BERLIN, Samstag, der 16. Januar 2010
Matthias B. Krause

Fish tacos, unauslöschlich eingebrannt

Grill und Schlemmerbuffet am Rosenthaler Platz“ ist nicht gerade ein Name für einen Ort, der romantisch-nostalgische Gedanken auslöst. Ein Imbiss halt, wie es ihn in Berlin zu hunderten gibt, ein bisschen größer als der Durchschnitt und ein wenig besser eingerichtet. Trotzdem löste der Verzehr eines Şiş Dürüm, einer Teigrolle gefüllt mit Salat und Kalbsfleisch, in meinem Kopf vor kurzem ein Feuerwerk der Erinnerungen aus. Vielleicht lag es an der perfekten Mischung von Soße und Salat, vielleicht an der überraschend liebevoll gegrillten Tomate, der scharfen grünen Paprika oder dem auf den Punkt gegarten Fleisch. Was da meine Geschmacksnerven kitzelte, erinnerte mich an meine Vorliebe für türkisches Essen, wie ich es in Berlin schätzen gelernt und in New York vermisst hatte. Was wiederum unweigerlich die Worte „spicy lamb burger“ auslöste und den Gedanken an „Chez Oskar“, eines meiner Lieblingsrestaurants in Fort Greene, einem Stadtteil in Brooklyn, in dem ich lebte, solange es mir die steigenden Mietpreise erlaubten.

 „Spicy lamb burger“, das bedeutet auch ausgiebigen Brunch mit Freunden in der am Vormittag noch angenehmen New Yorker Sonne. Ein Luxus aus dem Leben vor der Geburt unseres ersten Sohnes. Was wiederum Erinnerungen an die Zeit wachruft, als wir noch nur wegen der „eggs benedict“ bei „Petite Abeille“ mit dem C-Train von Brooklyn nach Manhattan fuhren. Für die Eier, die eingelegten Tomaten und den Rüben-Kartoffelmix in Kombination mit einem kleinen Salat war uns kein Weg zu weit am Sonntag morgen. Entsprechend treu zogen wir den Belgiern hinterher, vom Meat Packing District in die 18th Street und von dort weiter in die 17th Street. Selbst für die kleine Spontanfeier nach unserer unglamourösen Hochzeit in der New Yorker City Hall fanden wir uns bei „Petite Abeille“ wieder.

 Unvergessen auch ein Fondue-Abend im leider längst geschlossenen „A Table“ in Fort Greene. Ein paar zauberhafte Stunden an einem verschneiten Februarabend, die eine noch junge Liebe wachsen ließ. Nicht zum Fondue natürlich, sondern zu meiner heutigen Frau. Auf ewig eingebrannt haben sich auch die Tostadas (einer mit Schweinefleisch, einer mit Huhn), die es in dem winzigen mexikanischen Restaurant „Pequeña“ in Fort Greene gibt und die den Vergleich mit ihren Konkurrenten an der amerikanischen Westküste nicht zu scheuen brauchen, wie meine aus LA stammende Frau bis heute beteuert. Genauso schwört sie, dass unser Sohn Carlos deshalb so schlau ist, weil sie in der Schwangerschaft einen schier unstillbaren Heißhunger auf „fish tacos“ (Omega 3!) entwickelte, nur von „Pequeña“ natürlich…

 Gerüche und Geschmäcker dienen eben als exzellente Erinnerungsverstärker. Fragt sich allerdings, was meine Frau einmal aus Berlin mitnehmen wird. Ihr erstes kulinarisches Erlebnis ging ziemlich daneben. Auf mein Drängen hin, sie müsse unbedingt einmal eine gute Currywurst probieren, erlitt sie einen Schock. Statt ein bisschen Wurst in einem vor Gemüse strotzenden asiatischen Curry vorzufinden, schwammen die Fleischstücke in diesem Ketschup-Haufen. Kurz danach wurde sie wieder zu einer mäßig-militanten Vegetarierin. Folglich wird sie leider nie mit mir diese Erinnerung teilen können an ein simples Şiş Dürüm am Rosenthaler Platz.

 

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