Alle Jahre wieder

Das Leben im Norden Europas kann recht angenehm sein – die Natur ist sauber, das Meer selten weit und trotz der ein oder anderen Horrormeldung (hier ein Text meines ehemaligen Praktikanten) muss man nicht viel Angst vor Kriminalität haben. Auf der Negativliste stehen neben den trüben Monaten extrem hohe Lebenshaltungskosten und ebensolche Steuern. Dafür wird das ein oder andere geboten, wie beispielsweise kostenlose Ausbildung der Kinder, wenn man denn welche hat.

Ein weiteres nordisches Phänomen trübt die Lebensqualität in regelmäßigen Abständen erheblich ein: die Nichtexistenz eines klassischen Wohnungsmarktes. In Nordeuropa ist es üblich, Immobilien zu kaufen und der ein oder andere mietet auch. Doch wer denkt, dass diese Handel überwiegend auf einem gewöhnlichen, allen leicht zugänglichen Markt vorgehen, irrt.

Nehmen wir das Beispiel Kopenhagen. Ein großer Teil der Hauptstädter wohnt in einer so genannten Andelsbolig, am ehesten mit der deutschen Genossenschaftswohnung vergleichbar. Man kauft sich einen Anteil an der Gesellschaft, die das Haus besitzt und darf dann gegen eine relativ geringe Miete eine bestimmte Wohnung nutzen, eine Zweizimmerwohnung in zentraler Lage ist so durchaus für eine monatliche Belastung von unter 800 Euro zu haben. Doch die Genossenschaftsanteile werden üblicherweise nicht frei gehandelt, sondern sind einerseits preisreguliert und werden andererseits nur an jene verkauft, die schon jahrelang auf der Warteliste der Andelsboligselskab stehen. Klar, dass hier Neuzuzügler – ob aus dem Ausland oder anderen Teilen Dänemarks – das Nachsehen haben. Schließlich haben sie nicht zehn Jahre vor dem Umzug geahnt, dass sie einmal in Kopenhagen landen würden und sich dementsprechend nicht früh genug auf eine solche Liste gesetzt.

Mittlerweile gibt es zwar einige Anteile im offenen Angebot, doch die sind erheblich teurer und zudem gibt es sehr enge Vorschriften, die regeln inwieweit eine solche Wohnung im Falle eines Auslandsaufenthaltes untervermietet werden darf. Wer also wegzieht, riskiert, zu einem schlechten Zeitpunkt zum Verkauf gezwungen zu werden, weil er nicht länger untervermieten darf.

Bleibt also der Mietmarkt. Teilweise wirklich günstig sind die Angebote auf der Seite der größten Wohnungsgesellschaft: Im gutbürgerlichen Stadtteil Østerbro beispielsweise gibt es Dreizimmerwohnungen ab 400 Euro Kaltmiete. Doch Priorität hat, wer ohnehin schon in dem Haus wohnt. Also heißt es, erst einmal mit einer Einzimmerwohnung anfangen und hoffen, dass bald etwas Größeres frei wird. Die Einzimmerwohnungen kosten gerade einmal zwischen zwei- dreihundert Euro monatlich. Der Haken an der Sache: mal eben kurz in die Miniwohnung und dann in die große geht nicht. Alleine für die Einzimmerwohnung beträgt die Wartezeit ‘mere end 20 år’, mehr als zwanzig Jahre. Da fragt man sich, wer sich überhaupt auf eine solche Warteliste setzen lässt – mit 15 drauf, mit 35 in der 20 Quadratmeterwohnung in Hoffnung darauf, vielleicht sieben Jahre später in eine größere wechseln zu dürfen, vielleicht auch schon nach drei Jahren, vielleicht aber auch nie? Leider ist dieses Beispiel exemplarisch. Kurze Wartezeiten gibt es in erster Linie aus sozialen Gründen, dazu zählt auch, dass die klassische weiße Mittelklasse die Wartezeit verkürzt bekommt, wenn sie bereit ist, in Einwandererbezirke mit hoher Arbeitslosigkeit zu ziehen.

Standardlösung ist deshalb vor allem für Zugezogene sich von Untermiete zu Untermiete zu hangeln. Denn, wer einen Genossenschaftsanteil besitzt, vermietet diesen womöglich mal unter, z.B. wegen eines Auslandsaufenthalts (s.o.). Maximale Mietdauer ist in solchen Fällen aber zwei Jahre, Standard ein Jahr oder noch weniger. Deshalb heißt es für viele neu Kopenhagener wieder und wieder alle Jahre wieder: Wohnungssuche und Umzug. Die Kaste der Nichtseßhaften ist gefühlt so groß wie der Stimmanteil von Linkspartei und FDP zusammen bei der Bundestagswahl in diesem September.

Es gibt nur zwei Alternativen: eine klassische Eigentumswohnung oder eine klassische Mietwohnung. Immerhin, in jüngster Zeit wird beides angeboten, allerdings überwiegend in Betonburgen am Stadtrand. Die haben zwar hochklassige Architekten entworfen, doch es sind reine Schlafstädte, die vielleicht einen Supermarkt um die Ecke haben, aber weder Cafés, noch Gemüse- oder Blumenläden. Und die Preise? München, Innenstadtlage (mit Café, Gemüse- und Blumenladen um die Ecke) plus 30 Prozent.

Berlin, wir kommen!

