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Pluralism live on stage

Imagine the head of a radical Muslim organisation standing on a stage together with 99 other people from his hometown – among them human rights activists, members of the LGBT community and a former political prisoner once accused of being a communist. And this self-declared extremist is saying: “We are one body with one hundred heads.”

Only a week ago, I would have thought this a rather unrealistic scenario. But then “100% Yogyakarta” premiered, a collaboration of the German theatre directors’ trio Rimini Protokoll and the Indonesian collective Teater Garasi.

Rimini Protokoll took their 100%-concept already to 26 other cities, before they came to Yogyakarta on invitation by the Goethe-Institut as part of the German Season currently running in several Indonesian cities. Teater Garasi was their local co-direction partner and was among others responsible for the casting process: For five months the casting team interviewed people on a snow-ball-principle always seeking to fulfil the criteria of the city’s population statistics.

“You think statistics is boring?” asked “Mr. 1%”, Istato Hudayana, a civil servant at the statistics office before giving the stage to his co-citizens to introduce themselves one-by-one – from a rickshaw driver to an art collector, from a little baby to a 90-year-old grandma.

The main criteria during the casting were age, gender, religion, family composition and residential location. The additional filters applied were ethnicity, cultural and linguistic diversity, education, profession, income and mixed abilities.

The result was not only very entertaining, but also very moving: Since probably almost everybody in the audience started after a while projecting her- or himself onto the stage as well, it felt very touching, when people started to confess their deepest fears and brightest hopes in front of everybody.

It seemed that the stage suddenly offered a chance to the participants to gather enough self-confidence to stand-up for their ideals without blaming others for their contrasting views.

Politicians and activists nowadays struggle hard to keep up the pluralism and tolerance in their hometown Yogyakarta as well as in other parts of Indonesia, once so famous for its diversity on all levels. These hundred people on the stage demonstrated, how much tolerance and mutual respect could be improved by simply discussing controversial issues in an open way.

“I felt myself very much represented”, confirmed a viewer after the show. “It changed my view of this city. And I am sure that the whole process must have even a lot more changed the people involved in the project.”

 

 

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Pharmaindustrie, Würmer und anderes Ungeziefer

Ausgerechnet im sauberen Deutschland hat sich mein Sohn Würmer eingefangen. Im Sandkasten, auf dem Spielplatz oder im Kindergarten, keiner weiß es so genau. Es fing an mit einem leichten Jucken am Popo und endete mit einem mehrwöchigen Drama durchwachter Nächte, wiederholtem Waschen sämtlicher Bettwäsche, Schlafanzüge, Unterhosen und Stofftiere sowie diversen Kinderarztbesuchen. Durchaus auch in gemäßigten Breitengraden nichts Ungewöhnliches, wie ich während der Prozedur gelernt habe, meist durch Übertragung von Tieren. Zwar hatte im Kindergarten angeblich sonst niemand Würmer, praktisch gesehen allerdings ein Ding der Unmöglichkeit bei der hohen Übertragbarkeit. Aber über so etwas reden Eltern – zumindest in Deutschland – wohl lieber nicht. So ähnlich wie bei Läusen: Während in Frankreich die bewährten Läusemittel in der Apotheke gleich vorne im Regal stehen, muss man sie sich in Deutschland mit gesenkter Stimme aus den Tiefen des Lagers holen lassen.

Wie auch immer: Bei der dritten Behandlung hat die verabreichte Wurmkur endlich gewirkt und der Spuk war mit einem Schlag beendet. Bei den ersten beiden Versuchen musste der dreijährige Patient ein widerlich riechendes, giftrotes Medikament hinunterwürgen, das ihm zwei Stunden später (also bereits nach Wirkungseintritt) wieder hochkam. Leider bekämpfte das Zeug nur den gemeinen Madenwurm und hat die Viecher im Darm meines Sohnes offensichtlich nicht beeindruckt. Erst beim dritten Wurmalarm bekamen wir ein Rezept für das verschreibungspflichtige Medikament Helmex, das gegen diverses Gewürm wirkt. Besonders lecker roch die schleimige Suspension ebenfalls nicht. Um Wiederansteckung vorzubeugen, hat die ganze Familie inklusive Oma mitgeschluckt. Und musste selbst bezahlen: 24 Euro pro Person.

Als wir wenig später wieder nach Indonesien reisten und der Kinderpopo dort schon wieder juckte, rannte ich sofort panisch in die nächste Apotheke. Mitten im Raum, nicht zu übersehen, stand in allen möglichen Packungsgrößten und Verabreichungsformen das Medikament Combantrin. Jedes Kind in Indonesien kennt die kleinen Plastikfläschchen, die idealerweise alle halbe Jahr vorbeugend verabreicht werden sollten. Der Sirup schmeckt in etwa wie flüssige Gummibärchen und kaum ein Kind weigert sich, dies zu trinken. Kosten für eine Erwachsenendosis: umgerechnet 70 Cent. Für die gleiche Menge desselben Wirkstoffs wie bei den in Deutschland verkauften Medikamenten.

Die vermeintliche, erneute Wurmattacke stellte sich glücklicherweise als Fehlalarm heraus. Stattdessen habe ich mich nun vor der nächsten Heimreise mit billigen, rezeptfreiem Wurmmittel eingedeckt.

 

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Boom oder Crash: Wirtschaftsanalyse light

„Was läuft da falsch, wenn zwei große deutsche Zeitungen, die beide dem konservativ-wirtschaftsfreundlichen Spektrum zuzuordnen sind, an ein und demselben Tag ein völlig unterschiedliches Bild der indonesischen Wirtschaft zeichnen?“ fragt Alex Flor in einem Bericht der Berliner NGO Watch Indonesia! vom 24. August 2013. Anlass für seine Frage sind zwei Artikel zum Wirtschaftsstandort Indonesien, die in den Tageszeitungen „Die Welt“ beziehungsweise „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ erschienen sind.
Flor fährt fort: „”Die Welt” hält daran fest, Indonesien aufgrund seines Wirtschaftswachstums in höchsten Tönen zu loben. Es gebe einen “starken Trend nach oben”, getragen von einer wachsenden kauffreudigen Mittelschicht. Die FAZ zeichnet während dessen unter dem Eindruck der jüngsten Börsenkurse ein völlig anderes Bild: Asiatische Werte – damit gemeint sind hier Währungen, Aktien, Anleihen usw. – befinden sich wegen hausgemachter Probleme auf Abwertungstrend. Der Wert der indonesischen Rupiah fiel auf einen seit vier Jahren nicht mehr erreichten Tiefpunkt. An der Börse werden hohe Verluste geschrieben. Die Inflation steigt. Verschiedene andere Medien warnten bereits vor einer Neuauflage der Asienkrise Ende der 90er Jahre.“
Der Indonesienkenner kommt am Ende seiner Analyse zu dem Schluss, dass das Eine so falsch sei wie das andere. Denn ohne spezifische Länderanalyse blieben viele Indikatoren wertlos oder sogar irre führend.
Die eigentliche Frage dahinter ist: Warum werden eigentlich sowohl in den deutschen Medien als auch in der deutschen Politik die gesellschaftspolitischen Aspekte des plötzlichen Wirtschaftsbooms in Indonesien so wenig beachtet? Warum analysieren so wenige so genannte Experten die Hintergründe des kurzlebigen Konsumrauschs, des unglaublichen Reichtums der Eliten, des hart erkämpften Lohnanstiegs der Arbeiter, des Preisanstiegs im ganzen Land?
„Es gibt weder ein ideologisches Ziel noch eine ausreichende Vorsorge gegen die immer größer werdende Kreditblase“, erklärt Wirtschafsberater Eric Santosa in Jakarta und mahnt: „Wir können nicht von einer gesunden Wirtschaft reden, solange die folgenden drei Probleme nicht gelöst sind: mangelnde Infrastruktur, ineffektive Bürokratie und Personalentwicklung.“
Und warum hinterfragt kaum ein Analyst hierzulande die Zusammenhänge von indonesischer Politik und islamistischen Strömungen, von Wirtschaftsboom, Korruption und Menschenrechtsvergehen – wie das bei anderen Ländern oft so demonstrativ geschieht? Hier hat Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland, eine Erklärung: „Indonesien ist für westliche Länder das neue China. Sie erhoffen sich dort eine gewinnbringende wirtschaftliche Zusammenarbeit. Daher wir mit strategischem Schweigen über Menschenrechtsverletzungen und andere Unannehmlichkeiten hinweg gesehen.“

 

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Große Politik aus der Provinz

Einer zog aus, um die Welt zu verändern – und die Welt hilft ihm dabei: Die Geschichte des Joko Widodo, genannt Jokowi, klingt tatsächlich ein bisschen wie im Märchen. Als Möbelhändler kandidierte der heute 51-Jährige in seiner zentraljavanischen Heimatstadt Surakarta 2005 für den Bürgermeisterposten und wurde trotz aller Zweifel an seinen politischen Fähigkeiten gewählt. Die Zweifler verstummten bald: Der Forstingenieur erregte national wie international Aufmerksamkeit für seine volksnahe Politik und die unkonventionellen Methoden, mit denen er gegen korrupte Bürokraten, Umweltverschmutzung und soziale Ungerechtigkeit in seiner Stadt vorging – nicht gerade eine Selbstverständlichkeit in Indonesien. Nach fünf Jahren im Amt wurde Jokowi mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt. Allerdings nicht für lange: Auf der Suche nach Kandidaten für die Gouverneurswahl in der problembeladenen Landeshauptstadt Jakarta richteten sich die Augen schnell auf den Politaufsteiger aus der Provinz. Er ließ sich überzeugen, kandidierte und gewann: Statt Batik oder Anzug in ein schlichtes kariertes Hemd gekleidet – sein zum Kult gewordenen Markenzeichen – gewann der Außenseiter am 20. September 2012 in sämtlichen Wahlbezirken der Zwölfmillionenstadt gegen den als arrogant und korrupt geltenden, amtierenden Gouverneur. Nur die vorgelagerten Inseln blieben ihrem alten Regenten treu. Auf die Frage, ob sie wirklich glauben, dass Jokowi Jakartas scheinbar unlösbare Probleme wie Verkehrskollaps, Überflutungen und Armut in den Griff bekommen könne, antworten die meisten Wähler: keine Ahnung, ob er sich gegen das bestehende System durchsetzen könne oder darin untergehen werde. Aber wenn es einer schaffen könne, dann er. Das Wichtigste sei die Hoffnung auf eine radikale Veränderung. Und die Bewohner von Surakarta? Anstatt ihrem scheidenden Bürgermeister den Umzug in die Hauptstadt übel zu nehmen, feiern sie ihn – in der Hoffnung, dass er sie irgendwann als Präsident Indonesiens vertreten werde.

 

 

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Zurück zur Monarchie

Bedienstete am Sultanspalast

Die indonesische Stadt Yogyakarta gilt als Zentrum der freien Künste und der modernen Erziehung, als globaler Schmelztiegel verschiedenster indonesischer und internationaler Kulturen. Die Sultansstadt war außerdem ein entscheidender Schauplatz des Unabhängigkeitskriegs gegen die Holländer und vorübergehend Hauptstadt der jungen Republik Indonesien.
Und nun das: Die Bevölkerung hat den Weg zurück zur Monarchie gewählt. Nach jahrelangem Ringen mit dem indonesischen Nationalparlament in Jakarta hat die Stadtprovinz einen Sonderautonomiestatus zugebilligt bekommen, der den amtierenden Sultan automatisch als Gouverneur vorsieht. Der größte Teil der Einwohner steht hinter der Entscheidung, die der Sultansfamilie weitgehende Bestimmungsrechte über öffentliche Gelder und Ländereien verschafft. Offensichtlich ist das Vertrauen in den alternden Monarchen größer als in die von Korruption und Chaos geprägte demokratische Regierung in Jakarta.
Ein Problem allerdings regelt das neue Autonomiegesetz nicht: die Nachfolge. Die fünf Töchter des 66-jährigen Sultans Hamengkubuwono X sind nicht zur Thronfolge berechtigt.

