Weltreporter.net ist ein globales Korrespondentennetz für deutschsprachige Medien. Diese Website präsentiert einen Ausschnitt unserer Arbeit.

Singapur – das Land, das einst sogar Kaugummi verboten hatte

 

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Eine Pressemitteilung aus allen Ecken der Welt

In der vergangenen Woche hat zunächst der Focus darüber berichtet, dass freie Auslandsjournalisten für den BND gearbeitet haben sollen, später die Berliner Zeitung. Viele Weltreporter haben regelmäßig Probleme bei ihrer Arbeit, weil sie unter dem Verdacht stehen, in Wirklichkeit nicht an Geschichten, sondern für Geheimdienste zu arbeiten – nicht, weil man sie persönlich verdächtigen würde, sondern weil Journalisten im Ausland oft grundsätzlich mit diesem Vorbehalt leben müssen. Wir haben uns deshalb entschieden, mit einer Pressemitteilung gegen diese Praxis zu protestieren.Nebenbei haben wir so zum ersten Mal weltweit gemeinsam an einem Text gearbeitet: Geschrieben wurde er wechselweise in Kairo und Teheran, anschließend unter allen Weltreportern diskutiert, schlussgelesen in Rom – und verschickt wurde er von Berlin aus. Diese Pressemitteilung ist also gewissermaßen ein Weltreport:

»Geheimdiensttätigkeit und Journalismus sind unvereinbar – WELTREPORTER.NET, das Netzwerk freier deutschsprachiger Auslandskorrespondenten, sieht die eventuelle Zusammenarbeit von Korrespondenten und Bundesnachrichtendienst mit großer Sorge und fordert die rasche Klärung des Sachverhalts.

Unter Berufung auf das Magazin »Focus« berichteten deutsche Medien über eine mögliche Zusammenarbeit zwischen dem Bundesnachrichtendienst und einzelnen freien deutschen Auslandskorrespondenten. Die Rede ist von 20 Reportern, die vom BND als Quellen geführt und für ihre Informantendienste bezahlt worden sein sollen. Dass sich dieser Verdacht erhärten könnte, beunruhigt uns.

Viele der Auslandskorrespondenten von WELTREPORTER.NET gehen ihrem Beruf in Regionen nach, in denen westlichen Journalisten immer wieder vorgeworfen wird, sie arbeiteten für die Nachrichtendienste ihrer Heimatländer. Der Vorwurf der Agententätigkeit unter dem Deckmantel des Journalismus bedroht nicht nur die kritische, unabhängige Arbeit der Korrespondenten, sondern auch ihre Gesundheit und manchmal ihr Leben. Sie werden dadurch von unparteiischen Beobachtern zu Teilnehmern an Konflikten und zur Zielscheibe verschiedener Interessengruppen.

Dieser Generalverdacht der Spitzeltätigkeit, dem sich viele ausländische Korrespondenten zum Beispiel in China, Ägypten, im Iran oder im Irak ohnehin schon ausgesetzt sehen, dient Regimes wie Oppositionellen, Aufständischen wie Terrorgruppen immer wieder als Vorwand, um gegen Reporter vorzugehen – auch gegen westliche. So wurden Korrespondenten mit dem Hinweis auf eine mutmaßliche Agententätigkeit bei ihrer Arbeit behindert, misshandelt, ins Gefängnis gesteckt, entführt oder auch ermordet.

Deshalb erfüllen uns die jüngsten Berichte mit Sorge. Allen Beteiligten muss klar sein, dass eine Zusammenarbeit zwischen BND-Mitarbeitern und einzelnen Auslandskorrespondenten keine Privatangelegenheit dieser beiden Personengruppen ist. Sie würde dazu führen, dass Journalisten in Zukunft noch häufiger generell als Agenten betrachtet werden. Wir Korrespondenten könnten den Verdacht dann kaum mehr entkräften. Darüber hinaus erhöht sich auch das Risiko jener, die vor Ort zum Gespräch mit Korrespondenten bereit sind. Sie müssten mehr denn je befürchten, der Zusammenarbeit mit einem Nachrichtendienst verdächtigt zu werden.