Der Kieferorthopäde vom Khan El-Khalili

»Good price, only today, nur gucken«, das sind Floskeln, die so manchem Ägypten-Reisenden noch Monate lang im Ohr klingeln. Kein Schritt über den Khan El-Khalili in Kairo, der Mutter aller Basare, der nicht einem Spießrutenlauf durchs Spalier ganzer Händlergroßfamilien gleicht. Onkel, Neffen und der Bruder vom besten Freund des Ladenbesitzers, und alle beherrschen jene Floskeln in einem halben Dutzend Sprachen, mindestens. Wer in einen ihrer Läden schaut, hat schon verloren. Egal, was er kauft, er hat das zu einem völlig überhöhten Preis getan. Abgesehen davon, dass es meistens sowieso Tinnef ist.

Dann steigt der Tourist in ein Taxi und zahlt ein Vielfaches von dem, was ein Ägypter bezahlen würde. Er holt sich eine Flasche Mineralwasser am Kiosk und wird auch dort ausgenommen. Das Gefühl, der Abzocke hilflos ausgeliefert zu sein, nervt – selbst mich, der ich nach über zehn Jahren in Kairo die wirklichen Preise kenne und mich (meistens) wehren kann.

Viele lieber würde ich mich den Nervereien widmen, die wirklich unvermeidbar sind, statt Taxifahrer an der Gurgel zu haben oder von einem angefahren zu werden, der den Rückwärtsgang einlegt, wenn ich aussteige, um mich wütend mit seiner Heckstange umzunieten. Nur weil ich den von ihm geforderten Fahrpreis nicht zahlte. So etwas passiert mir immer wieder.

Gern beobachte ich deutsche Freunde, die hier zu Besuch sind. Über Europäer, die von den Gebräuchen in Kairo völlig überfordert sind, schrieb Ali Bey al-Abbassi schon vor 200 Jahren: »Aus der Fassung gebracht gleichen sie dann in ihrem exaltierten Dahinschreiten Wahnsinnigen.« Feilschen gehört nicht zu den deutschen Gebräuchen meiner Freunde. Wenn sie es dennoch tun müssen, verkrampfen sie und kriegen einen starren Blick. Man muss natürlich nicht überall im Kairoer Alltag feilschen, schon gar nicht als Ägypter, aber überall dort, wo Touristen unterwegs sind.

Das Blöde ist, ich kann diese Abzocke verstehen. Der Taxifahrer, der sich einmal im Monat glücklich schätzen kann, einen Ausländer zu befördern, und ihn dann übers Ohr haut, ist danach immer noch arm und hat höchstens eine Fleischmahlzeit mehr. Er nimmt halt, was der Markt hergibt. Anders ist das in Deutschland ja auch nicht. Wenn ich mit deutschen Redakteuren ums Honorar feilsche, habe ich inzwischen, wenn ich gut feilschte, am Ende auch nur eine Fleischmahlzeit mehr. Davon, dass diese Redakteure für diese Verhandlungen ganz offensichtlich auf dem Khan El-Khalili geschult werden, ganz zu schweigen.

Kürzlich war ich mit meinem elfjährigen Sohn in Berlin beim Kieferorthopäden. In der Praxis schicker Designerbeton, Edelstahltreppengeländer, raffinierte Lichtinstallationen, Mineralwasser kostenlos aus dem Spender. Alles sah sehr teuer aus. Mein Junge braucht eine Zahnspange. Ich dachte: Was kann schon passieren, wir sind ja krankenversichert.

Der Kieferorthopäde guckte kurz in seinen Mund rein und überschwemmte mich dann mit Kostenvoranschlagsvarianten. 500 Euro hier, 1400 dort, und ohne 165 Euro gleich am Anfang könne erst gar nicht begonnen werden. Fehlte nur noch, dass er sagte: Good price, only today! Mir brummte der Schädel, ich war außerstande zu beurteilen, was medizinisch notwendig war und was nicht. Der Orthopäde beschwor mich so eindringlich, dass ich fürchtete, mein Sohn müsse den Rest seines Lebens ganz ohne Zähne verbringen, wenn ich knauserig sei. Wer möchte schon an der Gesundheit seines Kindes sparen.

Ich wollte das alles erst mal durchdenken, sagte ich. Beim Rausgehen, aus der Fassung gebracht, das Edelstahltreppengeländer fest im Griff, glich ich in meinem exaltierten Dahinschreiten einem Wahnsinnigen.

Morgens auf dem Planeten Erde (12): New York

Die gefühlte Weltlage entscheidet darüber, wie lange ich schummeln darf, nachdem um sechs der Wecker geklingelt hat. Eine Viertelstunde, eine halbe? Ist über Nacht wieder eine Bank in die Knie gegangen, ein Flugzeug im Hudson gelandet, ein Milliardenbetrüger aufgeflogen? Oder hält sich Präsident Obama an seinen Tagesablauf, spricht die Worte in die Kameras, die mir seit Stunden vorliegen und die die amerikanischen Kollegen bereits ausgiebig debattiert haben?

Gestern wieder bis zwei geschrieben, die Knochen sind müde, das Hirn bleiern, der Kreislauf nicht vorhanden. Doch der erste Redaktionsschluss ist um zehn und man weiß nie, was in der Inbox schlummert. Oft nichts Aufregendes, aber manchmal eben die arglose Anfrage für 300 Zeilen bis 15.30 Uhr, also 9.30 Uhr bei mir. Und bis sieben muss die Tagesvorschau für die Schweiz ohnehin raus. Also gibt´s wieder nur den kalten Espresso vom Vortag, mit reichlich Milch verdünnt schmeckt er kaum noch bitter.

