Taifun Haiyan – war da was?

Als Taifun Haiyan vor zwei Wochen mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 300km/h auf die Philippinen zuraste, war ich für Recherchen in Japan. Weit weg vom Geschehen und von meinem Arbeitsplatz in Peking. Fast zehn Jahre habe ich auf den Philippinen gelebt und über das Land berichtet. Abnehmer für Geschichten zu finden war oft schwierig. Die Philippinen sind kein Touristenziel für Deutsche wie Thailand, sie haben wirtschaftlich nicht das Potenzial wie Japan oder China und überhaupt, da gibt’s doch dauernd Ärger. Kriminalität, islamistische Terroristen, Naturkatastrophen. Genau, Naturkatastrophen. So wie jetzt Haiyan, der auf einigen Inseln der Visayas-Gruppe alles umsäbelte, was sich ihm in den Weg stellte. Den Rest erledigte die Sturmflut.

Und nach dem Sturm und der Flut kamen sie in Scharen, die Fallschirm-Journalisten. Rasch eingeflogen aus New York, Singapur oder London. Auf dem Weg zum Unglücksort noch schnell einige Länderinformationen studieren und dann geht’s los mit der Berichterstattung, als hätte man schon immer auf einer philippinischen Insel gelebt. So wie im März 2011 in Japan, als der CNN-Korrespondent Anderson Cooper nach dem großen Erdbeben gemeinsam mit meinem Mann in der ersten Maschine aus New York saß, die den vorübergehen gesperrten Flughafen in Tokio anfliegen konnte. Kaum gelandet, erzählte er Millionen Zuschauern, wie katastrophal die Situation in Japan war und wie eigenartig ruhig die Japaner damit umgingen.

Die Großen der Branche können es sich leisten, jeweils einen ganzen Tross aus Journalisten, Fotografen, Kameraleuten und Technikern zu den Brennpunkten der Erde zu schicken. Über Nacht war Tacloban, die Hauptstadt der Insel Leyte, ein solcher Brennpunkt geworden. Cooper & Co. machten sich hastig auf ins Epizentrum der Zerstörung. Eine Woche lang gehörten die Schlagzeilen den philippinischen Taifunopfern und ihrem verzweifelten Warten auf Hilfslieferungen. Auch bei mir fragten Zeitungen und Sender an, ob ich nicht rasch nach Tacloban fliegen könnte.

Nein, ich konnte nicht, mit zwei Kindern ist man nicht super-flexibel. Aber ich wollte auch nicht. Ich sah‘ keinen Sinn darin, mich diesem Medienhype anzuschließen. Auf allen Kanälen, in sämtlichen Zeitungen wurde berichtet, was die Leitungen hergaben. Welchen wichtigen Beitrag kann man in einer solchen Situation noch beisteuern? Muss man wichtige Ressourcen (Lebensmittel, Wasser, Helikopter, Ansprechpartner vor Ort) verbrauchen, nur um eine Geschichte zu schreiben, die so wie alle anderen das Grauen der Zerstörung und das Elend der Überlebenden ausleuchtet?

Ich will lieber nachschauen, wie es in Tacloban ausschaut, wenn der Medientross weitergezogen ist. Wenn die Welt nicht mehr auf die zertrümmerten Orte schaut, weil niemand mehr von dort berichtet. Es ist keine Überraschung, dass diese Idee auf wenig Resonanz bei den Redaktionen stößt. Ein netter Kollege vom Nachrichtensender N24 sagte ganz offen: „Die Leute wollen das doch nicht mehr sehen.“

So ist das. Eine Woche hieß es „Spot on“. Nun liegen die Taifungebiete wieder im tiefen Dunkel (buchstäblich, denn Strom soll es erst um Weihnachten wieder geben). Wie es dort weitergeht, ob die von der Regierung versprochenen neuen Behausungen gebaut werden, was mit den vielen Millionen Spenden passiert, wie die Menschen ihr Leben wieder in den Griff bekommen – wer will das wissen? Die Fallschirm-Journalisten jedenfalls nicht. Sie sitzen bereits wieder im Flieger zum nächsten Krisengebiet und lesen sich rasch an, worüber sie eigentlich berichten sollen.

Hauptsache, LAUT!

