BERLIN, Montag, der 13. April 2009
Matthias B. Krause

Morgens auf dem Planeten Erde (12): New York

Die gefühlte Weltlage entscheidet darüber, wie lange ich schummeln darf, nachdem um sechs der Wecker geklingelt hat. Eine Viertelstunde, eine halbe? Ist über Nacht wieder eine Bank in die Knie gegangen, ein Flugzeug im Hudson gelandet, ein Milliardenbetrüger aufgeflogen? Oder hält sich Präsident Obama an seinen Tagesablauf, spricht die Worte in die Kameras, die mir seit Stunden vorliegen und die die amerikanischen Kollegen bereits ausgiebig debattiert haben?

Gestern wieder bis zwei geschrieben, die Knochen sind müde, das Hirn bleiern, der Kreislauf nicht vorhanden. Doch der erste Redaktionsschluss ist um zehn und man weiß nie, was in der Inbox schlummert. Oft nichts Aufregendes, aber manchmal eben die arglose Anfrage für 300 Zeilen bis 15.30 Uhr, also 9.30 Uhr bei mir. Und bis sieben muss die Tagesvorschau für die Schweiz ohnehin raus. Also gibt´s wieder nur den kalten Espresso vom Vortag, mit reichlich Milch verdünnt schmeckt er kaum noch bitter.

An solche Dinge gewöhnt man sich. Nach fast sieben Jahren New York ist das Frühaufstehen zur Routine geworden, Zeitzonen, Redaktionsschlüsse, Zeilenlängen haben sich tief ins Unterbewußtsein eingegraben. Nur der Mittwoch und der Donnerstag, die liegen mir immer noch schwer auf der Seele. An den beiden Tagen muss ich gegen acht rausrennen und unser Auto umparken. Straßenreinigung. Konkret kommt zwischen 8.30 und 10 Uhr ein kleines Wägelchen vorbei und schiebt den ganzen Dreck vor sich her. Ob´s wirklich etwas hilft? Wer weiß.

Auf jeden Fall bringt die Sache buchstäblich die halbe Stadt auf die Beine. Zum Umparken eben, eine Wissenschaft für sich, für die es ein Diplom geben sollte. Wenn ich Glück habe, fährt gerade ein Nachbar auf der Donnerstagsseite zur Arbeit und ich ergattere seinen Platz. Oder ich finde einen auf einem Block, wo sie montags, dienstags oder freitags umparken müssen. Oder ich rufe 311 an, die städtische Hotline, und drücke die Daumen, dass gerade einer der unendlich vielen religiösen Feiertage herrscht in der Stadt, dann sind nämlich alle vom Umparken entbunden. Manchmal, habe ich das Gefühl, hängt es auch einfach von der Laune unseres Bürgermeisters Michael Bloomberg ab, ob tausende New Yorker gezwungen sind, ihre Motoren zu starten.

Sollte das stimmen, ist er in letzter Zeit ziemlich mies drauf. Oder hat einfach kein Geld in der Stadtkasse. Die Verkehrspolizisten verfolgen jedenfalls schummelnde Umparker gerade besonders gnadenlos. Neulich war ich zwei Minuten zu spät. Macht 45 Dollar. Manchmal kann es ok sein, in der zweiten Reihe zu parken, aber nur, wenn man das Fahrzeug auch auf die Minute genau wieder vorschriftsmäßig auf der gerade gereinigten Seite abstellt. Und double parking auf einem Straßenblock mit einer Schule solle man sich tunlichst sparen. Kostet 115 Dollar. Frag´ mich mal einer, woher ich das weiß.

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