sich Unmut. „Wird es nicht Zeit, sich vom Hobbit zu verabschieden?“, fragte eine Sonntagszeitung provokativ. Die zehn Millionen Dollar, die in die Kampagne „100 % Middle-earth, 100 % Pure NZ“ gepumpt werden und all die steuerlichen Erleichterungen für die Produktionsfirma Warner Brothers rentierten sich nicht. Denn wer glaubt schon wirklich, dass er Urlaub bei Zauberern und Zwergen macht? Lediglich ein Prozent der Neuseeland-Besucher kommen einzig wegen der Filme ins Land. Dem Rest dämmert wohl irgendwann, dass es sich bei all den Gletschern und dem Grün auch um Kulisse handelt.

Der Unmut sprach sich bis nach Amerika rum. Die ‚New York Times‘ setzte noch einen drauf und enhüllte pünktlich zur Filmpremiere, dass das „clean & green“-Image Aotearoas mit der Realität nicht so viel zu tun habe, wie uns die Filmpromoter weismachen wollen. Ein Sakrileg! Zitiert wurde der neuseeländische Wissenschaftler Mike Joy, der von zwei verschiedenen Welten in seiner Heimat sprach: „Es gibt die Postkartenversion und die Wirklichkeit.“ In einer internationalen Studie rangiert Neuseeland unter 189 Ländern nur an 171. Stelle im Bemühen darum, seine Natur intakt zu erhalten.

Seit langem verweisen Aotearoas Grüne auf unsere erschreckende Umweltbilanz: Gülle fließt munter in die Flüsse, Naturschutzgebiete müssen dem Bergbau weichen und es wird gespritzt, was das Obst hält. Jetzt steht uns dank der konservativen Regierung auch noch „fracking“ ins Haus – unterirdische chemische Gasgewinnung, die jeden Gollum aus seiner Höhle vertreibt.

Mike Joy wurde im Radio als Nestbeschmutzer angegangen. Premierminister John Key, so gar kein Öko, fühlte sich auf den Plan gerufen. Die „100 % Pure“-Aussage sei halt Werbung, so ehrlich wie jedes McDonalds-Plakat – keiner würde das für die reine Wahrheit halten. Und selbst bei den Höhlenmenschen sei nicht alles hunderprozentig pur zugegangen. Peter Jackson schweigt noch.

 

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Prinz Charles spricht Pidgin

 

Es gibt kaum etwas Netteres, als morgens die Lokalzeitung aufzuschlagen und jeden Tag das bleckende Doppelgebiss von Charles und Camilla zu sehen. Nicht irgendwo bei der Fuchsjagd, sondern mitten unter uns. Dagegen verblasst ‚Twinkle Toes‘, der berühmteste Abrissbagger Christchurchs, den wir meistens zum Frühstück serviert bekommen und dessen Stahlklauen fast so funkeln wie die zweiten Zähne der rüstigen Royals. Aber wer will schon dauernd Ruinen sehen. Dann doch lieber die Monarchie.

Sie war bei uns auf Staatsbesuch, und was soll ich sagen, my dears: Just splendid! Truly delightful! Anstatt mit seiner Holden den 64. Geburtstag teetrinkend in Highgrove abzusitzen, beschloss Prinz Charles, lieber seinen weitest entfernten Untertanen einen Besuch abzustatten. Wahrscheinlich tat der alte Bäumeflüsterer es nur seiner Mutter zuliebe. Die hält mit ihrem diamantenen Kronjubiläum die ganze Familie auf Trab.

Die Tour begann in Papua-Neuguinea. Da spricht man Pidgin. „Mi nambawan pikinini bilong misis kwin“, stellte Charles die Verwandschaftsverhältnisse bei der Ankunft in Port Moresby klar: Er sei der Erstgeborene Ihrer Majestät. Vor 5000 gebannt lauschenden Melanesiern stellte er auch die Duchess of Cornwall vor, „misis bilong mi“. Die Misses, die ihm gehört, brauchte bei der Begrüßungszeremonie der Huli-Krieger wiederum die Hilfe eines Scotland-Yard-Beamten, als ihr ein überschwänglicher Junge aus Versehen fast seinen Speer ins weiße Sommerkleid bohrte.

Und so ging es weiter, Speer auf Speer und Schlag auf Schlag. Nach der Südseevisite kamen wir Insulaner dran – sechs Tage und viele, viele Hakas lang. Im Government House feierte Charles mit Camilla und 64 Neuseeländern, die das gleiche Geburtsdatum teilen, seinen Jubeltag. Die sangen für ihn „Happy Birthday“ auf Maori und er summte im Gegenzug den Beatles-Song „When I’m Sixty-Four“. Beschwingt schnitt er den Geburtstagskuchen an, ein Arrangement aus 64 gebackenen Quadern, die allesamt mit einem Kiwiana-Motiv verziert waren: Vögel, Farne, Flip-Flops.

So gar nicht ‚posh‘ war auch eine andere Aufmerksamkeit des Küchenchefs: Er hatte seine Privatbestände des nationalen Brotaufstrichs geplündert und zauberte für den hohen Besuch ein Glas Marmite für die Käse-Sandwiches hervor. Seit der Zerstörung der Marmite-Manufaktur in Christchurch ist das„braune Gold“, das wie Schmieröl aussieht und nach Hefe schmeckt, rar und kostbar geworden. Die Macht der Monarchie!

Die war auch in Christchurch zu spüren, wo das Paar zwischen den Abrissflächen ein Tänzchen auf dem Dance-O-Mat wagten – ein münzbetriebener Tanzboden im Freien. Dann wieder Kinderköpfe täscheln und Hände schütteln. Zu guter Letzt ein Stelldichein beim großen Pferderennen. Die Erdbebenopfer waren dankbar.

Ach ja, und im Weta-Workshop waren Charles und Camilla auch noch, um die Pappnasen aus ‚Der Hobbit‘ zu begrüßen. Gestern war Premiere. Die Zeitungen sind vollgekleistert. Mittelerde-Invasion, nur leider nicht in Pidgin-Englisch und ohne Ständchen.