Seit wir vor ziemlich genau zwei Monaten nach Peking gezogen sind, ist ein ruhiges Plätzchen schwer zu finden. Das liegt zum einen an den großen Baustellen neben und hinter unserem Haus. Doch das Problem ist temporär und wird irgendwann verschwinden. Etwas anderes aber wird uns während unserer Zeit im Reich der Mitte begleiten: Die Freude der Chinesen am Lärmen, am geselligen und kakophonischen Beisammensein.

Was den normalen Mitteleuropäer zurückprallen lässt, ist für die Einheimischen normale Härte. Knallvolle Restaurants, dichtes Treiben vor Sehenswürdigkeiten, Schieben und Drängen an Bushaltestellen, und das alles mit möglichst lautstarker Untermalung (Nein, ich fange jetzt nicht an, mich über das deutlich hörbare, röchelnde Spucken auszulassen). Hier ist das Alltag und deswegen gibt es auch ein Wort dafür: Rè Nào nennen die Chinesen den Zustand der lärmenden Enge. Laut meiner Chinesischlehrerin ist der Begriff eine Zusammensetzung der Worte „heiß“ und „laut“. Das trifft’s genau.

Re Nao

Bei unserem ersten Trip in den Süden Chinas vor drei Wochen sammelten wir intensiv Erfahrung mit Rè Nào. Es war während der so genannten Golden Week, wenn sich ganz China und wenige, unerfahrene Ausländer (also wir) auf Reisen begeben. Egal, zu welcher Sehenswürdigkeit wir kamen, durch welche Gassen wir gingen, auf welchem Ausflugsdampfer wir fuhren – es gab kein Entkommen von den Massen, die sich freudig ihre Urlaubs-Eindrücke zubrüllten.

 

Inzwischen kann ich verstehen, dass eine chinesische Freundin, die vor Jahren als Krankenschwester nach Österreich ging, bei ihrer Ankunft in Wien dachte, es sei etwas Furchtbares geschehen. Ganz still und menschenleer wären die Straßen der Hauptstadt an jenem Sonntagmorgen gewesen. Das hätte ihr richtig Angst gemacht, und sie hätte gedacht, dass vielleicht ein Krieg bevorstünde und deswegen alle Menschen in ihren Häusern wären. Damals hatte ich diese Geschichte nicht verstanden, als eine übertriebene Anekdote abgehakt. Doch aus hiesiger Perspektive wird der Kulturschock begreifbar, den meine an Rè Nào gewöhnte Freundin erlitten hatte. So wie ich jetzt (eigentlich wollte ich immer im dünn besiedelten Schweden leben, aber das ist eine andere Geschichte). Egal, meine Freundin hat sich bestens mit ihrem ruhigeren Leben in Wien arrangiert. Das wird mir mit dem kakophonischen Alltag in China sicher auch gelingen. Irgendwann jedenfalls.

Neue Wege für Journalismus? Mein Taiwanbuch-Crowdfunding-Projekt

Weil meine Reporter-Heimat Taiwan eigentlich wichtig, aber im Ausland noch immer so wenig bekannt ist, möchte ich ein neues Buch herausbringen. Und Sie können mir dabei helfen.

Dies ist auch ein Test, ob in Zeiten der Medienkrisen neue Finanzierungswege im Journalismus funktionieren. Mein Projekt steht auf der neuen Crowdfunding-Plattform Krautreporter.

Hier geht es nicht um milde Gaben; es winken handfeste Gegenleistungen: Unterstützer bekommen schon für 10 Euro mein Taiwan-E-Book-Paket, für 25 Euro außerdem das neue Buch direkt nach Erscheinen frei Haus.

Mehr Informationen in diesem Video und auf krautreporter.de/taiwanbuch

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von krautreporter.de zu laden.

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Sie können sich noch bis zum 28. Februar an dem Projekt beteiligen. Nur, wenn dieses Projekt gelingt, wird es das neue Buch geben.

Kommt die Summe am Ende nicht zusammen, erhalten alle Unterstützer automatisch ihr Geld zurück.