 

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Reif für die Insel – Backpacking damals und heute…

Die Gilis – drei kleine Inseln im Nordwesten von Balis Nachbarinsel Lombok –waren vor 15 Jahren mein ultimatives Ziel. Ich reiste zum ersten Mal mit dem Rucksack durch Indonesien und nachdem ich bereits zwei Monate in den Millionenstädten auf der Hauptinsel Java verbracht hatte, war das abgeschiedene Inselparadies genau der richtige Kontrast. Es gab keine befestigten Straßen, keine motorisierten Fahrzeuge, keine Geldautomaten, keine Post, eigentlich überhaupt nichts, was wir aus unserer so genannten zivilisierten Welt alles so kannten. Stattdessen gab es vor allem Sonne, Strand und Palmen, darunter kleine Bambusbungalows und Hängematten, Korallen und ab und zu sogar mal Schildkröten. Um dieses lebendige gewordene Klischee erleben zu können, war ich zwei Tage lang mit öffentlichen Bussen und Fähren von Bali aus unterwegs, stapfte mit meinem Rucksack durch nassen Sand und matschige Inselwege, duschte mit Salzwasser und aß jeden Tag gegrillten Fisch mit Chilisauce. Ich fand es großartig.

Als ich letzte Woche von Bali auf die Gilis übersetzte, war ich darauf vorbereitet auf der inzwischen zur Party-Insel avancierten Gili Trawangan nicht mehr viel Robinson-Feeling zu finden. Dennoch war ich geschockt: Auch der einst so unversehrte Oststrand der als „Familieninsel“ bekannten Gili Air war komplett zugebaut. Restaurants, Hotels, Tauchschulen reihen sich aneinander – allesamt auf befestigten Ufermauern. Erosion soll der Grund sein. Die kleinen Pferdekutschen verlangten fast zehn Euro um einmal um das winzige Eiland zu fahren, in Indonesiens Hauptstadt Jakarta kostet eine einstündige Taxifahrt von der Innenstadt zum Flughafen genauso viel. Der Kutscher erklärte mir während der Fahrt, dass praktisch alle unbebauten Grundstücke auf der Insel bereits aufgekauft seien, fast alle von Ausländern.

Doch nicht nur die Inseln haben sich verändert, auch die Reisenden. Vor allem die mit den Rucksäcken. Auf der gerade mal etwas mehr als einstündigen Fahrt mit dem Schnellboot von Bali (inzwischen gibt es mindestens acht Unternehmen, die täglich Hunderte von Touristen mit Hochgeschwindigkeitsbooten über einen der tiefsten Meeresgräben Indonesiens befördern) saßen zwei Backpackerinnen aus dem Ruhrpott neben mir, die sich bei den ersten Salzwasserspritzern unter einer Regenplane verkrochen, um ihr Make-up zu schonen. Dabei hatten sie sich extra die einzigen Außensitzplätze geschnappt, um ihre in Badeschlappen steckenden Füße in der Sonne zu bräunen. Natürlich sprang bei der Ankunft auch kein Passagier ins seichte Wasser, sondern alle warteten schön der Reihe nach, bis sie über einen beweglichen Steg auf den trockenen Teil des Strandes balancieren konnten. Als in meiner Unterkunft, ein einfaches Ressort mit Bambusbungalows und Strandbar, die WLAN-Verbindung ausfiel, war das für ein französisches Pärchen Grund genug, seine Sachen zu packen und in ein Ressort auf der anderen Seite der Insel zu ziehen – wo es ganz abgesehen davon auch warmes Wasser und Klimaanlage gab. Und nicht zu vergessen: „richtiges Essen“. Drei Tage mit Reis, Fisch und Gemüsecurry seinen ja nun wirklich genug.

 

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Moscheen zwischen Kirchen und Tempeln

Beim Fotografieren seiner Ausstellung „Moscheen in Deutschland“ hat der Stuttgarter Architektur-Fotografen Wilfried Dechau viel über die islamische Minderheit in seiner Heimat gelernt. Vor allem viele kleine Details, die man eben nur erfährt, wenn man den Alltag von Muslimen miterlebt. In der indonesischen Studentenstadt Jogjakarta, wo das Goethe-Institut seine Bilder im März im Wandelgang der Moschee der größten islamischen Universität ausgestellt hat, wollte er nun einen Umkehreffekt erreichen: Drei Tage lang ließ er Studenten im Rahmen eines Workshops Kirchen und Tempel fotografieren. Dabei ging es zwar natürlich hauptsächlich um Tricks und Kniffe der Architekturfotografie, aber nicht ganz nebensächlich auch um die Vermittlung der religiösen und kulturellen Vielfalt im Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Das Experiment funktionierte tatsächlich und die Studenten stießen in den Gebetshäusern der ihnen zum Teil unbekannten Religionen auf viele Details, die sie interessierten oder sogar berührten – und die sie in zum Teil beeindruckenden Bildern festhielten. Dennoch endeten die Exkursionen zu den Kirchen und Tempeln jedes Mal mit der Suche nach einer Moschee: Die Organisatoren hatten nicht bedacht, dass die muslimischen Teilnehmer bei aller interreligiösen Gruppenharmonie dennoch ihre Gebetszeiten einhalten wollen…

 

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Echte Nationalisten und Slum-Tourismus

Willst Du das richtige Jakarta sehen? So lautete die Standardfrage von Ronny Poluan schon vor 14 Jahren. Er stellte sie immer, wenn er Ausländer traf, die es nach Jakarta verschlagen hatte – sei es um Geschäfte zu machen, als Künstler aufzutreten oder einfach, weil es keinen direkten Flug nach Bali mehr gab. Ich war damals Praktikantin beim Goethe-Institut Jakarta und platzte vor Entdeckungslust. Das einzige, was ich nicht wollte: eine typische Ausländerin sein. Also sagte ich natürlich sofort ja und der Theater- und Filmregisseur nahm mich auf unzählige Touren durch Jakarta mit, die in der Tat nichts mit den glitzernden Shopping Malls und riesigen Bürotürmen im Zentrum der Metropole zu tun hatten. Er führte mich zum ersten Mal in meinem Leben durch einen Slum, begleitete mich in ein Armenviertel am stinkenden Ciliwung- Fluss und brachte mich in Schulen für Straßenkinder. Er zeigte mir den Transvestitenstrich und stellte mich Müllsammlern vor, die in Löchern unter Autobahnbrücken hausten. Das Faszinierende war, dass all diese Leute in ihrer Armut immer offen und freundlich waren – niemals fühlte ich mich gefährdet oder unwillkommen. Diese Eindrücke waren Teil der Faszination, die dafür sorgten, dass ich vier Jahre später als freie Journalistin nach Indonesien zurückkam. Heute hat Ronny Poluan sein Hobby zum Beruf gemacht: Mit Jakarta Hidden Tours bietet er über das Internet Touren durch das „real Jakarta“ an, das nicht nur ausländische Geschäftsleute und Besucher selten zu Gesicht bekommen, sondern auch nur wenige besser gestellte Bewohner der indonesischen Hauptstadt. Den Erlös nutzt er, um die Schulausbildung der Kinder sowie die ärztliche Versorgung in einigen Armenvierteln zu unterstützen. Natürlich ist Slum-Tourismus immer ein kontroverses Unternehmen und seien die Ziele noch so wohltätig. Die Gegenargumente der Stadtregierung von Jakarta sorgen sich allerdings wenig um Voyeurismus oder das Zurschaustellen armer Leute – was sie stört: Ronny Poluan würde sein Land schlecht machen, indem er Ausländern immer nur die hässlichsten Orte Jakartas zeige. Ein guter Nationalist müsse Besuchern schöne Plätze präsentieren.

 

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Ein ganz normaler Tag…

An einem ganz normalen Samstagmorgen strahlte die Sonne, mein Sohn quietschte gut gelaunt durch die Gegend und ich hatte seit Wochen einmal nichts ganz Dringendes zu erledigen. Ein entspannter fröhlicher Tag – bis es anfing zu regnen. Eigentlich nichts Besonderes in der Regenzeit, nur dieser Platzregen donnerte waagrecht in unseren Garten und direkt in unser halboffenes Haus. Während wir damit beschäftigt waren, Sofa und Essecke notdürftig abzudichten, rumpelte es laut: Der Wind hatte den Bambus so heftig gegen die Gartenmauer gedrückt, dass er sie per Hebelwirkung zum Einsturz gebracht hatte. Kein Minute später fiel der Strom aus und ich hatte im Halbdunkel außer einem ängstlichen Kind auch noch zwei panische Hunde an mir kleben, als mein Mann tapfer in den Sturm hinauszog, um irgendwo Bambusmatten als groben Schutz für die Nacht zu besorgen.

In solchen Situationen hasse und zugleich liebe ich Indonesien: Denn es dauerte keine Viertelstunde, schon standen zwei Freunde triefendnass vor der Tür, um zu helfen. Und der Handwerker unseres Vertrauens zog am Samstag Nachmittag kurz vor der Dämmerung noch los, um Stahl, Zement und Backsteine zu bestellen, damit er am Montag Morgen gleich loslegen konnte mit dem Wiederaufbau der Mauer. Einigermaßen versöhnt mit der Situation brachte es uns auch nicht mehr allzu sehr aus der Fassung, dass auf einmal über Nacht das Wasser versiegte. Als allerdings am nächsten Morgen dann braune Brühe aus dem Hahn schoss und die Straße vor unserer Haustür – am Sonntag um sieben Uhr! – aufgegraben wurde, weil die Rohre repariert werden sollten, bekam ich doch mal kurz Sehnsucht nach dem ach so geregelten Deutschland…

 

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Ein Jahr nach dem großen Ausbruch

 

 

Vor einem Jahr brach der Vulkan Merapi in Zentraljava aus und die Welt sah zu. Internationale Medienvertreter traten sich auf die Füße und viele riskierten ihr Leben, als sie in die abgesperrten Zonen fuhren, um besonders sensationelle Bilder zu erhalten. Hunderte von Menschen starben in den heißen Gaswolken, die wochenlang den Berg hinunter rasten. Die Stadt Jogjakarta versank unter eine Ascheschicht und es herrschte Weltuntergangsstimmung.

 

 

Ein Jahr später nach dem schlimmsten Ausbruch des Feuerbergs seit mehr als hundert Jahren erinnert sich im Süden der Stadt kaum noch jemand an die dunkle Bedrohung. Ganze Bergdörfer im Norden sind jedoch dauerhaft zerstört und Tausende von Flüchtlingen leben immer noch in Behelfsunterkünften. Vor allem Bewohner der Flussufer kämpfen nach wie vor mit den Folgen, da jeder Regenschauer Teile der Millionen Tonnen von vulkanischem Material ins Tal spült, die immer noch auf dem Berg legen. Der Schutt zerstört die Ufer und die anliegenden Häuser gleich mit. Und dies voraussichtlich noch mehrere Jahre lang. Wie es heute am Ufer des Flusses Kaliputih aussieht, zeigen diese Bilder aus einem Dorf in der Nähe der Stadt Magelang.

 

 

 

 

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Fastenfeste

Der Ramadan kommt. Bald. Die Askese im islamischen Fastenmonat kündigt sich mit einem Frontalangriff auf alle Sinne an: Restaurants werben jetzt schon mit besonders günstigen Menüs zum Fastenbrechen, Moscheelautsprecher scheppern religiöse Popmusik in den Äther und riesige Plakate preisen die diesjährigen Ramadan-Seifenopern im Fernsehen an. Vor allem Essen wird in diesen Wochen zu einem der wichtigsten Gesprächsthemen der Indonesier genauso wie die Lebensmittelpreise, die wie in jedem Jahr schwindelerregend ansteigen.

Ähnlich wie bei uns an Weihnachten beschleicht einen das Gefühl, dass die Vorbereitungen für die Fastenzeit (oder besser Festzeit?) jedes Jahr ein bisschen früher anfangen und ein bisschen kommerzieller werden. Dazu muss man wissen, dass das Idul-Fitri-Fest am Ende des Ramadan für die Indonesier der wichtigste Feiertag des Jahres ist – anders als in anderen islamischen Ländern, in denen das Opferfest Idul Adha am größten gefeiert wird. Noch bevor das Fasten überhaupt beginnt, sind alle Einkaufszentren mit Ramadan-Dekor geschmückt, ergeht sich die Werbung in Tipps für die beste, feierlichste, gesündeste Art des Fastenbrechens und der Nachwuchs lernt in der Schule oder im Kindergarten die passenden Gebete und Lieder dazu. Mit asketischer Zurückhaltung und religiöser Selbstfindung hat das Ganze meist so wenig zu tun wie die Adventszeit in Deutschland.

