HANNOVER, Samstag, der 11. April 2009
Alexander Budde

Morgens auf dem Planeten Erde (10): Stockholm

Oh, diese Stille! Ein Morgen ohne Marsmenschen. Man glaubt es kaum. Vor ein paar Tagen waren sie in unser Quartier eingefallen. Stets beim ersten Hahnenschrei fand   sich unter dem Schlafzimmerfenster die ganze Truppe ein. Den Kompressor auf den Rücken geschnallt, den Luftschlauch schwenkend, so ging es munter hinein in die Rabatten. Wie Antennen staksten oben die Ohrenschützer heraus.

An Schlaf ist nicht zu denken, wenn sich so ein Puste-Kommando zum Ostermarsch formiert. Im Visier der Krachmacher sind die winzigen Steinchen, die so lästig unter dem Schuhwerk knirschen. Im Winter verhütet das Granulat das Ausgleiten auf dem Eis. Nun liegt es überall nutzlos herum. Also wird mit Hochdruck die Platte geputzt. Solange bis der toxische Feinstaub alles Leben erstickt. Oder gesetzliche Feiertage dem unchristlichen Treiben endlich Einhalt gebieten.

Der schlaue Schwede ist ohnehin längst entfleucht, in die einsame Hütte am schweigenden See. Alle Nachbarn fort, niemand zu sprechen. Auch ich erwäge   ernsthaft, in der Natur aufzugehen. Der Geistesarbeiter sollte das Rennrad satteln, die Straße ist frei, kein Geröll mehr im Wege. Über sanfte Hügel und durch dunkle Wälder zieht sich das schwarze Band bis hinaus in die Inselwelt der Schären. Training tut bitter Not: In einigen Wochen startet Vätternrundan , ein mörderisches Radrennen über 300 Kilometer einmal rund um den Vätternsee. Tausende radeln in rasender Fahrt, mit dicken Beinen und verzweifelter Hoffnung, im Gepäck reichlich Schokolode und warme Blaubeersuppe.

Über die Saison verteilt gibt es für unsere Helden weitere Prüfungen zu bestehen: Im Juli quälen sie sich durch die eisigen Wasser des Vanån und Västerdalälven, im September mischen sie sich unter die bis zu 30.000 Teilnehmer beim größten Crosslauf der Welt über die Stockholmer Insel Lidingö, dem Lidingöloppet .  Wer alle Wettbewerbe im Laufe eines Jahres absolviert, hat den so genannten „Schwedischen Klassiker“ gemeistert und darf sich die Medaillen mit vollem Stolz über den Kamin hängen.

Keine Ahnung, warum sie in diesem Land immer alles gemeinsam tun. Jedenfalls naht unten im Hof schon das nächste Kollektiv: Kleine Osterhexen, sie schwenken ihre Kupferkanne. Ich greife zu den Schokoladeneiern und eile zur Tür. Alles hat eben seine Zeit.

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