An solche Dinge gewöhnt man sich. Nach fast sieben Jahren New York ist das Frühaufstehen zur Routine geworden, Zeitzonen, Redaktionsschlüsse, Zeilenlängen haben sich tief ins Unterbewußtsein eingegraben. Nur der Mittwoch und der Donnerstag, die liegen mir immer noch schwer auf der Seele. An den beiden Tagen muss ich gegen acht rausrennen und unser Auto umparken. Straßenreinigung. Konkret kommt zwischen 8.30 und 10 Uhr ein kleines Wägelchen vorbei und schiebt den ganzen Dreck vor sich her. Ob´s wirklich etwas hilft? Wer weiß.

Auf jeden Fall bringt die Sache buchstäblich die halbe Stadt auf die Beine. Zum Umparken eben, eine Wissenschaft für sich, für die es ein Diplom geben sollte. Wenn ich Glück habe, fährt gerade ein Nachbar auf der Donnerstagsseite zur Arbeit und ich ergattere seinen Platz. Oder ich finde einen auf einem Block, wo sie montags, dienstags oder freitags umparken müssen. Oder ich rufe 311 an, die städtische Hotline, und drücke die Daumen, dass gerade einer der unendlich vielen religiösen Feiertage herrscht in der Stadt, dann sind nämlich alle vom Umparken entbunden. Manchmal, habe ich das Gefühl, hängt es auch einfach von der Laune unseres Bürgermeisters Michael Bloomberg ab, ob tausende New Yorker gezwungen sind, ihre Motoren zu starten.

Sollte das stimmen, ist er in letzter Zeit ziemlich mies drauf. Oder hat einfach kein Geld in der Stadtkasse. Die Verkehrspolizisten verfolgen jedenfalls schummelnde Umparker gerade besonders gnadenlos. Neulich war ich zwei Minuten zu spät. Macht 45 Dollar. Manchmal kann es ok sein, in der zweiten Reihe zu parken, aber nur, wenn man das Fahrzeug auch auf die Minute genau wieder vorschriftsmäßig auf der gerade gereinigten Seite abstellt. Und double parking auf einem Straßenblock mit einer Schule solle man sich tunlichst sparen. Kostet 115 Dollar. Frag´ mich mal einer, woher ich das weiß.

Morgens auf dem Planeten Erde (11): Belgrad

Warm ist es in Belgrad geworden, ganz plötzlich. „Aus den Stiefeln direkt in die Badehose“, meckert gestern Mira, die Nachbarin. Klar, bei 27 Grad Lufttemperatur könnte man schwimmen gehen, wenn das Baden an der Save und Donau nicht verboten wäre. Das Wasser, 19 Grad, sei noch zu kalt – sagen die Stadtväter. Die kennen die Ostsee nicht, denke ich.

Nachts kommt der warme Wind durchs offene Fenster, am Kopfkissen breitet sich die dicke Mondscheibe aus. Heute früh schleicht sich die Sonne unter meine Wimpern. Vorsichtig ein Auge nach dem anderen aufmachen, feststellen, alles ist genauso wie gestern, endgültig räkeln, aufwachen.

Morgenrituale: Puschen an, runter auf die Straße, im Kiosk nebenan Zeitung kaufen, Zigaretten kaufen, die Weltkrise im Mikrokosmos Serbien („alles wird teurer“) mit den Mädels vom Kiosk bereden. Türkischen Kaffee kochen, Balkonblumen grüßen und wässern, Katzen grüßen und füttern, mich selbst wässern und seifen, Radio einschalten, Blechkiste einklicken. Kurz gucken was WELTREPORTER so in der Welt machen. Man weiß nie ob sie noch ruhig schlafen oder hundert Mails pro Stunde in die Welt schicken…  Einer aus Rio, Sydney oder Rom stellt eine Frage und plötzlich entwickelt sich eine ungeheure Maildynamik, die Gedanken wuseln im weltweiten Netz, umgarnen die Kontinente und du kannst nicht anders, du bist auch dabei und statt  Themenvorschläge zu schreiben und Geld zu verdienen, palaverst du per Tastatur mit den Gleichgesinnten.

Heute früh, alles ruhig. Die Welt da draußen ist in Ordnung. Endlich ein Morgen, der nichts von mir will.
Also, raus auf die Terrasse,Türkenkaffee in der Tasse, eine Lulle in der Hand, „POLITIKA“, die serbische SZ und FAZ in einem, vor der Nase, der Tag kann kommen. (À propos Zigaretten: Es soll demnächst zu einem milden Rauchverbot kommen. Das gefällt dem Volk nicht, Serben, die Weltmeister im Rauchen, sammeln seit gestern Unterschriften gegen das neue Gesetz, wahrscheinlich mit Erfolg.)

Meine Lieblingsrubrik in der „Politika“ heißt „Handy-News aus Belgrad“, die lese ich zuerst. Hier werden unredigierte Polizeimeldungen der letzten Nacht weitergegeben. Die BILD ist nichts dagegen, schon die Überschriften sind himmlisch: „Käse, Laptop und Schinken aus dem Laden gestohlen“, „Frau aus dem Bus gefallen“, „Betrunkener Schwiegervater misshandelt Hausbewohner und Hund“,  „Lüster aus dem Hochhaus auf den VW gefallen“. Die Texte lauten dann so: „Auf der Straße Pancevacki put haben sich zwei Nachbarn einen bösen Kampf geliefert. Einer von ihnen bekam einen Schlag auf den Kopf, und zwar mit der ausgerissenen Tür einer Scheune. Im Krankenhaus wurde eine Fraktur des Schädels festgestellt“. Oder: „In der Straße Cvijiceva hat eine Frau auf dem Herd türkischen Kaffee gekocht. Die Feuerwehrmänner haben die Tür aufgebrochen und das Feuer am Verbreiten gehindert“. Und das auch noch: „In der Resavska Straße ist durch Messerstiche eine Person verletzt worden. Gleichzeitig hat in derselben Straße ein betrunkener Ehemann seine Frau mit einem Stuhl am Kopf getroffen. Sie kam ins Krankenhaus“.