Wir fordern deshalb eine zügige und transparente Aufklärung aller Vorwürfe. Wir erwarten, dass die Verantwortlichen benannt und zur Rechenschaft gezogen werden und dass Nachrichtendienste von vornherein darauf verzichten, Auslandskorrespondenten anzuwerben. Nur dann ist es den Korrespondenten – freien wie festangestellten -– möglich, das Risiko ihrer Arbeit zu kalkulieren. Wir, die Mitglieder von WELTREPORTER.NET, halten fest: Geheimdiensttätigkeit und Journalismus sind unvereinbar.«

 

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Pressefreiheit mit Verfallsdatum

 

 

 

 

 

 

 

 

So sehen sie aus – die ersten fast fertigen Olympiabauten in Peking. Das Schwimmstadion, "Eiswürfel" genannt, mit einer Kunststoffhülle aus deutscher Produktion und das "Vogelnest", das Nationalstadion, wo die Eröffnungsfeier stattfinden soll.

Alles im Griff, so lautete gestern die Botschaft des Olympischen Komitees, das stolz seine ersten Prestigeprojekte vorführte. Ausnahmsweise war sogar der Himmel blau, ein Rätsel, wie sie das immer so termingerecht zu den Pressetouren hinkriegen. Stunden später hing dort wieder der altbekannte Smog. Für Pekings Verkehrsprobleme scheint noch keine Lösung in Sicht, aber die Bauten für Olympia sollen alle bis Ende 2007 fertig sein.

Die gute Nachricht für die Medien hatte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Liu Jianchao, bereits eine Woche früher verkündet. Ab 1.Januar 2007 genießen ausländische Korrespondenten in China Pressefreiheit, theoretisch zumindest. Dann müssen Interviews nicht mehr angemeldet werden, auf Reisen brauchen Journalisten keine Aufpasser mehr, nur noch die Zustimmung des Interviewpartners. Zu schön, um wahr zu sein, und es bleibt abzuwarten, ob sich diese Regeln auch bis zu den zuständigen Beamten herumsprechen. Vor allem aber nur eine Freiheit auf Zeit: sie endet mit den Olympischen Spielen im Oktober 2008. Regierungssprecher Liu machte allen Enttäuschten Hoffnung: bis dahin werde sich in China noch vieles ändern, "nichts bleibt ewig, wie es ist".

 

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Warten auf irgendwas

Seit ein paar Tagen bin ich auf Recherchereise in Hongkong. Vor zehn Jahren ist die vormalige britische Kolonie wieder ein Teil des Mutterlandes China geworden. Heute ist Hongkong durch und durch chinesisch. Nur ein Unterschied ist geblieben: Die Hongkonger stellen sich an – wo immer es geht. In ganz China wird gedrückt, gedrängelt und geschubst. Wenn die Hongkonger das Ende einer Schlange sehen, stellen sie sich an, auch wenn sie gar nicht wissen, worauf die Menschen warten. Warteschlangen sind die einzige britische Lebensart, die sich im chinesischen Kulturraum durchsetzen konnte.

 

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Das Rätsel aus Katar

Gestern rief ein Kollege an, der gerade unseren Weltreporter.net-Newsletter gelesen hatte. Er wollte wissen, wieso ich meinen Eintrag über den Start von Al Dschasira English "Medienoffensive auf islamisch" genannt habe – wo ich ihn doch schon mehrmals davon zu überzeugen versuchte, dass Al Dschasira vieles nicht ist, von dem man im Westen glaubt, das es das ist. Und es ist sicherlich nicht – auch nicht in seiner arabischen Variante – ein "islamischer" Sender. Des Rätsels Lösung: Unser Newsletter-Redakteur hatte schnell eine Überschrift benötigt, konnte mich nicht aber nicht erreichen. Da formulierte er: "Medienoffensive auf islamisch".

Während ich dies schreibe, läuft vor mir Al Dschasira English bzw. International, wie der neue Sender in den letzten Wochen auch genannt wurde. Der Sendestart liegt einige Stunden zurück. Ich habe die ersten beiden Stunden geschaut. Al Dschasira – das Rätsel aus Katar, von "Index on Censorship" 2003 für besonderen Mut ausgezeichnet? Das größte Fernsehexperiment seit 20 Jahren, wie "Die Zeit" schreibt?