Wer dem zu erwarteten Rummel an Idul Fitri entkommen will, sollte früh buchen: Zug- und Flugtickets zu Beginn der landesweiten Ferien am Ende des Ramadan sind einen Monat vorher schon unerschwinglich bis ausverkauft. Wenn die eine Hälfte der 240 Millionen Indonesier (nämlich die Stadtbevölkerung) die andere Hälfte in ihren Heimatregionen besuchen will, bleibt nicht mehr viel Platz – sei es in Bussen, Zügen, Flugzeugen oder Fähren. Wer kein Ticket ergattert, packt seine Lieben ins Auto und drängelt sich oft tagelang über völlig verstopfte Landstraßen bis ins Heimatdorf – nicht selten in einem gemieteten Vehikel, damit die Familie daheim beeindruckt ist vom Erfolg der Fortgezogenen. Dazu gehören natürlich jede Menge Geschenke und natürlich die entsprechende Festtagskleidung.

Um dies alles finanzieren zu können, stürzen sich viele Indonesier im Fastenmonat in immense Unkosten. In keiner anderen Jahreszeit wird so viel eingebrochen, gestohlen und geschmiert. Selbst die Wahrscheinlichkeit, auf der Straße in eine Verkehrskontrolle zu geraten, steigt enorm, je näher Idul Fitri rückt: Auch Polizisten wollen feiern.

Angesichts all dieser Obstakel ist der beste Weg, den Ramadan zu begehen, daher tatsächlich, zu Hause zu bleiben, den Fernseher auszuschalten und: zu fasten. 

 

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Aufs Rad gekommen

Nicht Umweltbewusstsein oder Sparsamkeit – nein: ein Reihe von Modetrends hat die Indonesier zurück zum Fahrrad gebracht. Mir fiel dies zum ersten Mal auf, als eine verwegene Zirkustruppe auf selbstgebauten Hochrädern durch Java tourte und bei jedem Halt alte Schrotträder umbaute. So hinterließen sie auf ihrer Reise an allen möglichen Orten neue Brutstätten für ihre Zweistockfahrräder und diverse abgewandelte Modelle. Da das Auf- und Absteigen dieser Vehikel eher umständlich ist, konnte ich immer öfter unerfahrene Hochradfahrer beim Umklammern von Laternenpfählen oder an roten Ampeln hinter Lastwagen gehängt beobachten. Die Profis kümmern sich schlichtweg nicht um rote Ampeln und verlassen sich darauf, dass man sie schon sehen wird (was auch meistens der Fall ist). Bei den damals noch eher seltenen Fahrrad-Demos versammelten sich die Hochradfreaks mit Pseudo-Harley-Bikern, deren Räder etwa so lang wie die anderen hoch waren.

Etwa gleichzeitig kehrte BMX zurück. Ein australischer Freund reist seither nur noch mit seinem BMX-Rad nach Indonesien und verbringt seine Ferien in diversen Heimwerkstätten, die für wenig Geld und umso mehr Erfindungsreichtum seine Spezialwünsche besser und vor allem viel billiger erfüllen als alle australischen Bikeshops.

Doch all das ist Schnee von gestern, wenn man nun auf die Straßen schaut: Dort wimmelt es auf einmal vor Eingangrädern – Stichwort „fixed gear“: In knallbunt leuchtenden Farben, die Pedale immer in Bewegung und möglichst ohne Bremsen. Selbst meine bewegungsfaulen Mitbewohner, die sich bisher immer von Taxis möglichst noch bis in die Eingangshalle ihres Ziels fahren lassen haben, sind mittlerweile aufs Fahrrad umgestiegen. Sie haben festgestellt, dass sie damit nicht nur in sind, sondern auch noch Geld für Transport und den Fitnessclub sparen. In Jakarta – gefühlt die Stadt mit dem schlimmsten Verkehrschaos der Welt – ist diese Mode allerdings nach wie vor eher ein Überlebenskampf außer an autofreien Sonntagen (einen Vormittag im Monat auf der Hauptachse der Stadt). Die gerade neu eingeführten Radwege wurden sofort mit Begeisterung von Straßenverkäufern und falsch überholenden Mopeds in Beschlag genommen.

In der Kulturmetropole Yogyakarta jedoch haben die Radfans mittlerweile den letzten Freitag jedes Monats zum Radeltag ausgerufen. Mit einem Massenaufgebot, das alle Umweltaktivisten vor Neid erblassen lässt, demonstriert die Jugend der Stadt nun monatlich und mit großer Fröhlichkeit, wie die City der Sultansstadt am schönsten wäre: auto- und motorradfrei.

 

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Südostasiens nukleare Zeitbomben

Von Fukushima könne man lernen, erklärte Vietnams stellvertretender Technologieminister. Damit meinte er allerdings nicht, dass Atomenergie unberechenbar gefährlich sei, sondern was man beim Neubau eines Atomkraftwerks beachten müsse, um ähnliche Vorfälle zu vermeiden: Acht Reaktoren sollen in Vietnam bis 2031 ans Netz gehen. Damit führt das Land das Rennen um den ersten Nuklearstrom in der Region an.

Thailand plant die Fertigstellung seines ersten AKW bis 2020, vier weitere sollen folgen. Die Atomenergiepläne in Indonesien und auf den Philippinen sind besonders beängstigend: Beide Länder liegen auf dem pazifischen Feuerring und sind daher extrem erdbebengefährdet. Doch während die Regierungschefs in Thailand und den Philippinen angesichts der Katastrophe in Japan zurückrudern, scheinen sich die Atomlobbyisten in Vietnam und Indonesien einig zu sein, dass die Fehler der Japaner ihnen nie passieren könnten. 

„Jakarta ist bei einer solchen Katastrophe sicher“, erklärte ein indonesischer Lokalpolitiker in der Jakarta Post. Woher er diese Sicherheit nimmt, bleibt rätselhaft: Simulationen zeigen, dass etwa ein Drittel der Neun-Millionen-Metropole von einem Tsunami derselben Größe weggewaschen würde – und die wenigen glaubhaft erdbebensicheren Gebäude haben Japaner gebaut. Indonesische Unternehmer sind zudem nicht gerade bekannt für die Einhaltung von Abmachungen und Vorschriften, sondern eher für Korruption und Unpünktlichkeit, weswegen viele technische Vorhaben bereits an menschlichem Versagen und Materialmängeln gescheitert sind.

Das Lieblings-AKW der südostasiatischen Atomgegner steht in Bataan auf den Philippinen: Der 1986 fertig gestellte Reaktor ging nach Tschernobyl niemals ans Netz. 

 

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Revolutionszeit

Volksaufstand in Nordafrika, Unruhen im Nahen Osten – habt Ihr keine Angst, dass so was auch bei Euch passieren könnte? Solche oder ähnliche Fragen stellten Bekannte aus Deutschland in den vergangenen Wochen. Nein, habe ich nicht, antwortete ich, denn bei uns war schon vor 13 Jahren Revolution – oder besser: Reformasi. Nur haben das die meisten Europäer schon wieder vergessen. Was damals in Indonesien geschah, verlief ähnlich wie die Ereignisse in Tunesien oder Ägypten: Seit 33 Jahren regierte General Suharto quasi mithilfe einer Militärdiktatur. Er kam 1965 an die Macht, nachdem er einen angeblichen Putsch der Kommunisten durch einen Gegenputsch verhindert haben soll. Der Westen unterstützte Suharto aus Angst vor einer möglichen Machtübernahme der damals drittgrößten kommunistischen Partei der Welt – und nahm dabei in Kauf, dass Hunderttausende Zivilisten getötet wurden bzw. in Folterlagern verschwanden, weil sie dieser Partei angeblich angehörten.

1998 brach jedoch durch die Asienkrise das korrupte Regime des Autokraten zusammen. Zuerst protestierten die Studenten in einigen Großstädten gegen die politischen Verhältnisse, dann gingen immer mehr Menschen auf die Straße, oft aus schierer Not. Das Militär spaltete sich in mehrere Gruppen und bezahlte Anstifter lösten Unruhen aus, denen vor allem die chinesische Minderheit zum Opfer fiel. Auf einmal schrie die internationale Gemeinschaft auf und pochte auf die Einhaltung von Menschenrechten. Am Ende blieb Suharto nichts anderes übrig als zurückzutreten – ein Jahr später gab es demokratische Wahlen.

Seitdem gilt Indonesien als Demokratie. Der Putsch und die Massenmorde von 1965 jedoch wurden bis heute nicht aufgearbeitet – Vergangenheitsbewältigung bleibt ein Tabu. Das korrupte System konnte bis heute nicht aufgelöst werden und unterwandert immer wieder die Bemühungen zur Demokratisierung.  Das wiederum gibt Islamisten wie Ultra-Nationalisten Aufwind, die sich mit weißer Weste präsentieren, immer mehr Menschen wenden sich Ihnen zu. Die Aktivisten von 1998 sind heute völlig desillusioniert.

Habt Ihr nicht Angst, dass dies auch bei Euch passieren könnte, frage ich nun weiter in die Länder der momentanen Revolution?

 

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Rangliste der Katastrophen

Als schlimmste Katastrophe in ihrer Geschichte sollen die Vereinten Nationen das Erdbeben in Haiti bezeichnet haben – zumindest meldeten das diverse deutsche Nachrichtensender. „Das Erdbeben von Haiti ist die schlimmste Katastrophe, die wir je hatten“, erklärte auch ein Unternehmer aus Süddeutschland publikumswirksam bei einer Fernsehbenefizveranstaltung vergangene Woche. „Deswegen müssen wir auch mehr spenden als bisher, viel mehr als zum Beispiel beim Tsunami.“

Das Erdebeben von Haiti ist eine schreckliche, erschütternde, folgenreiche Katastrophe. Aber woran lässt sich wohl messen, dass diese nun die schlimmste aller Zeiten sein soll? An den Zahlen der Toten? Zur Erinnerung: Bei dem verheerenden Tsunami, der vor fünf Jahren ganze Regionen von mindestens fünf Staaten zugleich verwüstet hatte, starben allein in der indonesischen Provinz Aceh mehr als 160.000 Menschen. Oder lässt sich eine Katastrophe an der Stärke der Zerstörung messen? Doch mit welchem Maß?

Während die Bilder aus Haiti uns ganze Städte als elende Trümmerfelder zeigen, gab es zum Beispiel aus Aceh in der ersten Woche nach dem Tsunami so gut wie keine Aufnahmen. Weil weder Technik noch Menschen da waren, diese Bilder zu liefern. Und als sie dann endlich bei uns ankamen, sahen wir häufig vor allem eines: gähnende Leere. Denn in vielen Dörfern, die vom Tsunami zerstört wurden, existierte einfach gar nichts mehr. Keine Häuser, keine Bäume, keine Menschen. Die wenigen Überlebenden sammelten sich traumatisiert in Lagern. Was ist also schlimmer – ein Trümmerfeld oder das Nichts?

Wenn Medien Katastrophen in dieser Weise kategorisieren, prägen sie das Denken (und den Spendenwillen!) von Millionen von Menschen ­– oft ohne die Realitäten vor Ort wirklich vergleichen zu können. Das ist unverantwortlich. Was ist mit den Erdbeben, bei dem 2005 in Pakistan mehr als 50.000 Menschen ihr Leben verloren und 2,5 Millionen Obdachlose im eisigen Winter überleben mussten? Was mit dem schlimmen Beben in der chinesischen Provinz Sichuan im Jahr 2008, bei dem 80.000 Menschen umkamen und 5,8 Millionen obdachlos wurden? Warum gab es für diese Katastrophen weniger aufwändige Spendengalen als für Haiti oder die Tsunamiopfer? Nun, die Opfer in Pakistan waren Muslime und die Chinesen sind uns sowieso irgendwie fremd – könnte man nun frotzeln. Die Medienrealität dürfte sich allerdings auch danach gerichtet haben, dass das Erdbebengebiet in Pakistan, weil im verschneiten Bergland, nur sehr schwer zugänglich war – und dass die Behörden in China die Arbeit ausländischer Journalisten nicht gerade unterstützt haben.

Natürlich gönne ich den Haitianern den Spendensegen, der sie hoffentlich auch irgendwann einmal in vollem Umfang erreichen wird. Aber irgendwie lässt  mich der Gedanke nicht los, dass die globale Aufmerksamkeit für den kleinen Inselstaat sehr viel mit den politischen Interessen diverser Großmächte zu tun hat – und damit, dass sich Medien und NGOs in dem so gut wir führungslosen Staat vermutlich mit weniger Restriktionen und Vorurteilen herumschlagen müssen als etwa in China, Indonesien oder Pakistan. Eines muss man den Vereinten Nationen aber wohl zugestehen: Vermutlich haben sie bisher bei keiner Katastrophe in ihrer Geschichte so viele Opfer aus den eigenen Reihen beklagen müssen wie auf Haiti. 

