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Der Hüter des Vulkans

Immer wenn in Indonesien eine Naturkatastrophe passiert, die groß genug ist, um es in die deutschen Medien zu schaffen, klingeln bei uns die Telefone. Geht es Euch gut? Weißt Du schon Genaueres? Meistens erfahre ich erst durch diese Anrufe, dass irgendwo wieder die Erde gebebt hat oder ein Vulkan ausgebrochen ist – oft Tausende von Kilometern entfernt.

Seit gestern Nachmittag jedoch pustet der Merapi, einer der aktivsten Vulkane der Welt, heiße Gaswolken und Asche in die Luft – und das nur 30 Kilometer nördlich von Yogyakarta, wo ich zurzeit wohne. Seltsamerweise spürt man dennoch hier in der Stadt gar nichts vom Ausbruch des spirituell bedeutsamen Berges. Nur die Anspannung ist fast greifbar: Beim letzten (kleineren) Ausbruch des Merapi vor vier Jahren kam es fast zeitgleich zum größten Erdbeben in Yogyakartas Geschichte mit rund 6000 Toten.

 

In solchen Situationen wenden sich die Bewohner der Sultansstadt gern an den Hüter des Merapi, den 83-jährigen Mbah Maridjan, der angeblich im direkten Kontakt mit dem Berggeist steht. So lange er es für sicher hält, lassen sich auch die Menschen in den gefährdeten Bergdörfern nur widerstrebend evakuieren – immer wieder eine Herausforderung für die Sicherheitskräfte, die den Alten beim letzten Ausbruch weder mit Drohungen noch mit dem Angebot, in einem Fünf-Sterne-Hotel zu übernachten, von seinem Berg locken konnten. Damals wurde das Dorf von Maridjan sowie der heilige Stein, an dem er meist betete, nur um wenige Meter verschont – so wie es der Weise vorhergesagt hatte. Dank seiner spirituellen Macht wurde der rüstige Urgroßvater so nicht nur zum gesuchten Berater von Politikern und anderen Persönlichkeiten, sondern auch zum Werbestar für einen potenzsteigernden Energy-Drink.

 

Doch diesmal scheint Maridjan den Kontakt zum Berggeist verloren zu haben. Durch sein Dorf fegte gestern Abend eine tödlich heiße Gaswolke, bevor es komplett evakuiert war. Die Rettungskräfte entdeckten heute Morgen 15 verkohlte Leichen, darunter Helfer, die den alten Mann wegbringen sollten, sowie einen Journalist, der ihn interviewen wollte. Auch im Schlafzimmer des Berghüters fand sich ein menschlicher Körper. Noch ist nicht bestätigt, ob es sich bei dem Toten um Mbah Maridjan handelt. Sollte dies der Fall sein, stehen Yogyakarta – das glauben zumindest die Einheimischen – schlimme Zeiten bevor: Die Stadt liegt genau auf der Mitte einer spirituellen Linie, die den nun entfesselten Berggeist mit seiner mindestens genauso wilden Geliebten, der Göttin des Südmeeres, verbindet. Werden sie nicht mehr gehütet und regelmäßig besänftigt, schicken sie sich gegenseitig Lava und Tsunamis als Geschenke.

 

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Vaterländisches Pinup-Girl

In Russland wird es mal wieder peinlich. Am vergangenen Montag zeichnete Präsident Dmitri Medwedew im Kreml die Spione aus, die im Juni in den USA aufgeflogen waren. Unter strenger Geheimhaltung. Die Moskauer Öffentlichkeit rätselt darüber, mit welchen Orden sie beehrt wurden? Und für welche Verdienste? Schließlich hat die Affäre um die 10 im Juni ausgehobenen und später ausgetauschten „Maulwürfe“ den russischen Auslandsgeheimdienst weltweit bis auf die Knochen blamiert.

 Anna Chapman aber, die jüngste, fotogenste und deshalb berühmteste der verhinderten Meisteragenten, ließ sich außerdem für das Moskauer Männermagazin „Maxim“ fotografieren. Die 28jährige enthüllte den Lesern der Novembernummer augenzwinkernd einen Großteil ihrer Weichteile. (Die Fotos sind auch im Internet zu bestaunen:

http://www.mk.ru/photo/politics/1219-chapman-snyalas-dlya-zhurnala-maxim.html?page=1&img_id=17503)

Fehlte nur, dass der Orden „Für Verdienste vor dem Vaterland Erster Klasse“ zwischen ihren jungen Brüsten baumelte.