Atemmasken zum Neujahrsfest

Es gibt einen neuen Geschenkehit zum chinesischen Neujahrsfest: Atemmasken. Wo sonst vor allem rote Umschläge mit Geld oder edle Früchte und andere Speisen verschenkt werden, gehts jetzt auch um Dinge zur Förderung der Gesundheit. Seit Wochen hängt eine dicke Smogwolke über dem Land, und darüber freuen sich ein paar gewitzte Unternehmer, die ihre Masken gezielt zum Neujahrsfest in zwei Wochen anpreisen. So stellen zum Beispiel Apotheken die Masken, sonst irgendwo hinten im Lager platziert, nun vorn ins Schaufenster – gleich mit Werbung: Speziell gegen PM2,5, also Feinstaub, seien die Masken. PM2,5 – was in Deutschland Feinstaub heißt – ist auch in China heute das Hauptreizwort im Zusammenhang mit dem Smog. Auch teure Lufreiniger werden angepriesen, die sich früher kaum ein Mensch gekauft hätte.

Schon immer seien chinesische Geschäftsleute gut darin gewesen, aus Krisen prima Geschäftsideen zu generieren, schreibt die staatliche Zeitung China Daily (link). Für die derzeit zig Millionen Wanderarbeitern bevorstehende beschwerliche Eisenbahnreise in ihre Heimatdörfer zum Neujahrsfest dachte sich ein Unternehmer eine Art Schlafhaube aus. Sie sieht aus wie ein Kesselwärmer mit einem Loch zum Atmen um die Nase und Löchern über dem Kopf, in die man die Arme stecken und verschränken kann. Keine Ahnung, wer so schlafen kann. Aber besser als nichts, so ist es wohl. Im Laufe eines Skandals um Babymilchpulver Ende 2008 stiegen viele Firmen ganz schnell in den Milchpulver-Import ein. Und als ein Skandal um recyceltes Speiseöl für Aufregung sorgte, erfanden Unternehmer ein angebliches “Schmutzöl-Testpapier” und verdienten einen Haufen Geld damit.

Leider hat noch keiner eine Windmaschine erfunden. Vor drei Tagen blies ein steifer Nordwind aus Sibirien, und die Feinstaub-Werte lagen zack auf unter 50, dem Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation. Doch seither herrscht wieder Windstille, und alles wieder auf Anfang; die Werte schrauben sich ohne Wind sofort unerbittlich hoch. Ab 250 werden Aktivitäten im Freien eingeschränkt – zB alle Sportveranstaltungen unserer Kinder abgesagt. Heute morgen haben wir 425. Fast schon Routine in diesen Tagen.

18 Grad? Brrr, ganz schön kalt!

In den Emails, die ich aus Deutschland bekomme, geht es seit zwei Wochen stereotyp ums Wetter. Besser gesagt, um die knackigen Kältegrade dort. Doch endlich kann ich mal kontern mit dem markigen Satz: „Bei uns ist es auch ganz schön kalt, heute Früh waren es nur 18 Grad!“ Bitte nicht lachen, das wäre jetzt gänzlich unangebracht. Schließlich ist der Alltag in den tropischen Philippinen jahrein, jahraus geprägt von Temperaturen jenseits der 30 Grad-Marke.

Doch seit mehr als einer Woche ist alles anders, der Nordost-Monsun gepaart mit einer Kaltfront lässt die an Hitze gewöhnten Einheimischen morgens bibbern. Warme Jacken sind derzeit ein Verkaufsschlager, und auch tagsüber darf’s ein T-Shirt mit langen Ärmeln sein. Ausländer aus Ländern mit Kontinentalklima blühen hingegen auf. Wenn ich morgens die Kinder in die Schule bringe, höre ich auf dem Campus von allen Seiten begeisterte Kommentare über die ungewöhnliche Kältewelle. Noch nie sind mir morgens so viele Energiegeladene Läufer begegnet. Vieles fällt eben leichter, wenn der Schweiß nicht schon im Stehen aus den Poren strömt. Nur mit dem Schwimmen haben einige Eltern so ihre Probleme – bei nur 26 Grad und Wind kann man doch kein Kind ins Wasser jagen, oder?