 

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Interreligiöse Perspektiven

„Selamat Natal – Frohe Weihnachten und Friede und Wohlstand für uns alle“ – diese Wünsche schickten mir in vielfacher Form Freunde aus Indonesien ins kalte Deutschland. Nicht etwa Christen, sondern vor allem muslimische Bekannte bedachten uns mit Rundmails und individuellen SMS.

Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt und ja: Es findet eine schleichende Islamisierung statt, die allen anderen Religionsanhängern in dem Vielvölkerstaat unheimlich ist. Dennoch ist Indonesien immer noch ein säkularer Staat, in dem die wichtigsten Feiertage der großen, anerkannten Religionen zugleich nationale Feiertage sind. So bleiben Schulen und Behörden nicht nur am muslimischen Opferfest und an Weihnachten geschlossen, sondern auch am buddhistischen oder hinduistischen Neujahrsfest.

Das ist mehr religiöse Toleranz als wir zum Beispiel in Deutschland zeigen: Der Anteil der muslimischen Bevölkerung bei uns ist größer als der von Buddhisten und Hindus in Indonesien. Dennoch wünscht hier kaum ein Nicht-Muslim alles Gute zum Idul-Fitri-Fest am Ende des Ramadan, geschweige denn bekommen die muslimischen Bürger für ihre religiösen Feierlichkeiten frei.

In dieser angeblichen Zeit der Besinnung sollten wir einmal mehr über unseren Tellerrand und die geballte westliche Angst vor dem Islam hinausschauen und erkennen, dass es auch im anderen Teil der Welt tolerante und offene Menschen gibt, an denen wir uns ein Beispiel nehmen können.

 

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Der Hüter des Vulkans

Immer wenn in Indonesien eine Naturkatastrophe passiert, die groß genug ist, um es in die deutschen Medien zu schaffen, klingeln bei uns die Telefone. Geht es Euch gut? Weißt Du schon Genaueres? Meistens erfahre ich erst durch diese Anrufe, dass irgendwo wieder die Erde gebebt hat oder ein Vulkan ausgebrochen ist – oft Tausende von Kilometern entfernt.

Seit gestern Nachmittag jedoch pustet der Merapi, einer der aktivsten Vulkane der Welt, heiße Gaswolken und Asche in die Luft – und das nur 30 Kilometer nördlich von Yogyakarta, wo ich zurzeit wohne. Seltsamerweise spürt man dennoch hier in der Stadt gar nichts vom Ausbruch des spirituell bedeutsamen Berges. Nur die Anspannung ist fast greifbar: Beim letzten (kleineren) Ausbruch des Merapi vor vier Jahren kam es fast zeitgleich zum größten Erdbeben in Yogyakartas Geschichte mit rund 6000 Toten.

 

In solchen Situationen wenden sich die Bewohner der Sultansstadt gern an den Hüter des Merapi, den 83-jährigen Mbah Maridjan, der angeblich im direkten Kontakt mit dem Berggeist steht. So lange er es für sicher hält, lassen sich auch die Menschen in den gefährdeten Bergdörfern nur widerstrebend evakuieren – immer wieder eine Herausforderung für die Sicherheitskräfte, die den Alten beim letzten Ausbruch weder mit Drohungen noch mit dem Angebot, in einem Fünf-Sterne-Hotel zu übernachten, von seinem Berg locken konnten. Damals wurde das Dorf von Maridjan sowie der heilige Stein, an dem er meist betete, nur um wenige Meter verschont – so wie es der Weise vorhergesagt hatte. Dank seiner spirituellen Macht wurde der rüstige Urgroßvater so nicht nur zum gesuchten Berater von Politikern und anderen Persönlichkeiten, sondern auch zum Werbestar für einen potenzsteigernden Energy-Drink.

 

Doch diesmal scheint Maridjan den Kontakt zum Berggeist verloren zu haben. Durch sein Dorf fegte gestern Abend eine tödlich heiße Gaswolke, bevor es komplett evakuiert war. Die Rettungskräfte entdeckten heute Morgen 15 verkohlte Leichen, darunter Helfer, die den alten Mann wegbringen sollten, sowie einen Journalist, der ihn interviewen wollte. Auch im Schlafzimmer des Berghüters fand sich ein menschlicher Körper. Noch ist nicht bestätigt, ob es sich bei dem Toten um Mbah Maridjan handelt. Sollte dies der Fall sein, stehen Yogyakarta – das glauben zumindest die Einheimischen – schlimme Zeiten bevor: Die Stadt liegt genau auf der Mitte einer spirituellen Linie, die den nun entfesselten Berggeist mit seiner mindestens genauso wilden Geliebten, der Göttin des Südmeeres, verbindet. Werden sie nicht mehr gehütet und regelmäßig besänftigt, schicken sie sich gegenseitig Lava und Tsunamis als Geschenke.

 

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Das Geheimnis des Sawobaums

In Java herrscht der Glaube, dass jeder Mensch sein Leben lang an seine Plazenta gebunden ist. Sie wird als kleines Geschwisterchen des Neugeborenen angesehen, dass direkt nach der Geburt mit diversen Beigaben und guten Wünschen an einer geschützten Stelle begraben werden muss – Mädchen links vor dem Elternhaus, Jungs rechts davor. Den ersten Monat lang muss dort fortwährend ein Licht brennen, um die Seele des Kindes zu schützen. Als unser Sohn geboren wurde, entschieden wir uns für eine – unserer Meinung nach besonders schöne – Stelle neben einer Buddhastatue, die unter einem Sawobaum (eine kiwiähnliche, nach Honig schmeckende Frucht) in unserem Vorgarten steht. Dort wurde also der „kleine Bruder“ unseres Kindes mit alle Ehren und symbolischen Gaben begraben, ein Öllämpchen darüber angezündet.

Als der Kleine zwei Wochen später mit seinen wohl ersten Dreimonatskoliken kämpfte, baten wir die am nächsten wohnende Hebamme, ihn zu massieren, damit er die Blähungen loswürde. Die ältere Dame kam gern, massierte das Baby mit erfahrenen Händen und begutachtete ihn eingehend. „Ein gesundes, kräftiges Kind“, bescheinigte sie uns. Von Dreimonatskoliken wollte sie allerdings nichts wissen. „Das Problem ist die Plazenta: Sie liegt zu weit weg vom Haus – und dann noch unter einem Sawobaum. Ihr müsst sie näher am Eingang begraben“, erklärte sie. „Außerdem müsst Ihr eine Glühbirne anbringen, damit das Licht bei Regen nicht immer ausgeht.“

Wir haben natürlich keine Umbettungsaktion gestartet. Wir haben der Hebamme erklärt, dass wir ein Naturkind wollen und deswegen die Bäume der Terrasse vorziehen. Unsere Weigerung, ihrer Interpretation der Traditionen zu folgen, scheint jedoch in der Stadt bereits die Runde gemacht zu haben, denn ein paar Tage später bekam ich eine SMS von einer entfernten Bekanntschaft aus der Schwangerschaftsgymnastik, von der ich noch nicht einmal weiß, wo sie wohnt: „Hallo Christina, brauchst Du Hilfe? Ich habe gehört, dass Dein Kind rebellisch ist, weil seine Plazenta unter einem Sawobaum liegt…“

Unser Sohn entwickelt sich übrigens trotz gelegentlichen Blähungen und Plazenta unter dem Sawobaum ganz prächtig. 

 

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Neuer Job für Paul

Die meisten Indonesier sind abergläubisch und fast alle sind fußballverrückt. Der wahrsagende Tintenfisch Paul aus Oberhausen wurde daher im Inselstaat auf der anderen Seite der Welt zur willkommenen Sensation: Am Ende der Fußball-WM verging keine indonesische Nachrichtensendung ohne eine Meldung über „Gurita Paul“.

Doch während sich der Fußballrausch in Indonesien allmählich wieder gelegt hat, saugt sich der achtarmige Wahrsager weiterhin hartnäckig in den hiesigen Medien fest. Auf diversen Websites wird diskutiert, ob Paulchens Vorhersagen ausreichten, um auch politische oder religiöse Führer zu ersetzen.

Am vergangenen Samstag zeichnete der Karikaturist der englischsprachigen Tageszeitung „The Jakarta Post“ Paul zum Beispiel als Schiedsrichter in einem aktuellen Steuerhinterziehungsfall: Auf der Zeichnung verschwinden der korrupte Finanzbeamte Gayus sowie ein der Unterschlagung beschuldigter Polizeibeamter als gierige Kraken hinter Gittern, während die International Corruption Watch verwundert zusieht.

Beliebt ist auch der Vergleich mit „Gurita Cikeas“ – also dem Kraken von Cikeas: Dieser Ausdruck stammt aus einem populären Buch über die angebliche Vetternwirtschaft unter dem indonesischen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono, der in Jakartas Vorort Cikeas residiert.

Die Botschaft an den Tintenfisch: Wenn die Deutschen Paulchen tatsächlich schon in Rente schicken wollen – in Indonesien gibt es noch viel für ihn zu tun!

 

 

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Porno, Peterpan und Jesus Christus

Stellen Sie sich vor, Ihr Laptop wird gestohlen. Nicht nur, dass all Ihre darauf gespeicherten Arbeitsdaten weg sind – nein, dummerweise finden sich dort auch noch ein paar ziemlich private Filmchen, die Sie beim Sex mit Ihrer Freundin zeigen. Und mit ihrer Ex-Freundin. Noch pikanter wird die Geschichte dadurch, dass Sie einer der erfolgreichsten Sänger in einem musikverrückten Land mit 240 Millionen Einwohnern sind. Und Ihre Freundin eine der bekanntesten Fernsehmoderatorinnen. Genauso wie die Ex-Freundin. Und ein paar Monate später tauchen diese Videos auf einmal bei Youtube auf…

Genau dies soll dem Leadsänger der indonesischen Popband Peterpan geschehen sein – der zugegebenermaßen auch ohne Privatvideo eine ziemlich sexy Erscheinung abgibt. Er jedoch, Künstlername Ariel, bestreitet genauso wie seine Liebschaften, dass sie auf den besagten Filmchen zu sehen seien. Deswegen lautete die offizielle Sprachregelung bislang „Personen, die Ariel etc. ähnlich sehen“. 

Kein Grund für die Moralapostel im Land, sich zurückzuhalten: Politiker islamischer Parteien wittern die Chance, zum ersten Mal ein umstrittenes Antipornographiegesetz in einem prominenten Fall anzuwenden und einige Bürgermeister haben bereits Auftrittsverbote für Peterpan in ihren Städten angekündigt. Eine ganz neue Wendung nahm der Fall, als vor einigen Tagen Kommunikationsminister Tifatul Sembiring von der islamischen PKS-Partei einen Vergleich mit Jesus Christus zog: Die Frage, ob Ariel und Co. oder nur ähnlich aussehende Doubles auf den Videos zu sehen seien, sei so ähnlich wie die Debatte zwischen Christen und Muslimen, ob Jesus selbst oder nur ein ähnlich aussehender Mann gekreuzigt worden sei. Immerhin hat der Minister es mit dieser Bemerkung geschafft, auch diejenigen Bürger und Intellektuellen aufzurütteln, die sich bislang nicht für die auf Tausenden von Handys kursierenden Sex-Filmchen interessiert hatten.

Die öffentliche Diskussion dreht sich nun vor allem darum, ob Minister Sembiring nicht trotz seines viel genutzten Twitter-Accounts etwas Nachhilfe in Kommunikation benötigt. Und ob Ariel Peterpan, der mittlerweile von der Polizei festgenommen wurde, im übertragenen Sinne gekreuzigt werden soll – sozusagen als Märtyrer im Sinne der Gegner des Antipornographiegesetzes. Und ob der ganze „Peterporn“-Skandal nicht vielleicht doch nur dazu dient, von einigen hochkarätigen Korruptionsskandalen abzulenken, in die nicht nur diverse, ach so moralische Politiker, sondern auch die Polizei selbst verwickelt sind…

 

 

 

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Wie bleibt man Fußball-WM-Fan in der Fußball-Diaspora USA?

Man rottet sich mit Gleichgesinnten in heruntergekommenen Kneipen zusammen, die die Spiele via Pay-per-View bestellen und das Geld, das sie dafür bezahlen auf die sowieso schon hohen Bierpreise draufschlagen. Oder man schaut sich die Spiele zu Hause auf dem spanisch-sprachigen Fernseh-Kanal an. Das kostet nichts. Man versteht nur leider abgesehen vom GOOOOOOOOOOOOOOAL-Jubel der begeisterten Schnell-Sprecher-Kommentatoren so gut wie nichts.

So war das jedenfalls bei den bisherigen Fussball-Weltmeisterschaften.

Diesmal ist alles anders!