Nach dieser erbaulichen Lektüre wäre der Markt, dann der obligatorische Kneipenbesuch am Mittag dran, wo man Opa und Enkelkind, Schulfreund und Marktbauern trifft.  Aber da hat sich der Morgen schon längst verabschiedet.
Ach, ja, Ostersonntag heute!

Nicht so in Belgrad. Wir Orthodoxen sind in diesem Jahr erst am nächsten Sonntag dran. Diese Verschiebungen haben mit  den Neumonden und Vollmonden zu tun und mit den römischen Kalendern. Wie das genau läuft  ist mir noch immer ein Rätsel. Sicher ist aber, auch wir haben Ostern jedes Jahr, mal früher und mal später als die Deutschen.

Morgens auf dem Planeten Erde (10): Stockholm

Oh, diese Stille! Ein Morgen ohne Marsmenschen. Man glaubt es kaum. Vor ein paar Tagen waren sie in unser Quartier eingefallen. Stets beim ersten Hahnenschrei fand   sich unter dem Schlafzimmerfenster die ganze Truppe ein. Den Kompressor auf den Rücken geschnallt, den Luftschlauch schwenkend, so ging es munter hinein in die Rabatten. Wie Antennen staksten oben die Ohrenschützer heraus.

An Schlaf ist nicht zu denken, wenn sich so ein Puste-Kommando zum Ostermarsch formiert. Im Visier der Krachmacher sind die winzigen Steinchen, die so lästig unter dem Schuhwerk knirschen. Im Winter verhütet das Granulat das Ausgleiten auf dem Eis. Nun liegt es überall nutzlos herum. Also wird mit Hochdruck die Platte geputzt. Solange bis der toxische Feinstaub alles Leben erstickt. Oder gesetzliche Feiertage dem unchristlichen Treiben endlich Einhalt gebieten.

Der schlaue Schwede ist ohnehin längst entfleucht, in die einsame Hütte am schweigenden See. Alle Nachbarn fort, niemand zu sprechen. Auch ich erwäge   ernsthaft, in der Natur aufzugehen. Der Geistesarbeiter sollte das Rennrad satteln, die Straße ist frei, kein Geröll mehr im Wege. Über sanfte Hügel und durch dunkle Wälder zieht sich das schwarze Band bis hinaus in die Inselwelt der Schären. Training tut bitter Not: In einigen Wochen startet Vätternrundan , ein mörderisches Radrennen über 300 Kilometer einmal rund um den Vätternsee. Tausende radeln in rasender Fahrt, mit dicken Beinen und verzweifelter Hoffnung, im Gepäck reichlich Schokolode und warme Blaubeersuppe.

Über die Saison verteilt gibt es für unsere Helden weitere Prüfungen zu bestehen: Im Juli quälen sie sich durch die eisigen Wasser des Vanån und Västerdalälven, im September mischen sie sich unter die bis zu 30.000 Teilnehmer beim größten Crosslauf der Welt über die Stockholmer Insel Lidingö, dem Lidingöloppet .  Wer alle Wettbewerbe im Laufe eines Jahres absolviert, hat den so genannten „Schwedischen Klassiker“ gemeistert und darf sich die Medaillen mit vollem Stolz über den Kamin hängen.

Keine Ahnung, warum sie in diesem Land immer alles gemeinsam tun. Jedenfalls naht unten im Hof schon das nächste Kollektiv: Kleine Osterhexen, sie schwenken ihre Kupferkanne. Ich greife zu den Schokoladeneiern und eile zur Tür. Alles hat eben seine Zeit.

Morgens auf dem Planeten Erde (9): Manila

Der Blick aus dem Fenster enttäuscht nicht. Die Luft ist rein, und das im Wortsinne. In der Ferne kann ich die Hafenkräne an der Manila Bay erkennen. An normalen Tagen saugt sich fetter, grauer Smog in der Stadt fest und verhindert jeden Durchblick. Aber heute ist ein besonderer Tag. Good Friday heißt er hier und ein guter (Kar-)Freitag soll es werden. Bereits gestern haben wir die Reifen unserer eingestaubten Räder aufgepumpt, Helme gesucht und Gelenkschützer zum Inlineskaten bereitgelegt.

Kurz vor sieben Uhr stehen wir auf der Straße. Es ist ruhig, himmlisch ruhig. Statt kakophonischem Autolärm hören wir nur die Gockel aus der Nachbarschaft. Großstadtidylle am Good Friday. Es ist der einzige Tag im Jahr, wo Ruhe herrscht im Molloch Manila. Denn Gründonnerstag und Karfreitag sind auf den erzkatholischen Philippinen so heilig, dass selbst die ansonsten sogar an Weihnachten geöffneten Shopping Malls geschlossen sind. Millionen haben sich daher am Mittwoch in endlosen Staus aus der Stadt gequält, um Ostern mit der Familie im Grünen zu feiern. Die Folge: Nahezu autofreie Straßen in der Mega-Metropole und Luft ohne Bleigeschmack.

Meine Kinder können die ungewohnte Freiheit kaum fassen. Wo sonst hupende Autokonvois den Ton angeben, fahren sie unbeschwert in Schlangenlinien dahin. Meine Jüngste versucht x-beinig ihre Inliner auf Kurs zu halten. Dass sie dabei über die große Kreuzung vor unserer Wohnanlage schwankt, juckt mich nicht. Unser Viertel gehört heute früh unmotorisierten Sportlern. Die Stimmung ist bestens, alle grüßen sich locker.