Um ehrlich zu sein, wir sind dank unserer elf Jahre in Asien temperaturmäßig auch schon ganz schöne Weicheier geworden. Besonders deutlich wurde das letzten Sonntag, als mein Mann auf der Terrasse sitzend mit einmal fröstelt. „Der Wind ist echt kalt“, so die etwas verschämte Entschuldigung. Fünf Minuten später drückte ich ihm eine Tasse mit dampfendem Glühwein in die Hand. Den können wir sonst nur genießen, wenn die Klimaanlage im Haus auf Höchststufe rattert. Mein Mann trank den Warmmacher kommentarlos und fühlte sich gleich besser.

Bis Februar soll die Kälte noch anhalten, so meldet das nationale Wetterbüro. Weitere herrliche Tage also ohne Klimaanlage, Eiswürfel und Kaltwasser-Duschen zum runter kühlen. Und noch ein paar Tage, in denen ich kecke Mails nach Deutschland schicken kann: „Bei uns ist es auch ganz schön kalt.“

Taiwan: Studenten demonstrieren für Medienvielfalt

Wie war Ihr Silvester neulich? Ich habe mir zum Jahreswechsel das wie immer spektakuläre Feuerwerk am Taipei 101-Wolkenkratzer angesehen. Dazu musste ich nur vor die Haustür treten. Mein Video vom Feuerwerk, das ich noch in der Nacht ins Internet gestellt hatte, haben mittlerweile etwa 200.000 Menschen weltweit gesehen.

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Direkt am Hochhaus drängten sich zehntausende Taiwaner, vor allem aus der jungen Generation, um einen besonders guten Blick zu erhaschen. Einige aber machten sich dieses Jahr nichts aus dem Spektakel – sie hatten wichtigeres zu tun: Mehrere hundert Studenten begrüßten 2013 mit einer Mahnwache auf dem „Freiheitsplatz“ in der Nähe des Präsidentenpalasts. Dunkelheit, Kälte und Regen konnten sie nicht abhalten. Sie sind Teil einer Studentenbewegung, die seit etwa einem halben Jahr immer wieder mit friedlichen Protesten auf ihre Ziele aufmerksam macht. In Taiwan ist das ungewöhnlich, denn eigentlich gelten Studenten hier als extrem unpolitisch und kaum zu mobilisieren.

Studenten Demo Taiwan

Es geht um den Kampf gegen ein „Medienmonster“, um Meinungsvielfalt und Pressefreiheit. Die Studenten fordern von der Regierung und den Kartellbehörden, einen milliardenschweren Mediendeal zu verhindern. Taiwans größte Boulevardzeitung und das wichtigste kritische Nachrichtenmagazin sollen verkauft werden. Bislang gelten beide Blätter als politisch relativ unabhängig und ausgewogen. Die neuen Käufer aber sind einige der reichsten Unternehmer Taiwans, und sie machen einen Großteil ihrer Geschäfte drüben in China.

Nicht nur die Studenten, sondern eine breite Allianz aus Bürgerrechtsgruppen, Professoren und Journalisten fürchtet: Die neuen Eigentümer könnten china-kritische Berichte verhindern und ihre Medienmacht für eigenen Interessen missbrauchen. Am Ende könnten sie gar Taiwans Medienmarkt monopolisieren. Abweichende Stimmen würden dann kaum noch laut werden.

Studenten Medien Demo Taipeh

Auf einer Demonstration vor der Kartellbehörde in Taipeh habe ich vor einigen Wochen selbst gesehen, wie leidenschaftlich viele Studenten sich für dieses Thema engagieren. Vor allem wollen sie sich nicht den Mund verbieten lassen. Dass konservative Medien ihre Bewegung nicht ernst nehmen und sie als Störenfriede abstempeln wollen, spornt die Studenten nur noch mehr an. Die Proteste spülen vieles an die Oberfläche, was in Taiwans traditionell konfuzianisch geprägter Gesellschaft bislang kaum hinterfragt wurde: Erwachsene Studenten werden häufig wie unreife Kinder behandelt, denen man nicht auf Augenhöhe begegnen muss. Viele Universitäten untersagen ihnen gar politische Aktivitäten – ein Überbleibsel aus der Zeit, als Taiwan per Kriegsrecht regiert wurde.