ESPN, der führende Sportkanal der USA überträgt alle Spiele – ALLE SPIELE – der Weltmeisterschaft live. Und dann gibt es am Abend auch noch Wiederholungen und Zusammenfassungen. Schon in der Vorbereitung auf die Spiele gibt es bisher unvorstellbare Höhepunkte der US-Fußball-Berichterstattung, darunter ein Drei-Minüter über Deutschlands Gewinn des WM-Titels 1974 mit Gerd-Müller-Interview!

Trotzdem kommt ehrlich gesagt nicht so richtige WM-Stimmung auf in den USA. Die Nation ist im Basketball-Playoff-Fieber. Los Angeles spielt gegen Boston. Das entspricht was Leidenschaft und Animositäten angeht in etwa den Begegnungen Deutschland – Niederlande! Deshalb sind auch die Lakers auf der Titelseite der Los Angeles Times, ganz vorne und im Sportteil! Kobe Bryant, LA Lakers Star und Fußballfan, tut sich mit seinem Team gegen Boston schwer und so wird zum WM-Auftaktspiel noch kein Sieger der Playoffs fest stehen. Und gegen diese Begegnungen hat selbst das erste Spiel der USA im Turnier gegen England keine Chance was Einschaltquoten angeht. Ganz abgehsehen davon, dass in den USA niemand an einem Samstag um sieben Uhr morgens aufsteht, um Fußball zu sehen?

Halt – niemand? Nicht wahr – in diesen Momenten merkt man wieder, wie wunderbar es ist, in einer Stadt wie Los Angeles zu leben – man muss sich nur das richtige Stadtviertel, die richtige Kneipe aussuchen und schon wird man erfasst vom Fußball-Fieber. Denn wahre WM-Leidenschaft gibt es natürlich überall in den USA – abgesehen von der Mehrheit der Football/Basketball/Baseball-fanatischen US-Bürger – unter allen eingewanderten Volksgruppen. Die spanisch-sprachige Tageszeitung La Opinion ist voller WM-Berichte, Tipps, Portraits, Analysen und anderen überlebensnotwendigen Informationen und Weisheiten zum Thema Fußball-WM. Das WM-Eröffnungsspiel Südarfika gegen Mexiko werden viele wahre Fans deshalb in einer der mexikanischen Kneipen anschauen. Morgens um sieben Uhr! Bei vermutlich völlig überteuertem Corona-Bier … 

 

 

 

 

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Zum Glück Buddhismus

In zwei Tagen ist Waisak, so heißt das buddhistische Neujahrsfest in Indonesien. Schon jetzt reisen buddhistische Mönche aus aller Welt in die zentraljavanische Sultanstadt Yogyakarta, in deren Nähe der größte buddhistische Tempel der Welt steht: der Borobudur. Die orangenen Kutten fallen als exotisch auf, denn Java ist überwiegend muslimisch und der Borobudur wird das restliche Jahr über als Touristenattraktion und Picknickplatz missbraucht.

Für einen Freund von mir, Yudi, wird dieses Waisak-Fest ganz besonders sein: Der als Muslim geborene Künstler wird zum ersten Mal als Buddhist daran teilnehmen, nachdem er im vergangenen Jahr offiziell die Religion gewechselt hat. Das ist im Grunde nichts Besonderes in einem als säkular geltenden Staat. Auch darf in Indonesien nur heiraten, wer derselben Religion angehört, was per se viele Menschen zu einem Glaubensübertritt motiviert.

In der sozialen Praxis allerdings tritt man nicht so einfach aus dem Islam aus (was nach muslimischem Recht wiederum gar nicht möglich wäre) – und das auch noch aus tatsächlichen Glaubensgründen. Yudi bekam dies zu spüren als er nach seinem zeremoniellen Eintritt in den Buddhismus nun auch seine offiziellen Papiere ändern lassen wollte: Sowohl im Personalausweis als auch in allen Familiendokumenten muss man in Indonesien seine Religion angeben. Auch nach einem Jahr im Kampf mit den Behörden, steht in seinem Personalausweis immer noch „Islam“.

Allmählich wird die Zeit knapp, denn ein neuer Gesetzesentwurf will tatsächlich den Austritt aus dem Islam in Zukunft verhindern – wie es zum Beispiel im Nachbarland Malaysia schon lange Gesetz ist. Yudi sieht es dennoch gelassen, eine Gelassenheit, die er offensichtlich in seiner neuen Religion per Meditation und Yoga findet. Er sieht es als Glück an, dass Buddhismus in Indonesien überhaupt als Religion zugelassen ist – denn außer dem Islam werden hierzulande nur Christentum, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus akzeptiert. Wer einem anderen Glauben angehört, erhält keine Papiere. Wollte er zum Judentum übertreten, müsste er auswandern.

 

 

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Volkszählung auf Indonesisch oder: Wie werden wir größter als die USA?

Gestern Mittag stand unser Blockwart (den gibt es in Indonesien tatsächlich noch) vor der Tür und stellte uns unseren Volkszähler vor, ein freiwilliger Helfer des Staates – vermutlich ein Student, der sein Taschengeld aufbessern will. Seit Wochen kündigen alle Medien im Land mit der viertgrößten Bevölkerung der Welt den großen Zensus an, der den ganzen Monat Mai lang stattfinden soll und appellieren dabei an Bürgerpflicht und das Nationalbewusstsein, um die Bevölkerung zur Beteiligung zu motivieren.

Also waren wir eigentlich darauf vorbereitet, dass auch wir gezählt werden sollen – allerdings nicht vor unserer Haustür. Denn so einfach, wie es sich die Volkszähler offensichtlich machen wollen, funktioniert das indonesische Meldesystem leider nicht. Als Ausländerin mit einer indonesischen Arbeitsgenehmigung muss ich im Büro meines offiziellen Arbeitgebers gemeldet sein und dieses befindet sich in Ostjakarta. Dass ich nicht im Büro übernachte und privat auch noch eine andere Adresse habe, müsste zwar eigentlich jedem Beamten klar sein, interessiert aber offiziell nicht. Also werde ich – bzw. die Kopie meiner indonesischen Meldebestätigung – unter der Büroadresse zum ersten Mal gezählt. Zum zweiten Mal  werde ich, wie es nun scheint, als Mitbewohnerin meines Ehemannes unter dessen Wohnadresse registriert. Damit aber noch nicht genug: Da mein Mann wie die meisten Indonesier nicht an seiner Wohnadresse, sondern in seinem Heimatdorf gemeldet ist, wird er dort noch einmal erfasst – sowie ich eventuell sogar ein drittes Mal als Mitglied der dort ansässigen Großfamilie.

Viele Indonesier lösen das nationale Meldedilemma, indem sie sich einfach an jeder Adresse einen Ausweis zulegen (mit so genanntem Zigarettengeld ist das meist kein größeres Problem), also werden diese wohl auch automatisch mehrmals gezählt. Auf der anderen Seite gibt es jede Menge Bewohner dieses Landes, die aus eben jenen Zigarettengeldgründen überhaupt keinen Ausweis oder offiziellen Wohnort besitzen – ob diese wohl auch von einem freiwilligen Studenten erfasst werden?

Wie auch immer: Indonesiens Bevölkerungszahl liegt bereits nicht mehr weit hinter den USA. Bei der momentanen Erfassungsmethode dürfte es trotz jahrzehntelanger Bemühungen der Familienplanungsbehörde nicht mehr lange dauern, bis die Indonesier zum drittgrößten Volk der Welt aufsteigen.

 

 

 

 

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Kitkat und die Orang Utans

Ein Video auf youtube machte vergangene Woche die Runde unter Indonesiens Umweltschützern: Ein Büroangestellter der gelangweilt Papier vernichtet, gönnt sich eine Pause (Have a break?) mit Kitkat. Genüsslich beißt er in einen schokoladenbraunen Orang-Utan-Finger und besudelt sich dabei mit Blut. Das Video entstand im Zuge einer neuen Greenpeace-Kampagne gegen den Kitkat-Hersteller Nestle – neben Unilever, Cargill und ADM einer der größten Palmölverbraucher der Welt. Wie viele andere Produkte enthält Kitkat Palmöl, dessen Anbau wiederum als Hauptursache für die Abholzung der Regenwälder in Indonesien und Malaysia gilt. Nestle reagierte und trennte sich von seinem anrüchigen Lieferanten Sinar Mas, der in Indonesien riesige Waldflächen abholzen lässt, um Palmöl anzubauen. Nebenbei verschwand das anrüchige Video vorübergehend von youtube und war nur noch auf der Greenpeace-Website zu sehen.

Die Hoffnung, dass mit solchen Aktionen Indonesiens Regenwälder, immerhin die drittgrößten der Welt, gerettet werden, sind gering. Selbst wenn alle Nestle-Konsumenten in der westlichen Hemisphäre nur noch Produkte mit zertifiziertem Palmöl kaufen, bleiben immer noch die riesigen Märkte in China und Indien. Mit dem zunehmenden Bedarf an Biodiesel hoffen die Palmölproduzenten zudem auf eine stark ansteigende Nachfrage – und dehnen ihre Plantagen mit Zustimmung der indonesischen Regierung immer weiter aus. Kein Wunder: Die meisten Firmenbosse sitzen selbst auf hohen Regierungsposten.

Infolgedessen geht in keinem anderen Land der Welt die Abholzung des Urwaldes so schnell voran. Seit 2007 ist Indonesien der größte Palmölproduzent der Welt. Die Orang Utans sind nur eine Spezies, die dabei ihren Lebensraum verliert – tausende andere Arten, die Borneo, Sumatra und Papua bevölkern, sind dabei genauso bedroht. Dazu gehören auch die Bewohner dieser Inseln, die häufig mit Gewalt vertrieben werden und so nicht nur ihre Lebensgrundlage, sondern auch ihre traditionelle Kultur verlieren.

Ein Kitkat-Boykott allein reicht also kaum aus. Kaum ein Fertiggericht oder Kosmetikprodukt in unseren Supermärkten kommt heute noch ohne Palmöl aus. Mit den steigenden Biodieselquoten, steigt zusätzlich der Bedarf an dem billigen Rohmaterial. Trotz aller Bemühungen gibt es bislang so etwas wie nachhaltiges Palmöl nicht. Wenn eine Vorzeigeplantage in Sumatra etwa die europäischen Zertifikatsansprüche erfüllt, holzt eine Tochterfirma desselben Konzern garantiert mit dem erzielten Gewinn eine Waldfläche in Borneo oder Papua für neue – unzertifizierte – Plantagen ab. 

 

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Im Zuckerland

Indonesier lieben es süß – zuckersüß sozusagen. Kaum ein Gericht oder Getränk ohne Zucker, sei es mit weißem, Roh- oder Palmzucker. Bestellt man seinen Kaffee oder Tee ohne Anmerkung, erhält man ihn in der Regel süß – nicht selten mit zwei bis drei Esslöffeln Zucker in einem großen Glas.

 

Schade eigentlich, denn viele Gegenden in Indonesien sind bekannt für ihren aromatischen Tee und Kaffee. Will man ein Getränk ohne Zucker muss man es dazu sagen. Aber selbst das reicht nicht immer aus. Als ich gestern Abend an einem Warung – so heißen hier die mobilen Straßenrestaurants – einen Tee bestellen wollte, habe ich wie üblich extra dazu gesagt, dass ich ihn bitte „bitter“ haben wolle. Wirklich nicht süß? Nein, wirklich nicht. Als der Tee kam, war er trotzdem süß. Also ließ ich das Glas zurückgehen. Der Verkäufer war überrascht: Wie ich das denn gemerkt haben könne? Er hätte doch nur einen Teelöffel Zucker daran getan! Kein Wunder, dass Indonesien eine der höchsten Diabetes-Raten der Welt hat…

 

 

 

 

 

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Das Alle-Jahre-Wieder-Chaos

Alle Jahre wieder rege ich mich auf, wenn in Indonesien nichts mehr läuft, sobald die Regenzeit einsetzt: Straßen sind gesperrt, Flughäfen außer Betrieb und keiner auf das allzu vorhersehbare Chaos vorbereitet. Dabei vergesse ich viel zu schnell, dass es in Deutschland kaum anders aussieht: Alle Jahre wieder bricht der gesamte Nah- und Fernverkehr zusammen, wenn der erste Schnee fällt – so als sei Schnellfall im Winter etwas absolut Unvorhersehbares. Wenn ich dann auf dem Weg zum Weihnachtsfest am Frankfurter Flughafen von mehreren hundert ausgefallenen Flügen in den letzten Tagen höre oder mal wieder in einem total verspäteten Zug der Deutschen Bahn sitze (Begründung: schlechte Witterungsverhältnisse), kann ich mich ganz beruhigt zurücklehnen, denn: Ich fühle mich ganz wie zu Hause, egal ob hier oder da. 

