MOSKAU, Donnerstag, der 25. Februar 2010
Stefan Scholl

Sven Hassel. Auf englisch. In Russland.

Neulich habe ich danebengegriffen. In einem Moskauer Buchladen habe ich für umgerechnet 3 Euro Sven Hassel gekauft, auf englisch: „Wheels of terror“. Das Cover als Landserheft aufgemacht, aber immerhin steht hinten drauf: „He is a brilliant storyteller. The Washington Post“. Zwischen Cover und Buchrücken kämpfen Hassels Helden, eine Handvoll deutscher Strafbataillonskrieger an der wackelnden deutschen Ostfront, gegen Eis, Frost und „den Iwan“. Ganz harte Jungs, die Führer und Endsieg verlachen, Etappenhuren umlegen, Feldjäger zusammenschlagen oder durch die feindliche Linien robben, um die Bolschewisten zu schnappen, die gerade deutsche Kriegsgefangene kreuzigen. Hassels Deutsche sind brutal, aber geben sich politisch korrekt. Zwischen verzweifelten Rückzugsgefechten gegen die kleinen Sibirier mit den breiten Wangenknochen leisten die Knochenbrecher einer schwangeren Russin Geburtshilfe, ziemlich vergeblich, die Mutter stirbt, das Baby wird wenig später mit anderen Kindern von einem Artillerievolltreffer getötet.

Der Autor Hassel, Jahrgang 1917, ist Däne, hat nach eigenen Angaben in einem deutschen Strafbataillon an allen möglichen Weltkriegsfronten gekämpft. In Dänemark heißt es übrigens, er habe den gesamten Krieg dort als Nazihilfssoldat verbracht und seine Ostfrontdetails hinterher von dänischen SS-Ehemaligen aufgeschnappt. Dass Hassels Russen die Deutschen „Germanski“ nennen, läst ahnen, dass er nie mit Russen geredet hat. Keine Schande für den deutschen Buchhandel, dass sein Buch nicht hier, sondern in England verlegt worden ist. Aber traurig, dass es in Russland verkauft wird. In Russland verehrt eine ganze Subkultur die Wehrmacht, Fanclubs aus Bankangestellten und Studenten werfen sich am Wochenende in feldgraue Uniformen und frisch lackierte Stahlhelme und schleichen mit vorgehaltenen Mauserpistolen durch den  Birkenwald. Und das bei 28 Millionen sowjetischen Kriegstoten.

Es ist eine regelrechte Erlösung, als es in Hassels „Wheels of Terror“ endlich auch den Ich-Erzähler erwischt. Erst ein Bauchschuss, dann trifft ihn noch eine Kugel, „a lung-wound“ ist sein letzter Gedanke. Schöner Schluss. Aber warum habe ich mir die 300 Seiten vorher angetan?

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