LONDON, Freitag, der 10. Juni 2016
Peter Stäuber

London: Frauenkollektiv gegen Jack the Ripper

Das umstrittene Museum über Jack the Ripper, das im vergangenen Herbst heftige Proteste provoziert hatte, steht noch immer. Bei der Eröffnung im Oktober war das Londoner East End in Empörung ausgebrochen: Angekündigt war eine Einrichtung, die die Geschichte der Frauen im Londoner Osten zelebrieren würde; herausgekommen war jedoch eine seltsame Würdigung des berüchtigten Frauenmörders, der 1888 im Quartier Whitechapel Schrecken verbreitete. Im Museum an der Cable Street sind etwa nachgestellte Mordszenen mitsamt Puppen der Opfer zu bewundern, neben denen die Besucher zu einem Selfie eingeladen wurden. Einer der Designer des Museums bezeichnete es damals als „anzüglichen, frauenfeindlichen Müll“.

Jack_the_Ripper_MuseumDie Geschmacklosigkeit stieß auch vielen Anwohnern sauer auf. Wütende Proteste verzögerten die Eröffnung, wiederholt wurden die Scheiben des Museums eingeschlagen, und Petitionen wurden lanciert, um es zu schließen. Dieses Vorhaben ist zwar gescheitert, aber eine Gruppe von Frauen hat sich zu einer anderen Form des Protests entschlossen.

Heute prangt auf der gegenüberliegenden Seite des Museums, unter den Geleisen der Docklands Light Railway, ein großes Plakat mit der Aufschrift: „Feiert die Suffragetten, nicht Serienmörder“, und daneben eine Wegbeschreibung. Als Antwort auf das Ripper-Museum hat ein Frauenkollektiv in einer nahen Kirche eine Ausstellung eröffnet, die der sensationsheischenden Touristenfalle eine seriöse Ehrung der Frauen des East End gegenüberstellen will.

Dass es einiges zu erzählen gibt, ist auf den ersten Blick zu sehen, wenn man das Pop-up Museum in der Kirche St George in the East besucht: Eine Handvoll etwas zu dicht bedruckter Informationstafeln schildert Episoden aus 200 Jahren Lokalgeschichte, die oftmals nationale und internationale Bedeutung erlangten. Der Kampf für sozialen Fortschritt steht im Vordergrund. So liest man etwa von den „Streichholzfrauen“, den Teenagerinnen, die Ende der 1880er-Jahre gegen die Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken protestierten – und die meisten ihrer Forderungen durchzusetzen vermochten. Oder von den Suffragetten, die hier einen wichtigen Stützpunkt hatten und bei den Arbeiterinnen im armen Osten große Unterstützung genossen. Auch neuere Kampagnen werden vorgestellt, etwa jene gegen die Gentrifizierungswelle, die derzeit rund um den Olympiapark schwappt.

Den Initiantinnen vom East End Women’s Collective geht es aber auch darum, die Verniedlichung von Gewalt gegen Frauen anzuprangern, wie sie im Ripper-Museum zu sehen ist: „Diese Art von Gewalt ist keine Serie von mysteriösen Ereignissen, die sich vor 130 Jahren ereigneten“, schreiben sie, sondern eine historische wie gegenwärtige Realität für viele Frauen; „sie sollte nicht auf eine Form der Unterhaltung für den Nervenkitzel reduziert werden.“

Das Pop-up-Museum ist ein vorübergehendes Projekt: Das Kollektiv sammelt noch immer Geld für eine permanente Ausstellung – um die Geschiche zu erzählen, die das Ripper-Museum eigentlich hätte erzählen müssen.

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