Nur die sommerliche Hitze bremst uns allmählich runter. Es ist Sommer auf den Philippinen, das heißt Schmoren bei 35 und mehr Grad im Schatten. Unter den Fahrradhelmen wird’s da doch arg heiß. Doch bevor das Kindergenöhle losgehen kann, rettet mich völlig unerwartet eine amerikanische Coffeeshop-Kette, die sich um den Good Friday nicht zu scheren scheint. Nach sieben Jahren gibt’s das Frühstück am Karfreitag erstmals außer Haus. Drinnen kühlt die Klimaanlage, zischt die Espressomaschine. Perfekt.

Kein Termin steht heute an, im Kalender steht groß FAULENZEN. Voller Mitgefühl denke ich an einen Kollegen, der sich heute den Trip nach San Fernando antut. In der nördlich von Manila gelegenen Stadt spielen sich am Karfreitag blutige Szenen ab. Flagellanten peitschen sich inbrünstig auf offener Straße. Fanatische Gläubige lassen sich trotz Missbilligung der Kirche ans Kreuz nageln. Zehntausende verfolgen die grausige Inszenierung in einem Zustand zwischen religiöser Ekstase und Gänsehaut-Gruseln.

Da lob’ ich mir doch den friedlichen Mikrokosmos in unserem Coffeeshop. Nur ein paar Westler, Japaner und Inder sitzen um die runden Tische. Die katholischen Filipinos halten sich offenbar an das Fastengebot. Ich hole mir noch einen Espresso, leg’ die Beine hoch und lass’ die Seele baumeln. Draußen radelt meine Tochter mit breitem Grinsen gegen die Einbahnstraße. Na und? Es ist doch Good Friday. Ein richtig guter Freitag in Manila.

Morgens auf dem Planeten Erde (8): Tokio

 

Die Krähen in Tokio sind fette, fliegende Freischärler. Zum Morgenappell versammeln sie sich um fünf auf Stromleitungen und warten auf meinen brennbaren Müll. Sie sitzen auch auf den Beton-Kabelmasten und den zentnerschweren Transformatoren und sind dankbar, dass die Japaner – trotz Erdbeben und Taifune – ihren Kabelsalat immer noch nicht unter der  Erde verlegen. Und so hat die laute Räuberbrut vor meinem Fenster in Shibuya die strategische Oberhand.

Wie viele Boden-Luft-Raketen ich an solchen Mülltagen im Halbschlaf und Wachtraum schon verschossen habe, weiss ich nicht. Zum Beispiel, wenn Nachbar Hatano im Pyjama seinen Müll rausbringt. Dann prasselt ein gnadenloses Krah-Krah-Stakkato durch zwei Kopfpolster auf mein Trommelfell. Ich ziehe die Decke übers Ohr und verpulvere weitere Raketen. Über Nacht sind im Plastiksack von Hatano Flachsen, Fettbolzen und Fischgedärme wie außerirdische Substanzen nach unten gekrochen. Die Sackspitzen sind deshalb so  prall, dass sie in einem meiner Krähenträume schon explodiert sind und unseren Häuserblock in ein schleimiges Inferno verwandelt haben.

Sorgfältig wie alle Nachbarn, rollt auch Hatano den Mittwoch-Müll unter das blaue Krähenabwehr-Nylonnetz der Stadtverwaltung. Kaum ist er wieder im Haus verschwunden, bereiten die Wegelagerer den Angriff vor. Zunächst stapft ein Spähtrupp aus zwei Fußsoldaten um das Netz. Die Luftaufklärung sichert gleichzeitig das Beutegebiet, segelt lautlos wie eine ferngesteuerte Drone im Kreis. Dann folgt der Minenräumdienst, zurrt am Plastiknetz – kurz, testend, dann heftig und ungeduldig. Wieder bleiben Gekreischgeschosse in meinem Trommelfell stecken. Aber diesmal klingt alles wie hämisches Lachen. Ich stehe auf, starte die Kaffemaschine. Frau Noguchi von gegenüber, eine OL – Office Lady – klappert mit hohen Absätzen zum blauen Netz, stellt dort ihren Sack mit Sake-Flaschen  ab. Herr Hatano springt freudig aus dem Haus. „Noguchi-san, sumimasen, sorry, ist nicht heute brennbarer Müll dran?“„Ah, sumimasen,“ sagt sie. Herr Hatano wartet an der Tür, genießt diesen Morgen, wie jedes Mal, wenn sich Frau Noguchi irrt, und deshalb zweimal aus ihrem Haus muss, mit diesem immer zu kurzen Rock. 

 So wie bei vermummten al-Kaida Kommandos ist auch bei meiner Rabenbrut der Rädelsführer schwer auszumachen. Vielleicht der, der als erster schnabuliert? Inzwischen hat der Minenräumdienst das Netz abgezogen. Die Drone kreist weiter. Der Spähtrupp hackt gezielt in die prallen Sackenden. Auf dem Stromkabel wird die Einsatztruppe ungeduldig. Ausgerechnet, als mir das erste Stück Blaubeertoast im Mund zergeht, entfaltet sich unter meinem Fenster das Schleiminferno. Der Spähtrupp springt zurück. Vom Kabel schwingen sich vier  Kampfpiloten, landen neben den auslaufenden Sackecken, rühren ihre Schnäbel wie in fetten Eiterbeulen.  Das ungeschriebene Gesetz zuvorkommender  Nachbarn verlangt, dass derjenige das Schlachtfeld reinigt, der den letzten Müll deponiert, und das bin wieder einmal ich. Ein kräftiger Schluck Kaffee. Ich schnappe den Abfall, den Besen und den Eimer mit Wasser. Tapfer stelle ich mich den Freischärlern. „Da, nehmt das!“ Mein Plastiksack ist gefüllt mit Papierknäueln, fliegt federleicht unter die Vögel. Sie springen nicht einmal zur Seite, wie bei Herrn Hatano oder Frau Noguchi. Sie schimmern wie Seide und ihre Augen zeigen Mitleid: „Armer Kerl, ging wohl gestern nicht so gut mit dem Schreiben!“

