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Die neue Redefreiheit

Das letzte Mal habe ich Rio Aling gesehen, als er mit ein paar Dutzend Bauern von den philippinischen Bergen herunter kam. Rio hatte ein Megaphon dabei, die Bauern Transparente, mit denen sie gegen die zunehmenden Übergriffe der Militärs protestierten. Als sie auf dem Marktplatz von Hilongos ankamen, sah alles friedlich aus. Erst  als sich die Augen an die gleißende Mittagssonne gewöhnt hatten, konnte man in den Eingängen der Hütten und unter den Vordächern der Marktstände rund um den Platz die mattschimmernden Gewehrläufe sehen, getragen von gelangweilten Soldaten in Kampfuniform. Sie hatten auf Rio Aling gewartet. Er wußte es. Jeder wußte es, Aling war seit Jahren ein rotes Tuch für sie, weil er jeden Übergriff dokumentierte und zu den Menschenrechtsorganisationen nach Manila schickte. 

Trotzdem hat er sich in die Mitte der Platzes gestellt und hat laut über Redefreiheit gesprochen, über die Freiheit, zu sagen, was man denkt, über Freedom of Speech. Meinungsfreiheit reicht nicht, rief Aling, man muss seine Meinung auch aussprechen.

Die Militärs haben ihn an diesem Tag in Ruhe gelassen. Vielleicht, weil die Anwesenheit eines westlichen Reporters damals auf den Philippinen noch Eindruck machte. Zwei Monate später haben sie den Menschenrechtler Rio Aling  zu Hause abgeholt, haben ihm die Hände auf den Rücken gebunden und ihn im Wald mit den Gewehrkolben erschlagen. Freedom of Speech, da könnte ja jeder kommen.

Freedom of Speech, so steht es in riesigen Buchstaben neben der Anzeigetafel im Flughafen Brüssel, darunter Fotos von offensichtlich gebildeten Menschen in Entwicklungsländern, Menschen wie Rio Aling. Die Mobilfunkfirma Base will mehr Handyverträge verkaufen und eignet sich dafür den hohen moralischen Wert der Meinungsfreiheit an. In Deutschland, wo die Öffentlichkeit sensibler auf solche Banalisierungen reagiert, beschränkt sich Base auf ein augenzwinkerndes Wortspiel: Meine neue Redefreiheit. In anderen Ländern zielt sie ganz bewußt auf die Assoziationen, die einem bei Dritter Welt und Redefreiheit durch den Kopf schießen. Freedom of Speech, heruntergekommen zur Freiheit, so lange wie möglich zu quasseln. Werbung kann manchmal zum Kotzen sein.

 

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Saufgelage im Parlament

So eine leidenschaftliche Debatte gab es schon lange nicht mehr im tschechischen Parlament: Als sich Regierung und Opposition wieder einmal heftig beharkten, verließ der erste Abgeordnete plötzlich das Feld der sachlichen Argumente. Die konservative Regierung und insbesondere der Premier, sagte ein hochrangiger Sozialdemokrat, seien dem Alkohol offenbar in übertriebenem Maße zugetan. Der Premier ergriff daraufhin höchstpersönlich das Mikrofon und blaffte genervt: „Das entspricht nicht der Wahrheit – anders als bei den Sozialdemokraten. Ich könnte ohne Probleme bei jeder Sitzung ins Röhrchen blasen!“

So entfocht sich, während die Tagesordnung irgendwo bei den Feinheiten des Staatshaushaltes stehengeblieben war, eine Debatte über die Frage, welche Fraktion wohl die trinkfreudigsten Abgeordneten habe. Die Diskussion an und für sich ist dabei weniger überraschend als die Tatsache, dass sich alle für abstinent erklärten. Eigentlich nämlich ist der Konsum von Alkohol in Tschechien alles andere als geächtet. Man ist stolz auf das süffige böhmische Bier – so sehr, dass sich die meisten Tschechen wohl lieber einen übermäßigen Durst nachsagen lassen würden als eine strikte Enthaltsamkeit. Unvergessen ist der Politiker, dessen heranwachsender Sohn einmal torkelnd auf offener Straße aufgegriffen wurde. „Er ist halt ein Tscheche“, wurde die Antwort des Vaters kolportiert, „da sind doch zwölf Bier nun wirklich nichts Ungewöhnliches!“ Ein Bier, das muss man dazu wissen, misst in böhmischen Kneipen immer einen halben Liter.

