NEU-DELHI, Montag, der 30. Oktober 2006
Britta Petersen

Katharsis verweigert

Seit fünf Tagen erhalte ich nun Anfragen zu Interviews und Artikeln über diesen unappetitlichen Schädelskandal der Bundeswehr in Afghanistan. Ich habe mich auch schon reichlich dazu geäußert, obwohl ich gestehen muss, dass es eigentlich nicht viel zu sagen gibt. Denn wie groß die Aufregung in Deutschland auch sein mag – hier in Afghanistan ist sie es nicht.

Weder in Kabul noch in Jalalabad, wo ich zurzeit sitze, hat das Thema Wellen geschlagen. Über die Gründe dafür wurde genug spekuliert. Was ich momentan viel spannender finde ist die Beharrlichkeit, mit der die deutsche Öffentlichkeit in Form der anrufenden Kollegen darauf wartet, dass es hier endlich kracht. Wütende Mobs, brennende Puppen der Bundeskanzlerin, abgefackelte NGO-Büros, Bombenattentate auf Bundeswehrkonvois – das alles wurde offenbar erwartet. Und dann? Einfach nichts.

Eine echte Enttäuschung diese afghanischen Islamisten. Wie können sie es wagen, unsere Erwartungen nicht zu erfüllen? Sie verweigern uns einfach die Katharsis, die Reinigung für den reuigen Sünder, nach der wir Deutschen uns doch so sehnen. Kennen sie denn nicht die Theorie Hegels, wonach der Straftäter erst durch die Strafe seine Würde zurückerhält? Doch statt uns eine kräftige Lektion zu erteilen, lassen sie uns allein mit unserer Schuld.

Undankbar, irgendwie. Wenn das kein Grund ist, die Bundeswehr aus Afghanistan abzuziehen!

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