PRAG, Samstag, der 17. Oktober 2009
Kilian Kirchgeßner

Die Prager Journalisten und der Lissabon-Vertrag

Ausnahmsweise blickt ganz Europa angestrengt nach Tschechien, und die Journalisten-Kollegen hier vor Ort sind etwas ratlos angesichts der Geschehnisse: Präsident Václav Klaus will den Lissabon-Vertrag nicht unterschreiben und erfindet stetig neue Finten, um einer Unterschrift auszuweichen. Wenn er sich weiterhin weigert, könnte er im Alleingang das Vertragswerk verhindern, das Diplomaten aus 27 Ländern in jahrelanger Kleinarbeit ausgehandelt haben.

Das Problem für die Journalisten: Niemand weiß, wie es jetzt in Tschechien weitergeht. Ratlosigkeit durchzieht ihre Kommentare, hilflos zeichnen sie Szenarien von einer Absetzung des Präsidenten bis hin zum Austritt Tschechiens aus der EU. Es kommt alles nur auf einen Mann an – und der schweigt eisern, was bei Václav Klaus selten genug vorkommt.

In dieser allgemeinen Suche nach Indizien hat jetzt ausgerechnet eine britische Zeitung für Furore gesorgt: Die Times berichtete, der Präsident habe am Rande eines Pferderennens im böhmischen Ort Pardubice gesagt, er werde Lissabon nie unterschreiben. Das Problem dabei: Niemand anders hat diesen Satz gehört.

So brachte es also der englische Journalist zu plötzlicher Berühmtheit in Tschechien: Das Fernsehen schaltete zu ihm, alle Zeitungen zitierten ihn – und er musste gestehen, dass er den Satz nicht selbst gehört habe, sondern dass er ihm von einem verlässlichen Informanten zugetragen worden sei. Und den dürfe er natürlich nicht verraten.

Die Geschichte um die vermeintlich sensationelle Meldung der Times wird in den tschechischen Medien ausführlich breitgetreten. Aussagekraft hat sie indes nicht, weil der Wahrheitsgehalt zumindest fragwürdig ist. Sie zeigt nur, wie aufgewühlt die Journalisten hier sind – und wie bereitwillig sich manche an den dünnsten Strohhalm klammern, um ein unlösbares Rätsel doch zu lösen.

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