„Maxim“ aber behauptete, Anna habe mehr für Russland geleistet als die Fußballnationalmannschaft oder die Rakete „Bulawa“. Stimmt. Die Nationalelf wurde nach ihrem blamablen Scheitern in der WM-Qualifikation vergangenen Herbst als Versager des Jahres geschmäht, der „Bulawa“-Flugkörper gilt nach mehreren Bruchlandungen gar als Blindgänger des Jahrzehnts. Die Chapman aber hat bewiesen, dass sie zumindest als Pin Up-Girl durchaus brauchbar ist.

 

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Taifun, kein Taifun

Zwei Tage lang sah es so aus, als käme Taifun Megi nach Hongkong. Die Prognosen auf den Wetterkarten ließen keinen Zweifel zu. Den Hongkongern wurde das Herz schwer.

 

 

 

 

Ein Super-Taifun, hieß es in der Presse. Der schlimmste seit vielen Jahren. Mit seinem Auge direkt über der Stadt! Hongkongs Katrina!! 225 km/h!!! Zeitungen zeigten Verwüstungsfotos vom letzten „direct hit“ eines Taifuns 1979 und vom ganz schlimmen 1962, als über 100 Menschen starben.

Irgendwann begriff ich, dass das wohl berichtenswert wäre. Eine freudige Erregung machte sich breit. Nicht dass ich den Hongkongern eine Katrina wünschen würde. Aber ich sah mich schon in meiner wind- und sinftlutumtosten Wohnung souverän Live-Gespräche mit Radio- und TV-Sendern führen, nebenbei mit einer Hand das Fenster gegen den Druck von außen zuhaltend. Ich sah mich mit Mikrofon durch menschenleere Straßenfluchten hechten, immer im letzten Moment den umherfliegenden Objekten ausweichend. Ich sah mich am Tag danach bei der Pressekonferenz der Stadtregierung kritische Fragen zum Katastrophenschutz stellen. Ich sah mich schon ganz groß rauskommen. Und dann das:

Und DAS!!!

 

 

Megi bog ab. Stunde für Stunde wurden die Verlaufsprognosen korrigiert. Stunde für Stunde rückte Megi weiter nach Osten, weg von Hongkong. Da saßen wir nun mit unserer aufgeputschten Katastrophenstimmung und sahen die Katastrophe davonziehen! Das war eine Art Enttäuschung, wie ein Advent ohne Weihnachten, nur in Gruselform. Während ich hier schreibe, hätte Megi draußen wüten sollen. Ich habe heute keine journalistischen Heldentaten vollbracht, sondern im Sonnenschein Kaffee getrunken.

Am Ende hat Megi dann in Fujian und Taiwan gewütet. Dort sind mehrere Menschen bei Erdrutschen ums Leben gekommen. Taifune sind nichts zum Drauffreuen.

 

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Erst ein Koffi, dann ein Drillere

Ein sehr naher Verwandter von mir in Deutschland ist militanter Gegner von Anglizismen, also englischen oder pseudo-englischen Ausdrücken. Deshalb vermeidet er sie unbedingt: Wenn er etwa von seinem Handy-Vertrag bei „T-Mobile“ spricht, sagt er „T-Mobile“, als würde er von einem unlängst gebastelten, dann aufgehängten und jetzt schief hängenden Mobile sprechen. Vor diesem Hintergrund überrascht nicht mehr, dass er für „O2“„Oh Zwei“ sagt und für „Vodafone“ zuweilen mit diebischer Freude „Mannesmann.“ Affig, so sagt er, seinen Anglizismen. Schrullig, sagte ich, seien militante Anglizismus-Vermeider. 

Ich habe meine Meinung mittlerweile geändert: Wenn es im Deutschen auch nur halb so schlimm klingt, wie im Italienischen, dann sind Anglizismen ganz und gar affig. Zum Beispiel gibt es jetzt immer mehr Leute in Rom die, aus welchen Gründen auch immer „Koffi“ bestellen – und das sind nicht Anzugträger mit Knopf im Ohr, die sich dann irritiert umblicken, merken, dass sie in Rom sind und peinlich berührt erklären: „Oh, ich dachte ich wär noch in New York“. Nein, es ist zum Beispiel mein Mopedreparateur, der jeden Morgen mit schon dann völlig ölverschmierter Latzhose in meine Kaffeebar geschlurft kommt, sich müde an die Theke hängt und auf eine cowboymäßige Art einen „Coffee“ verlangt. Ich sehe dabei in seinen Zügen stets große, aber lässig kaschierte, Befriedigung und versuche, sie zu deuten: Träumt er davon, einmal auf der Route 66 Harley-Davidsons zu reparieren und sagt deshalb „Koffii“? Küsste er vor 40 Jahren eine englische Touristin in einem Tanzlokal? Als ich wieder einmal mein Moped zu ihm brachte, fragte ich ihn. „Warum, Koffiii oder Caffè, kann man doch beides sagen, für mich ist das kein Unterschied“, meinte er.  

