portrait kerstin zilmLOS ANGELES, Montag, der 7. März 2011
Kerstin Zilm

Wie kann das passieren – ein Kind aus Deutschland wird Komponist in Hollywood?

 

In T-Shirt und Jeans sitzt Hans Zimmer in seinem fensterlosen Studio in Los Angeles, eine Mischung aus Plüsch und dunklem Holz, jeder Menge Computermonitoren und Rechner, einem Flügel und mindestens einem Dutzend elektrischer Gitarren. Er schwitzt, ist unter Zeitdruck, arbeitet an Musik für neue Folgen von Fluch der Karibik, Sherlock Holmes, Kung Fu Panda und Batman und hat keine Lust, zur Verleihung der Oscars zu gehen. Das macht mir keinen Spaß, das Jackett da anzuziehen, und zu so nem Ding hinzugehen mit so vielen Leuten. Ich bin viel lieber in meinem Zimmer und schreib Musik. Ich bin ganz langweilig. Ich bin in die Musik reingekommen, nicht um reich zu werden oder um Grammys oder Oscars zu gewinnen, sondern um Musik zu schreiben und mit anderen Musikern zu spielen oder mit Filmemachern zusammen zu arbeiten, sagt der zum neunten Mal nominierte Filmkomponist. Ich habe bei der Vorbereitung auf das Interview mehrfach auf Zimmers Geburtstdatum geschaut, es in mindestens fünf Biographien überprüft, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass der 53 jährige tatsächlich schon so lange so großen Erfolg in Hollywood hat. Mit 31 Jahren die erste Oscarnominierung für Rain Man, mit 37 den ersten – und bisher einzigen – Oscar für König der Löwen und bis heute jede Menge Hits, darunter für den Batman Film The Dark Knight mit Heith Ledger, Gladiator, der Da Vinci Code, Thelma und Louise, Black Hawk Down ….Und eben in diesem Jahr für Inception. Drei Grammys hat er gewonnen, zwei Golden Globes und noch jede Menge anderer Preise der Filmindustrie. Dabei scheint der Deutsche ziemlich auf dem Teppich geblieben zu sein, wenn ihm auch der Plüschteppich im Studio lieber ist als der rote vor den Oscars. Er wundert sich immernoch, wie er das schaffen konnte ohne richtigen Schulabschluß, ohne formelle Musikausbildung. Zu meiner Überraschung hat er auch nach all den Erfolgen manchmal denselben Gedanken, der mich trotz jahrelanger Arbeit als Reporterin und Korrespondentin überfällt: Ich hoffe, niemand merkt, dass ich gar nicht so gut bin, wie die denken! Gar nicht bsser, als andere. Hans Zimmer überfallen solche Gedanken am Strand, beim Wein, beim Essen und Trinken mit berühmten Regisseuren und Schauspielern. Mich eher, wenn mir die Batterien ausgehen oder das Aufnahmegerät aus unerfindlichen Gründen nicht so will wie ich. Aber es ist trotzdem beruhigend, dass der Mann, dessen erster weltweiter Erfolg die Beteiligung am Hit Video killed the Radio Star war, dem ersten Musikvideo auf MTV, sich immernoch jeden Tag fragt: Wie kann das passieren, so ein Kind aus Deutschland, das nichts in der Schule getaugt hat, ist auf einmal ein Komponist in Hollywood? Und dafür lohnt es sich dann doch, ausnahmsweise mal ein Jackett anzuziehen!

 

 

 

 

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