 

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Die sechstgeilste Stadt der Welt

 

Mit den Einwohnern von Hyderabad und Londonderry habe ich neuerdings etwas gemeinsam: Wir leben dort, wo andere Urlaub machen sollten. Neben den ebenfalls nicht allzu nahe liegenden Orten hat es ausgerechnet Christchurch in die Liste der ‚Top-Ten‘-Städte der Welt verschlagen, die es laut Lonely Planet 2013 anzusteuern gilt, weil sie so spannend sind. Die kaputte und halb abgerissene ‚Garden City‘, der Horror aller Reiseveranstalter und Tourismus-Strategen, steht auf dem sechsten Platz. Das glaubt mir doch niemand!

Da staunen nicht nur die, die von Christchurch zum letzten Mal in den Nachrichten hörten und die Stadt seitdem für ein Katastrophengebiet halten, um das man lieber einen weiträumigen Bogen macht. Ja, da staunen auch die, die noch immer darauf warten, dass die seit anderthalb Jahren anstehende Renovierung ihrer rissigen Bude endlich von der Versicherung bezahlt wird und sie woanders hinziehen können, wo das tägliche Leben nicht durch Erdbebenschäden, Dauerbaustellen und Bürokratenschwachsinn gelähmt wird.

Aber mit Letzteren, es sind ja auch nur ein paar Tausend, haben die Lonely-Planet-Tester sicher nicht gesprochen. Wer will sich das Gejammer schon anhören? Also, ich nicht. Ich glaube lieber dem welterprobten Reiseführer und schaue, was sich die emsigen Bienen bei ‚Gap Filler‘ wieder Originelles einfallen lassen, um uns das Leben zwischen Ruinen zu verschönern. Alles super hier, voll die Zukunft, und so funky!

Dringend nötig, dass das mal aufgezählt wird: Eine Ausstellung der liebevollst dekorierten Dixie-Klos, ein Freiluftkino mit Pedalbetrieb, ein Kühlschrank an der Straßenecke als Buchtauschbörse, eine Kathedrale aus Pappe und noch andere Aktionen, die viel Pioniergeist, Design, Schweißarbeit und Sperrmüll voraussetzen. Klasse Sache, ich bin dabei, auch jetzt am Wochenende, wenn der rekordverdächtige ‚Drillathon‘ stattfindet und jeder, der mag, mindestens zwei Stunden lang Löcher in Paletten bohren darf. Aus denen entsteht ein improvisierter Musikpalast.

Wer dann noch Energie hat, kann zum “Dance-O-Mat” gehen. Das ist ein münzbetriebener Tanzboden im Freien, gleich hinter der Shopping-Mall aus Schiffscontainern, und unsere Antwort auf eine Disco. Sowas denken sich keine Stadtoberen und Erdbebenminister aus, sondern Architekturstudenten, Künstler, Freiwillige aller Art. Und die, da gebe ich dem Lonely Planet völlig recht, hauchen dieser Trümmerstadt wieder Leben ein, das einen Anstrich von urbanem Utopia hat: Alles darf ersponnen werden, jeder macht mit.

Jetzt müssen sich nur noch die Besucher trauen. Bloss keine Hemmungen, Erdbebentouristen, Ihr seid willkommen! Ihr dürft euch auch gerne gruseln: Für 15 Dollar kann man die abgeriegelte ‚Rote Zone‘ besichtigen. Das ist jetzt die größte Baustelle der Südhalbkugel, was nicht so spannend klingt wie ‚Todeszone‘. Aber daran kann man arbeiten. Hauptsache, die halb durchgebrochenen Häuser auf den Klippen oberhalb des Strandes bleiben noch lange dort hängen. Super-Attraktion, klasse Fotos.

 

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Das Gold liegt im Maori-Schinken

 

Als mein Buch über eine Korrespondentin erschien, die am schönsten Arsch der Welt an Immigrantenparanoia leidet, da wollte ich ganz schlau sei. Ich bezeichnete mein Werk als Realsatire oder Doku-Roman. Es war ein verzweifelter Versuch, mich abzuheben. Reine Selbsttäuschung. Denn der Buchhandel hatte längst beschlossen, wohin die Saga über die Verwandlung vom Kraut zur Kiwi gehört: In die Regalecke mit den Culture-Clash-Büchern. Okay, ich hatte jetzt nicht erwartet, dass man für „Was scheren mich die Schafe“ einen Stapel Houellebecq zur Seite schiebt, und ich war schon dankbar, wenn man’s nicht für „noch so einen Schafe-Krimi“ hielt – aber ein kleines Imageproblem hatte ich doch zu überwinden.

Culture Clash steht auf dem Buchmarkt für „Leben in einem lustigen Land“. Dieses Genre beobachte ich genau. Es existiert seit „Noch ein verdammter Tag im Paradies“, einer Auswanderersatire aus La Palma, und schwang sich mit „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ zu neuen Höhen auf. Lustig kann demnach jedes Land sein, solange dem dort lebenden Deutschen genug Stereotypisches vor die Füße fällt, er darüber stolpert, im Fettnapf landet und das alles flott erzählen kann. Daraus wird dann „Mein Leben in Bullerbü“ aus Schweden oder „Fisch und Fritz“ über England.

Zwingend notwendig für den Erfolg ist ein möglichst beknackter Titel, der Klischees, Kulinarisches und Kulturschock im Turbohumormixer verquirlt, bis dass die Auflage schäumt. Mein Favorit, ungelesen: „Ich trink Ouzo, was trinkst Du so“ (diese Gyrosfresser!), jetzt noch getoppt durch den Käskopp-Knaller „Auf Heineken könn wir uns eineken“. Prost, armes Holland – dabei ist das Buch richtig gut.

Falls China irgendwann in dem Programm auftaucht, wie wär‘s dann mit „Ich ess Eisbein, du tlinkst Leiswein“? Mein Vorschlag für Tibet: „Alles in Yak-Butter“. Die Palette ist weltweit noch nicht ausgeschöpft. Zum Beispiel über Abenteuer im Vatikan, frei von Talar und Tabus: „Junge, komm bald wieder“.  Hergehört, Verlage! Es gibt so viele Länder, da geht doch noch was. Die Mongolei, wo es zur guten Sitte gehört, dem Gast nachts eine Frau ins Zelt zu legen? „Als ich in der Jurte schnurrte“. Tantiemen bitte an mich.