Im Parlament jedenfalls, das haben die Tschechen nach der Debatte der Abgeordneten erfahren, gelten andere Sitten als im Wirtshaus. Um das zu überprüfen, schickte die größte Tageszeitung des Landes am nächsten Tag eine Reporterin mit Alkohol-Messgerät in den Sitzungssaal der Volksvertreter. Als sie die ersten Kandidaten aufforderte, einmal fest ins Röhrchen zu blasen, stürmte sogleich der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses herbei. „Ich tue alles, um ein gutes Bild von unserer Arbeit zu vermitteln“, klagte er der Reporterin, „und dann kommen Sie mit Ihrem Messgerät!“ Nach einer längeren Debatte, so stand es anschließend in der Zeitung, gab der Mann seinen Protest auf – und ließ sich sogar selbst zu einer Atemprobe herab. Das wenig überraschende Ergebnis: Er war tatsächlich nüchtern. Den Alkoholpegel des Premierminister allerdings konnte die eifrige Reporterin gar nicht erst eingehender kontrollieren. „So einen Quatsch mache ich nicht mit“, beschied er der Dame schmallippig – und bewies mit dieser Reaktion allemal einen klaren Verstand.

 

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Nobelpreisträger Al Gore und die Geländewagen

Vor dem Grand Hotel an Oslos Flaniermeile Karl Johan lauert eine kleine Menschenmenge auf. Viele haben eine Kamera dabei und halten Stift und Papier in der Hand – Autogrammjäger. Doch sie sind nicht gekommen, um Kylie Minogue oder Robin Willams zu sehen, sondern ihr Popstar ist Al Gore. Der Amerikaner ist Freitagfrüh nach Oslo gekommen, um am heutigen Montag den Friedensnobelpreis in Empfang zu nehmen, den er sich mit dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) teilen soll. Gleich nach der Ankunft am Flughafen bewies er sein PR-Talent: Statt ökologisch unkorrekt mit einer Limousine in die etliche Kilometer entfernte Innenstadt zu fahren, nahm er den Zug. Jeder einzelne sei gefordert sich gegen den Klimawandel einzusetzen, so Gore. Anfangen könnte er gleich vor der eigenen Haus- bzw. Hoteltür: Während seine vielen Flüge im Namen des Klimaschutzes noch zu rechtfertigen sind, schließlich kann er so seine Botschaft in andere Länder tragen, scheinen sich nicht einmal die Leute, die ihn betreuen, bewusst, was jeder Einzelne tun kann. Die Wagen, die ihn und seine Mitstreiter die Tage in Oslo herumfahren sollen, sind zum Teil Benzinschlucker wie Stadtjeeps von Volvo und BMW und bereits während Al Gore noch auf seinem Hotelzimmer war, standen die Fahrer mit laufenden Motoren unten und warteten auf den Klimaretter.

 

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Südafrika zum Nikolaustag

“Elvis, komm!” keift die Frauenstimme hinter unserem Zaun. “Aber sofort!” Elvis lässt die Hacke fallen, schnappt sich seine Jacke und rennt lost. Stolpert fast. “Yes, Madam!” Rüber zur Terrasse, greift sich den Spaten, stellt ihn an die Hauswand, rennt zum Tor. Ein Auto springt an, fährt davon.

Ruhe.

Mein Blick streift über den Garten. Der Rasen auf Rasengardemaß, die Blumenbeete frisch geputzt. Unsere südafrikanische Vermieterin besteht darauf, dass alles seine Ordnung hat hinterm Haus. Und weil ich ein Herz für grünen Wildwuchs habe, hat sie den “Jungen” vorbeigeschickt, den Garden Boy.