Die Mutter meines Freundes Giulio pflegt eine Liebesbeziehung zu einem anderen Anglizismus, er heißt „optional“, sie sagt „obtschonale“. Alles, was man tun, aber auch lassen könnte, ist ein „obtschonale“, insbesondere Kinoprogramme und Speisekarten sind natürlich ein Paradies der Möglichkeiten. Aber jedes Wort, das auf „-zion“ endet, bekommt von den Römern derzeit ein englisches „schhhhhhh“ verpasst. So wurde ich kürzlich bei einem Fußballspiel darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich in einer Notfall-„situeyschon“ an einem bestimmten Punkt einfinden sollte – zum Glück wurde das aber nicht nötig. Und in den Nachrichten sah ich ein Gespräch mit einem Oppositonspolitiker, der eine große „manifesteyschon“ ankündigte, die natürlich auch auf „Dwittere“ und „Feysbukke“ zu verfolgen sei. Lange verstand ich auch nichts, als ich  kürzlich in einem Telefonladen ständig vor die Wahl gestellt wurde, „Flatte“ oder „keine Flatte“, bis ich feststelle, das es um „unbegrenztes Telefonieren zum Festpreis“, ging. Zur Erholung ging ich in die Videothek bei mir in der Straße und lieh mir einen vom Chef empfohlenen, besonders spannenden „Drillere“ aus.  

 

 

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Voll daneben

Neulich hab‘ ich mich wieder total daneben benommen. Am 11. Oktober war’s, dem „Tag des Sports“ in Japan. Das Feiertagswetter war fantastisch, warme 26 Grad. Perfekt für eine Wanderung im Gebiet des Mt.Takao, Tokios Hausberg. Schweißtreibend war die Bergtour, Kalorien haben wir ordentlich verbrannt beim steten Auf und Ab.

Die Zeit haben wir auch ein wenig vergessen und daher den Zug zurück nach Tokio nur durch einen beherzten Sprint erreicht. Mir hat das den Rest gegeben. Hungrig und durstig kramte ich im Rucksack, holte eine Mandarine raus und begann sie zu schälen, in Gedanken noch im lichtdurchfluteten Bergwald.  „Ich setz‘ mich gleich weg“, maulte da mein Mann und holte mich grob zurück in die japanische Wirklichkeit. Und da herrscht nun mal Zucht und Ordnung im Öffentlichen Nahverkehr. Will heißen: Lautes Unterhalten, Telefonieren oder Musikhören sind ein Tabu. Essen und Trinken ebenso.

 Gosh, da saß ich nun tatsächlich in diesem Vorortzug, und hantierte mit der Mandarine so heimlich wie ein Pennäler bei der Klassenarbeit mit seinem Spickzettel. Schuldbewusst dachte ich daran, wie meine Japanisch-Lehrerin wenige Tage vor meinem Sündenfall empört auf den Verfall der Sitten in Tokios U-Bahnen zu sprechen gekommen war. „Seit einigen Jahren“ hatte sie geseufzt, „benehmen sich die Leute immer schlechter. Die jungen Mädchen schminken sich ungeniert oder quatschen laut. Und telefoniert wird auch immer öfter.“

Ich konnte da nur halbherzig zustimmen. Hatte ich im Sommerurlaub doch oft genug gedacht, wie super gesittet es in japanischen Zügen zugeht. Während sich in Frankfurt oder München jeder so benimmt, wie es ihm passt und manche U-Bahnen nach der Rushhour fahrenden Mülltonnen gleichen, sind Tokios Züge immer tipp topp sauber und 99 Prozent der Fahrgäste verhalten sich tadellos.

Und nun saß ich selber da, fühlte mich ertappt und steckte hastig das letzte Mandarinenstückchen in den Mund. Mein Mann hat sich zwar nicht weggesetzt. Aber die saftige Frucht, auf die ich mich so gefreut hatte, die hat irgendwie sauer geschmeckt.  