 

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Opfer-Mahl

Idul Adha, das islamische Opferfest, gilt in den meisten muslimischen Ländern als höchster Feiertag: Es ist der Höhepunkt der Hadsch-Pilgerfahrt. Das Fest erinnert an die Geschichte Abrahams, der auf Gottes Geheiß bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern. Angesichts dieser Gehorsamkeit schickte Gott einen Widder, den Abraham anstelle seines Kindes opfern konnte. Eine Geschichte, die für Christen, Juden und Muslime gleichermaßen von Bedeutung ist. In Indonesien, immerhin dem Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt, kommt Idul Adha erst an zweiter Stelle nach Idul Fitri, dem Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan. Nichtsdestotrotz wird natürlich ausgiebig gefeiert, gebetet und – geschlachtet.

 

Schon seit zwei Wochen haben sich die Vor- und Hinterhöfe der Moscheen in Schaf- und Ziegenställe verwandelt. Mitten in der Stadt wehten einem Misthaufenschwaden entgegen, denn in den letzten Tagen kamen auch immer mehr Kühe dazu (die von reicheren Gemeindemitgliedern gespendet wurden). An manchen Moscheen standen die Leute seit dem frühen Morgen Schlange und es kam in vielen Städten zu gewalttätigem Gerangel um Fleisch, das gratis verteilt wurde. Wer sich nicht rechtzeitig aufgemacht hat, wird nur noch die blutverschmierten Reste des Massenopfers vorfinden. Oder das ergatterte Fleisch als Eintopf auf dem Tisch – oder als Sate-Spießchen auf dem Grill. Ein harter Tag für Vierbeiner und Vegetarier. 

 

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Englischunterricht per Foto

Gestern Nachmittag stand unser Nachbar vor der Tür. Nicht dass das ungewöhnlich wäre, aber gestern kam Pak Marjo mit seinem Sohn, im besten Sonntagsstaat herausgeputzt. Er hielt mir eine Tüte mit Mangos hin: „Eigene Ernte“, sagte er schon fast entschuldigend. Es war klar, dass Marjo um einen Gefallen bitten wollte.

Mein erster Gedanke war, dass jemand in seiner Familie krank geworden war und er um Geld bitten will. Da kaum ein Indonesier auch nur irgendeine Versicherung besitzt, legt oft die ganze Nachbarschaft zusammen, wenn jemand bei schwerer Krankheit oder nach einem Unfall die Behandlungskosten nicht allein bezahlen kann. 

Doch diesmal lag ich daneben. Pak Marjo hatte eine ganz andere Bitte: Sein Sohn brauchte Hilfe bei einer Hausaufgabe im Englischunterricht. Kein Problem, dachte ich. Einem Neuntklässler werde ich sicherlich noch helfen können. Es ging allerdings nicht um eine Übersetzung oder ein Grammatikproblem. Auch nicht darum, die Aussprache zu üben. Nein: Die Hausaufgabe bestand darin, sich mit einem westlichen Ausländer fotografieren zu lassen. Sozusagen als Beweis dafür, dass man sich getraut hat, jemand auf Englisch anzusprechen.

Nun würden sich weder der höfliche Pak Marjo noch sein schüchterner Sohn jemals wagen, einen fremden Ausländer auf der Straße anzusprechen. Ganz davon abgesehen besitzt die Familie gar keine Kamera. Dennoch hängt die Englischnote des Jungen von dieser dämlichen Aufgabe ab.

Leider spiegelt dies ein generelles Phänomen im indonesischen Englischunterricht wieder. Anstatt eine Sprache zu vermitteln, die viele Lehrer selbst kaum beherrschen, lassen sie die Schüler Texte auswendig lernen und überlassen es ihnen dann selbst, „Konversation“ zu üben.

Westliche Ausländer, die schon einmal einschlägige Touristenattraktionen in Indonesien besucht haben, können ein Lied davon singen: Am berühmten Borobudur-Tempel in Zentraljava zum Beispiel werden täglich mehrere Schulklassen mit Bussen herangekarrt, die sich mit einem Fragebogen und Handykamera auf jede Weißnase stürzen, die sich die steilen Treppen des pyramidenförmigen Monuments hoch quält.

In der Regel sage ich bei solchen Gelegenheiten auf Indonesisch, dass ich aus Deutschland komme und man dort kein Englisch spricht. Das endet meist in Verwirrung und hilft fast immer. Pak Marjo und seinem Sohn konnte ich das aber schlecht erzählen. Also habe ich mich meiner eigenen Kamera mit dem Jungen fotografieren lassen. Mit dem Foto will ich ihm einen Brief an seinen Englischlehrer mitgeben. Darin werde ich ihm anbieten, eine Konversationsstunde mit seiner Klasse zu machen, wenn er seine Schüler dafür nie wieder losschickt, um sich mit Ausländern fotografieren zu lassen.

 

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Idul Fitri in Indonesien: ein Gebet für die Toleranz

Das Erste, was mir heute Morgen beim Aufwachen auffiel, war diese Stille. Nur das Klimpern des Bambuswindspiels vor dem Fenster war zu hören. Letzte Nacht hörte sich das noch anders an: Bis in die frühen Morgenstunden verkündete die volle Lautsprechermacht aller Moscheen Jogjakartas, dass Allah groß und Mohammed sein einziger Prophet sei – und zwar ununterbrochen, immer den gleichen Satz, vom gestrigen Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang heute früh. So begrüßen die Indonesier Idul Fitri, das Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan: Es ist diese eine Nacht im islamischen Jahr, in der jeder einmal ans Mikrophon darf. Wenn die Muezzine sich heiser gerufen haben, übergeben sie an die Dorfältesten, bis diese wiederum von ihren Söhnen abgelöst werden und auch Kinder dürfen sich zwischendurch versuchen, sobald sie von ihren Laternenumzügen zurückgekehrt sind.

Auf der Suche nach den letzten geöffneten Läden – wir hatten vergessen, Milch zu kaufen – sind wir gestern Abend mehrmals zwischen diese leuchtenden Paraden geraten, die nach dem Abendgebet von jeder Moschee loszogen. Viele Umzügler trugen mehr oder weniger kunstvolle Modelle ihrer jeweiligen Gotteshäuser vor sich her, es gab aber auch andere Motive wie zum Beispiel überdimensionale Schmetterlinge oder geflochtene Palmblätter, in denen der traditionelle Festtagsreis gekocht wird. Weniger Kreative hatten sich einfach vorgefertigte Laternen im Teletubby-  oder Mickymaus-Design besorgt. Jede dieser Paraden kündigte sich ebenfalls mit dem lautstarken Lobpreis Allahs an, meist begleitet von Trommelgruppen.

Während die glühenden Gesichter der Kinder hinter den Laternen auch bei mir Festtagsstimmung aufkommen ließ, erhielt diese einen Dämpfer, als ich die Sicherheitskräfte bemerkte: In der gesamten Stadt hatten Anhänger der radikalen „Front der Verteidiger des Islam“ (FPI) die Koordination übernommen. Anfang des Jahres stand die FPI kurz vor dem Verbot, nachdem sie in Jakarta Mitglieder eines gemischt-religiösen Forums während einer friedlichen Demonstration brutal zusammengeschlagen hatte. Doch außer der Festnahme des FPI-Anführers unternahmen weder Polizei noch Regierung weitere Schritte – wie so oft bei früheren Vorfällen dieser Art.

Die FPI ist auch eine der treibenden Kräfte hinter einem neuen Gesetz, das das Parlament der autonomen Provinz Aceh vergangene Woche verabschiedet hat. Tritt es in Kraft, werden Ehebrecher in Aceh – der einzigen Provinz Indonesiens, in der das Scharia-Recht gilt – demnächst mit Tod durch Steinigung bestraft. Zwar hat die Regierung eine Revision des Gesetzes beantragt, doch bringt schon allein die Tatsache der regionalen Parlamentsentscheidung viele indonesische Intellektuelle zum Zweifeln an der bisher so gepriesenen Toleranz ihres Landes. Dementsprechend unwohl wurde mir also, als ich sah, dass die FPI im sonst doch sehr moderaten Jogjakarta die Koordination der Idul-Fitri-Feierlichkeiten übernahm. Erst recht, als eine Parade an mir vorbeizog, die einen riesigen Davidstern mit sich trug – durchstochen von einem Schwert.

Seit heute morgen trudeln Dutzende von SMS auf meinem Handy ein, die alles Gute zu Idul Fitri wünschen. Dazu gehört die traditionelle Formel, mit der man sich für alle Fehler entschuldigt, die man jemals begangen hat. Auch ich werde diesen Spruch heute noch mehrmals sagen, werde ihn sogar manchmal so meinen, werde Palmblüten in Kokosnusscurry essen und süßen Tee trinken. Und hoffen, dass Indonesien das tolerante Land bleibt, als das ich es bisher kennen und lieben gelernt habe: ein offenes, säkulares, mittlerweile demokratisches Land, in dem fundamentalistische Schlägertrupps keine Gesetze bestimmen können. 

 

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Die Weltreporter werden erwachsen

Auf einem Podium mit Guardian-Starreporter Nick Davies und Krisenberichterstatter Ashwin Raman, mit  ARD-Legende Dagobert Lindlau, Stern-Auslandschef Hans-Hermann Klare und Tagesthemenredakteurin Ariane Reimers. Alle preisgekrönt und weit bekannt. Und mittendrin ich? Klar, warum nicht! Schließlich sitzt Du da für die  Weltreporter – und die haben mittlerweile auch einen guten Namen. Außerdem organisieren wir immerhin die ganze Veranstaltung. Sagt unsere Geschäftsführerin Barbara Heine, für die das Wort unmöglich irgendwie nicht existiert. Doch dann kommt Dagobert Lindlau als Erster durch die Tür, mittlerweile 78 und mit Stock in der Hand, aber mit jungenhaft verschmitztem Lächeln, und alle Bedenken sind vergessen.

Zum ersten Mal präsentieren die Weltreporter auf der Jahrestagung von Netzwerk Recherche eine  Podiumsdiskussion zur Auslandsberichterstattung. „Früher war alles besser!“ ist der Titel der Veranstaltung. War wirklich alles besser? fragt Moderatorin Julia Sen zum Auftakt. Nein! sagt Dagobert Lindlau fröhlich, während  Ashwin Raman schimpft, dass heute auf jeden Fall alles schlecht sei. Reimers und Klare relativieren ihre  Einschätzungen: Als Mitverantwortliche für das, was wir heute über das Ausland zu sehen und zu lesen bekommen, könnten sie wohl auch schlecht sagen, dass früher alles besser war. Aus meiner Freien-Sicht würde etwas mehr Rückgewandtheit zu intensiver und qualitativer Recherche vor Ort allerdings nichts schaden. Und deswegen gibt es ja die Weltreporter, sage ich. Dann trifft Stargast Nick Davies ein, dessen Platz neben mir bislang leer blieb, weil das Flugzeug zu spät landete. Der Guardian-Reporter erhält sogleich das Wort, das er für die nächsten fünf Minuten auch nicht mehr abgibt und – mit einem Arm noch in der Jacke – sogleich für eine Zusammenfassung seines  Bestsellers „Flat Earth News“ nutzt.

Trotz des redegewandten Briten kommen alle Podiumsteilnehmer etwa gleich oft zu Wort, es geht um   „Fallschirmspringer“ und zu viel Agenturjournalismus (was offensichtlich alle schlecht finden), um Abgrenzung zur  Propaganda von öffentlichen Institutionen und NGOs sowie „Embedded Journalism“ (was nicht alle ganz so schlimm finden). Hier wird es schon differenzierter: Raman zum Beispiel meint, es komme darauf an, ob der Journalist sich auch wirklich einbetten lasse, er könne sich samt seiner Kamera langfristig sozusagen unbemerkbar machen. Davies dagegen glaubt, dass unsere Weltmedien heute überwiegend propagandagesteuert sind.