Jetzt, wo die Aotearoa-Welle auf die Buchmesse zurollt, fällt mir mein taktischer Fehler auf. Wäre meine Anti-Schafsaga romantischer, könnte sie als „Neuseeland-Roman“ durchgehen und sich wie geschnitten Vampir-Bestseller verkaufen. Der Neuseeland-Roman ist dem heutigen Goretex-Germanen im Wohnmobil, was unseren Großmüttern der Lore-Roman in der Gartenlaube war. Darin geht es meist um Pionierschicksale im Land der langen weißen Wolke. Ein mystischer Maori darf niemals fehlen. Die deutschen Autorinnen haben weltläufige Pseudonyme wie Sarah Lark, Emma Temple oder Julie Peters. Wenn ich endlich richtig schlau bin und der ganze Rummel vorbei, taufe ich mich in Emily Belle um. Mein nächstes Buch nenne ich dann „Heiße Wolle unterm Kreuz des Südens“. Es wird ein genreübergreifender historischer Schaf-Krimi-Porno.

 

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Hänsel, Gretel und Venus

 

An Zufälle glaube ich nicht mehr, denn ich lebe in einem spirituell unterwanderten Land. In Aotearoa steht alles in einem kosmischen Zusammenhang. Matariki heißt unser Neujahr in der Jahresmitte – statt durch Böller eingeleitet durch die Plejaden am Firmament. Nicht nur das schnöde Weltliche zählt. Das liegt an der Maori-Mythologie und an der sauberen Luft, denn unser Sternenhimmel wird nicht durch Raffinerieschwaden vernebelt wie in der Kulturbegegnungsstätte Baku. Tief einatmen und Blick nach oben!

Kein Wunder – oder Zufall – also, dass das Goethe-Institut drei deutsche Lyriker nach Neuseeland verschiffte, die sich dort den ‚Transit der Venus‘ anschauen sollten. Nur auf der Südhalbkugel war zu sehen, wie der Planet im Halbkreis vor der Sonne wanderte. Das kommt nur rund alle hundert Jahre vor. Eigentlich konnten Uwe Kolbe, Brigitte Oleschinski und Ulrike Almut Sandig durch ihre dunklen Solarbrillen am 6. Juni nicht viel erkennen. Und dann war es auch noch meist bewölkt in Tolaga Bay, wo sich das Sternenguckerspektakel abspielte.

Umso beeindruckender aber, erfuhr man unisono von den Berliner Abgesandten, sei der Erstkontakt mit den Eingeborenen gewesen. Die Venus-Festivitäten in Tolaga Bay, wo einst Südseeentdecker Captain James Cook anlegte, wurden vom dortigen Maori-Stamm ausgerichtet. Sie stellten jede indische Großhochzeit an Herz, Tanz und Trubel in den Schatten.

Die drei Deutschen müssen nun zusammen mit ihren neuseeländischen Pendants eine transpazifische Himmelsbrücke bauen. Nächsten Monat werden die Verse in der Literaturwerktstatt Berlin geschmiedet und auf Überseequalität getestet. Das Finale wird in Frankfurt auf der Buchmesse präsentiert. Kein leichter Auftrag: kosmische Inspiriation auf Kommando. Das wurde in Wellington deutlich, wo das multikulturelle Sextett das Ergebnis seines ersten Workshops in einer Galerie vorstellte. An den Wänden hingen Planeten-Fotos, die Ausstellung hieß ‚Dark Sky‘. Es gab rundum kein Entkommen vor Ranginui, dem Himmelsvater.

Ein Kniff der Dichtkunst wurde mir an dem Abend klar: Man muss nur irgendwie einen Bezug herstellen, dann klappt es mit der Bedeutungsschwangerschaft. Die Einheimischen lagen dabei deutlich vorne. Chris Price erzählte von der Theateraufführung in Tolaga Bay, wo das überdimensionale Bild einer der blauen Glasperlen gezeigt wurde, die einst Captain Cook verteilt hatte. „Wie das Bild der Erde aus dem All“ habe das ausgesehen. Ha! Neuseeland – douze points.

Brigitte Oleschinski hat immerhin einen „Alien“ im Repertoire : So nennt sie den Schutzengel, der über ihrem Kinderbett hing und nun literarisch verarbeitet wird. Wenn den deutschen Dichtern so gar nichts Symbolträchtiges einfällt, hätte ich auch noch was anzubieten. Am gleichen Abend trat in Wellington die martialische Metal-Band ‚Hanzel und Gretyl‘ auf. Deren anglogermanischer Schlachtruf ist „Total shiza!“ (liebe Literaturwerkstatt: keine Übersetzung nötig), und ihr Sound nennt sich „intergalaktisch“. Alles kein Zufall.

 

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Keine Knete im Kindergarten

 

Es gibt Momente, da bin ich stolz, Neuseeländerin zu sein. Doch, das kann ich tief aus patriotisch geschwellter Kiwi-Brust sagen. Klingt auch gar nicht rechts, ganz im Gegenteil. Denn meine kleine, feine Zweitnation beweist mir immer wieder, wie ernst sie es mit dem Schutz ihrer indigenen Minderheit nimmt. Dafür liebe ich sie. Dafür bringe ich auch Opfer. Ich spiele fortan nicht mehr mit Knete.

Eine kurze Einführung für die ethnisch unterentwickelten Europäer: Bikultur ist in Aotearoa kein leeres Wort, sondern täglich gelebte Praxis. Öffentliche Gebäude sind zweisprachig beschildert und selbst hohe Politiker beherrschen komplizierte Begrüßungszeremonien aus Kriegerzeiten. Dank des historischen Vertrags von Waitangi, der die Rechte der Ureinwohner gegenüber der britischen Kolonialmacht sicherte, wird das Kulturgut der Maori bis heute bewahrt und geschützt.

Das heißt, dass keine Schnellstraße gebaut werden darf, wo vielleicht ein Naturgeist namens Taniwha sein Zuhause hat. Und wer gerade menstruiert, besichtigt lieber nicht die heiligen Schnitzereien im hochmodernen Museum ‚Te Papa‘ in Wellington. Blutende Frauen verletzen dort ein altes polynesisches Tabu. Da müssen Feministinnen halt mal zugunsten heherer Werte zurückstecken, so wie ihre beschnittenen Schwestern in Somalia. Frau kann ja draußen bleiben und auf die Wechseljahre warten.

