MüNCHEN, Dienstag, der 10. März 2015
Martin Zöller

Wir hätten gern ‘nen Vogel

“Wenn ich ein Vöglein wär und auch zwei Flüglein hätt, flög ich zu Dir”, heißt es klipp und klar im Volkslied, doch wenn ich so auf die Situation in unserem Garten schaue, hab ich da so meine Zweifel. Die bei uns einfliegenden Vögel erscheinen mir nach der Beobachtung von diesem Wochenende wenig zielstrebig. Bei uns hieße das Lied richtig: “Wenn ich ein Vöglein wär, gerade nicht abgelenkt wär und dich überhaupt eines Blickes würdigen wollte, dann käm ich unter Umständen zu Dir.”

Ein hartes Urteil? Vielleicht. Aber es muss ein Ruck durch die Vogelwelt gehen, soll der Papa nicht am Ende wieder als der Depp dastehen. In den ersten Tagen des neuen Jahres hatte ich unseren
Garten zu einem einzigen Wellness-Bereich für Vögel umgebaut: Zwei Vogelhäuschen in Bauernhaus-Optik schweben auf Stelzen über dem Rasen, auf der”Veranda” der Bauernhäuser liegt das, was in Restaurants als “Marktgemüse” bezeichnet werden würde: Selbstzusammengestellte Bio-Körner-Mischung, nicht der Meisenknödel-Sack aus dem Supermarkt. Für jene Vögel, die das Bauernhaus scheuen, haben meine zweijährige Tochter und ich extra noch Körner auf den Rasen davor gestreut. Und die Bettenkapazität haben wir glatt verdoppelt: Seit Samstag haben wir nicht nur ein, sondern zwei Nistkästen am Baum. Aber: Die “Vögelein”, wie meine Tochter sagt, scheren sich nicht um unser kulinarisches Angebot – sie flattern in den Garten und picken an banalen faulen Äpfeln herum, die schon seit Herbst auf dem Rasen flacken. Um unser Wellness-Angebot machen sie einen großen Bogen. Ich fühle mich wie ein Hotelier, der für zehntausende Euro Aroma-Saunen und Bio-Kristall-Schwimmbecken eingebaut hat und feststellen muss, dass seine Kunden viel lieber in den Weiher vor dem Haus hüpfen.

Innerhalb meiner Familie wird meine Kompetenz zunehmend in Frage gestellt: Meine Frau hat meiner Tochter ein kleines Bilderbuch geschenkt mit Vogelarten, “Grauspecht” und “Drossel” stehen hoch im Kurs. Beim Vorlesen hörte ich nun meine Frau sagen: “Ah, Amseln essen gerne Haferflocken.” Unbemerkt schnappte ich mir die Haferflockendose, schlich in den Garten, besserte nach und schüttete ein ganzes Hügelchen ins Vogelhaus. Ich gehe davon aus, dass sich der Effekt bald einstellt.

Also bei mir. Denn in diesem Moment, Montag 7.45 Uhr, sitzen tatsächlich drei Amseln auf dem Rasen. Aber beim Nachbarn.

(Erschienen im “Münchner Merkur” am 10.3.2015
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