Elvis arbeitet seit mehreren Jahren für sie und hat irgendwie keinen Nachnamen. Elvis sorgt für eine elfjährige Tochter. Elvis gibt keine Widerworte, wenn er auf Englisch angeschrien wird, in einer Sprache, die er kaum versteht.

Elvis kann sich glücklich schätzen. Er hat einen Job (für 7 Euro am Tag). Er darf seine Regierung wählen (seit 1994). Er lebt in einem Land, dessen Verfassung die Würde des Menschen schützt und so ziemlich jede denkbare Diskriminierung unter Strafe stellt (Bill of Rights, § 9 und 10).

Am nächsten Tag eine Email der Vermieterin an mich: Ich hätte Elvis unerlaubt einen Rasenmäher gegeben. Ich solle ihn doch bitte nicht behandeln, als sei er ein Gärtner. “Das ist inkorrekt. Sein Gehirn kann so etwas nicht leisten. Ich bezahle ihn dafür, dass er jeden Morgen zur Arbeit kommt. Die meisten [lies: Schwarzen] schaffen nichtmal das.”

For the record: Kapstadt, 6. Dezember 2007, achtzehn Jahre minus zwei Monate nach Mandelas Freilassung – oder wie hieß nochmal der großväterliche Afrikaner mit den putzigen politischen Ideen…

 

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Jetzt kommt der Edi

Der Stoiber Edi kommt jetzt nach Brüssel. Er soll hier die Bürokratie abbauen. Das haben zwar andere vor ihm auch schon probiert, aber der Edi ist ein Hartnäckiger. Davon kann ich ein Lied singen: Ganz egal, wo ich hinziehe, irgendwann kommt der Edi nach. Der verfolgt mich. Das ist seit meiner frühen Kindheit so. Und jetzt reist er mir sogar nach Brüssel hinterher. So wie immer. Als der Edi nach Wolfratshausen kam, da war ich auch schon da. Ich bin da aufgewachsen, der Edi ist zugezogen. Ich bin dann irgendwann nach Berlin gegangen, da wollte der Edi dann auch hin. Kam immer wieder kurz vorbei, hat alle genervt und ist dann wieder heim nach Wolfratshausen. Bis er ganz nach Berlin wollte, erst als Kanzler, und als das nicht klappte, dann eben als Superminister. Aber da war ich kurz vorher schon wieder weggegangen aus Berlin und dann ist der Edi gar nicht erst hingezogen. Ob das wirklich was mit mir zu tun hatte, weiß ich nicht. Aber auffällig ist es schon.  Irgendwann sollte der Edi dann sogar EU-Kommissionspräsident in Brüssel werden. Ich war gerade nicht da, und dann hat der Edi auch abgesagt. Jetzt bin ich wieder da, und jetzt kommt der Edi tatsächlich nach Brüssel. Ich kenn ihn eigentlich gar nicht, jedenfalls nicht näher. In meiner Jugend, als ich im Pfarrheim Wolfratshausen gejobbt habe, da habe ich ihm am Aschermittwoch einmal fast eine Maß Bier über den Trachtenanzug geschüttet. Versehentlich. Aber ich hab dann nur den JU-Vorsitzenden neben ihm erwischt. Wie gesagt, ich kenn den Edi gar nicht richtig. Wahrscheinlich kennt er mich auch nicht. Aber ich darf Edi zu ihm sagen, hat er gesagt. Das heißt, eigentlich hat er es sich nur gewünscht: In einem Interview vor langer Zeit im Münchner Merkur hat er nämlich gesagt, dass er privat gar nicht so steif ist und dass zu Hause in seiner Straße in Wolfratshausen alle nur Edi zu ihm sagen. Die ganze Straße hat gelacht. Nicht dass sie ihn dort nicht wählen würden, das schon. Aber Duzen? Den Stoiber? Wer den kennt, der duzt ihn doch nicht. Aber ich kenn ihn nicht, ich hab nur in der gleichen Straße gewohnt. Deshalb kann ich Edi zu ihm sagen. Solange ich ihn nicht kenne.