Konsequent pflanzt sich dieser Respekt vor den Sitten und Bräuchen einer Stammeskultur bis ins kleinste Glied fort. Nämlich bis in die Kindergärten. Dort hängt nicht nur der Vertrag von Waitangi als Kopie an der Wand. In den meisten öffentlichen Krabbelstuben wird verstärkt darauf geachtet, keine Nahrungsmittel zweckzuentfremden. Halsketten aus aufgefädelten trockenen Makkaroni oder bunte Bilder aus Kartoffeldruck sind Relikte der dunklen, kolonialistischen Vergangenheit – Ausdruck von bikultureller Unsensibilität und so verpönt wie in Ankara ein Schweineschnitzel zu Ramadan.

Die Mahnung „Mit Essen spielt man nicht“ hat auch so mancher noch lebende Germane in die Wiege gelegt bekommen und sie sich dorthin gesteckt, wo Elternsprüche hingehören. In Aotearoa jedoch wird sie zum politischen korrekten Dogma. Denn der Respekt vor allem Verzehbaren hat Maori-Tradition. Was bedeutet, dass auch selbstgemachtes Knetgummi auf dem Index steht: Es wird aus Mehl, Lebensmittelfarbe, Weinstein und Wasser gemixt. Jedes Kind kennt das Rezept für „playdough“ – nicht wissend, dass „Spielteig“ an sich schon ein Unwort ist. Ein kultureller Affront.

Das bekam Amy Clark von „My Child New Zealand“ zu spüren. Auf ihrer Webseite über Frühkinderziehung demonstrierte sie anschaulich, wie sich mit einem fransigen Selleriestengel eine Rose malen lässt. Sehr hübsch, aber leider voll daneben. Womöglich rassistisch. Damit begann die Debatte, die sich gerade durch alle Kindergärten zieht. Meine Kinder gehen längst zur Schule, daher streite ich nicht mit. Aber zum Abendessen setze ich ihnen eine schön geformte Mahlzeit aus bunter Knete vor. Respekt muss sein.

 

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Rechtschreibnazis

 

Als Deutsche tue ich mich in meiner neuen Heimat oft schwer. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich mich so oft an schlechter Rechtschreibung störe. Die gehört in diesen Breitengraden zum öffentlichen Erscheinungsbild wie Flip-Flops mit Socken im Winter. Was in meinen Augen ein krasses orthographisches Vergehen ist, sehen die meisten Kiwis jedoch als Kavaliersdelikt: Who (oder hoo) cares?  Dank dieser laxen Haltung wimmelt es mich herum nur so von falschen Apostrophen, von „your“ statt „you’re“. Damit muss ich leben. Assimiliation nennt man das. 

In der Schul-Cafeteria habe ich mich bereits unbeliebt gemacht. Wochenlang las ich auf dem Lunch-Bestellzettel meines Sohnes, dass es „Squizzeed Orange Juice“ zu kaufen gäbe, obwohl der gepresste Saft doch laut Wörterbuch „squeezed“ heißen sollte. Irgenwann zuckte es mir in den Fingern. Ich strich das falsche Wort durch und schrieb das neue darüber. Prompt kam eine Antwort der Küchenkraft, was meinem Sohn besonders peinlich war: „Squizzeed“ sei der Markenname. Der Saft ist nämlich gar nicht gepresst. Reingefallen, Besserwisserin!

Immerhin habe ich mich letztens zurückgehalten, als ich ein Auto den beeindruckensten Aufkleber spazierenfahren sah, der mir je in Aotearoa unterkam. I love Mell’s titty’s. Das Herz-Symbol, das für das Wort „love“ stand, sah korrekt aus, auch am„I“ gab’s nichts zu meckern, aber ab dann muss der Verehrer der offensichtlich mit Doppel-L gesegneten Mellanie ins Schleudern gekommen sein. Den sicher bewundernswerten „titties“ tut das keinen Abbruch. Der Außenwirkung des Autofahrers jedoch schon.

Ich bin dankbar, dass ich mit meiner Fixierung auf das falsch geschriebene Wort nicht alleine dastehe. Autor Jon Bridges hat sich unter dem Pseudonym ‚spellnazi‘ bei TradeMe angemeldet, was unser Ebay ist, und jede Online-Versteigerung nach Rechtschreibfehlern durchkämmt.  Wann immer etwas nicht stimmte, schickte er dem Anbieter eine nette Nachricht und lieferte die Korrektur gleich mit: „Hi. Nur ein paar Fehler in Ihrer Beschreibung, aber sonst alles gut. Sie haben ‚riffle‘ statt ‚rifle‘ geschrieben und ‚orsome‘ statt ‚awesome‘. Viel Glück mit der Auktion. Sieht nach einem schönen Gewehr aus.“

Das Feedback war gemischt. Die Beschimpfungen, die Bridges sich einhandelte, waren nicht ohne, und auch nicht ohne Fehler. Seine private Erhebung ergab ein erschreckendes Bild: Die Worte, an denen fast die Hälfte der Kiwis bei TradeMe orthographisch scheiterten – wie „definately“ statt „definitely“ oder „recieve“ statt „receive“ – bekommen in den USA, England und selbst im angeblich so barbarisch unkultivierten Australien über 80 Prozent der Online-Anbieter problemlos hin.

Am Ende startete der Rechtschreibnazi seine eigene Auktion. Er bot ein fast unbenutztes Apostroph an (schwarz, 12 Punkt, Times New Roman). Es ging für hundert Dollar an einen Joe aus Whakatane. Vielleicht liebt auch der ein paar Brüste, die mit einem falschen Apostroph mehr erst richtig zu Ehren kommen.

 

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Vögel fressen Schafe

 

Wenn der Reifen nach der Picknickpause in den Bergen plötzlich einen Platten hat oder die Zeltplane zerfetzt ist, dann war wahrscheinlich kein ländlicher Hooligan zugange, sondern die gefürchtetste Kreatur der Südalpen: der Kea. Dieser hübsch anzusehende Bergpapagei ist Touristenattraktion und Landplage zugleich. Auch in friedliebenden Menschen kitzelt er Tötungsgelüste hervor. Zum Beispiel dann, wenn man aus seinem Wanderstiefeln schlüpft und die Schuhe wenig später hunderte Meter weiter einen steilen Abhang herunter fallen sieht. Dort hat sie ein Kea fallen lassen, nachdem er zuvor auch noch sämtliche Gummiteile vom Auto gerissen und den Picknickkorb in Einzelteile zerlegt hat. Ja, ein putziges Tierchen.

