MüNCHEN, Sonntag, der 30. Mai 2010
Christine Mattauch

Ein Rasen ist kein Rasen

 

Der Andrang war spektakulär: Hunderte drängten sich vergangenen Freitag in der 66. Straße von Manhattan. Und warum? Ein Rasen wurde eingeweiht! In Nullkommanichts nahm die Meute das Fleckchen Grün in Besitz. Exzentrisch gekleidete ältere Damen breiteten Strandmatten aus, Jugendliche übten das Radschlagen, Schulklassen fielen über ihre Sandwichs her. Es war so voll wie im Hochsommer eine Badeanstalt, mit dem Unterschied, dass nicht Bademeister, sondern Polizisten das Treiben überwachte.

Okay, es war auch nicht irgendein Rasen, sondern eine skulptural gestaltete Grünfläche im Lincoln Center, dem großen Opern- und Konzertkomplex an der Upper West Side. Außerdem gab es kostenlose Zitronenlimonade. Trotzdem wäre soviel Bohei um ein bisschen Grün in Stuttgart oder Hamburg undenkbar. In Deutschland ist ein Rasen, nun ja, eben ein Rasen. Doch im hochhausdominierten New York gelten andere Maßstäbe, dort wird jedes Stückchen Natur in Ehren gehalten. Ein Rasen ist hier ein Heiligtum.

 

Nicht nur Rasen – alles, was grün ist, gilt als unantastbar. In meinem ersten New Yorker Sommer ärgerte ich mich über ein paar Zweige, die den Treppenaufgang versperrten. Ich schickte den Vermietern eine Mail und bot an, sie mit der Heckenschere abzuknipsen. Die Antwort kam innerhalb von Minuten, und der Ton war so entsetzt, als hätte ich vorgeschlagen, den gesamten Garten mit Unkraut-Ex zu übergießen. „Christine, PLEASE DO NOT CUT THE TREE!“ Sie würden sich selbst um das Problem kümmern. Das Ergebnis war einige Tage später eine kunstvolle Seilkonstruktion, mit deren Hilfe die Äste hochgebunden wurden.

 

 

 

 

Dabei hat New York viel mehr Grün als gemeinhin bekannt. Über 1700 städtische Grünanlagen gibt es in der Stadt, vom Central Park, den jeder kennt, bis zu winzigen Straßengärten, oft nach einer lokalen Berühmtheit benannt. Für die Pflege ist das „New York City Department of Parks & Recreation“ zuständig, eine riesige Behörde mit rund 10 000 hauptamtlichen Mitarbeitern, die außer den Grünanlagen noch 1000 Spielplätze, 600 Sportplätze und 14 Meilen Strand betreut. Hinzu kommen unzählige private Parks, oft von Millionären oder Grundstücksbesitzern gestiftet und von Freiwilligen bewirtschaftet. Einige sind perfekte Großstadtoasen, wie der Greenacre Park in der 51. Straße, gespendet von Abby Rockefeller Mauzé. Andere sind von einem hohen Zaun umsäumt und, wohl aus Angst vor Randalierern, meistens abgesperrt, wie der LaGuardia Corner Garden im Greenwich Village.

Last not least gibt es 600 000 Straßenbäume, die von Anwohnern liebevoll umsorgt und gegossen werden. Häufig bepflanzen sie die Erde um den Stamm herum mit Stiefmütterchen oder Tulpen. Und wenn der Baum wächst und die Wurzeln die Steinplatten des Bürgersteigs zu heben drohen? Dann kommen Bauarbeiter und schneiden ein größeres Loch in den Beton. In unserer Straße ist der Gehsteig an manchen Stellen so schmal, dass Mütter mit Kinderwagen auf die Straße ausweichen müssen. Aber einen kleinen Umweg nimmt man zugunsten der Natur doch gerne in Kauf.

Und wehe, ein Radfahrer wagt es, sein Gefährt an einen Baum anzuschließen. Das kostet bis zu 1000 Dollar Strafe. “Ketten und Schlösser können die Rinde und die innere Haut des Baums beschädigen”, belehrt die Parkverwaltung. Als eine Kollegin kürzlich abends aus der Kneipe kam, konnte sie gerade noch zwei Männer mit einem riesigen Bolzenschneider davon abhalten, ihr Fahrradschloss zu knacken. Es handelte sich keineswegs um Diebe, sondern um Mitarbeiter des Ordnungsdienstes, die das Fahrrad abschleppen wollten – wegen Parkens an einem Baum.

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