WASHINGTON, DC, Dienstag, der 25. November 2014
Renzo Ruf

Ein schwarzer Tag für Truthähne

Das Gerücht hält sich hartnäckig. Harry Truman soll, vor nunmehr 67 Jahren, eine der schmalzigsten Traditionen im amerikanischen Festtagskalender begründet haben. 1947 war es, als heimische Geflügelzüchter den volkstümlichen Präsidenten mit einem massigen Truthahn beglückten – und Truman das Vogelvieh in den Tagen vor «Thanksgiving», dem amerikanischen Erntedankfest, kurzerhand begnadigte. Seither gehört dieses Washingtoner Ritual zu Thanksgiving wie die Sauce aus Cranberries und das opulente Füllmaterial, die den Truthahn erst geniessbar machen.

Bloss: Für diese Überlieferung gibt es keine Beweise. Die Harry S. Truman Library in Independence (Missouri), die sich dem Andenken an den Demokraten verschrieben hat, fand auch nach langer Suche keine «Dokumente, Reden, Zeitungsartikel, Fotografien» oder andere zeitgenössische Belege für diese Anekdote. Zwar stimme es, heisst es in einem Beitrag auf der Internetseite der präsidialen Bibliothek, dass Truman 1947 einen Truthahn geschenkt bekommen habe – ein PR-Stunt des nationalen Truthahn-Züchter-Verbandes. Von dieser Zeremonie ist gar ein Bild überliefert, auf dem der Präsident, der nun wahrlich kein Kostverächter war, mit erwartungsvollem Blick auf den Truthahn starrt. Aber diese Übergabe habe sich kurz vor Weihnachten 1947 ereignet, und nicht kurz vor dem Thanksgiving Day, sagen die Archivaren. Und der Vogel endete im Ofen, und nicht im Truthahn-Paradies.

Kein Kostverächter: Präsident Harry S. Truman, von Angesicht zu Angesicht mit einem Truthahn. Quelle:  Harry S. Truman Library and Museum.

Kein Kostverächter: Präsident Harry S. Truman, von Angesicht zu Angesicht mit einem Truthahn. Quelle: Harry S. Truman Library and Museum.

Wie dem auch sei. Auf verschlungenem Weg nistete sich die Legende von Truman, dem Truthahn-Freund, im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner ein. Und deshalb verweisen seine Nach-Nach-Nachfolger immer um diese Jahreszeit auf die grosse Geste des Präsidenten – um es ihm anschliessend im Weissen Haus gleichzutun.  Am Mittwoch wird Präsident Barack Obama an diese Tradition anknüpfen, wohl froh darüber, für einmal nicht im Zentrum einer Kontroverse zu stehen.

Historiker sagen übrigens, dass es Bush der ältere war, der als erster offiziell von seinen präsidialen Vorrechten Gebrauch machte, und einen Truthahn vor dem Schlachter rettete. Am 14. November 1989, fünf Tage nach dem Fall der Mauer in Berlin, sprach George Bush im Weissen Haus die historischen Worte: «Dieser wird nicht auf einen Esstisch landen, nicht dieses Kerlchen.» Und dann begnadigte der Republikaner das Vogelvieh nach allen Regeln der Kunst – und begründete damit mehr oder weniger spontan eine neue Tradition.

In diesem Sinn: Happy Thanksgiving!

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