Wer angesichts dieser Gefahr aus Flora und Fauna müde die Schultern zuckt und auf die Haie, Krokodile und anderen Fleischfresser Australiens verweist, der weiß nicht, was der Kea für ein Killer ist. Den armen Schafen auf den hochgelegenen Farmen der Südinsel hackt er gezielt in die Nierengegend, um dahinter ans Fett zu kommen. Die verwundeten Tiere sterben oft an Infektionen oder Blutvergiftung, bis zu 4000 im Jahr pro Hof. Im 19. Jahrhundert töteten wütende Bauern daher rund 150.000 Kea, um ihre Herden zu schützen. Jetzt leben gerade mal nur noch knapp 5000, und sie stehen unter Artenschutz, denn die Zeiten haben sich politisch korrekt geändert. Wer heute einen Kea erschießt, erwürgt, ertränkt oder vergiftet, kann sich 100.000 Dollar Geldstrafe oder sechs Monate Gefängnis einhandeln. Mit Naturschützern in Aotearoa ist nicht zu spaßen.

Mit den Kea-Jägern aber auch nicht. Zwei erschossene Papageien hingen vor ein paar Jahren festgetackert an einem Schild in Arthurs Pass, als Warnung an ihre dreisten Artgenossen. Man kann nur ahnen , welches Drama diesem Meuchelmord vorausging. An der wilden Westküste wurde ein Kea einem Beamten der verhassten Naturschutzbehörde DOC tot in die Einfahrt geschmissen. Jetzt kam es unfreiwillig zum Attentat am Skigebiet Porters nahe Christchurch. Ein Teenager, der mit seiner Schulklasse dort war, schmiss einem Kea einen Stein an den Kopf. Das Tier starb, die Polizei wurde alarmiert und das Opfer mitsamt den Schülern zurück zur Chisnallwood Schule gebracht, um den Leichnam DOC zu übergeben. Mit kleinem Zwischenstopp: „Im Moment bewahren wir ihn im Kühlschrank des Lehrerzimmers auf, neben unseren geschmierten Broten“, wusste Schulleiter Richard Paton zu berichten.

Der junge Attentäter muss zur Strafe Freiwilligenarbeit im Naturschutz verrichten. Und für die malträtierten Schafe findet sich auch bald eine Lösung: Neuseeländische Forscher entwickeln ein Spray, das die Keas vom Schafspelz fernhalten soll. Das würde langfristig auch das Überleben der Vögel sichern. Der ‚Kea Conservation Trust‘ hofft, dass sich Bekleidungsfirmen wie Icebreaker an dem Projekt beteiligen: „Wir haben Delfin-freundlichen Thunfisch. Wie wäre es mit Kea-freundlicher Merinowolle?“ Fehlen nur noch DOC-freundliche Menschen.

 

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Tanzende Transen

 

Die Kathedrale ist eine Ruine, die Straßen haben Risse, die Fassaden sind schief – viel steht im demolierten Christchurch nicht mehr gerade. Bald werden auch Straßenschilder und Laternenmasten einen Knick haben. Nicht, weil uns ein weiteres Erdbeben droht. Sondern weil der Straßenstrich hier demnächst floriert wie auf der Reeperbahn. Und der, so wird aus dem Sündenpfuhl Auckland berichtet, führt in diesen Breitengradenzum Verschleiß der öffentlichen Beschilderung: zerstört durch aggressives Pole-Dancing.

Hunters Corner im Stadtteil Papatoetoe ist ein berüchtigtes Pflaster in Aucklands Süden. Dort bieten sich die Damen der Nacht an, die eigentlich Männer sind – meist ‚fafafine‘, polynesische Transsexuelle. Der Sex-Betrieb stößt den Ladenbesitzern im Viertel seit langem auf. In einer Broschüre der Stadtverwaltung ziehen die Anwohner über die Prostituierten her: Sie würden Kunden anbetteln, in den Geschäften klauen und die Straße als Toilette benutzen. Jeden Morgen sei die Gegend mit Kondomen und Fäkalien versaut. Zustände sind das!

 

Aber es kommt noch schlimmer. Im Februar rammte eine Transe angeblich um acht Uhr morgens mit einem leeren Einkaufswagen das Auto einer Frau und legte sich dann auf deren Kühlerhaube. Einen Monat später mussten unschuldige Kinder aus einem vorbeifahrenden Schulbus mit ansehen – falls sie denn gerade hinguckten und nicht auf ihren Handys in YouPorn vertieft waren – , wie sich eine der Ladies im Freien umzog. Was bei der knappen Gaderobe wirklich nicht lange gedauert haben dürfte. „Wir werden zu Unrecht als Störenfriede dargestellt“, beklagt sich eine Sexarbeiterin namens Jay Jay.

Dass es sich bei den Bordsteinschwalben genetisch bedingt eher um kräftige Truthähne handelt, belegt ein weiterer schockierender Fakt: Rund 40 Parkverbotschilder rund um Hunters Corner sind in den letzten 18 Monaten dem anstößigen Treiben zum Opfer gefallen. An den Stangen wird geschaukelt, geräkelt und gerutscht, dass es nur so eine Sünde ist. Das gehört zur Werbung. Was mittlerweile jede bessere Fitnessmutti kann, die nach Aerobic, Zumba und Yoga beim wöchentlichen Stripper-Sport angelangt ist, können die Prostituierten in Papatoetoe erst recht. Nur sind sie um einiges schwerer. Und die Mäste auf der Straße machen nicht ganz so mit wie die Stangen im Pole-Dancing-Studio.