Morgens auf dem Planeten Erde (7): Christchurch, Neuseeland

In der Nacht hat jemand ans Fenster geklopft. Schmierige Spuren, wahrscheinlich die Abdrücke einer feuchten Nase, überziehen die Scheibe. „Ein Possum“, stöhnt Susanne. „Mann, hat das genervt. Dauernd hat es mit der Pfote gegens Glas gekratzt.“ Ich habe nichts von dem Störenfried mitbekommen. Geschlafen habe ich wie ein Stein. Allerdings nicht in meinem Bett, sondern auf einer Stockbett-Pritsche in einer kleinen Berghütte.
Gestern Nachmittag hat mich Susanne nach der Arbeit abgeholt. „Candlelight Dinner auf Packhorse Hut“ stand auf dem Gutschein, den sie mir vor ein paar Wochen zum Geburtstag geschenkt hatte. Jetzt musste er endlich eingelöst werden, denn die Tage werden kürzer, die Nächte kälter – und in ein paar Wochen bricht meine deutsche Freundin ihre Zelte in Christchurch ab.

Nach einer halben Stunde Fahrt zur Banks Peninsula hatte Susanne das Auto geparkt. Wir stapften in Richtung Bergkamm los. Irgendwo da oben lag die Hütte – eine der unzähligen Wanderunterkünfte, die jedermann ohne Buchung zur Verfügung stehen. In dieser  Hinsicht ist Neuseeland vorbildlich. Ohne in die Natur einzugreifen, wird allen Outdoor-Freunden ein Service geboten, der wohl auf der Welt einmalig ist: Bestens angelegte und in Schuss gehaltene Wege, saubere Hütten und eine Fülle an Karten, Broschüren und Info-Stellen, die oft noch mit Filmen und allerlei Interaktivem bestückt sind.

Im Gegensatz zu all den Wander-Profis hatten wir unseren Kurztrip nur sehr oberflächlich vorbereitet. Ich hatte nicht mal ans Taschenmesser gedacht. In unseren Rucksäcken: Schlafsäcke, warme Merino-Wäsche, Taschenlampe, Kocher, Kerzen und Essen. Und eine alte verbeulte Sigg-Flasche. „Kannst du als Wärmflasche benutzen“, empfahl Susanne, die sich auf dem Sektor auskennt.

Wir ließen uns Zeit. Kletterten über Schafzäune, durchkreuzten einen Nadelwald, schauten auf das große, spiegelklare Becken des Lyttelton Harbours, gesäumt von Hügeln und herbstlichem Grün. Diese Stille! Kaum zu glauben, dass direkt dahinter Christchurch liegt, die zweitgrößte Stadt des Landes, wo jetzt tausende von Menschen von der Arbeit kamen, Auto fuhren, einkauften, rumhetzten. Wir setzten uns in der Höhe auf einen kleinen Felsen und ließen uns die Abendsonne ins Gesicht scheinen. Noch ein paar Schritte weiter, und wir konnten den Lake Ellesmere, ein kleines Binnenmeer, links von uns sehen. Wieder ein paar Meter weiter, und wir schauten der Sonne hinterher, als sie orangerot im Dunst über den Südalpen verschwand.

Nach zwei Stunden waren wir auf unserer Hütte. Es wurde schlagartig kalt, sobald die Sonne weg war. Zum Glück hatten wir das ganze Häuschen für uns, da wir während der Woche hochgelaufen waren.  In dieser DOC-Hütte steht sogar ein Kaminoffen, frischgehacktes Holz lag daneben. Für so viel Service hinterlässt man, natürlich auf Vertrauensbasis, vorab gekaufte Bons im Wert von 15 Dollar. Ein Witz, denn unsere Unterkunft hatte alles, was wir brauchten: Wärme, Ausblick, Abgeschiedenheit und solide Betten. Susanne steuerte Burritos vom Campingkocher bei und zauberte zum Nachtisch ein Tütchen Gummibären hervor.  Ich hatte noch Lindt-Schokolade. Müde, glücklich und satt kroch ich in den Sigg-gewärmten Schlafsack. Kein Wunder, dass ich das Possum überhörte.

Possums – nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Opossum – sind in Neuseeland eine echte Landplage. Sie fressen Jungvögel auf und Bäume kahl und dürfen daher hemmungslos gejagt und erlegt werden. Possumfell zu tragen, ist absolut „politically correct“, denn damit unterstützt man den Erhalt der einheimischen Flora und Fauna.
Flora und Fauna waren an diesem Morgen noch frostig kalt, als wir vor die Hütte traten, um das Plumpsklo aufzusuchen (wie gesagt, die Naturschutzbehörde DOC hat an alles gedacht). Als die Sonne endlich die Hütte erreichte, hatten wir bereits unser Müsli verdrückt, Tee auf dem Gaskocher gekocht, die Schlafsäcke verpackt und die ersten Schritte in Richtung Tal gesetzt.