Hoffentlich. Wo der etablierte News-TV-Journalismus der großen internationalen Häuser in einem Dickicht aus Interessen, Vorlieben und Rücksichten, aus Vorurteilen und Regierungspropaganda zu ersticken droht und immer glatter wird, scheint eine Frischzellenkur durchaus nötig.

Dem arabischen Programm von Al Dschasira ist es in den zehn Jahren seiner Existenz gelungen, nahezu alle Meinungsmonopole im Nahen und Mittleren Osten zu brechen. Aidan White, 20 Jahre lang Direktor der Internationalen Journalisten-Föderation, schreibt: "Al Dschasira ist keine Terroristenorganisation. Es besitzt keine Waffen. Es beschreitet neue Wege, fordert Regierungen heraus und bietet alternative Blickwinkel in einer weithin von den USA dominierten Weltsicht auf aktuelle Vorgänge."

Ebenso faszinierend wie das Phänomen Al Dschasira ist, wie hartnäckig sich alle möglichen Urteile und Vorurteile über den Sender im Westen halten. Wenn ich in Deutschland bin, erlebe ich es bei Freunden und Bekannten immer wieder. Sie glauben, Al Dschasira sei extremistisch, fundamentalistisch oder irgendwas in der Art, ein Sprachrohr von Terroristen, mindestens. Donald Rumsfeld behauptete einst, Al Dschasira strahle Hinrichtungen von US-Soldaten aus. Der Sender dementiert: "…haben niemals, zu keiner Zeit, Hinrichtungen oder Köpfungen ausgestrahlt."

Der Sender ist kontrovers, auch polternd, gelegentlich jenseits der Limits von Sachlichkeit und Balance. Aber, so sagen die Macher, die Wirklichkeit sei halt nicht ausbalanciert, man könne sie sich nicht aussuchen, könne nicht einfach uggly voices ignorieren. Das Sendermotto lautet: Die Meinung und die Meinung des anderen. Legendär: die Talkrunden des Senders: Atheisten, Feministinnen, Fundamentalisten, Prediger, Säkulare – sie alle kommen auf Al Dschasira zu Wort. Das macht den Sender zu einem Medienpionier in der arabischen Welt. Eindrucksvoll die Liste der Kritiker: Al Dschasira sei anti-amerikanisch (so die US-Regierung), zionistisch-israelisch (so Al-Qaida – weil auch israelische Politiker wie Ariel Sharon zu Wort kommen), aufrührerisch (so die arabischen Regime, die immer wieder Büros des Senders schließen) usw. usf.

Wer Al-Dschasira-Korrespondenten begegnet, trifft leidenschaftliche, engagierte Journalisten. Manchmal gehen die Ambitionen mit ihnen durch, aber das scheint mir angesichts der schaumgebremsten Berichterstattung vieler etablierter Medien ein eher kleines Übel zu sein. Für die zwei Dutzend prominenter westlicher TV-Köpfe, die nun zu Al Dschasira English gingen, sei genau das, so hört man, der Grund für ihren Schritt gewesen. Zu ihnen gehören David Frost ("der wohl bekannteste britische Journalist" – F.A.Z.), der preisgekrönte Dave Marash von ABC sowie Riz Khan, eine Hausmarke von CNN. Dave Marash erklärt hier seinen Schritt.

Was habe ich nun heute gesehen? Ein hochprofessionelles Programm, schnell, reich, aufwändig, mit eindrucksvollem Studio- und Stationendesign, eine herausragende Reportage aus Liberia von der grandiosen Juliana Ruhfus, ein (seltenes) Interview mit Kongos Präsident Kabila, eine Liveschaltung aus Darfur usw. Man darf gespannt sein.

Al Dschasira English ist auch in Deutschland zu empfangen, über Satellit und in einigen Kabelnetzen.

