JOGJAKARTA, Mittwoch, der 12. Juli 2006
Christina Schott

Fußballfieber in Indonesien

Jakarta. Ohne Stau. Es ist acht Uhr abends und man kann die Hauptausfallstraße fast ohne Stocken hinunterrasen. Falls man das Glück hat, ein Taxi zu finden – die sind auf einmal auch ziemlich rar geworden. Ein Wunschtraum? Nein: Es ist Fuballzeit.

Fern vom Fußball taumelnden Deutschland hatte ich die Hoffnung, dem Weltmeisterschaftsfieber weitgehend zu entkommen – in einem Land, das noch nie eine Mannschaft im Wettbewerb hatte. Welch naive Vorstellung. Die Indonesier sind nicht einfach nur Fußballfans, sie sind absolute Worldcup-Fanatiker.

Angefangen bei meinen Mitbewohnern. Seit drei Jahren teilen wir ein Haus, doch bislang waren keine Anzeichen von schleichendem Fußballfieber zu erkennen. In diesen Tagen kriechen sie auf einmal mitten in der Nacht auf dem Dach herum, um neue Fernsehantennen zu installieren. Ganz nebenbei, dieses orange-silberne Modell, das auf einmal von jedem zweiten Haus in Jakarta schimmert.

Bei einer anderen Freundin steht plötzlich ein riesiger neuer Flachbildschirm auf der Veranda, die sich in den letzten Wochen zum Dauertreffpunkt aller Fußballfreunde der Umgebung entwickelt hat. Wie kommt es, dass plötzlich jeder zum Fan mutiert? „Das ist nicht einfach Fußball, das ist die Weltmeisterschaft, das musst doch gerade Du als Deutsche verstehen“, so die Antwort.

Okay, die die Indonesier sind wirkliche Fußball-Liebhaber. Das ist keine wirklich neue Nachricht. Da ist zum Beispiel dieser Hausmeister aus Timor, der sich immer den Wecker stellt, um zu den unmöglichsten Zeiten die Live-Übertragungen der deutschen, englischen oder italienischen Liga-Spiele anzusehen. Oder unser Klempner, der den Lebenslauf jedes Spielers herunterbeten kann, der an den letzten zehn Weltmeisterschaften teilgenommen hat. Und da sind diese Taxi-Fahrer, die einem Fahrgast sofort die neuesten Ergebnisse seines Heimatvereins entgegenschleudern, sobald sie die Herkunftsfrage geklärt haben. Für all diese Menschen bedeutet der Worldcup absoluter Ausnahmezustand.

Dennoch blieb es für mich zunächst ein Geheimnis, warum plötzlich selbst die steifen Beamten aus der Ausländerbehörde oder die aufgedonnerten Mädels aus den exklusivsten Shopping-Malls sich mitten in der Nacht in überfüllte Cafes drängen, wie Pingpong-Bälle auf und ab hüpfen und schrille Töne von sich geben, nur weil sich gerade irgendein Spieler aus Ghana oder Ecuador dem Tor genähert hat. Bei den Mädels fand sich die Erklärung schnell, als sie bei jedem mäßig ausgestatteten Lateinamerikaner oder Südamerikaner vor der Kamera anfingen zu quietschen: „Guck mal, ist der nicht süß!“

Die Hauptmotivation der restlichen Fans verstand ich dann auch recht bald: Wetten. Den ganzen Tag und die ganze Nacht lang. Mit Kollegen im Büro, mit den Freunden daheim, mit anderen Passanten am Straßenkiosk. Keine Glücksspielrazzia des neuen Saubermanns an der Spitze der indonesischen Polizei konnte daran irgendetwas ändern. Eigentlich ist es ein Wunder, dass die indonesische Wirtschaft in den vergangenen Wochen noch nicht komplett zusammengebrochen ist bei all den schlafwandelnden, augenberingten Verkäufern, Kellnern und Sachbearbeitern, die sich durch den Tag zum nächsten Spiel mitten in der Nacht schleppen.

Am Ende fiel es mir ziemlich schwer, mich dem indonesischen Fußballfieber zu entziehen. Der Hang der Indonesier, immer das schwächere Team zu unterstützen, zeigt den sympathischen Zug eines Volkes, das selbst noch nie am größten Sportereignis der Welt teilnehmen konnte. Genauso dass sie einfach bei jedem Tor mitjubeln, egal wer es schießt – Hauptsache es kommt Leben in die Bude. Und mal ehrlich: Wer will schon allein zu Hause bleiben, wenn da draußen ein ganzes Land eine riesige Party feiert?

Mehr über Fußball in Indonesien:
www.aboutaball.co.uk/html2/countries/indonesia.php
en.wikipedia.org/wiki/Football_Association_of_Indonesia

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