BERLIN, Dienstag, der 16. März 2010
Matthias B. Krause

Eine verlockend reale Fantasie

Normalerweise hätte ich an den Gedanken keine Sekunde verschwendet. Zumal das Angebot wohl auch nicht so ganz ernst gemeint war. Oder auf jeden Fall nicht selbstlos. Doch wenn man nach fast einem Jahr des Neuanfangs immer noch nicht viel mehr als zwei Dutzend Absagen und nicht eingelöste Versprechen in den Händen hält, könnte man glatt schwach werden. An Schönheit würde der potentielle Arbeitsplatz Berlin jedenfalls an nichts nachstehen, im Gegenteil. Bainbridge ist eine ruhige, grüne Insel vor den Toren Seattles, die Fähre über den Pudget Sound braucht gerade einmal 30 Minuten. Und wer so wohnt wie meine Schwiegereltern, der hat des Abends eine atemraubende Aussicht auf die Skyline der größten Stadt in Washington State (siehe Video für einen Blick aus dem Wohnzimmerfenster bei Dämmerung).

Die Arbeit selbst klang auch nicht allzu abstoßend. „In Uniform siehst Du bestimmt hinreißend aus“, flötete meine Schwiegermutter, die gerade zu Besuch ist, um Baby No. 2 endlich in die Arme zu schließen. „Der Aufenthaltsraum hat Kabelfernsehen – und das wirst Du auch brauchen“, sagte ihr Mann Bob mit einem schrägen Grinsen. Nix los sei schließlich auf der Insel, die vorwiegend von gesitteten Mittelständlern und betuchten Pensionären bewohnt wird. Ihm, der über 30 Jahre lang Verbrecher in den übelsten Gegenden Los Angeles´ jagte, wäre das viel zu langweilig. Aber den Mann seiner Tochter und Vater seiner Enkelkinder würde er natürlich nie einer echten Gefahr aussetzen. Also schwärmte Bob weiter: Ich könnte mich als Hundeführer ausbilden lassen. Oder als Fahrradpolizisten. Außerdem habe die Station gerade ein niegelnagelneues Boot bekommen, mit dem die Polizisten munter durch den Sound düsten: „Die Motoren voll aufgedreht.“

Wirklich hellhörig aber wurde ich, als meine lieben Schwiegereltern mit den nackten Zahlen rausrückten. Mit 75.000 Dollar Gehalt dürfte ich rechnen während der ersten fünf Monate auf der Polizeiakademie. Danach stiege es auf 85.000 Dollar und wenig später auf 100.000. Für meine Sprachkenntnisse gäbe es 5 Prozent obendrauf – und Überstunden zählen eh extra, wer will schon länger als von 8 bis 17 Uhr arbeiten. Nach 20 Jahren hätte ich Anspruch auf 40 Prozent meines Gehaltes als Rente, nach 25 immerhin auf 70. Selbst meinen Einwand, so alte Knacker wie mich (43) würden sie kaum noch nehmen, wiegelten beide im Chor ab: Vor nicht allzu langer Zeit sei jemand eingestellt worden, der genauso alt gewesen sei. No problem. Außerdem würden sie eh die richtigen Leute kennen. Connections, you know…

Meine Frau hörte sich unsere Konversation schweigend an und lächelte gequält. Sie kennt mich zu gut, um nicht zu merken, dass ich echtes Interesse an den Tag legte. Doch weder die Vorstellung, dass ich künftig als Polizist eine Zielscheibe für durchgeknallte amerikanische Waffenträger abgeben könnte behagte ihr, noch die langsam wachsende Hoffnung ihrer Eltern, die Familie bald ganz nahe bei sich zu haben. Also setzte ich dem Spuk mit einem übertriebenen Lachen ob der absurd paradiesischen Aussichten ein Ende und ging zurück an die Arbeit. Die dritte Fassung eines Interviews redigieren, an dem ich schon zwei Tage saß und das am Ende satte 100 Euro einbringen sollte. Vor Steuern und Rentenversicherung, versteht sich.

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