CHRISTCHURCH, Mittwoch, der 15. Juni 2011
Anke Richter

Hermann the German überlebt kein Beben

Abgesehen vom Erdbebenrekord hinkt Christchurch dem Rest der Welt etwas hinterher. Vieles kommt hier erst mit Verspätung an. Daher hat mich meine Vergangenheit auch erst vor zwei Wochen eingeholt. Im kulinarischen Teil der Zeitung stand ein Rezept für den Hermann.

Hermann ist dieser säuerliche Wanderteig, der in den 80ern in bundesdeutschen Kühlschränken ein zählebiges Dasein führte und in Schraubgläsern weitergereicht wurde. Aus meiner Generation war er so wenig wegzudenken wie Stricken im Pädagogik-Unterricht. Der Herrmann, so erklärte das Rezept die exotische Spezialität, muss über Tage gefüttert und am Ende zum Kuchen gebacken werden. Heilige Handlung: Man teilt ihn und gibt ihn portionsweise weiter, nach dem Prinzip Kettenbrief. Auch so ein unseliges Relikt aus dieser Ära. 

Sentimental wie ich bin, schickte ich die Kinder in die Küche, einen Hermann anzurühren: Das musste ausprobiert werden, nach all den Jahren. Die Hefe-Melange – auf keinen Fall in einer Metallschüssel mixen und nur mit dem Holzlöffel umrühren! – blubberte nach ein paar Stunden brav. Hermann rülpste kräftig und lief bald über. Am sechsten Tag mussten wir ihn zufüttern. Danach verhielt er sich ruhig. Er brauchte mehr Wärme. Also stellte ich die Glasschüssel mit dem flüssigen Teig in den Wäscheschrank, neben den Heißwassertank. Mein Mann zog abends nichtsahnend ein Handtuch heraus und stieß dabei den Hermann um. Die Hälfte floss über die Bettlaken aus. Von den fünf Teilen Hermann, die man vor dem Backen verschenkt, waren noch zwei bis drei da.

Aber das Experiment musste weitergehen. Hermann wanderte aufs Klavier, vor die Umluftpumpe. Da stand er am Montag, als um ein Uhr mittags das erste von zwei schweren Erdbeben alles klirren und scheppern ließ und ich mich unter den Türrahmen flüchtete. Kurze Inspektion danach: Vier Bilder von der Wand gefallen, alles noch in den Schränken – nur der Hermann war in seiner Schüssel vom Klavier gehopst. Dabei hatte er eine riesige Pfütze hinterlassen. Er war jetzt nur noch eine Viertelportion.

Ich ließ Hermann ungeschützt auf dem Boden stehen, simste allen das übliche „Seid ihr ok?“ und kümmerte mich darum, wie der Rest der Familie nach Hause kommt, wo jetzt alles wieder im Stillstand war. Aber dann ging es erst richtig los. Eine gute Stunde nach Hermanns Sprung vom Klavier zuckte solch ein brutales Beben durch die Erdkruste, dass alles, was nicht festgeschraubt war, den Weg nach unten fand: Weinflaschen, Geschirr, Bücher, Essen. Es war monströs. Ich konnte nicht mehr an Hermann denken. Dann herrschte Ausnahmezustand. Erst später, als wir mit Taschenlampen im Halbdunkel Scherben beiseite fegten, auf Strom warteten und uns fragten, wie lange wir das noch aushalten, da sah ich ihn: Der klägliche weiße Sauerteigrest war von Staub und Putz bedeckt, der aus der Decke gerieselt war und alles im Haus bedeckte. Es war das Ende von Hermann ‘the German’. Ich glaube, wenn man ihn aus seinem natürlichen Habitat entfernt, bringt er Unglück.

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