Natürlich ist es nur eine kleine Minderheit der Studenten, die sich wirklich engagiert. Und ich glaube nicht, dass der Kampf gegen das Medienmonster am Ende erfolgreich sein wird. Taiwans Regierung will den Verkauf der Medien unter rein wirtschaftlichen Kriterien beurteilen. In jedem Fall aber denke ich: Viel wichtiger ist es, dass viele junge Taiwaner nun für gesellschaftliche Themen sensibilisiert sind. Und sie wehren sich dagegen, dass man sie nicht für voll nimmt. In Zukunft werden sie bestimmt noch öfter Gelegenheit haben, den Mund aufzumachen.

Bilder der Studentenproteste in Taiwan (Video):

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Was macht Taiwan so besonders, und wie lebt es sich in der einzigen Demokratie, in der Chinesisch Landessprache ist? Über meinen ungewöhnlichen Alltag habe ich ein kleines Buch geschrieben und mit vielen Fotos garniert.

Buch von Klaus Bardenhagen: Tschüß Deutschland, Ni hao Taiwan

Sie können einen Blick in mein Buch “Tschüß Deutschland, Ni hao Taiwan” werfen und es bestellen – gedruckt oder als e-Book im EPUB-Format für weniger als vier Euro.

berichtet seit 2009 aus Taiwan. Erfahren Sie mehr unter taiwanreporter.de oder folgen Sie ihm per Facebook und Twitter.

Giant: Fahrräder Made in Taiwan

Vielleicht stand ja dieses Jahr eines bei Ihnen unterm Weihnachtsbaum? Der Fahrradhersteller “Giant” ist in Deutschland mittlerweile ein Begriff und eröffnet demächst auch ein erstes eigenes Geschäft in Düsseldorf. Dass “Giant” aus Taiwan stammt, ist dagegen weniger bekannt.

Ich habe die Firmenzentrale in der Stadt Taichung besucht und die Firma in einem Bericht für die Deutsche Welle vorgestellt: Der Fahrradriese aus Taiwan

Wie entstehen die Räder? Ich habe außerdem ein kleines Video vom Montage-Band gedreht.

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Was macht Taiwan so besonders, und wie lebt es sich in der einzigen Demokratie, in der Chinesisch Landessprache ist? Über meinen ungewöhnlichen Alltag habe ich ein kleines Buch geschrieben und mit vielen Fotos garniert.

Buch von Klaus Bardenhagen: Tschüß Deutschland, Ni hao Taiwan

Sie können einen Blick in mein Buch über das Leben in Taiwan werfen und es bestellen – gedruckt oder als e-Book im EPUB-Format für weniger als vier Euro.

berichtet seit 2009 aus Taiwan. Erfahren Sie mehr unter taiwanreporter.de oder folgen Sie ihm per Facebook und Twitter.

Wahltag in den USA trifft auf Machtwechsel in China

Alle wissen ja, dass in Amerika heute gewählt wird. Aber fast genau zeitgleich findet auch in China ein Machtwechsel statt. Von Wahl kann man hier zwar nicht sprechen. Ausgekungelt wurden die neuen Parteichefs in den Hinterzimmern der Kommunistischen Partei. Verkündet werden die neuen Miltglieder des engsten Machtzirkels – dem Ständigen Ausschuss des Politbüros der KPCh – auf dem am Donnerstag beginnenden Parteitag. Der findet nur alle fünf Jahre statt. Und deshalb ist es auch etwas Besonderes, dass die Großmacht USA und die Vielleicht-Bald-Großmacht China mit nur wenigen Tagen Abstand beide ihre politische Spitze zur Disposition stellen oder austauschen. Zum letzten Mal fanden US-Präsidentenwahl und KPCh-Parteitag im Jahr 1992 zeitgleich statt. Damals siegte in den USA Bill Clinton. In China war aber – drei Jahre nach der Niederschlagung der Tiananmen-Proteste – an einen Stabswechsel garnicht zu denken. Der damalige Parteichef und Präsident Jiang Zemin war gerade erst drei Jahre an der Macht und auf dem Parteitreffen eher dabei, diese zu konsolidieren. In den achtziger Jahren wechselten sich zwar einige Parteichefs ab, doch der starke Mann war der alte Reformpatriarch Deng Xiaoping. Und davor herrschten Mao und zumeist auch das Chaos.

