CHRISTCHURCH, Donnerstag, der 3. Dezember 2015
Anke Richter

Ist “Christmas” politisch korrekt?

Bei uns ist es im Juli Winter und im Dezember Sommer. Verdrehte Welt auf der Südhalbkugel. Wenn es auf Weihnachten zugeht, ist auch die Stimmung das komplette Gegenteil von germanischem Brauchtum: Partys und Prosecco statt Blockflöten und Besinnung. Woran ich mich auch nach einem Jahrzehnt nicht gewöhnt habe: Ab jetzt laufen sogar die Uhren rückwärts.

Aus Deutschland kannte ich den alljährlichen Ablauf so: Zum ersten Advent backt man Plätzchen und bastelt einen Kranz. Mitte Dezember stürzt man sich frühestens in die Weihnachtseinkäufe. Der Tannenbaum wird erst am Nachmittag des Heiligabends dekoriert. Und am 25.12. ist alles vorbei. Aber hier, im tiefen Süden? Entgegengesetzter Fahrplan, verschärft durchs Immigrantendasein.

Vor zwei Wochen wurde es endlich warm und sonnig. Das erste Bad im Meer, das erste Grillen im Garten, ein Mückenstich gar. Und die ersten glitzernden Rentier-Dekos in den Billigshops. Au weia. Nicht nur droht jetzt die „silly season“ mit Promille – nein, viel schlimmer, ich habe den Paketstopp verpasst. Das ist der Termin gegen Ende November, den die neuseeländische Post als letzte Chance verkündet, um rechtzeitig Weihnachtspäckchen nach Europa abzuschicken.

Geschenke für die Lieben in 18.000 Kilometer Entfernung sind das erste, woran man hier noch lange vor dem ersten „Jingle Bells“ denken muss. Adventskalender, Kranz und Plätzchen sind Kiwis herzlich egal, aber als Familie mit Migrationshintergrund sitzen wir zwischen allen Stühlen. Der Tannenbaum gehört nach angelsächsischer Tradition schon jetzt dekoriert ins Wohnzimmer, aber bei uns taucht er halbherzig um den 20. herum auf. Heiligabend gibt’s eh nicht, Bescherung erst am 25. morgens. Keine gefüllten stockings am Kamin, dafür Erzgebirgsengel. Statt Lunch und Strand abends Braten mit deutschen Freunden. Als Kompromiss dazu knallende Christmas Crackers. Ein mutierter Multikulti-Hybrid ist dieser ganze heilige Bimbam! Da kommt man zwischen Sommerhitze und Kerzenschein ganz schön ins Schwitzen.

Susan Devoy hat daher mein ganzes Mitgefühl. Sie ist die Vorsitzende der „Race Relations“-Kommission und hat sich jetzt pünktlich zum ersten Advent voll in die Mistelzweige gesetzt. Denn ARMS, die Flüchtlingshilfe Aucklands, hat zu seiner jährlichen Migrantenverköstigung mit den neutralen Floskeln „happy holidays“ und „season’s greetings“ eingeladen, um damit keine Religion auszuklammern. Susan Devoy fand es auf Nachfrage völlig korrekt, dass das C-Wort nicht vorkam.

Ein Shitstorm ging daraufhin über der guten Frau nieder: Sie wolle Weihnachten abschaffen! Politisch korrekter Wahnsinn! Kultureller Ethno-Terror! Ein rechter Blogger fragte sich, was Susan Devoy und ISIS-Führer Baghdadi gemeinsam hätten: „Sie beide wollen alle Spuren des Christentums beseitigen.“ Leider griff niemand der Erbosten die hervorragenden Alternativvorschläge der Fernsehserien Seinfeld und The OC auf: „Festivus“ oder „Christmukkah“. Devoys letzte Worte klangen wie ein Stoßseufzer: „Merry Christmas, und möge Friede auf Erden herrschen.“xmas

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