MüNCHEN, Samstag, der 17. September 2011
Martin Zöller

Der unglaubliche Tschitscho – Über den beliebtesten Laden in meinem Stadtviertel

Gut möglich, dass all das, was derzeit in meiner Nachbarschaft los ist, undenkbar wäre ohne diesen einen Tag im Frühjahr 2008. Den Tag an dem Italiens Innenminister Roberto Maroni sagte, dass er es nicht für illegal hielte, Musik übers Internet zu tauschen: Ja dass er das sogar selber mache. Es war eine Sensation, in etwa so, als würde ein Arbeitsminister sagen, dass er Arbeitslosigkeit prima fände oder ein Außenminister, dass er andere Länder grundsätzlich doof fände. 

Denn seither kennen die Italiener überhaupt keine Scheu mehr, was das illegale Runterladen von Musik im Internet angeht. Mein Freund X beispielsweise rechtfertigt seine mehreren Gigabyte Musik mit: “Der Roberto Maroni macht das doch auch.” Und Roberto Maroni muss auch jetzt wieder herhalten für das neue Geschäft oben in meiner Straße. “Irre, oder?”, sagte ich kürzlich zu meinem Nachbarn Andrea. Er lachte nur und meinte: “Wieso, Roberto Maroni macht das doch auch!”

Denn das neue Geschäft oben in meiner Straße ist eine Videothek. Daran wäre zunächst nichts besonderes, würde der Eigentümer namens Ciccio – sprich “Tschitscho” –  dem normalen Geschäftsmodell von “Videothek” folgen: Originalfilme verleihen. Doch “Ciccio” verleiht nicht, er verkauft. Und zwar gebrannte Filme, Raubkopien. Nicht heimlich unter der Ladentheke, sondern im großen Stil.  Jeder im Viertel weiß das. Als würde ein Autohändler in aller Öffentlichkeit geklaute Autos verkaufen.

“Ciccio” ist zum neuen Star in meiner Nachbarschaft geworden: Man geht in den Laden hinein, schaut sich Hüllen von Original-DVDs an und sagt dann, dass man ein “Sicherheitskopie” von Film X oder Y benötige.  Und weiß man keinen Film, von dem man eine “Sicherheitskopie” braucht, empfiehlt “Ciccio” gerne den ein oder anderen “Driller-e”, er meint damit “Thriller”. Ciccio hat es in kurzer Zeit zum beliebsten Bewohner des Viertels geschafft, und er hat viel zu tun. Soviel, dass er kürzlich DVDs vertauschte und einer Dame um die 60 eine “Sicherheitskopie” eines  – naja – “Dokumentarfilms über körperliche Liebe” gab. Man erzählt sich in der Nachbarschaft, die Dame habe wutentbrannt Ciccios Laden betreten, Ciccio habe alles abgestritten, die DVD eingelegt und dann beim Betrachten einschlägiger Szenen gesagt: “Oh, ha ragione Signora.” Oh, Sie haben recht, Signora.

Vor wenigen Tagen dachte ich nun, Ciccios Tage seien gezählt: Ein Polizeiwagen stand vor dem Eingang. “Hab ichs doch gewusst”, dachte ich bei mir, “dieses Geschäftsmodell konnte ja auch nicht gut gehen.” Am Abend erzählte ich meinem Nachbarn Andrea von meiner Entdeckung, der lachte nur: “Das waren bestimmt Kunden.” Ich hielt das für unmöglich. Doch tatsächlich ist Ciccios Laden auch heute wieder geöffnet.

Nun bin ich gespannt, welche Gesetzesüberschreitung Roberto Maroni demnächst zugibt – und welches die Folgen sind: Was etwa würde passieren, wenn er sagt: “Ich gebe zu, ich baue leidenschaftlich gern Sandburgen”.  Das nämlich ist am Strand der Adria-Gemeinde Eraclea verboten. Bauen dann alle Italiener wie verrückt Sandburgen?  Nicht auszudenken, wenn Maroni kleinlaut zugeben würde, er küsse gern im Auto und übertrete so das lokale Gesetz im süditalienischen Eboli. 60 Millionen Italiener würden ins Auto springen und knutschen. Gar nicht schlecht, dann wären mal die Straßen frei. Obwohl, wie ich die Römer kenne, knutschen sie auch während der Fahrt.

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