 

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Kauf mir einen Jet, Andrè

Es geht wieder um André Flahout. Das ist der belgische Verteidigungsminister, der vor einiger Zeit mit dem Kampf-Hubschrauber ins Kino nach Hasselt geflogen ist. Als das rauskam, gabs ein bisschen Wind, aber geschadet hat es ihm nicht wirklich. Flahout ist einer von diesen saftigen Politikern, wie sie heute gar nicht mehr hergestellt werden. Franz-Josef Strauß fällt einem in dem Zusammenhang ein. Und obwohl Flahout als belgischer Sozialist das andere Ende des politischen Spektrums besetzt, gibt es doch Parallelen. Die Körperform zum Beispiel, vor allem die Halspartie, aber auch die Abneigung gegen politische Prinzipien oder die tiefe Verwurzelung in einer Volkspartei, die ihren verdienten Kämpfern fast alles verzeiht. Und natürlich die Lust am Fliegen. Diesmal ist André in den Kongo geflogen, mit dem Regierungsflieger und ohne Absprache mit dem jetzt sehr aufgebrachten Außenminister. „Kabila wollte mit mir reden,“ verteidigt sich Flahout. Außerdem solle sich der Außenminister nicht so weit aus dem Fenster lehnen, sonst packe er aus und erzähle zum Beispiel, wie der ihn ständig um ein schöneres Flugzeug angefleht habe: “André, kauf mir einen Jet,“ habe er gebettelt, so einen schicken Legacy mit allem Komfort. „Der wollte so ein Chirac-Ding.“ Die alten Militärmaschinen seien ihm offensichtlich nicht gut genug und zu unbequem. In der Tat müssen belgische Premier- und sonstige Minister selbst 20stündige Flüge im Sitzen verbringen, seit die Regierungs-Boeing vor einigen Jahren mitsamt der Liegecouch ausgebrannt ist. Doch die belgische Flugbereitschaft hat kein Geld, André Flahout hat das Budget ohnehin schon um 160 Millionen überzogen. Streng dienstlich, versichert er, in acht Jahren habe er nur einmal die Familie mitgenommen, „im Gegensatz zu anderen Ministern.“ Der kleine Rundumschlag wird ohne Folgen bleiben. Flahouts Zeit ist ohnehin abgelaufen. Seine Sozialistische Partei wurde schon im Juni abgewählt, schon der Kongoausflug fiel in die Nachspielzeit. Aber solange sich die christdemokratischen und die liberalen Wahlsieger nicht auf ein Regierungsprogramm einigen können, bleibt Flahout Minister und kann noch ein bisschen herumfliegen.

 

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Die positiven Streik-News

Gibt es an Streiktagen auch positive Meldungen? Ja. Die französische Presse ist anlässlich des ersten Tages der großen Streikwelle im Analysefieber und stellt fest: Um 10 Uhr morgens hatten sich bereits 35.000 Pariser ein städtisches Leihfahrrad gemietet. Das sind doppelt so viele wie sonst. Würden jedoch noch mehr Vélibs zur Verfügung stehen, wären es sicherlich auch noch mehr Leihnahmen. Denn als ich heute morgen um 8 Uhr auf meinem eigenen Fahrrard in Richtung Gare du Nord und Gare de l'Est zu Recherchegründen unterwegs war, waren die Vélibstationen allesamt leer und die Vélibs auf den Straße.

 

 

 

 

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Politiker vs. Journalisten: Schmutziger Kampf mit legalen Mitteln

Politiker haben es nicht leicht. Schon gar nicht, wenn es im Gefüge der Regierungspartei kracht in allen Fugen, so wie gerade im südafrikanischen ANC. Da spielt sich ein formidables Hauen und Stechen um den Parteivorsitz (und damit den künftigen Präsidenten des Landes) ab. Es kocht und brodelt – nach allen Regeln der Parteidisziplin (angeblich – oder so). Es ist die Saison der Wadenbeißer und Schönredner, der Giftpfeilschützen und Aufs-Protokoll-Pocher. Und der Pressesprecher, PR-Berater und Spindoctors.