Klar, der Spaß an einem solchen zeitlichen Zusammentreffen ist vor allem was für eingefleischte Politjunkies. Denn wahrscheinlich wird sich zwischen beiden Staaten gar nicht viel ändern – auch wenn der voraussichtliche neue KP-Chef und Präsident Xi Jinping am Ruder ist, und dann beim nächsten Gipfel entweder Obama oder Romney die Hand schüttelt. Die bilateralen Beziehungen der beiden Staaten gelten als die wichtigsten der Welt, und sie sind trotz regelmäßiger Spannungen und gelegentlichem Misstrauen eigentlich stabil.

Wie sehr die Amerikaner den chinesischen Stabwechsel in der Partei beobachten, ist von Peking aus schwer zu sagen. Aber die Chinesen schauen genau auf die USA. Die Debatten standen auf chinesischen Video-Plattformen. Obama sorgte auch hier 2008 für eine gewisse Aufregung. Seit damals gibt es auf Klamottenmärkten T-Shirts mit Obama im Mao-Käppi. Oder Autoaufkleber wie diesen hier:

Schickaniere mich nicht, steht da drauf: Mein Großer Bruder ist OBAMA.

Viele Chinese interessieren sich gar mehr für die US-Wahl als für den Generationswechsel daheim. Mehr Farbe, es fliegen die Fetzen in einem öffentlichen Wahlkampf, und ja überhaupt, man kann eben etwas auswählen. Zumindest Chinas Netizens haben dabei ähnliche Vorlieben wie die meisten Europäer Bei einer Umfrage des Microblogs Weibo führte Obama innerhalb von zwei Tagen mit 7:1.

Chinas Staatsmedien meckern derweil, denn beide Kandidaten prügeln auf China ein – das so genannte China-Bashing hat im US-Wahlkampf Tradition. Besonders kernig gibt sich Mitt Romney, der China gleich am ersten Amtstag als Präsident zum Währungsmanipulator abstempeln will. Angst vor Romney? Ach wo. Man müsse Romneys Parolen nicht beim Wort nehmen, glaubt Shen Dingli, Direktor des Zentrums für Amerikastudien an der Shanghaier Fudan-Universität. „Romney wird das gleiche tun wie Clinton, Bush oder Obama“, so Shen. Sprich: Nach dem Wahlkampfgetöse die Politik auf das übliche Lautstärke herunterfahren.

In den USA laufen jetzt die letzen Stunden vor der Wahl. In Peking ist die Stadt noch zwei Tage im Warte- und Ausnahmezustand. Patrouillen suchen die Stadt ab nach reaktionären Slogans, die Polizei lässt stadtbekannte Dissidenten nicht aus den Augen. Überhaupt stehen überall Polizisten. Und selbst Taxifahrer haben genaue Anweisungen: Weiträumig umfahren sollten sie den Tagungsort am Platz des Himmlischen Friedens, und darauf achten, dass Fahrgäste keine Anti-KP-Parolen an ihrem Auto befestigen. Auch dürfen sie niemanden mitnehmen, der irgendeine Art von Ball transportiert. Es könnte ja sein, dass der Fahrgast Tischtennisbälle mit subversiven Botschaften aus dem Auto wirft. Daher müssen die Fahrer die Fensterscheiben auf den Rücksitzen blockieren. In China wird eben nichts dem Zufall überlassen.

Gangnam Style für China und Nordkorea

Zensoren verstehen keinen Spaß. Oder lassen sich nicht vergackeiern. Was letztlich aufs Gleiche hinausläuft. Als jedenfalls der Künstler Ai Weiwei, derzeit Chinas bekanntester Regimekritiker, eine selbst gedrehte Persiflage des koreanischen Superhits Gangnam Style (link hier) ins Netz stellte, reagierten sie prompt. Binnen Stunden war das Video des Pferdetanzes a la Ai von der lokalen Filmwebsite Tudou verschwunden. Auf Youtube steht es noch (link hier), die Seite ist in China allerdings seit Jahren ohnehin blockiert.

Der Nachrichtenagentur AP sagte Ai, er habe das Video doch nur gemacht um einen Rockstar-Freund aufzuheitern, dessen Wohnhaus abgerissen werde um Platz für ein Naubaugebiet zu machen. Humor helfe gegen die Frustration der Menschen: “Ständig wird uns unsere Fröhlichkeit genommen, unsere Häuser abgerissen, wir werden dauernd kontrolliert, und all das hat Einfluss auf unsere Fröhlichkeit.” Im pinken T-Shirt reitet der vollschlanke Ai also mit Freunden durch seinen Hof, zwischen eingeblendeten Teilen aus dem Original des Südkoreaners PSY. Aber dann holt er während des Pferdetanzes irgendwann eine Handschelle aus der schwarzen Jacke und im Gangnam Style schwingt sie wie ein Lasso.

