WIEN, Mittwoch, der 12. Mai 2010
Hilja Müller

Imelda hat es geschafft!

 

 

Über Wahlen auf den Philippinen zu schreiben, hat immer etwas Komisches. Denn sowohl im Senat als auch im Kongress spielt sich dann eine Art Bäumchen-Wechsel-Dich ab. Das südostasiatische Inselreich wird von etwa 200 Familienclans regiert, die vor Generationen ihre Claims abgesteckt haben. Die einen machen in Zuckerrohr, die anderen beuten die Rohstoffe aus, andere dominieren den Medienmarkt. Zwei Dinge haben sie alle gemein: Sie werden unkontrolliert reicher und mächtiger, und sie tummeln sich in der Politik.

Die Liste der Kongressabgeordneten und Senatoren liest sich wie das Who is Who der philippinischen Oligarchie. In der Tat werden Sitze im Unterhaus innerhalb der Familien quasi vererbt. Mitunter entbrennt ein Streit: darf der jüngste Sohn nun oder ist doch die Ehefrau, Schwester oder der Cousin an der Reihe? Letztlich spielt es keine Rolle, wer wann in welcher Kammer sitzt. Die Politik der letzten Jahrzehnte war – mal mehr, mal weniger – von Gier und Eigennutz bestimmt. Familieninteressen kommen vor Landesinteressen, so die Einstellung vieler “Volksvertreter”.

Auch die Wahl vom Montag hat wieder bewiesen, dass die nächste Legislaturperiode im Schatten der Oberen Zehntausend stehen wird. Ganz oben auf der Hitliste des philippinischen Komödienstadls steht der Name Marcos. Denn Imelda hat es geschafft, sie wird ihre Heimatprovinz Ilocos Norte im Kongress vertreten. Ja, genau, es ist die Imelda mit den x-1000 Paar Schuhen, Witwe des Diktators Ferdinand Marcos. 80 Jahre ist sie inzwischen, und reichlich irre. Um das Schöne zu vertreten, wolle sie wieder in die Politik, kündigte die frühere First Lady an. Das kann sie nun tun, den loyalen Marcos-Wählern sei Dank. Sie hievten auch Tochter Imee auf den Gouverneurssessel und Sohn Ferdinan Jr. in den Senat.

Imelda kann künftig mit einer Dame im Kongress plauschen, deren früherer Wohnsitz ebenfalls der Präsidentenpalast Malacanang war. Gloria Macapagal Arroyo, noch amtierende Staatschefin, hat vorgesorgt. Um nicht im Nachhinein von Korruptionsklagen belästigt zu werden – ihre Regierungszeit war eine Aneinanderreihung von Skandalen – hat sie sich per Abgeordnetenmandat Immunität besorgt. Ganz schön schlau, Madame President.

Und Sohn Ferdinand Marcos Jr ist im Senat ebenfalls in bester Gesellschaft: “Bongbong” Estrada, Sprößling des wegen Bereicherung im Amt zu lebenslanger Haft verurteilten (und gleich darauf begnadigten) Expräsidenten Joseph “Erap” Estrada, hat es locker ins Oberhaus geschafft. Vater “Erap” spielt derweil die Rolle der beleidigten Leberwurst; im Rennen ums höchste Amt belegte der verurteilte ExPräsi nur Platz zwei.

Selber schuld, mag man im Westen denken. Warum wählen diese Philippiner Leute, die sie nachher ausbeuten? Die Antwort ist einfach: Weil sie keine Wahl haben. Vom Kreuzchen an der richtigen Stelle hängt der Arbeitsplatz, das Stipendium für die begabte Tochter oder die Verlängerung des Kredits ab. Leute, die sich dem lokalen Oligarchen gegenüber nicht loyal zeigen, bekommt das zu spüren.

Wer aber soll den südostasiatischen Archipel nun regieren? Wer kann die Korruption minimieren, wenn schon nicht völlig unterbinden? Wer bringt echte Hilfe für die mehr als 30 Millionen Philippiner auf den Weg, die unterhalb der Armutsgrenze leben? Der Mann, der’s richten soll, heißt Benigno “Noynoy” Aquino. Der 50-Jährige mit dem braven Seitenscheitel hat einen Rekordsieg eingefahren, mehr als 40 Prozent der Stimmberechtigten wählten ihn ins höchste Amt.

Man ahnt es schon, auch “Noynoy” kommt aus bestem Haus. Seine Mutter, Corazon Aquino, wurde Präsidentin, nachdem sie als Anführerin der People-Power-Revolution Imelda samt Gatten ins Exil verjagt hatte. Sein Vater, Benigno “Ninoy” Aquino, hätte es werden können, wenn er nicht von Schergen des verhassten Marcos-Regimes erschossen worden wäre. Die Aquinos sind anders, glaubt man daher auf den Philippinen. Sie hätten wirklich die Interessen der Armen im Sinn, hoffen die Wähler. Der Name Aquino steht für Aufrichtigkeit und Anstand. Wenn das am Ende der Amtszeit in sechs Jahren auch noch so sein sollte, dann hätten die Philippiner ihr Kreuzchen auf dem Wahlzettel endlich mal an der richtigen Stelle gemacht.

 

 

  

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