Schon nervig, wenn weniger auf ANC-Etikette bedachte einheimische Journalisten da plötzlich einen politischen Skandal nach dem anderen ans Licht zerren. Wessen politische Zukunft auf dem Spiel steht, der lässt sich halt ungern von ein paar dahergelaufenen Schreiberlingen der Lächerlichkeit preisgeben.

Was also tun, fragt sich da die arg gebeutelte Regierung in Pretoria. Redaktionsräume durchsuchen wie in Kenia? Kurzen Prozess machen wie in Simbabwe? Zeitungen verbieten wie zu Apartheidzeiten? God forbid! – wie unappetitlich.

Und um fair zu sein: undenkbar im heutigen Südafrika. Um noch fairer zu sein: Was sich Journalisten am Kap an schonungsloser Kritik leisten können, ist in vielen westlichen Demokratien alles andere als selbstverständlich. “Manto – ein Säuferin und Diebin” titelte kürzlich die Sunday Times über die durch ihre Aids-Politik diskreditierte Gesundheitsministerin. Bisher hat dieser Aussage noch niemand widersprochen. Aber die wütenden Rufe nach Maulkörben für Journalisten mehren sich stetig.

Zunächst drohte die Regierung, künftig keine Anzeigen mehr im Blatt zu schalten. Jetzt gibt es ein Angebot, die Muttergesellschaft der Sunday Times zu kaufen. Für 7 Milliarden Rand, obwohl das Unternehmen nach Angaben von Analysten weit weniger wert ist. Und wer steckt dahinter? U.a. ein Berater Thabo Mbekis und der Sprecher des Außenministeriums.

Tada! Sauber, clever, legal. So einfach ist das.

 

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Die größeren Belgier

Schweden und Norweger müssen sich jetzt warm anziehen, die Belgier kommen. Natürlich nicht nach Skandinavien, da ist es viel zu kalt und außerdem sind immer nur Bärenwurst und Rentiersteaks nichts für belgische Feinschmecker. Nein, die Belgier rücken den Skandinaviern etwa in Höhe 1,80 zu Leibe, sagt Professor Roland Hauspie von der Freien Universtität Brüssel. Solche durchschnittlichen Körpergrößen waren bisher den Nordeuropäern vorbehalten, jetzt tauchen da oben auch die Belgier auf. „Unsere Jungen sind im Schnitt vier Zentimeter größer als vor 30 Jahren,“ hat Hauspie gemessen, „und auch die Mädchen haben zwei Zentimeter zugelegt.“ Dass junge Menschen heute höher wachsen als früher, das haben andere auch schon gemerkt. Aber Professor Hauspie hat herausgefunden, dass für die Schweden und die Norweger jetzt Schluss ist mit größer werden. Jede ethnische Bevölkerungsgruppe habe ein bestimmtes Wachstumspotential, und alles deute darauf hin, dass die Schweden das bereits ausgeschöpft haben. Deshalb müssen sie zuschauen, wie die Belgier und hier vor allem die Flamen vorbeiwachsen. Sagt der Professor. Und irgendwann müssen die künftigen Ex-Hünen aus Schweden dann vielleicht sogar die Franzosen, Italiener und Spanier vorbeiziehen lassen. Die liegen zwar derzeit noch gut sechs bis sieben Zentimeter hinter Schweden und Flamen und fast zehn hinter den Holländern, aber sie wachsen zügig nach. Woran das liegt, weiß auch Professor Hauspie nicht so genau. Aber es hat in jedem Fall auch mit dem Essen zu tun, meint er. Gesunde und ausgewogene Ernährung treibt mehr als Einheitsbrei, und dauernd das gleiche Rentiersteak ist vielleich auch nicht das Gelbe vom Ei. So genau hat der Professor das nicht zwar nicht gesagt, aber er läßt das so durchschimmern.Auffällig sei zudem, dass alle Kinder im Frühjahr zweimal so schnell wachsen wie im Herbst. Was wahrscheinlich mit dem Licht zu tun habe. Und schon haben wir eine schlüssige Erklärung für das belgische Längenwachstum. Kein Europäisches Land ist so gut ausgeleuchtet wie Belgien, berichten Astronauten. Selbst wenn mitten in der Nacht vom All aus nichts mehr zu erkennen ist: das helle Dreieck da unten ist Belgien, wo sämtliche Autobahnen rund um die Uhr beleuchtet werden. Bisher haben wir das für Energieverschwendung gehalten, jetzt wissen wir, dass die Belgier bloß größer werden wollen. 