Was das alles mit Christchurch zu tun hat? Da der Wiederaufbau der Innenstadt demnächst auf Hochtouren laufen soll, werden Bauarbeiter aus der ganzen Welt eingeflogen. Für Tausende von Männern, ein Großteil davon Iren, wird gerade ein provisorisches ‚Workers‘ Village‘ errichtet. Eine Art Lagerstadt, vielleicht sogar aus Zelten – so wie damals während der Goldgräberzeit, als Neuseelands wilder Westen vor Bars und Bordellen strotzte. Damit die Lagerhuren nicht ähnlichen Schaden anrichten wie ihre tanzwütigen Schwestern in der Metropole, sollte man gleich von Anfang an dafür sorgen, dass die Zeltstangen besonders stabil sind. Christchurchs Stadtverwaltung ist gewarnt.

 

 

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Ab in die Tiefe

 

Fußball hin, Halbfinale her – gestern fand ein großes Jubiläum statt. Ein Gedenktag, damit die wahren Heldentaten der Menschheit nicht in Vergessenheit geraten. Denn vor einem Vierteljahrhundert erschütterte ein Schrei Europa, der noch immer nachhallt. Erstmals stürzte sich ein Bungy-Springer vom Eiffelturm.
Der da am Seil baumelte, war AJ (kurz für „Alan John“) Hackett. Der gut abgehangene Tausendsassa ist für Neuseeland und den Extremsport das, was Reinhold Messner für Tirol und die Yeti-Jagd ist: eine Ikone , von übermäßiger Adrenalinausschüttung gezeichnet. Testosteronbrüder im Geiste: Den einen zog’s in die Höhe, den anderen in die Tiefe.
Hackett, der antipodische Pionier des kommerzialisierten Wahnsinns, hatte sich von Südseeinsulanern in Vanuatu inspirieren lassen, die an Lianen gebunden von wackeligen Türmen springen. Zum Glück hielt er sich von einer anderen vanuatischen Tradition, dem berauschenden Kava-Trinken, fern. Sonst hätte Hackett seitdem den Extremsport Kaving exzessiv betrieben und nur breit in der pazifischen Sonne gelegen. Was er mittlerweile hoffentlich tut, denn der Bungy-Mann hat längst ausgesorgt.
Was AJ Hacket und seine Mannen für den großen Eiffelsprung am 26. Juni 1987 ausheckten, stellt „Ocean’s 11“ an Konspiration in den Schatten. Wochenlang hatte die Bungy-Crew den Turm ausspioniert, Kameras platziert und die Ausrüstung nach oben geschmuggelt. Im Morgengrauen ließ sich Hackett dann verknoten. Die exakte Länge des Seils war mit Angelschnur gemessen worden. Als die Sonne über Paris aufging und die Polizei am Boden mitbekam, was vor sich ging, spazierte AJ in die Luft. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein verdammt großer Sprung für den Abenteuertourismus“, beschreibt er es flott in seinen eigenen Worten. „Jeden Tag soll man sich daran erinnern, das man noch lebt.“
Wir wissen alle, was dann passierte. Auf jeder Kirmes im Rheinland, auf jedem besseren Parkplatz zwischen Polarkreis und Dubai stand fortan ein Kran mit Gummiseil. Es wurde gesprungen und geschrien und gebaumelt, selbst aus Hubschraubern, dass es eine Zumutung war, von all den Zerrungen ganz zu schweigen. Total überteuerter Schwachsinn, natürlich – aber ach so geil, wenn man es denn doch tat. Ich bekam einen Freisprung vom Fernsehturm in Hamburg geschenkt und überwand mich in einem Anflug von Todesmut und Angeberei. Von sowas zehrt man im Alter, wenn man es nicht mal vom Fünfmeterbrett geschafft hat.
Das ist alles lange vorbei, aber nicht in Queenstown auf der Südinsel Neuseelands: Von dort aus hat das AJ Hackett Imperium die Welt erobert. Einen Bungy-Tempel haben sie dort errichtet, mit wummernden Beats und athletischem Personal. Noch immer wird dort von der Brücke über der Kawarau-Schlucht im Minutentakt gesprungen, als gäbe es keine Schwerkraft. Unten im Fluß liegen viele Schlüsselbunde, aus all den Hosentaschen. Wenn vorbeifahrende Touristen glotzen, karambolieren sie oft in ihren Wohnmobilen und erinnern sich daran, dass man noch lebt.

 

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Jagen mit Veganern

 

Es begann mit der Hochzeit unseres Freundes Steve. Der war Bioladenbesitzer und einst Veganer, aber erlegte aus Familientradition für sein Festmahl einen Hirsch. Ein Vollblut-Öko, der der Natur und seinem Körper bis auf selbstangebautes Gras keinen Schaden zufügt, aber nicht vom Wild lassen kann. Wo sonst auf der Welt trifft man jagende Hippies?Als die Freundschaft wuchs, lieh sich mein Mann bei ihm Jagdbücher aus. Die Gespräche wurden intensiver. Steve predigte gegen Massentierhaltung, pro Selbstversorgung. Nicht um Trophäen ginge es, sondern um archaische Nahrungsbeschaffung: ein Mann, ein Schuss, eine volle Kühltruhe. Kommerzfrei. Das traf den Nerv, der seit bundesdeutschen Zeiten brach gelegen hatte. Und mich ins Mark.

“Ich mache den Waffenschein”, sagte mein Mann, der angebliche Antimilitarist. Es war fast so schlimm, als ob er eine Affäre gebeichtet hätte: Ich war fassungslos, er testosterongesteuert. Schuldbewusst zog er nach dem Coming-out einen Prospekt von “Gun City” aus der Tasche. Dass er sich heimlich im Kleinkaliber-Discount herumtrieb, war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste waren unsere Kinder. Sie fanden das alles großartig: Schießen, yeah! All die Jahre ohne Gewaltvideos und Kriegsspielzeug, und nun das! Wozu schickten wir die Jungen eigentlich auf die verdammte Waldorfschule?

Ich kapitulierte, aber summte subversiv “Cowboy Rocker” von Udo Lindenberg vor mich hin. Mein Protestsong. Statt Charles Bronson kam aber nur eine nette Polizistin vorbei, um mich im Sozialarbeiterton zu befragen, ob mein Mann verhaltensauffällig oder gewalttätig sei. Alles Vorschrift für den Wisch. “Er ist friedlich wie ein Lamm”, bestätigte ich und übertrieb kein bisschen. Dabei hätte ich alles sabotieren können. Aber Steve hatte uns gerade einen Hirschschenkel geschenkt. Der schmeckte köstlich.