 

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Gut, dass wir drüber gesprochen haben

Das Thema rund um die dürren Models will und will kein Ende nehmen. Nachdem in fast allen Frauenzeitschriften die Problematik ausgiebigst diskutiert wurde, meldete sich nun etwas verspätet auch Giorgio Armani in der englischen Daily Mail zu Wort: „Ich mochte noch nie dünne Models auf dem Catwalk“, erzählt da der Meister. Zugegeben seine Models sind sicherlich nicht die dünnsten, doch sein Aufruf, nun gemeinsam gegen Anorexie zu kämpfen, wird wahrscheinlich wieder ungehört verhallen. Denn wie ein bewusst anonym beleibender Designer in London vermerkte: „Ich war mir niemals bewusst, dass die Models magersüchtig sein könnten. Für uns sind sie einfach sich bewegende Kleiderständer.“

Das denken sich wohl auch einige in Mailand, doch dort wird nun vordergründig trotzdem Nägel mit Köpfen gemacht: Ab nächster Saison müssen angeblich alle Models ein Gesundheitszertifikat vorlegen. Bloß ob dabei wirklich was rauskommt, bleibt die Frage. Denn das Problem liegt je eigentlich ganz woanders und das ist auch von Spiegel Online letzte Woche völlig richtig angerissen worden: Wenn wir von Models sprechen, reden wir von Kindern.

Viele Models sind dünn, gesund, aber eben gerade mal 14 Jahre alt. Klar haben diese hochgeschossenen Kids noch keine Hüften und spindeldürre Beinchen. Bloß sie tragen Klamotten, die sich selbst eine 40-jährige Managerin nicht leisten kann. Hier liegt das eigentliche Problem. Die Mode richtet sich an Frauen, schneidert aber die Modelle nach Kinderkörpern und die Magazine spielen das Spiel mit. Bester Beweis ist eine Modestrecke in einer der letzten L’Officiel, einer der absoluten Hochglanz-Modeblätter Frankreichs: Dort führt ein Kind die Kreationen von Alexander McQueen vor unter dem Titel: „Flügeln der Lust“. Sorry, aber was ist daran lustvoll?

 

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Strafvermeidung

Zitat des Shanghaier Finanzamtes: "Wenn Sie die Verzugszinsen vermeiden wollen, müssen Sie eine 'Gebühr' bezahlen."

 

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Einmal oder zweimal schmunzeln

Auch ich bin Empfängerin dieser Mails, die ich nach Empfang innerhalb von 2 Sekunden sofort an 257654 Menschen verschicken soll. Sonst droht das Universum einzustürzen.

Ich tue es nicht, das Universum war bisher gnädig. Aber zwischendurch kursieren in Belgrad auch Schmunzelmails.

Jemand, der/die auch auf die Güte/den Groll des Universums wartet, hat folgende Mail in Serbisch geschickt: „Ich danke allen, die mit junk-mails an mich gedacht haben. Denn dank eurer Güte ist folgendes passiert:

Mein Laptop ist 172 mal abgestürzt, schon 23 mal habe ich Mahnbriefe meiner Firma erhalten. Wenn es so weitergeht, kann ich mir mit meinem Arbeitsvertrag die Schuhe putzen.Etwa 3000 Jahre Unglück habe ich gesammelt, 67 mal bin ich schon gestorben, weil ich die Mails nicht weitergeleitet habe.Das arme Mädchen Amy Bruce aus Vietnam oder Kambodscha oder so hat schon mein Jahresgehalt erhalten. Dank Microsoft, der die Mails verschickt haben wollte. Amy war mittlerweile 7000 mal im Krankenhaus. Sie ist noch immer, seit 1995, acht Jahre alt.Ich weiß endlich wie die ewige Liebe und das ewige Glück funktionieren: es reicht das Versenden der Mails an alle verfügbaren und sonst bekannten Adressen innerhalb von 3 Sekunden. Dabei muss man sich mit der rechten Hand am Rücken kratzen und gleichzeitig um einen Renault 4 hüpfen – gegen den Uhrzeigersinn. Dann klappt es.Ich habe alle 25 Bänder des Dalai Lama gelesen und habe 4690 Jahre Glück und Wohlstand gesammelt.Ich habe mindestens drei Tierarten vom Aussterben gerettet, besonders das weißrussische Einhörnchen.Ich warte noch immer auf eine Milliarde boukistanischer Golddukaten, die mir der unbekannte Milliardär versprochen hat, wenn ich genügend Mails an Ericsson und Nokia verschicke.

Und nun DANKE ICH ALLEN!