 

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Kneipenabend mit Journalistin kostet Staatssekretärin die Karriere

Alkohol, ein männlicher Journalist und ein Kuss – im moralisierenden Schweden eine Mischung, die eine Politikerin die Karriere kosten kann. Nachdem sie am Dienstagabend vergangener Woche diesen Cocktail aus den drei pikanten Zutaten genossen hatte, trat Ulrica Schenström, Staatssekretärin unter dem schwedischen Regierungschef Fredrik Reinfeldt, gestern ab. „Schon die Bilder, die publiziert wurden und die Tatsache, dass ich mit einem Journalisten gesprochen und dabei Wein getrunken habe, sind bedauernswert“, schrieb sie in ihrem Rücktrittsbrief und verschwieg, dass es wohl mehr als ein Glas war und das sie an jenem Abend für die Krisenbereitschaft Schwedens zuständig war – zweiter Fehltritt.
Für umgerechnet rund 100 Euro sollen Staatssekretärin Ulrica Schenström und der Fernsehjournalist Anders Pihlblad am Dienstag vergangener Woche Wein und Bier getrunken haben. So hoch wie die Alkoholpreise in Schweden sind, nicht genug Geld, um sich besinnungslos zu besaufen, aber ausreichend, um die Zunge zu lösen. Zumal, so berichtet das Boulevardblatt Expressen, Schenström „Domaine Lalande Merlot” getrunken haben soll, der laut Weinkarte der Kneipe, die die beiden besuchten „die Leute gesprächig“ mache. Genau das, so wird gemutmaßt, habe der Journalist gewollt.
Damit haben die beiden Betroffenen gleich zwei empfindliche Stellen der Schweden getroffen. Zum einen haben sie den Eindruck erweckt, dass sich zwei, die beruflich eine Art Gegner sind, zu gut kennen und womöglich an der Öffentlichkeit vorbei Geheimnisse austauschen. Das gilt in dem nordeuropäischen Land als Korruption; entsprechende Anzeigen sind bereits eingegangen. Zum anderen ist die Krisenbereitschaft seit Ende 2004 in Schweden ein besonders heikles Thema. Damals kamen sehr viele Schweden bei der Tsunami-Katastrophe um und die Politiker traten – weil die Krisenbereitschaft nicht funktioniert hatte – erst spät an die Öffentlichkeit. Schon damals mußte ein Staatssekretär zurücktreten. Seither ist man in dem nordeuropäischen Land sehr darum bedacht, stets eine einsatzfähige Krisenbereitschaft zu haben. Nun hat Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt den Fehler gemacht, zu behaupten, es gefährde die nationale Sicherheit, wenn er bekannt gebe, ob Schenström Verantwortliche war und verschwieg eben genau jenes bis zum Rücktritt Schenströms. So ziemlich das Dümmste, was er nach nüchterner Betrachtung hätte tun können. Nachdem Reinfeldt gleich nach Amtsantritt im vergangenen Herbst schon zwei Ministerinnen verloren hatte, weil sie keine Fernsehgebühren bezahlt und Schwarzarbeit hatten ausführen lassen, sollte er eigentlich Übung im Hantieren von politischen Krisen haben. So war denn der Kuss des Journalisten, der schnell als rein freundschaftlich abgetan wurde, wohl vielmehr ein Judaskuss. Und die Geschichte geht weiter, denn die zwischenzeitlich eingesetzte Staatssekretärin hat ebenfalls Schwarzarbeit ausführen lassen.