Mit Steve ging es zum Schießstand: “üben”. Beim Waffentest dann ein blitzartiger Reality-Check: Mein Mann stellte erschrocken fest, in welcher Gesellschaft er sich befand. Doch nur kurz kamen Zweifel an seiner neuen Gesinnung auf. Denn es ging wieder zu “Gun City”. Erst wurde, ganz nach Vorschrift, eine verschließbare Stahlkiste gekauft. Dann nach etlicher Recherche die Tika 7-08: viel Stahl, lackiertes Holz und sauschwer. Sie verschwand zum Glück sofort in der Kiste. Dann musste es noch ein kleines Luftgewehr sein, “nur für die Possums”. Es war ähnlich wie beim Surfen: Immer geht es ums Material.

Ich besuchte Lydia, die nichts Tierisches isst und für mehr Unkraut im öffentlichen Raum kämpft. Sie zeigte mir das Foto eines toten Possums in einer Falle. Auf dem Rücken klammerte sich dessen Junges fest, frisch verwaist. Mein Mutterherz blutete. Als ich zu Hause ankam, wurde ich fast umgelegt: In der Einfahrt übten meine Söhne mit dem Luftgewehr. An der Garage hing eine Zielscheibe, in der Mitte prangte ein Possum-Foto. “Schädlingsbekämpfung”, verteidigte sich mein Mann. Ich sah rot. Die Fronten sind klar. Fortsetzung folgt

 

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Nek Minnit passiert was

 

Jahresendzeitstimmung. Zeit für die große Bilanz. Was hat die Menschen in meinem Land bewegt? Wo offenbarten sich ihre wahren Interessen, ihre Leidenschaften, ihre Themen? Zum Glück gibt es den Informationskanal YouTube, der uns das Psychogramm der Nation präzise aufzeigt. Vielleicht sollte ich, um es spannender zu machen, an dieser Stelle die Quizfrage stellen: Wer oder was befand sich auf dem im Jahre 2011 in Neuseeland am häufigsten gesehenen Video?

Richtig: Rebecca Black. Das ist die kleine schwarzhaarige Dame im Cabrio und mit dürftig überschminktem Pickel, deren selbstproduzierter Song ‚Friday‘ als so grottenschlecht empfunden wurde, dass er weltweit über eine Billion mal anklickt wurde. Eine Art Hass-Reflex – 167 Millionen mal davon allein in Neuseeland. Eine ordentliche Trefferquote für ein Vier-Millionen-Volk. Immerhin sind wir weltweit nicht allein mit unserem schlechten Geschmack.

Schaut man sich an, was es in Aotearoa auf den zweiten Platz der YouTube-Hitliste geschafft hat, blickt man in einen noch tieferen kulturellen Abgrund. Hier tut sich eindeutig ein Nordhalbkugel-Südhalbkugel-Gefälle mit antipodischer Note auf. Denn weit vor den erschreckenden Erdbebenszenen aus Christchurch oder den Heldenmomenten der Rugby-Weltmeisterschaft wollten die Kiwis ein Machwerk namens ‚Nek Minute‘ sehen.

In wenigen verwackelten Sekunden erblickt man da einen jungen Mann mit weißer Stirnbinde, nacktem Oberkörper und unleserlichen Tätowierungen, der nicht nur das obere Drittel seiner Unterhose hervorblitzen lässt, sondern auch ein Gebiss frankensteinschen Ausmaßes. Der Zuschauer fragt sich, ob das vielleicht aus einem Scherzartikelladen stammt. Ebenso erheiternd ist, dass der Scooter des Protagonisten offensichtlich gerade zu Klump gefahren wurde. Der absolute Schenkelklopfer ist jedoch, dass der Roller-Besitzer sich nur sehr rudimentär zu artikulieren weiß. Was man mit „und dann passierte im nächsten Augenblick Folgendes“ übersetzen müsste, reduziert sich bei ihm auf das verzerrte Raunzen zweier Worte: ‚Nek minute‘. Ein Brüller!

Der YouTube-Clip entstammt einem Skater-Film, hieß erst ‚Negg Minute‘, dann ‚Nek Minute‘ und schließlich ‚Nek Minnit‘, um der Stammel-Orthographie konsequent treu zu bleiben. Bei dem gefährlich bis grenzdebil wirkenden Mann handelt es sich um den wahrscheinlich blitzgescheiten Levi Hawken aus Dunedin. Der hat sich als furchloser Skateboarder einen Namen gemacht, weil er die steilsten Straßen herunternagelt, ‚hill bombing‘ genannt. Jetzt hat er auch noch ein Stück kiwianischer Kulturgeschichte geschrieben.

Nek Minnit ist seit Monaten ein geflügelter Begriff. Moderatoren und Teenager streuen ihn gerne ein und warten auf Lacher. Neben etlichen Parodien gibt es auch den gleichnamigen Song von ‚Youth Empire‘, in dem diese Textzeile hervorsticht: “Sitze auf dem Klo, lass gleich die Bombe fallen, Nek Minnit, kein Klopapier da”. Besser kann man das Vorher und Nachher, das uns an Silvester bevorsteht, nicht zusammenfassen.

 

 

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Billy und die Fleischbällchen

 

Ich halte mich für kulturell anpassungsfähig, aber ein paar Sachen vermisse ich dann doch in Aotearoa. Da ich die einheimische Altöl-Schmiere namens Vegemite verschmähe, lasse ich mir immer meine Hefepaste aus dem Reformhaus mitbringen. Das hat am Flughafen schon zu unschönen Szenen geführt, als eine Ein-Kilo-Dose mit hellbraunem, undefinierbarem Inhalt auf dem Kontroll-Bildschirm auftauchte.

Lakritze trudelt manchmal einfach so bei mir ein. Letztens stand ein junger Mann vor meinem Haus, wedelte mit einer Tüte und rief auf Deutsch meinen Namen. Der Süßkram stammte zwar nicht von Haribo, sondern vom Zwischenstopp aus Singapur, aber nett war’s dennoch. Und ich seit Wochen auf Entzug. Für alle Nachahmer: Gummibärchen werden auch gerne genommen.