Jetzt fuhren meine Kinder gerade zur Schule, mein Mann stand längst am OP-Tisch, und in meinem Computer stauten sich die ungelesenen Emails. Während der Morgen in Christchurch wie an jedem Morgen begann, starteten wir auf dem windigen Bergrücken in einer Stimmung in den Tag, die man nur mit Urlaubslaune bezeichnen kann. Der Rucksack saß schon viel besser auf den Schultern als am Vortag. Ich konnte mir gut vorstellen, jetzt einfach noch drei Tage weiterzulaufen. Flüsse durchqueren, Feuer machen, abends Sternenhimmel statt Fernsehen gucken. Wo doch all das so nah ist. „Andere müssen sich dafür über 20 Stunden ins Flugzeug setzen“, sagte Susanne. Hörte sich fast etwas wehmütig an.

Gegen Mittag erreichten wir das Auto. Es sprang nicht an. Die Batterie war leer. Keine zehn Minuten später hielt ein netter Mann mit Starthilfekabel. Auch darin sind sie vorbildlich, die Kiwis: Helfen und sich zu helfen wissen. Eine halbe Stunde später war ich schon wieder zuhause und warf den Computer an.  Von meinem Schreibtisch aus kann ich den Berg sehen, hinter dem sich die Packhorse Hütte versteckt. Sonne und Wolken werfen Schatten auf seine Flanken. Da oben pfeift jetzt der Wind. Das Possum muss sich warm anziehen. Und ich viel öfter wandern gehen.

Morgens auf dem Planeten Erde (6): Kairo

In Kairo beginnt der Tag zwei Mal. Das erste Mal, kurz vor Sonnenaufgang, erschallt der Ruf zum muslimischen Morgengebet, dem Salat ul-Fajr, heute um 4.08 Uhr. Er ertönt aus den Lautsprechern der Moscheen und Gebetsstuben, die zu Zehntausenden übers gesamte Stadtgebiet verteilt sind. Diesen Gebetsruf, arabisch Azzan, höre ich nicht, er weckt mich nicht auf. In meinem Stadtteil Dokki wie in vielen anderen Nachbarschaften ab Mittelklasse aufwärts, ist die Moscheedichte nicht so hoch. Anders in ärmeren Vierteln. Hier kann der Gebetsruf kaum ignoriert werden. Oft erschallt er aus billigen Lautsprecheranlagen, übersteuert und krächzend. Nicht selten übertragen besonders eifrige Moscheediener vor dem Azzan eine Viertelstunde lang noch Koranrezitationen, in der Hoffnung, das würde die Leute frommer machen.

Trotzdem bleiben die Reihen der Betenden zu dieser frühen Stunde meistens ziemlich kurz. Nur wenige Unermüdliche oder Frühschichtler schleichen durch die halbdunklen Straßen zur Kiezmoschee um die Ecke. Das zweite Mal beginnt der Tag ein paar Stunden danach, in Kairo normalerweise relativ spät, vielleicht zwischen acht und neun Uhr, auf jeden Fall später als im beflissenen Deutschland. Das hat womöglich mit dem Wetter zu tun, damit, dass die Leute nachts lange wach sind, um möglichst wenig von der frischen Nachtkühle zu verpassen.

Momentan beginnt für mich allerdings erst gegen sechs am Morgen die Phase erholsamen, entspannten Nachtschlafes. Gegen neun endet sie abrupt. Das hat mit zwei typischen Kairo-Phänomenen zu tun. Kairo ist voller Zeitanomalien, verglichen mit mitteleuropäischen Tagesabläufen.

In den Straßen um unseren Wohnblock herum werden gerade lauter neue Häuser gebaut, und das vorzugsweise zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens. Ich liege dann im Bett mit einer Klangkulisse im Ohr, die der einer Maschinenfabrik nicht unähnlich ist. Jemand erzählte mir, dass es für Baufahrzeuge und andere Schwerlaster nur in den sechs Stunden nach Mitternacht erlaubt sei, durchs Kairoer Stadtgebiet zu fahren. Deshalb herrscht genau dann Hochbetrieb auf den Baustellen. Gruben werden ausgebaggert, Betonmischerfahrzeuge lassen unter meinem Fenster den Motor laufen, Zimmerleute hämmern an den Verschalungen. Im Halbschlaf denke ich: Wo ist die Immobilienkrise, wenn man sie wirklich braucht.

Morgens um sechs ist der Spuk vorbei. Stille. Endlich tief und fest schlafen, und zwar bis um neun. Denn dann werden seit Tagen schon in einer Wohnung zwei Etagen unter mir Fliesen so leidenschaftlich von Wänden und Böden geklopft, dass es einem in Mark und Beinen vibriert. Die Abstemmer beginnen um neun mit jenem Geräusch, das für Kairo so typisch ist. Es hat mich in regelmäßigen Abständen durch meine zehn Kairo-Jahre begleitet, in allen vier Häusern, in denen wir bislang wohnten. Während in Deutschland Wohnungen tapeziert oder gestrichen werden, kacheln hier die Leute ihre Räume neu.

Gegen zehn stehe ich auf. Das tue ich seit vielen Jahren so, wenn ich keine Termine habe. Mein Biorhythmus ist vermutlich völlig im Eimer, kaum je resozialisierbar. Ich habe mir das so angewöhnt, weil ich unmöglich schon um Mitternacht ins Bett gehen kann. Nach 24 Uhr ebbt der Straßenlärm ab, meine Nachbarn hören langsam auf, bei offenem Fenster krachige ägyptische Seifenopern zu gucken. Durch die Stadt weht eine kühle Brise. Es ist, als sei dieser 18-Millionen-Moloch plötzlich von all seinen Flüchen befreit (abgesehen von den gelegentlichen Baustellen in der Nachbarschaft). Dann beginnt für mich die beste Phase des Tages. Texte, die ich um diese Zeit schreibe, gehen mir doppelt so schnell von der Hand. Zwischen drei und vier Uhr am Morgen lege ich mich schlafen.