Klar, das ist mehr als nur Happiness. Das haben die Zensoren blitzschnell durchschaut. Wenn Ai Weiwei etwas macht, dann wittern sie ohnehin sofort Unbill.

Aber vielleicht sollten sie sich freuen, dass weder Ai noch andere bisher über ihren Präsidenten Hu Jintao etwas produzierten wie Kim Jong Style (link hier) – eine Gangnam-Parodie auf den jungen Diktator Nordkoreas: Darin tanzt ein Kim Jong Un-Impersonator mit Haarteil und Kommunistenanzug zwischen Pferden oder uniformierten Schönheiten herum, und hängt an einer gerade abgeschossenen Rakete: “Hey, unser einziger Export sind Atomtests”. Später sitzt “Kim” nackt mit Sonnenbrille in der Badewanne und lässt sich eine Dame bringen, die seine Zehen ablutschen soll.

Diplomat ohne Ruhestand: Egon Bahr über Taiwan (Video-Interview)

Auch außerhalb Taiwans finden sich interessante Themen. Neulich in Berlin war es mir gelungen, den 90-jährigen Egon Bahr über seine Taiwan-Reise zu befragen.

Man nennt ihn „Tricky Egon“, weil er durch unermüdliches Verhandeln und geschicktes Taktieren immer wieder scheinbar Unmögliches erreicht hat: Egon Bahr prägte den Begriff „Wandel durch Annäherung“. Seine „Politik der kleinen Schritte“ führte in den 70er Jahren zur allmählichen Annäherung zwischen Ost und West und machte den kalten Krieg ein gutes Stück weniger gefährlich.

Egon Bahr

Mit 90 Jahren verfolgt Bahr heute noch immer gespannt, was sich in der Welt tut. So war er im Dezember 2011 eine Woche nach Taiwan gereist, auf Einladung der Regierung. Von dem Mann, der zur Zeit der deutschen Teilung so erfolgreich zwischen den Fronten vermittelt hatte, erhoffte man sich offenbar Anregungen fürs Verhältnis zwischen Taiwan und China.

In Berlin rief ich in der SPD-Parteizentrale an und schilderte einer Mitarbeiterin der Presseabteilung, die auch Bahrs Terminkalender verwaltet, mein Anliegen. Ergebnis: Obwohl Bahr gerade erst seinen Geburtstag und eine Reihe Empfänge und Ehrungen hinter sich gebracht hatte, saß ich ihm nur zwei Tage später an seinem Schreibtisch gegenüber, in einem hellen Büro irgendwo in den langen Korridoren des Willy-Brandt-Hauses.

In dem Gespräch ging es dann genauso um die große Weltpolitik (China vs. USA) wie um das kleine Taiwan. Das Interview mit Egon Bahr als Video:

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Ein Transkript des Gesprächs und weitere Informationen stehen hier: Egon Bahr über Taiwan

Was er denn als nächstes vorhabe, fragte ich den 90-Jährigen, während ich meine Sachen zusammenpackte. „Ein Buch schreibe ich noch darüber, was in der EU gerade passiert.“ Da laufe so unfassbar viel schief. „Und danach kann ich in Ruhe verblöden.“

Was macht Taiwan so besonders, und wie lebt es sich in der einzigen Demokratie, in der Chinesisch Landessprache ist? Über meinen ungewöhnlichen Alltag habe ich ein kleines Buch geschrieben und mit vielen Fotos garniert.

Buch von Klaus Bardenhagen: Tschüß Deutschland, Ni hao Taiwan

Sie können einen Blick in mein Buch über das Leben in Taiwan werfen und es bestellen – gedruckt oder als e-Book im EPUB-Format für weniger als vier Euro.

berichtet seit 2009 aus Taiwan. Erfahren Sie mehr unter taiwanreporter.de oder folgen Sie ihm per Facebook und Twitter.