Wie kommen Themen überhaupt ins Blatt oder auf Sendung, hinterfragt die Moderatorin, und lässt mich erklären, warum welche Themen gut ankommen (einfache Antwort: Katastrophen, Krisen, Krankheiten, deutsche Akteure oder islamische Extremisten) oder nicht (einheimische Akteure bei friedlichen Themen oder muslimische  Menschenrechtler zum Beispiel). Klare und Reimers bestätigen und scheinen sich doch irgendwie schuldig zu fühlen, zumindest holen sie zu längeren Rechtfertigungen ihrer Themenwahl aus. Dann die Frage an den Auslandschef des Stern: Warum jetzt ein Titel mit Folterfotos aus dem Irak? Bestimmt nicht für die Auflage, so Klare, man habe die Fotos bekommen und der Zeitpunkt passte zu den brisanten Äußerungen der neuen und der  alten US-Regierung. Der Stern wollte Haltung zeigen. Ein Relikt aus alten Zeiten der Auslandsberichterstattung, als  alles besser war? Oder doch eher die Sensation? Raman schimpft, was an den Fotos denn Besonderes sei, er habe diese seit Langem gehabt.

Davies von der Moderatorin auf den Stern-Titel angesprochen wirkt trotz der brillanten Übersetzerin an seiner Seite  verwirrt, den habe er nun wirklich noch nicht lesen können. Daher nutzt er die Gelegenheit eine weitere Kostprobe seiner provokanten Beredsamkeit zu geben und über neue Möglichkeiten der länderübergreifenden Zusammenarbeit von Medien zu referieren. Ob die Weltreporter denn nur für deutsche Medien berichten würden oder auch schon mal über Partnerorganisationen in anderen Ländern nachgedacht hätten? fragt er mich im  Anschluss an die Diskussion.

Für Fragen aus dem Publikum blieb bei der kurz bemessenen Stunde leider nicht viel Zeit, so blieb es bei drei Fragern, die sich vor allem für die Themenauswahl interessierten. Wie man denn als Freier Geschichten beim Stern unterbringen könne, fragte ein Kollege. Man habe keine guten Erfahrungen mit Freien, erklärte Hans-Hermann Klare, daher würden sie selten Geschichten von außen nehmen. Dann schob er jedoch nach: Bei den Weltreportern allerdings würden sich die Redaktion immer auf der sicheren Seite fühlen. Nette Geste, so zum Schluss.

Der gut gefüllte Seminarraum blieb dies auch bis zum Ende der Veranstaltung, offensichtlich war die Diskussion spannend genug, um nicht vorzeitig zu gehen. Ein Journalistikstudent bittet mich im Anschluss um ein Interview für seine Diplomarbeit, ein Redakteur aus Osnabrück um Tipps für die freie Arbeit im Ausland. Andere Kollegen  erzählen beim Mittagessen im Stehen von ihren erfolgreichen oder weniger erfolgreichen Versuchen als freie Korrespondenten, man tauscht sich aus. Es läuft immer auf das erfolgreiche Verkaufen der Geschichten heraus –  und das Non-plus-Ultra dafür ist: ein gut funktionierendes Netzwerk.

Am gleichen Abend noch feiert die Henri-Nannen-Schule ihr 30-jähriges Jubiläum in Hamburgs  Völkerkundemuseum. Bei der Begrüßung erkenne ich einige Gesichter aus dem Publikum der Podiumsdiskussion wieder: die aktuellen Journalistenschüler. Eine Schülerin kommt auf mich zu und fragt: Sie saßen doch heute Mittag auf dem Podium? Waren Sie wirklich bei der Gründung der Weltreporter dabei? Ich muss lachen und denke daran, dass ich mich heute Morgen noch selbst wie eine Journalistenschülerin gefühlt habe. Offensichtlich alles eine Frage der Perspektive. Ja, sage ich, und der Begrüßungssekt prickelt im Hals.

(Foto: Wulf Rohwedder, netzwerk recherche e.V.)

 

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Morgens auf dem Planeten Erde (4): Jogjakarta

Normalerweise reißt mich eine der drei Moscheen in unserer Umgebung aus dem Schlaf – heute drangen jedoch  schon am frühen Morgen sakrale Gesänge in meine Träume. Ein Nachbar war über Nacht gestorben, offensichtlich ein Katholik. Nicht viel funktioniert in Indonesien so reibungslos wie die Nachbarschaftshilfe in einem Todesfall, egal welcher Religion der Verstorbene angehörte: Jedes Viertel besitzt in der Regel ein größeres Zeltdach, Plastikstühle  und Geschirr. Alle Anwohner packen mit an – ob sie den Toten näher kannten oder nicht, ob sie ihn mochten oder nicht – und sitzen die Aufbahrungszeremonie bis zur Abfahrt zum Friedhof aus. Nicht zuletzt, weil es ja auf solch einer Veranstaltung immer auch ein Gratisessen gibt.

Heute Morgen versammelte sich die Nachbarschaft also direkt vor unserem Gartentor, selbsternannte Parkwächter  versuchten mit schrillen Pfeifen den Durchgangsverkehr durch die zugestellte Straße zu manövrieren. Irgendwann gingen die sakralen Gesänge unter den Pfiffen, dem Stimmengewirr des Menschenauflaufs und den  Mikrofonansagen des Pfarrers unter. Lärmempfindlich sind Indonesier nicht wirklich. Ich schon. Als sich dann auch  noch mein Internetanschluss verabschiedete, beschloss ich, meinen Arbeitsplatz heute ins Cafe zu verlegen. Nach  dem Pflichtkondolenzbesuch und der dazugehörigen Geldspende, versteht sich.

Die Rikschafahrt zu meinem Lieblingscafe ging schnell – Jogjakartas Straßen sind heute selbst für sonntägliche  Verhältnisse erstaunlich leer. In den vergangenen Wochen hatten sich an jeder größeren Kreuzung Motorradkonvois gestaut, die mit schwingenden Fahnen und rhythmischen Motorenheulen durch die Stadt zogen. Offener Wahlkampf heißt das hier: Am kommenden Donnerstag wählt die drittgrößte Demokratie der Welt ein neues Parlament. Oder besser: ganz viele Parlamente. Denn gleichzeitig mit dem Nationalparlament sollen die Regional- und  Provinzparlamente neu besetzt werden. Welcher der landesweit mehr als 500.000 Kandidaten von welcher der 38 Parteien für welches Parlament kandidiert und für welche Ideen steht, verstehen dabei nicht einmal ein Viertel der  Wähler, wie Umfragen zeigen.

Wahlkampf in Indonesien hat allerdings auch nicht viel mit politischen Programmen zu tun, sondern eher mit Karneval. Die Anhänger kleiden und schminken sich komplett in den Farben der jeweiligen  Partei – es erinnert immer ein bisschen an Fußballmeisterschaften. Gestern zum Beispiel war Blau angesagt, die Farbe der Demokratischen Partei des amtierenden Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono. 30.000 blau gewandete Menschen hatten sich auf den Platz vor dem Sultanspalast von Jogjakarta gedrängt, um der Ansprache ihres Präsidenten zu lauschen. Die Jubellaune vieler Anhänger dürfte allerdings eher durch Gratisessen und ein Konzert der Popband Ungu angeheizt worden sein.

Eigentlich ist heute der letzte Tag des offenen Wahlkampfs, aber offensichtlich haben die großen Parteien bereits ihr Pulver verschossen. Gestern musste ich noch mit großen Umwegen um die Innenstadt kurven, heute tuckert mir nur ein einzelner Truck einer kleinen Partei entgegen, zwei Mopeds folgen ihm. Ein deutlich kleinerer Konvoi als die Beerdigungsprozession, die sich gerade vor meinem Haus formiert. Als würde der Wahlkampf in Jogjakarta heutezu Grabe getragen. Hoffentlich kein schlechtes Omen für die Wahlen: Pessimistische Umfragen befürchten, dass mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten in Indonesien gar nicht erst zu den Urnen gehen wird. Vielleicht würde es  helfen, wenn es an jedem Wahllokal ein Gratisessen gebe.

 

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Drogenerziehung auf Indonesisch

Gestern bekam ich eine ungewöhnliche SMS: „Drogen zerstören die Zukunft der jungen Generation. Hört jetzt auch auf, Drogen zu nehmen, damit Eure Zukunft nicht dunkel und hoffnungslos ist. Sender: Präsident der Republik Indonesien.“ Da ich mich als drogenfreie Langweilerin davon nicht angesprochen fühlte, werde ich diese fürsorgliche Nachricht heute einem Freund weiterleiten, der wegen eines Joints seine nähere Zukunft im Gefängnis verbringen wird. Dass er eines und nicht fünf Jahre im Knast verbringen wird, hat er übrigens den Ordnungskräften dieser fürsorglichen Republik zu verdanken. Für mehrere hundert Euro Bestechungsgeld hat die Polizei das zunächst völlig übertriebene Verhaftungsprotokoll in einen Bericht umgewandelt, der – zumindest in groben Zügen – der Realität entspricht. Für ein paar hundert Euro mehr haben sich Richter und Staatsanwalt dann auch noch erbarmt, ein normales Strafmaß anzusetzen. Ein anderer Bekannter hatte weniger Geld. Er hat nun vier Jahre Zeit, um sich wegen ein paar Gramm Hasch seine Zukunft im Gefängnis aufzubauen: Er holt seinen Schulabschluss nach, den er sich – ebenfalls wegen Mangel an Geld und staatlicher Unterstützung – „draußen“ nicht leisten konnte.

 

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Sentimentaler Gouverneur

Der Gouverneur von Jakarta, Fauzi Bowo, ist nicht gerade bekannt für sein Mitgefühl für die arme Bevölkerung der indonesischen Hauptstadt. Wie sein Vorgänger Sutiyoso lässt er Slumbewohner ohne gültigen Personalausweis vertreiben. Die Ordnungskräfte gehen dabei nicht zimperlich vor: Hütten werden eingerissen und samt der armseligen Innenausstattung abgebrannt; wer sich wehrt oder um sein Hab und Gut kämpft, bekommt die Schlagstöcke zu spüren. Als Fauzi Bowo gestern eine Ausstellung von Indonesiens Vorzeigekünstlerin Dolorosa Sinaga eröffnete, zeigte er jedoch auf einmal seine sentimentale Seite: Er wollte eine Bronzeskulptur mit dem Titel „I will fight“ kaufen, die ein Gruppe vertriebener Slumbewohner darstellt. Als die Künstlerin – bekannt für ihr soziales Engagement – fragte, warum er denn ausgerechnet diese Skulptur wolle, antwortete der Gouverneur: „Ich habe Mitleid mit diesen Menschen.“

 

 

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Visum gegen Pferd

Dass Indonesien zu den korruptesten Ländern der Erde gehört, ist lange bekannt. Auch ist es nichts Neues, dass die Einwanderungsbehörde zu Indonesiens korruptesten Institutionen gehört. Und dennoch schaffen es die Beamten immer wieder, uns zu überraschen.

Ein Freund musste sein Besuchsvisum verlängern. Anstatt dies wie gefordert eine Woche vor Ablauf zu tun, kam er erst einen Tag, bevor das Visum seine Gültigkeit verlor. Umgerechnet 100 US-Dollar forderte der zuständige Beamte als Strafe, das sei die Regel. Dabei ging er allerdings von den Sätzen aus, die für bereits abgelaufene Visa gelten. Er ließ sich (natürlich) auf eine Diskussion mit unserem Gast ein.

Strafe müsse sein, sagte der Herr über das Visum, aber er könne sich auch eine Bezahlung in – zum Beispiel – Naturalien vorstellen. Oder mit einem Bild, der Besucher sei doch schließlich Künstler. Man einigte sich auf die Zeichnung eines Pferdes, das Lieblingstier des Beamten. Auf ein Portrait verzichtete er lieber, das sei zu offensichtlich.

Zwei Tage später händigte er das verlängerte Visum aus, im Austausch gegen ein knallbuntes Reiterbildnis. Das Motiv war die Kopie eines Holzschnitts von Cornelis Anthonisz aus dem 16. Jahrhundert, der König Franz I. von Frankreich darstellt. Unter dem ersten König der Renaissance kam es zu einer bedeutenden Entwicklung der Künste in Europa.

Das Gesicht des Reiters in der bunten Kopie ähnelte jedoch verdächtig jenem indonesischen Beamten, der sich offensichtlich auch der Förderung der Künste verschrieben hat.

