TOULOUSE, Samstag, der 18. Februar 2012
Birgit Kaspar

Anthony Shadid: Trauer um einen der Besten

Eigentlich wollte ich einen fröhlichen Blog über die Abenteuer und Absurditäten einer kurzen Eiszeit in Südwestfrankreich schreiben. Aber es geht nicht. Meine Gedanken schweifen jedes Mal ab. Es sind andere Worte, die aus mir heraus müssen.
Anthony war kein enger Freund. Wir sind uns oft begegnet, haben mitunter, im Irak 2003, miteinander gearbeitet. Aber Anthony war einer der Nahost-Kollegen, dessen Geschichten ich versuchte nicht zu verpassen. Sie waren etwas ganz Besonderes. Denn keiner verfügte über so viel menschliches und kulturelles Einfühlungsvermögen, so viel Wissen um die Zusammenhänge und konnten so elegant schreiben.
Anthony Shadid starb vergangenen Donnerstag während eines Undercover-Einsatzes in Syrien. Doch nicht etwa eine Bombe oder Schüsse machten seinem Leben nach 43 Jahren ein Ende, es war ein Asthmaanfall. Anthony war mit seinem New York Times Kollegen Tyler Hicks, einem Fotografen, auf dem Weg zurück in die Türkei. Die beiden gingen zu Fuß, alles andere wäre zu gefährlich gewesen. Sie gingen hinter Pferden her – das war Anthony’s Verhängnis, erläuterte sein Vater Buddy Shadid, der in Oklahoma City lebt. Er habe sein Leben lang Asthma gehabt und immer entsprechende Medikamente bei sich gehabt. „Gegen Pferde war er allergischer als gegen irgend etwas anderes. Er hatte eine Asthma-Attacke“, so sein Vater.
Ich sehe Anthony noch vor mir in Bagdad im Februar/März 2003, bevor die ersten amerikanischen Bomben auf die irakische Hauptstadt fielen. Wir bereiteten uns gemeinsam mit anderen Kollegen darauf vor, Zeugen dieses Krieges in Bagdad zu werden. Immer wieder kamen Zweifel auf, ob es nicht doch zu gefährlich werden würde. Wir wussten nicht, ob die irakische Regierung uns Journalisten nicht doch als Geiseln nehmen würde. Wir haben viel miteinander über alle denkbaren Szenarien diskutiert. Anthony war immer sehr ruhig, er gehörte nicht zu den Adrenalin-Junkies, die auch in solchen Situationen immer unter den Journalisten zu finden sind. Oder zu solchen, die eine Chance wittern, sich endlich einen ganz großen Namen zu machen. Anthonys Plan war ganz im Stillen und ohne viel Aufhebens gereift: Er würde bei irakischen Familien Unterschlupf finden, mit ihnen den Krieg erleben und davon Zeugnis ablegen. Als ich von meiner damaligen WDR-Chefredakteurin per Dienstanweisung zwei Tage vor dem Ausbruch des Krieges aus Bagdad heraus befohlen wurde, blieb Anthony zurück. Wir umarmten einander und waren uns keineswegs sicher, dass wir uns wiedersehen würden.
Als Amerikaner mit libanesischen Wurzeln, der fließend Arabisch sprach, war Anthony prädestiniert sich unters Volk zu mischen ohne aufzufallen. Nichts tat er lieber, denn es waren die Menschen, die ihn interessierten. Ihm entgingen keine Details, er wusste sie zu deuten und sie zu Geschichten zu weben, die in einem Mikrokosmos das ganze Ausmaß beleuchteten. Für seine außergewöhnliche Berichterstattung aus dem Irak, damals noch für die Washington Post, erhielt er den Pulitzerpreis 2004. Sein Buch „Night Draws Near. Iraq’s People in the Shadow of America’s War“ bringt uns die Iraker, ihre Empfindungen und Erfahrungen in der Zeit nahe. 2010 wurde er verdienter Maßen erneut Pulitzerpreisträger.
Das Charakteristische an Anthony war, dass er um solche Preise kein großes Aufsehen machte. Er blieb bescheiden, kompromisslos an den Entwicklungen im Nahen Osten interessiert, hilfreich und kooperativ unter Kollegen, ein Leisetreter, der wusste, was Demut bedeutet. Anthony war mutig, wenn es darum ging, aus eigener Ansicht zu berichten, so nah ran zu gehen, wie es ihm notwendig erschien. Aber er war kein Draufgänger. Er blieb bei allem was er tat menschlich.
Nach dem Libanonkrieg 2006 verbrachte er einige Monate in Marjayoun im Südlibanon, wo er das Haus seines Großvater restaurierte und gleichzeitig sein drittes Buch schrieb: „House of Stone: A Memoir of Home, Family and a Lost Middle East“, das im März erscheinen wird. Seit einem Jahr berichtete er für die New York Times über die Arabische Revolte und ihre Folgen.
Seine wundervollen Geschichten werden bleiben, sein freundliches Lachen und seine ruhige, dunkle Stimme werden diejenigen begleiten, die ihn gekannt haben. Die Welt hat einen ganz großen Journalisten und Nahost-Kenner viel zu früh verloren. Du wirst uns fehlen, Anthony.

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