Bis um zehn. Mein Frühstück sind Marmeladen-Baguettes, dazu höre ich meinen Lieblingssender, radioeins vom RBB aus Berlin. Ahmed Normalverbraucher frühstückt meistens Fuul (Bohnenbrei), T'aamiyya (die ägyptischen Falafel), ein paar Brotfladen dazu und vielleicht ein Omelett. All das gibt es an unzähligen Ständen und Imbisswagen. An vielen Straßenecken sind morgens Männer mit Fahrrädern zu sehen, die auf den Gepäckträgern Sandwiches zubereiten und für ein paar Piaster verkaufen. Die Zutaten haben sie und ihre Familie daheim vorbereitet, sowas nennt man Schattenwirtschaft. Ganze Familien leben von solchen informellen Sandwiches. Manchmal gehe ich zum Frühstück ins Costa Café um die Ecke. Dort ist mir vor ein paar Tagen Khaled Nabawy begegnet, einer der prominentesten ägyptischen Schauspielerstars, unter anderem bekannt aus Ridley Scotts Hollywoodstreifen "Kingdom of Heaven".

Um den Fahrradsandwichverkäufer neben unserem Haus bilden sich immer Kundentrauben, er ist offensichtlich sehr beliebt. Aber ich sehe ihn selten, um zehn ist er längst wieder weg. Er begegnet mir immer, wenn ich Korrespondentendienst im ARD-Hörfunkstudio Kairo habe. Ich versuche dann, um 8.30 Uhr im Studio zu sein – was mir nicht immer gelingt. Halbneun, das ist für mich eher ein Paralleluniversum denn eine Tageszeit. Am Anfang, in den ersten Tagen, fühle ich mich morgens, als litte ich unter einem Jetlag. Allerdings gibt es im Studio zwei Dinge, die mich aufmuntern: erstens der Blick vom elften Stock auf die Innenstadt am Nil, die im Morgendunst fast unwirklich aussieht, und zweitens der Morgenkaffee von Fatma, der Haushälterin des Studios.

Morgens auf dem Planeten Erde (5): Prag

Sie war schon wieder da heute morgen, die junge Frau. Wenn ich im Schlafzimmer die Vorhänge zurückschlage, steht sie da und schaut durch ihren altmodischen Handspiegel zu mir herüber. Ich schaue sie an, streife sie nur kurz mit meinen Blicken. Das ist unser Ritual, jeden Morgen wieder.

Und dann mache ich mich auf den Weg. Der Mensch braucht seine täglichen Routinen, und ich bin wohl einer der wenigen, die sich darauf freuen. Nicht einmal eine Zeitung habe ich abonniert, weil ich mich so an meinen morgendlichen Rundgang gewöhnt habe, auf dem ich alles Notwendige erledige: Aus der Türe raus, dann gerade die zwanzig Meter weiter bis zur Moldau. Da, wo ich wohne, ist sie von einer Promenade eingefasst. Auf der anderen Uferseite liegt der Hradschin, der Berg mit der mächtigen Burganlage, die über der Prager Altstadt thront. Jetzt im Frühling sieht sie ganz anders aus als im Winter unter der Decke aus Pulverschnee oder im Herbst hinter den Nebeln, die über der Moldau wallen. Hier bleibe ich stehen, so wie jeden Tag. Es ist ein Anblick, dessen man nicht satt wird.

Die Niederungen des Alltags liegen zu diesem Zeitpunkt noch zwei Straßenblöcke entfernt. So weit ist der Weg zu meiner Bäckerei, die übrigens ein Segen für das ganze Viertel ist. Weil im restlichen Land die Versorgung mit Gebäck über Supermärkte sichergestellt ist, bilden sich hier vor dem mutmaßlich einzigen Bäcker der Stadt lange Schlangen. Die Leute stehen bis auf die Straße, es passt nur eine Handvoll Kunden gleichzeitig in das Geschäft. Sobald sich die Türe öffnet und jemand heraus auf die Straße tritt, geht der nächste aus der Schlange hinein. Im Laden steht nur eine alte Sperrholztheke, und im Rücken der beiden Verkäuferinnen führen die Bäcker ihr erstaunliches Ballett vor. Sie wirbeln dort in der Backstube, nur von einem halbhohen Regal vom Verkaufsraum abgetrennt, zwischen dem Ofen und den Arbeitsflächen hin und her. Dort formen sie ihre Mohnkuchen, ihre tschechischen Buchteln und die Hefezöpfe, die hier vanocka heißen. Der Duft zieht durch die offene Türe bis fast hinunter an die Moldau, und ich bin fest überzeugt: Das hier bei meinem Bäcker Zoulek ist eine der wenigen Schlangen, in denen sich das Anstellen wirklich lohnt.

Dann geht es wieder zurück nach Hause, die Brötchentüte in der einen, die Zeitungen in der anderen Hand. Links und rechts der Straße erheben sich die Häuser, für die aus aller Welt die Touristen nach Prag kommen: Jugendstil und Gründerzeit in Reinkultur, Erkerchen und Balkone, Giebelmalereien und Fresken in verschwenderischer Fülle. Bei mir oben im vierten Stock ist der Tee inzwischen gezogen. Mein Blick fällt durch die Erkerfenster hinaus, da drüben steht immer noch die Frau mit ihrem Handspiegel. Sie ist eine zeitlose Schönheit, seit 100 Jahren nicht gealtert, eine ein Stein gemeißelte Ode an die Jugend, die den Giebel des Hauses auf der anderen Straßenseite ziert.

Ich stelle mir die Mohnkuchen auf den Schreibtisch. Jetzt kann sie losgehen, die neue Woche hier in Prag.