 

 

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Sind das noch Kirchen?

Das habe ich mich gestern gefragt bei der Besichtigung von Notre-Dame in Paris. Ich war in der Kirche seit Jahren nicht mehr. Aber dann kam mein Vater zu Besuch. Er war in den 50ern drin gewesen und wollte rein. Draußen stand ein Schild, dass Kinderwagen und Rollkoffer aus Sicherheitsgründen nicht mit in die Kirche genommen werden können. Die Dame vor mir hatte einen Koffer. “Wohin damit?”, fragte sie und der Kontrolleur zuckte mit den Achseln. Ja, klar, an so einen Tourispot lässt man eben den Koffer und den Kinderwagen einfach so vor der Tür stehen. Wer nach der Besichtigung beides noch vorfindet, hat dann vielleicht den Glauben an Gott und das Gute im Menschen zurückgewonnen.

 

 

Drinnen geht es weiter: Für alle, die schon lange nicht mehr in der Kirche waren, gibt es den Hinweis, dass man in christlichen Kirchen die Kopfbedeckung abnehmen sollte. Na, da finde ich schon wieder gut. Dann folgt man – wie in der Sicherheitskontrolle an den amerikanischen Flughäfen – den Absperrungen, die einen sukzessive durch die Kirche führen. Man kommt zu dieser Abzweigung: Messe oder Visite? das ist die Frage!

 

 

Wer die Visite nimmt, darf auf Teppich laufen, die anderen dürfen den Marmorboden betreten.

Wer nun müde ist und sich hinsetzen will, der muss über eine Absprerrung klettern. Kurze Zeit später steht er vor diesem Schild: “Eintritt für Treue”.

 

 

Was für Treue? Treue Gläubige oder treue Besucher der Kirche? Ich bin nicht nur ratlos, sondern auch leicht angewidert.

Beim Rausgehen (über zwei Absperrungen geklettert) mache ich nicht einmal ein Kreuzzeichen. Für mich ist das keine Kirche mehr. Aber mir wurde auch bewusst, wie der Massentourismus christliche Stätten entheiligt und zerstört. Alles sehr traurig!

Fotos: Barbara Markert

 

 

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Helden des Alltags: Mein Elektriker

 

Es reicht! Das ständige Flackern des Halogen-Strahlers in meiner Küche treibt mich in den Wahnsinn. Ich weiß nicht, ob der ungleichmäßige Stromfluss in Tel Aviv daran Schuld ist oder der letzte Stromausfall, ich weiß nur, dass es mir reicht. Ich rufe Nissim an. Nissim ist mein Retter. Er löst jedes noch so knifflige Elektrizitäts-Problem. Und darum gebührt ihm eine Hommage. 

Zunächst möchte ich die Glanzpunkte seiner Leistungsbilanz hervorheben: Nissim hat meinen Kühlschrank dazu gebracht, nach mehr als zwei Jahren das Ablassen penetranter Wasserlachen aufzugeben. Er hat meine uralte Spülmaschine so einfühlsam bearbeitet, dass sie nicht mehr überläuft. Auch die Klimaanlage überschwemmt nicht länger den Boden, wenn sie länger als eine halbe Stunde kühlt. Und ganz nebenbei hat Nissim noch ungezählte verkohlte Stecker und Steckdosen erneuert. 

Wenn ich nicht mehr weiter weiß, rufe ich Nissim an. Es dauert zwar manchmal ein paar Tage und meist viele Telefonate bis es soweit ist, er aus Petah Tikva hierher ins Tel Aviver Zentrum kommt und am Ende auch einen Parkplatz für seinen Pickup vor meiner Haustür gefunden hat, aber er kommt. Und wenn Nissim kommt, kann ich sicher sein, er geht nicht, bevor sich nicht all meinen Sorgen in Wohlgefallen aufgelöst haben. Und wenn es darüber halb zehn abends wird.

Nissim ist nicht einfach nur Elektriker. Nissim ist leidenschaftlich. Er will jedes Problem bis auf den Grund durchdringen und gibt nicht auf bevor ihm das gelungen ist. Ich habe in meinem Leben noch nie so ausführliche und detailreiche Vorträge über Spannung, Wechselstrom und Fehlerstromschutzschalter gehört, mich bislang – wie konnte ich so ignorant sein! – auch nie besonders dafür interessiert.