 

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Landunter

Es ist Regenzeit in Jakarta. Was heißt Regen: Das Wasser ergießt sich in solchen Massen vom Himmel, dass die Sintflut plötzlich ziemlich realistisch erscheint. Das Internet ist seit Stunden zusammengebrochen, Telefonieren geht nicht. Erstens, weil die Leitung ständig unterbrochen ist, und zweitens, weil die Wassermassen solch einen Lärm auf dem Dach veranstalten, dass ich sowieso nichts verstehen würde. Die für mich zuständige Telefonzentrale liegt im Süden der Stadt. Dort hätte ich heute eigentlich einen Termin, doch wagen sich momentan weder Busse noch Taxis durch die meterhohe Drecksbrühe, die aus den zugemüllten Kanälen Jakartas auf die Straßen gequollen ist. Schon gestern bin ich auf dem Weg zu einem anderen Termin umgedreht, weil sich einige Kreuzungen in Seen verwandelt hatten, die nur noch watend oder schwimmend zu überqueren waren. Während ich im Bus festsaß, gaben neben mir diverse Motorräder und Autos blubbernd ihren Geist auf. Von meinem – glücklicherweise trockenen – Sofa aus betrachte ich nun die überschwemmten Viertel im Stadtfernsehen. Und bewundere die Menschen aus den ärmeren Vierteln, die noch immer in die Kamera lachen können, obwohl ihr ganzes Hab und Gut gerade in der braunen Suppe verschwindet.

 

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Ein Flugzeugabsturz und seine Folgen

Seitdem am Neujahrstag ein Flugzeug der indonesischen Adam Air über der Insel Sulawesi verschwand, herrscht auf den Flughäfen des Landes Ausnahmezustand: Es ist leer. Zwar gab es in den letzten Jahren diverse Zwischenfälle mit alten, überlasteten und schlecht gewarteten Maschinen, doch nichts hat dem boomenden Billligflugmarkt einen vergleichbaren Schock versetzt. Der mysteriöse Absturz des Fluges KI 574 ist noch nicht enträtselt, die Erklärungen reichen von schlechtem Wetter über einen terroristischen Anschlag bis hin zu übernatürlichen Kräften. Zwar hat ein US-Militärschiff mittlerweile die Reste der Boeing 737-400 rund zwei Kilometer unter dem Meeresspiegel geortet. Doch bislang fehlt das technische Material, um die Blackbox zu bergen.

In einem Inselstaat mit einer Ausdehnung der Größe Europas, kommt man ohne Fliegen allerdings nicht weit. Also stürzen sich jetzt alle Berufsflieger auf die staatliche Garuda Airline, die als verhältnismäßig sicher gilt (auf die internationale Sicherheitsstatistik sollte man allerdings auch hier lieber nicht schauen). So auch ich. Diese Woche jedoch musste ich spontan von Yogyakarta nach Jakarta fliegen. Die Garuda-Flüge waren ausgebucht. Zwei Billiganbieter hatten noch verhältnismäßig teure Tickets, doch erinnerte ich mich, dass vor der Adam Air-Katastrophe eben jene Fluglinien als die unsichersten galten. Übrig blieb ein Sonderangebot von: Adam Air. Nach fünfminütigem Ringen buchte ich. Kaum war ich aus dem Reisebüro hinaus, rief mich eine freundliche Dame an, um mir mitzuteilen, dass Adam Air wegen der geringen Nachfrage drei seiner sechs Flüge auf der von mir gebuchten Route canceln musste. Ich konnte mir nun einen Flug um sechs Uhr morgens oder sechs Uhr abends aussuchen.

Mit einem mulmigen Gefühl nahm ich den Abendflug. Beim Einchecken keine Warteschlange. Im Flugzeug saßen neben mir zwei ältere Herren im Batikhemd, die schon während der Sicherheitsvorführung der Stewardessen Allah um seinen Schutz anflehten. Eine knappe Stunde lang tauchten wir in die graue Wolkensuppe über Java ein. Es war ein ereignisloser Flug. Das Ankunftsterminal in Jakarta wirkte verlassen, ich bekam sofort ein Taxi. Selbst der übliche Stau auf dem Flughafenhighway fiel weg. Nur zweieinhalb Stunden nach Verlassen meines Hauses in Yogyakarta stand ich vor meiner Wohnung in Jakarta. So schnell ging es noch nie.

 

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Wahrheit und Klischee: Film über Bali-Bomben

Am 12. Oktober 2002 sprengten sich auf der Touristeninsel Bali vor einem überfüllten Nachtclub zwei Selbstmordattentäter mit einem Kleinbus voller Sprengstoff in die Luft. 202 Menschen starben in dem Inferno. Der Traum vom friedlichen Zusammenleben im Ferien-Paradies war zerstört. Der internationale Terrorismus war nach Indonesien gekommen.

Nun gibt es den Film zur Bombe. Zum ersten Mal wagte sich ein indonesisches Produktionsteam an die Aufarbeitung des schwierigen Themas – und griff mitten ins Wespennest. „Hier wird der Islam schlecht gemacht,“ schreien die einen und: „Ihr vermenschlicht die Terroristen,“ die anderen. Zugegeben, die Charaktere in „Long Road To Heaven" sind fast alle überzeichnet und die Erzählstruktur mit ihren ständigen Zeitsprüngen unausgereift. Auch kann der Film – schon allein aus Kostengründen – nicht mit der perfekten Technik eines Hollywoodprodukts mithalten. Dennoch gelang es Regisseur Enison Sinaro und Produzentin Nia Dinata, die Ereignisse von allen Seiten aus verschiedenen Sichtweisen zu beleuchten und einen neue Diskussion anzustoßen: Es gibt die sensiblen, die fiesen und die ganz normalen Touristen, die toleranten und fanatischen Muslime – und selbst bei den Terroristen tauchen Zweifel auf.

Auf die Kritik einer amerikanischen Zuschauerin, der Film sei zu klischeehaft, antwortete ein einheimischer Premierenbesucher daher: „Seien Sie bloß froh, dass es nicht ihre Leute waren, die diesen Film gedreht haben.“

 

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Pressekonferenz auf Indonesisch

Eine ganz alltägliche Pressekonferenz bei einem großen internationalen Unternehmen in Jakarta. Vier Stunden sind auf dem Einladungsschreiben für den Launch eines neuen Produkts angesetzt.

Als ich – mit Verspätung – ankomme, sind außer mir und einem indischen Kollegen nur eine Handvoll indonesischer Kollege anwesend. Jeder erhält eine Pressemappe samt Baseball-Kappe und CD-Case mit Firmenlogo. Zum Empfang gibt es ein reichhaltiges Frühstückspaket, Kaffe und Tee.

Nach etwa einer Stunde hat sich der Raum gefüllt, die anwesenden Manager beginnen mit ihren Begrüßungsreden. Immer noch trudeln einheimische Kollegen ein. Die meisten spielen mit ihren Handys, einer nickt ein. Die Konferenz dauert samt einer sehr kurzen Fragerunde nur eine knappe Stunde. Ich will gerade aufstehen, als die Moderatorin das Mikrofon noch einmal ergreift und ein Quiz ankündigt: „Wer die Fragen richtig beantwortet, kann weitere Geschenke gewinnen. Aber nicht von der Pressemitteilung ablesen!“ Ein T-Shirt, ein Täschchen und diverse andere Gifts gehen an diejenigen, die am schnellsten herunterleihern können, was die Konzernmanager zuvor gerade verkündet haben.

Und damit von den anderen niemand enttäuscht ist, öffnet sich kurz vor Schluss die Schiebetür zum Seitenzimmer, wo schon das große Mittagsbuffet wartet.

Als ich den Konferenzsaal verlasse, sind genau vier Stunden vergangen. Baseball-Mütze und CD-Case habe ich dem Hausmeister vermacht.

 

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Warten ist Geld

Ich warte. Seit vier Wochen. Auf meinen Pass. Auf meine Aufenthaltserlaubnis. Auf meine Arbeitserlaubnis. Auf meine polizeiliche Meldekarte. Und noch ungefähr sieben bis zehn andere Papiere.

Das mache ich jedes Jahr im August – dann steht nämlich immer meine jährliche Visumsverlängerung an. In dieser Zeit kann ich weder verreisen noch spontane Aufträge annehmen, die sich nicht vom Schreibtisch aus erledigen lassen. Indonesien gilt als eines der korruptesten Länder der Welt, bei Transparency International landet es regelmäßig auf einem der letzten zehn Plätze. Bei meinem ersten Antrag auf ein Journalistenvisum, vor vier Jahren, habe ich es noch selbst versucht.

Dazu muss man wissen, dass ausländische Journalisten auf der inländischen Misstrauensskala nicht weit hinter Terroristen rangieren. Drei Behörden habe ich ausgesessen ohne „Taschengeld“ zu verteilen. Nach drei Monaten und einem Nervenzusammenbruch habe ich damals aufgegeben. Ich habe einen Agenten bezahlt, der die Beamten – und ein paar Tage später hatte ich meine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung.

Dieser Agent war sehr teuer. Und er hat er hat mir für mein echtes Geld ein falsches Papier untergeschoben. Um das falsche in ein echtes Papier zu verwandeln, musste ich wiederum einen Beamten „einen Gefallen tun“. Nun bezahle ich eine neue Agentin, die billiger ist und ehrlicher. Daher dauert zwar alles länger, aber ich bekomme eine Quittung für jedes Stückchen Papier. Sollte ich bis Anfang September tatsächlich meinen Pass mit allen nötigen Stempeln in der Hand halten, könnte ich sogar doch noch jenen Auftrag annehmen, für den ich nach Malaysia reisen muss. Allerdings muss ich dann wieder teuer dafür bezahlen, dass ich ausreisen darf – um genau zu sein: hundert US-Dollar – wie jeder glückliche Besitzer einer temporären Aufenthaltsgenehmigung in Indonesien.

 

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Chronik einer Katastrophe

Schon wieder hat die Erde in Indonesien gebebt. Diesmal 240 Kilometer südlich von Westjava am Montag, den 17. Juli 2006, um 15.19 Uhr. Um 16 Uhr – ich saß gerade mitten in einer Besprechung in einem einstöckigen Privathaus im zentraljavanischen Yogyakarta und hatte von dem Beben überhaupt nichts gespürt – erhielt ich den ersten Anruf aus Deutschland: „Können Sie uns Details über die neue Katastrophe berichten? Stimmt es, dass es einen Tsunami gab?“

Wie schon so oft, hatte ich von einer Katastrophe nur wenige hundert Kilometer vor meiner Haustür, über die Redaktionen in Deutschland erfahren. Die Newsticker der internationalen Agenturen kommen in der Regel dort schneller an, als die Nachrichtenmeldungen der indonesischen Medien bei der eigenen Bevölkerung.

Leider galt das in diesem Fall auch für die internationale Tsunami-Warnung des Pacific Tsunami Warning Center in Hawaii, das die indonesischen Behörden mindestens eine halbe Stunde vor der drohenden Todeswelle an der Südküste Javas gewarnt hatte. Die hielt die Befürchtungen jedoch für übertrieben und gab die Warnung nicht weiter. Die Bevölkerung an den Stränden Westjavas wurde daher vom Indischen Ozean völlig ungewarnt überrollt.

Während ich mich ans Telefon stürzte, um bei Bekannten aus der betroffenen Gegend mehr über die aktuelle Situation vor Ort herauszufinden, telefonierte der indonesische Nachrichtensender Metro-TV mit panischen Einwohnern aus den bedrohten Orten, die genauso wenig Ahnung hatten, was direkt an der Küste vor sich ging. Zu diesem Zeitpunkt hatten zwei Tsunami-Wellen die Strände von Pangandaran, Batukeras und anderen Fischerorten bereits platt gewalzt und Hunderte Menschen mit sich in den Tod gerissen. Selbst mein Lieblingsstrand, nur 30 Kilometer von Yogyakarta entfernt, wurde von der Riesenwelle verwüstet – und keiner hier hatte etwas davon mitbekommen.

In Europa dagegen waren bereits die ersten Satellitenbilder zu sehen. In den kommenden Stunden fragten vier verschiedene Fernseh- und Radiostationen aus Deutschland Telefonschalten an, zwei Tageszeitungen wollten Berichte. Dabei ging es weniger um die neuesten Informationen – die waren ja schon längst in Hamburg, Berlin oder Wiesbaden angekommen – als um das Bild einer „Expertin vor Ort“. Am nächsten Tag, während an der javanischen Küste die Suche nach Überlebenden weiterging, spekulierten die deutschen Medien über die technischen Details des von Deutschland entwickelten Tsunami-Frühwarnsystems. Etwas zur gleichen Zeit trafen in den abgelegeneren Fischerdörfern die ersten Ambulanzen ein.

Drei Tage später, als die Zahl der Toten nicht mehr stündlich stieg und die ersten Touristen aus der Katastrophengegend in Yogyakarta und Jakarta eintrafen, war der Tsunami in Deutschland bereits kein Thema mehr. „Vielen Dank und bis zur nächsten Katastrophe“, flötete ein Redakteur durchs Telefon. Mehr über Seebeben in Indonesien: www.bmg.go.id