BERLIN, Sonntag, der 10. Januar 2010
Julia Grosse

Kunst und Castings

Nüchtern ist die Stimmung auf dem Kunstmarkt. Statt auf hysterische Blow up-Skulpturen setzt man auf kleine, bedachte Arbeiten und beginnt sich vorsichtig zu lockern aus der Schockstarre des trüben Jahres. Und genau in diesem Moment platzt Londons Supersammler Charles Saatchi ins britische Fernsehen, auf der Suche nach dem Superkünstler. Ich habe mir alle Teile der Show auf BBC angesehen, bis zum Finale. Hier wurde noch big, big, big gedacht. Mit Starjury, Mega-Casting, dramatischen Chören während des Intros, Hubschraubern, Kameraschwenkern auf Saatchis gigantisches Galerieimperium und eine schnell geschnittene Best-of-Parade seiner Helden, die heute in Millionen schwimmen, Damien Hirst, Tracey Emin, Jeff Koons. Ein Leben im Blitzgewitter wird auch dem Gewinner der BBC-Vierteilers „School of Saatchi“ versprochen, und selten wirkte eine Suche nach dem Künstler als Popstar so deplatziert und lächerlich, wie im Augenblick.
Renovierungsshows gibt es schon, man sucht das Supertalent, den Superkoch und nun, den besten Künstler. Anstatt bei Donald Trumps The Apprentice ein Poloturnier zu organisieren, oder bei X Factor die hundertste Version von „Halleluja“ runterzuleiern, realisierten die Kandidaten bei Saatchi innerhalb weniger Tage eine große, atemberaubende Skulptur im öffentlichen Raum. Das Prinzip folgte der klassischen Bündelung von Spannung: Vom ersten Casting der talentlosen Masse bis hin zur stetigen Reduzierung der Teilnehmer, die Saatchi immer näher rücken und in haargenau die gleichen dramaturgischen Muster gepresst werden, wie R&B-Hoffnungen oder Mitglieder im Big Brother-Haus — Zwangssolidarisierung unter den Kandidaten, Intrigen, Performen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Und wie in all’ den anderen Formaten definiert auch der angehende Superstar-Künstler die Qualität seines Schaffens nicht mehr über seine subjektive Ideenfindung. Wem es in erster Linie gefallen musste, war Meister Saatchi. Und was genau der mag, wurde den Kandidaten in James-Bond-Manier über eine smarte Mitarbeiterin mitgeteilt.
Dabei zuzusehen, wie die Kunst in ein quer durch die britischen Gesellschaftsschichten beliebtes Billigkonzept der Talentshow gepresst wird, war peinlich. Denn Anfang Zwanzigjährige Maler oder Bildhauer wurden hier plötzlich zu Stellvertretern des „zeitgenössischen Künstlers“, denen Millionen von Zuschauern beim fragilen Kampf mit der Kreativität zugucken durften, wie sich lausenden Affen im Zoo: Aha, so findet ein Künstler ein Thema! Indem er ein bisschen am Strand entlangläuft und ein altes Plastikstück findet, es nachbauen lässt und ausstellt? Kann ich auch! Zwar war die prominente Jury um Kunstkritiker Matthew Collings oder Tracey Emin ehrgeizig damit beschäftigt zu erklären, warum die gestapelten indischen Brote des einen Kandidaten nun gute Kunst sind, und ein technisch einwandfreies Gemälde des anderen nicht. Einen großen Lerneffekt wird der britische Zuschauer durch Saatchis Show aber nicht gehabt haben. Er wird auch in Zukunft eine quäkige Stimme bei X Factor leichter erkennen als eine misslungene Installation.  

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