Nissim ist aber nicht nur leidenschaftlich, er ist auch empathisch: Er hält Vorträge über die Welt der Kontakte und Leitungen, die ein schlichtes Drähtchen als eigenständige Persönlichkeit mit guten und weniger guten Charaktereigenschaften erscheinen lassen. Dank Nissim ist mir jetzt klar, dass diese Art von Empathie unerlässlich ist, wenn man Kontaktstörungen dauerhaft heilen will.

Nissim ist ein leuchtender Stern am Tel Aviver Handwerkerhimmel, der ansonsten ziemlich verhangen ist mit wirren Gestalten, die souverän hohe Rechnungen schreiben, aber wenig mehr als Ratlosigkeit zurücklassen. Zum Beispiel Eran. Nissims Vorgänger im Amt. An den denke ich heute nur noch mit Kopfschütteln: Wenn Eran zu mir kam, hatte er zwar immer seine Pistole im Gürtel, den Schraubenzieher aber lieh er sich von mir. 

 

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Mein Freund der Baum

Vielleicht nennt man sie demnächst die Achse der grünen Männchen. Nicht, dass sie vom Mars kämen. Obwohl man schon mitunter das Gefühl hat, sie leben auf einem anderen Planeten. Dabei sind sie mitten unter uns. Die Baumpflanzer. Die Rede ist von Hisbollah-Chef  Nasrallah und Irans Präsident Ahmedinejad. Ja, sie sind unter die Ökos gegangen. Ganz öffentlich. Der nebenberufliche Chef der Schiitenmiliz hat den biblischen Aufruf „Schwerter zu Pflugscharen“ selbst in die Tat umgesetzt. Er kam tatsächlich aus seinem Versteck, wo er sich vor israelischen Attentatsdrohungen schützt, ins pralle Sonnenlicht und pflanzte den  Millionsten Baum der Aufforstungskampagne der Hisbollah-Wiederaufbauorganisation Jihad al Bina. Direkt vor seinem Haus steht das Bäumchen jetzt. Wer es gießt, ist unbekannt.

In einer langen Rede, der erstaunlicher Weise selbst die libanesischen Medien keinerlei Beachtung schenkten, erklärte der Chef der „Partei Gottes“, die Aufforstung des Libanon sei Teil der nationalen Sicherheitsstrategie. Nicht nur, weil Guerrillakämpfer sich unter diesen Bäumen prima verstecken können (nicht umsonst haben die israelischen Besatzer im Südlibanon tatsächlich zahlreiche Bäume gefällt und erst im August kam es zu einem Zwischenfall an der Grenze, weil israelische Militärs neuerlich einen Baum entfernen wollten). Sondern auch weil Nasrallah als einziger libanesischer Politiker erkannt hat, dass der Klimawandel eine der größten Bedrohungen nicht nur für die Libanesen sondern für die ganze Welt ist.  

Weil der gute Nasrallah sich nun mit seinem grünen Finger hervorgetan hatte, dachte der iranische Präsident vermutlich: „Was der kann, kann ich schon lang“. Kaum hatte Ahmedinejad sein ausgedehntes Mittagessen mit dem libanesischen Präsidenten Suleiman beendet, stürzte er in Suleimans Garten und bestand darauf, auch einen Baum zu pflanzen. Zuerst dachte ich, es wird wohl ein Kaktus gewesen sein. Aber nein, Ahmedinejad wählte eine Zeder. Wie originell! Eine Freundschaftszeder, wie er es nannte. Nur zu dumm, dass Zedern in Beirut gar nicht überleben können – hier ist es zu warm. Sie gedeihen nur in den Bergen, wo im Winter auch Schnee fällt.

Kann man nur hoffen, dass dies kein schlechtes Omen für den Bestand der Freundschaft ist. Aber derzeit muss man da wohl keine Angst haben. Denn dass ein großer Teil der Libanesen feurige Anhänger Ahmedinejads sind, stellten sie während seines Besuches mehrfach unter Beweis. Aber so richtig überwältigt war der Mann aus Teheran während einer Willkommensfeier am Abend in der Dahiyeh, den südlichen Vororten Beiruts. Dort flogen ihm die Herzen zehntausender jubelnder Menschen nur so zu, eine Hisbollah-Band spielte ein eigens für diesen Besuch komponiertes Willkommenslied – und der Präsident aus dem gefährlichen I-Land wischte sich verstohlen die Tränchen aus den Augen. Es war geradezu rührend. Zu Hause dürfte ihm das in diesen Tag nicht so häufig passieren. Aber im Libanon ist er unter Freunden. Jedenfalls in den südlichen Gefilden des Landes.