WICHTIG: wenn ihr in den nächsten 20 Sekunden diese Mails nicht an mindestens 860 Adressen verschickt, werdet ihr vom kosmischen Dinosaurus verschluckt, nicht nur ihr, auch eure Familie, zusammen mit der kleinen Amy Bruce, die wieder im Krankenhaus ist.“

 

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Getürkt

Das Thema Türkei lässt in Deutschland kaum jemanden kalt, wie die aktuelle Debatte um den EU-Beitritt des Landes wieder einmal zeigt. Manche Leitartikler argumentieren für den Beitritt, andere dagegen – doch egal ist diese Frage kaum einer Zeitung. Für Türkei-Korrespondenten ist das erfreulich, weil viele Medien ihr Publikum in dieser Debatte mit gut recherchierten Berichten aus erster Hand besser informieren wollen.

Frustrierend ist es dagegen, wenn eine große Zeitung auf solche Informationen verzichtet und ihre Berichterstattung aus der Türkei frei erfindet, um ihre Meinung zu stützen. „In dieser Woche wurde an einem türkischen Strand eine junge Frau im Bikini von aufgebrachten Islamisten erschlagen“, beginnt der Chefredakteur der Rheinischen Post seinen Kommentar zur Türkei.

Das ist ganz einfach erlogen: In der Türkei ist nichts dergleichen geschehen, schon gar nicht in dieser Woche. Der Kollege erinnerte sich vielleicht an die drei Monate alte Agenturmeldung über einen Streit zwischen türkischen Bikini- und Kopftuch-Trägerinnen in Karaburun bei Izmir im August dieses Jahres, der sich an herumliegenden Windeln entzündete.

Erschlagen wurde freilich auch damals niemand. Dass die Rheinische Post in ihrem Kommentar auch noch ein neues EU-Kriterium erfindet – der Regierungschef eines Beitrittslandes muss sich demnach mit dem Papst getroffen haben – ist nur lächerlich. Fakten frei zu erfinden, ist nicht mehr komisch. Ich bin mal gespannt, wie weit diese Ente noch paddelt, sprich: Wie oft dieser angebliche islamistische Mord noch kolportiert, zitiert, beschworen und für politische Entscheidungen herangezogen wird. Als Auslandskorrespondent fragt man sich da: Was machen wir hier eigentlich?

 

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Zurück aus der Zukunft

Komme gerade aus Korea zurück. Ich hatte einen Auftrag, einen Artikel über die „Küche der Zukunft“ zu schreiben. Ein koreanischer Elektrokonzern hatte der Redaktion versprochen, uns futuristische Wohnungen zu zeigen, voll mit den modernsten Entwicklungen der Haushaltselektronik.

Ich erwartete große, begehbare Kühlschränke mit Internetanschluss, selbst reinigendes Geschirr und Nano-Kochroboter in U-Boot-Form, die in Suppentöpfen umhertauchen. Mindestens. Ich freue mich auf die Zukunft.

Nach einem viertägigen Programm aus Fabrikbesichtigungen, Powerpointpräsentationen und ermüdenden Fachvorträgen über Kühlschrankgeneratoren stand ich endlich in einer Wohnung. Wollte sehen, wie normale koreanische Familien mit der Zukunftstechnik leben.

Im Flur verstreut lagen Kinderschuhe. Düstere Einbauschränke aus Kunstholz. An der Wohnzimmerwand hing ein Flachbildschirm, den der Firmenvertreter stolz als HomNet vorstellte. Mit ausgestrecktem Zeigefinger klickte er durch umständliche Dialogfenster, bis an der Wohnzimmerdecke zwei Neonröhren aufleuchteten. Das ist die Zukunft? Der Firmenvertreter bemerkte meine Enttäuschung. „218 HomNets haben wir schon nach Dubai verkauft.“ Er versuchte, triumphierend zu klingen.

Unter dem HomNet gab es auch noch zwei normale Lichtschalter. „Meistens nutze ich den. Das ist praktischer“, sagte die Wohnungsbesitzerin (Abbildung ähnlich).

Wir haben uns entschieden, keinen Artikel darüber zu schreiben, in Korea weiß man offenbar auch nicht mehr über die Zukunft als in Deutschland. Aber ich werde mich nie wieder auf die Versprechen eines mir unbekannten Pressesprechers verlassen, wenn ich eine Recherchereise ins Ausland plane.