DEN HAAG, Donnerstag, der 27. Mai 2010
Kerstin Schweighöfer

Bilderbuchholländer

Neulich sass ich für ein Interview bei einem deutschen Facharzt in einem niederländischen Krankenhaus. Immer mehr deutsche Fachärzte zieht es über die Grenze. Nicht allein wegen des Geldes, versicherte mir der junge Deutsche. Ausschlaggebend für ihn war das Klima am Arbeitsplatz und die Mentalität: Die Holländer, so begann er zu schwärmen, seien so schön “locker vom Hocker”….Sie haben mit Hiercharchien nichts am Hut, sagen sofort “Du”, sind pragmatisch und unkompliziert, und sie brüllen auch nicht sofort: ”Das ist verboten!” Holländer sind  kreativ, aufmüpfig, geistreich, flexibel…. der deutsche Facharzt war kaum zu bremsen in seiner Begeisterung. Doch wem sagte er das? Schliesslich war ich selbst lange genug hier, um das alles zu wissen!

Stimmt. Lange genug jedenfalls, um herauszufinden, was Altfussballer Johan Cruijff meinte, als er die legendären Worte sprach: “Ieder voordeel heeft zijn nadeel”- “Jeder Vorteil hat seinen Nachteil.”

Denn manchmal will ich Abstand halten und nicht sofort plump mit “Du” angeredet werden. Manchmal ist locker vom Hocker schlicht unverschämt und rüpelhaft. Und manchmal kommt mir das “Poldern” (sprich: Verhandeln bis zum Umfallen) aus den Ohren heraus und sehne ich mich einfach nur nach einem autoritären Chef, der mit der Faust auf den Tisch schlägt und eine Entscheidung trifft.

Kurzum: Mein Bilderbuchholländer hat Kratzer bekommen. Es ist wie mit einer langjährigen Beziehung: Die Verliebtheit ist vorbei, aber ohne diese Person will man auch nicht mehr sein.

Insgeheim bin ich deshalb überglücklich, dass alle Versuche, meinen Bilderbuchholländer zu zähmen, bislang vergeblich waren: Er pinkelt nach wie vor in die Grachten (ein Delikt, das ‘wildplassen’ heisst und eigentlich mit 60 € Strafe geahndet wird), stellt trotz Parkverbot überall sein “fiets” ab – und er bleibt auf Rolltreppen sowohl links als rechts grundsätzlich stehen und blockiert alles. Im Bahnhof von Leiden läuft derzeit zwar in Pilotprojekt, um ihm deutsche Manieren beizubringen – “rechts staan, links gaan”. Aber wetten, dass man ihn niemals so weit bringen wird? Auch wenn man sich als in Eile befindender Nichtholländer grün und blau darüber ärgert?

Manchmal allerdings muss der Bilderbuchholländer um sein Leben füchten. Zum Beispiel, wenn ihm die heimische Bahn mit drakonischen Strafen das Schwarzfahren abgewöhnen will. Das merkte ich ironischerweise gleich nach meinem Interview mit dem begeisterten jungen deutschen Facharzt auf dem Weg ins Büro. Von wegen flexibel und geistreich! “Oje!” sagte die Schaffnerin mit unheilverkündender Stimme, als sie und ich feststellen mussten, dass ich aus Versehen und Zeitnot im Fahrkartenautomat eine Wochenendrückfahrkarte gekauft hatte – und zwar auch noch eine ohne Datum, weshalb ich sie vor dem Betreten des Zuges hätte abstempeln müssen. Im Preis machte das zwar alles nichts aus, beide Karten kosteten genau dasselbe – aber dennoch, so konstatierte die Schaffnerin: Hier ging es um einen klarer Fall von versuchtem Schwarzfahren. Wie eine griechische Rachegöttin baute sie sich vor mir auf, erst recht, als ich es wagte, sie zu fragen, ob sie nicht ein Auge zudrücken könne….Das ware ja noch schöner, dann würde sie ja den ganzen lieben langen Tag nichts anderes tun als das! “Vorschriften sind Vorschriften!” Deshalb musste ich 35 € Strafe zahlen plus die Kosten für eine korrekte Fahrkarte. “Sie können ja schriftlich protestieren.”

Was ich dann auch tat. Und mein Geld zurück bekam. Was mich allerdings viel Zeit kostete, viel Energie und ellenlange Telefonate. Mein Bilderbuchholländer hing inzwischen am Tropf. Ich plante bereits seine Beerdigung.

Doch dann sass ich wieder im Zug. “Oje!” hörte ich den Schaffner neben mir sagen, als er merkte, dass der Geschäftsmann auf der anderen Seite des Ganges eine falsche Fahrkarte gelöst hatte. Und jetzt? Betreten blickte der Fahrgast zu ihm hoch. Doch der Schaffner stempelte die Karte ohne Zögern ab. “Eigentlich darf ich das nicht tun”, verriet er fröhlich augenzwinkernd. “Aber wir haben zehn Minuten Verspätung, und das gehört sich auch nicht!”

Hurra, er lebte noch – mein Bilderbuchholländer!

 

 

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