Wir dürfen nun gespannt sein, ob Ahmedinejad nach seiner Heimkehr auch eine Aufforstungskampage ausruft. Weil er auch gerne öfters dem Vorbild Nasrallahs folgend wie ein Rockstar gefeiert werden möchte. Bäume statt Nuklearanlagen. Meinetwegen auch für die nationale Sicherheit. Das wär doch mal was.

 

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Schweigsame Gelehrte

Bis heute sieht sich das Nobelkomitee am Karolinska Institutet (KI) nicht in der Lage, auf meine Anfragen zum Skandal um die Bekanntgabe des diesjährigen Nobelpreises für Physiologie oder Medizin zu antworten. Gewöhnlich wird man unter der Woche mit gefühlten zwei Dutzend Pressemitteilungen aus der Stockholmer Uniklinik bombardiert. Doch diesmal schweigen die Gelehrten vielsagend. Das Leck in ihren Reihen ist einer der größten Skandale in der Geschichte der Preisvergabe. Bereits im Juni hatten sich die sechs Mitglieder des Nobelkomitees  auf den Briten John Edwards als Preisträger geeinigt, die Abstimmung im Kollegium der Nobelversammlung am Morgen der Verkündung ist eine Formalität. Den Kreis der Insider schätzt Karin Bojs, erfahrene Wissenschaftsjournalistin der Zeitung Dagens Nyheter daher auf gerade einmal 10 Personen. Die Motive für den Verrat sieht sie in anhaltenden Konflikten an der Klinik, die dem Fachblatt Nature bereits im Sommer eine Geschichte wert waren. Während sich die Konkurrenz vom Svenska Dagbladet für den gelungen Scoop auf die Schulter klopft, fürchtet Bojs um den guten Ruf der Nobelstiftung. Selbst hätte sie keine Sekunde gezögert, das Geheimnis auszuplaudern, sagte sie mir. Sie legt aber Wert drauf, dass sie einen anderen Stil pflege. Kollegen bewundern sie für ihre Einsichten in die Forscherwelt. Mit ihren Spekulationen über die Preisträger hat sie immer wieder richtig gelegen. Keine Zauberei, versichert sie mir, sondern Früchte eines fleißigen Studiums offener Quellen. Sie liest die Publikationen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und die Kommentare, lauscht den Symposien. Von Forschern lässt sie sich höchst ungern beeinflussen. Und Pressemitteilungen sind so launisch wie der Herbstregen in Schweden (s.o.).

 

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Prohibition auf australisch

Freunde des Trink- und Motorsports müssen sich dieses Wochenende in Australien schwer zusammenreissen. Vor allem in Bathurst, einem Bergort westlich von Sydney. Dort findet zum 50. Mal ein beliebtes Autorennen statt: Die Bathurst 1000: (Die Fahrzeuge umkreisen dabei den Mount Panorama so lange bis sie 1000 Kilometer geschafft haben). Für Zigtausende ist dies ein beliebter Anlass, rund um die Rennstrecke zu campieren und zu picknicken. Traditionell missachten dabei einige ihre zulässige Trinkgeschwindigkeit und anschließend Gebote der Höflichkeit. Deshalb griffen Behörden zu – runder Geburtstag hin oder her – DRASTISCHEN Maßnahmen: Die Alkoholmitnahme für Besucher wurde reglementiert, die Einhaltung des Limits kontrollieren Polizisten! Viele! Und die kennen kein Pardon: Erlaubt ist nur ein slab Bier. Genauer: 24 Dosen normalen Biers, 30 Dosen Leichtbier (was aber in Australien schwer zu kriegen ist), oder eine Flasche Hochprozentiges oder vier Liter Wein. Dieses Limit gilt übrigens pro Person, pro Tag. Harte Bandagen, fürwahr! 

Heute tröstet der örtliche Abgeordnete via Zeitung die Pissköppe: “Leute können auch mit w e n i g Alkohol noch eine Menge Freude haben.” Wobei das wenig nicht in Anführungszeichen gesetzt war. (“There’s been a review of that so certainly we’re finding that suddenly people can deal with less alcohol and still have a good time.”) Fast zynisch ist natürlich angesichts derlei radikaler Prohibition, wenn man auf einem von einer Biermarke gesponsorten Zeltplatz campen muss oder gar im von einer Whiskey-Marke finanzierten Eventbus zum Rennen fährt. Ich hoffe, die V8-Fans haben trotzdem ein schönes Wochenende. Happy Birthday Bathurst!