NEU-DELHI, Montag, der 16. Juli 2007
Britta Petersen

Sex im Weltall

Haben Sie schon einmal Kokusnuss-Brandy von den Malediven getrunken? Wahrscheinlich nicht, denn die Flasche wird derzeit für eine Million Dollar angeboten – zusammen mit einem Besuch in der Destillerie und Unterkunft in einem Fünf-Sterne-Ressort. Das Ganze ist eine Werbemaßnahme. Wenn das Getränk im Herbst dieses Jahres auf den indischen Markt kommt, wird es vermutlich ein bisschen billiger sein.

Willkommen in der Welt der Neureichen Indiens! Frisch gegründete Lifestyle-Magazine namens „Envy“ oder „Spice“ überschlagen sich derzeit auf dem Subkontinent mit Tipps für Neo-Millionäre, wie sie ihre frisch erworbenen Rupien wieder ausgeben können: Sex im Weltall gehört ebenso dazu wie ein vergoldeter Grill. Nicht zur vergessen: Wein und Spargelessen – sündhaft teuer und den meisten Indern unbekannt. Dabei verdienen auch die Medien nicht schlecht: jeder Verlag hat inzwischen eine Lifestyle-Beilage. „Vogue“ will Ende des Jahres mit einer eigenen Ausgabe herauskommen.

Für das Land Mahatma Gandhis ist das ein völlig neues Phänomen. Bisher übte sich die Mittelklasse in Bescheidenheit. Geld wurde gespart, um den Kindern eine Ausbildung zu finanzieren und höchsten bei deren Hochzeit unter die Leute gebracht. Linke Publizisten betrachten den zur Schau gestellten Reichtum daher als Perversion in einem Land, in dem noch immer 80 Prozent der Menschen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen.

Die Journalistin Madhu Trehan etwa wirft ihren Hochglanzkollegen vor, „Gehirnwäsche“ zu betreiben, damit „die Menschen Dinge kaufen, die sie nicht brauchen.“ Der Werbefilmer Prahlad Kakkar hingegen analysiert kühl. „Diese Magazine bereiten den Markteintritt von Marken wie Dolce & Gabbana, Hermès und Gucci vor.“

In der Tat ist Indien mit einem Wirtschaftswachstum von neun Prozent ein riesiger Markt. Nach einem Bericht von Time Asia, verdienen 1,6 Millionen Haushalte in Indien rund 100.000 Dollar im Jahr und geben ein Zehntel davon für Luxusgüter aus. „Die Leute haben mehr Geld zur Verfügung. Warum sollten sie es nicht ausgeben dürfen?“, fragt A.D. Singh, Besitzer des Luxusrestaurants „Olive“ in Neu-Delhi.

Ja, warum eigentlich nicht? Es gehörte zu den sympathischen Seiten Indiens, dass die Kluft zwischen Arm und Reich für ein Entwicklungsland relativ klein war. Die hitzige Diskussion über die Lifestyle-Magazine ist ein kleiner Rest des Gandhi’schen Ethos. Er ist vom Aussterben bedroht.

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