Was mir sonst noch fehlt, habe ich über die Jahre verdrängt. Demonstrationen, Nacktbaden, Kerzen am Tannenbaum – geht auch ohne. Aber es gibt Rituale, die ein Loch ins Leben reißen, wenn sie plötzlich fehlen. Die man für selbstverständlich hielt, gar lästig. Wie der Samstagseinkauf bei IKEA.

Dass man spätestens an der Kasse komplett erledigt war, dass man stets mehr davonschleppte als geplant, dass all die vielen Kartons und der volle Parkplatz nur nervten – ja, vergessen. Zurück bleiben sentimentale Erinnerungen an kreischende Kinder im Plastikballbecken und pinke Hotdogs. Spottbillige Zimmerpflanzen, die sofort eingingen. Der Sechskantschlüssel, der immer fehlte. Ach, und all dieses clevere, praktische Design, das man im deutschen Wunderland des guten Geschmacks irgendwann gar nicht mehr zu schätzen wusste. Dann leistete man sich lieber das Ledersofa aus Italien anstatt des Modells Bjölle vom China-Fließband.

Was würde ich jetzt für ein olles Billy-Regal und bunte Plastikbecher namens Sigurt geben! Aber dafür müsste ich erst nach Australien fliegen – dort ist der nächste IKEA-Laden. Neuseeland ist als Standort für die Schweden wohl zu zu unwichtig. Dabei hat Norwegen mit fast der gleichen Einwohnerzahl ganze vier IKEA. Und komme mir jetzt niemand mit dem Argument, dass Norwegen ja auch direkt neben Schweden liegt – der ganze Kram wird eh aus Asien verschifft. Es ist eine einzige, eurozentristische Ungerechtigkeit.

Aber zum Glück gibt es ja Facebook, um den Schrei der Unterdrückten in die Welt zu tragen. „I want IKEA stores to open in New Zealand“ heißt eine Seite, die in diesem Jahr über 10.000 Fans gewann. Ausgelöst durch das Gerücht, dass in Auckland bald ein total verrücktes Möbelhaus entstünde. Was wurde da im Netz diskutiert und rumfantasiert, bis hin zu den berühmten Fleischbällchen.

Die Ernüchterung kam vor ein paar Wochen. Bei dem neuen Laden namens „Myflatpack“ handelt es sich lediglich um den überteuerten Weiterverkauf von wenigen IKEA-Produkten. Nicht mal ein Abklatsch der echten Knäckebrot- und Billy-Welt. Die Fans sind wütend. Das ganze war ein raffinierter PR-Coup. Eine Exil-Schwedin will jetzt intervenieren. Sie kennt den IKEA-Boss Ingvar Kamprad über zwei Ecken. Kämpfen, bis der Elch kommt!

 

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Mit Schweinen zahlen

 

Der Euro wackelt, die Krise droht: Hilfe! Räum ich jetzt noch schnell mein deutsches Konto leer und lass mir die paar Kröten nach Übersee – was für ein wunderbares, vom Aussterben bedrohtes Wort – überweisen?  Ach was. Besser umdenken als Panik schieben. Liebe Europäer, ich gebe euch jetzt einen Finanztipp, gegen den auch ‚Occupy Wallstreet‘ sicher nichts einzuwenden hat: Macht es wie die Südseeinsulaner. Zahlt mit Schweinen statt Scheinen.

Dass die Währung mit Speckschwarte noch oder wieder im Umlauf ist, hat die vor kurzem in Neuseeland glorreich beendete Rugby-Weltmeisterschaft ans Tageslicht gebracht. Mathew Vaea, Manager der samoanischen Nationalmannschaft, wurde nämlich vorige Woche in seinem Heimatdorf Leauva’a zu einer Strafe von hundert Schweinen verdonnert.

Sein Vergehen: Während der WM habe er sich nicht um seine Mannen gekümmert, sondern ging lieber Golfspielen und trinken. Tagelang war Vaea verschwunden, so beklagte sich der Mannschaftskapitän über den Manager, und nicht mal die Trikots fürs Team habe der Schluckspecht dabei gehabt. „Er hat das, was wir im Volksmund als ‚geknickten Ellbogen‘ bezeichnen.“ Ein einziger feuchtfröhlicher Urlaub, der Samoa nicht nur schlechte Presse bescherte, sondern auch ein miserables Ergebnis auf dem Spielfeld: Die Insulaner flogen schon im Viertelfinale raus.

Als der Rugby-Manager nun von den Ältesten seines Dorfes zu der Schweinestrafe verdonnert wurde, versuchte er die Schande auf westliche Art wettzumachen: Er zahlte statt der Borstenviecher lieber 2000 samoanische Tala – damals umgerechnet 617 Euro – und entschuldigte sich. Ein Nachfolger für ihn wird gerade gesucht.

Ein paar tausend Kilometer weiter, im etwas zivilisierteren Neuseeland, wird zwar noch mit Dollar bezahlt. Aber seltsame Strafen sind auch hier an der Tagesordnung. Okay, nicht täglich, aber immerhin alle drei Jahre. Am letzten Samstag haben wir Kiwis gewählt, was ja für viele Länder eigentlich ganz normal ist. Auch, dass der konservative Premierminister weiterregieren darf – dafür haben das Katastrophenjahr und der Sieg bei der Rugby-WM gesorgt. Etwas seltsam ist nur, dass bei uns am Wahltag zwischen neun Uhr morgens und sieben Uhr abends nicht übers Wetter berichtet werden darf, wenn im gleichen Atemzug das Wort ‚Wahllokal‘ fällt.

„Sturmtief im Anmarsch – hoffentlich werden Sie nicht vor der Wahlurne weggepustet“ oder „den ganzen Tag Sonnenschein – da bleibt man wohl lieber am Strand“: Nachrichtensprecher oder Radiomoderatoren, die so etwas in aller Unschuld verkünden, machen sich strafbar. Ja, so steht es in der Verfassung, Paragraph 197: Öffentliche Meldungen, die am Wahltag das Wetter ins Zusammenhang mit der Wahlbeteiligung bringen, sind verboten und können mit bis zu 20.000 Neuseeland-Dollar bestraft werden.

Keine Ahnung, wieviel das jetzt genau in Euro ist – kann sich ja stündlich ändern. In Samoa wären es auf jeden Fall 1823 Schweine.

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