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Neue Heroinwelle erfasst Amerika

Es begann damit, dass ein Nachbar 311 wählte und sich über Lärm beschwerte.

Zwei Polizisten klingelten darauf hin an der Haustür von Frank Giardina. Der Mann empfing sie freundlich, eine schmauchende Pfeife in der Hand. Den Gesetzeshütern kam der Geruch verdächtig vor. Was in der Pfeife drin sei, wollten sie wissen. Die freimütige Antwort: „Ach, das ist Gras“ – Marihuana. Nun fanden es die Uniformierten an der Zeit, die Personalien des Mannes festzustellen. Der blieb ein Gentleman und bat die Polizisten in die Wohnung, während er seine Papiere suchte. Auf dem Küchentisch: ein Berg von Heroin. Über fünf Pfund waren es, wie die Wägung später ergab, mit einem Marktwert von mehr als 400 000 Dollar. Mr. Giardina war offenbar so high, dass er geglaubt hatte, die Polizisten würden das Pulver höflich übersehen.

Als Szene in einer Kriminalkomödie ließe sich über den tumben Drogenhändler kräftig lachen. Doch die Geschichte hat sich nach einem Bericht der New York Times vergangenen Woche tatsächlich zugetragen, im New Yorker Stadtteil Queens, in einem Viertel, das die Polizei bis dato für drogenfrei gehalten hatte. Sie steht, leider, für einen beunruhigenden Trend: Heroin ist in den USA wieder auf dem Vormarsch. Und das, nachdem es lange Zeit so schien, als seien die Gefahren der Droge so bekannt, dass sie dauerhaft zur Randerscheinung würde.

Als am 2. Februar der Schauspieler und Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman an einer Überdosis starb, nachdem er über 25 Jahre clean gewesen war, machte das Schlagzeilen. Doch für den steigenden Konsum von Heroin sind weniger rückfällige Alt-Junkies verantwortlich. Vielmehr sind es junge Leute, die die 1970er und 1980er Jahre höchstens noch aus Filmen kennen und verheerende Suchtfolgen wie Verelendung, Prostitution und Tod verdrängen. Das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft hat, was den Konsum harter Drogen angeht, nachgelassen.

Ein Bericht des Weißen Hauses von diesem Februar nennt alarmierende Zahlen: 2006 gaben Amerikaner für Heroin schätzungsweise 21 Milliarden Dollar aus, 2010 bereits 27 Milliarden (neuere Zahlen liegen nicht vor). Die Zahl der Junkies wuchs im gleichen Zeitraum von 1,2 auf 1,5 Millionen. Auch die Menge des – vor allem an den südwestlichen Grenzen der USA – beschlagnahmten Heroins stieg steil an, von 1867 Kilogramm im Jahr 2007 auf 3291 Kilogramm 2010.

Es ist nicht nur ein Problem der Großstadt. In  ländlichen Gebieten ist Heroin auf dem besten Weg, die illegalen Schmerzmittel abzulösen, die die dortige Drogenszene lange dominiert haben. Der Gouverneur des Bundesstaats Vermont, Peter Shumlin, widmete dem Problem Anfang Januar seine komplette Neujahrsansprache. Er sprach von einer „ausgewachsenen Heroin-Krise“, die Einwohner „in jeder Ecke des Bundesstaats“ bedrohe. Die Zahl der Drogentoten steige kontinuierlich und habe sich 2013 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Fast 80 Prozent aller Gefängnisinsassen seien süchtig. Jede Woche werde Heroin im Wert von zwei Millionen Dollar nach Vermont geschleust.

Es kommt vor allem aus Mexiko und wird zu Preisen gedealt, bei denen der Einstieg leicht fällt: In Großstädten kostet ein Beutelchen rund sechs Dollar. Auf dem Land lässt sich mehr verlangen, weshalb ein regelrechter Dealer-Tourismus nach Neuengland eingesetzt hat. Dass die Droge billig ist, ist freilich nicht der einzige Grund für ihre Renaissance. „Wer Drogenabhängigen zuhört, weiß, was viele in die Sucht treibt: Hoffnungslosigkeit und ein Mangel an Chancen“, sagt Gouverneur Shumlin. Die zunehmende Ungleichheit und die Rezession der vergangenen Jahre, für viele mit Arbeitslosigkeit und Zwangsversteigerung verbunden, haben der Drogenmafia neue Kundschaft beschert.

In Vermont will der Gouverneur nun mehr Geld für Prävention und frühzeitige Behandlung von Abhängigen zur Verfügung stellen. Vor allem aber rief er seine Mitbürger auf, Drogenkonsum nicht in erster Linie als Verbrechen, sondern als Krankheit zu sehen. Eine neue Erkenntnis ist das eigentlich nicht, doch vielleicht gilt auch hier, dass das kollektive Gedächtnis nach Jahrzehnten eine Auffrischung braucht. Für Frank Giardina allerdings, den Gentleman-Dealer aus Queens, kommt sie wohl zu spät.

Christine Mattauch

 

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Zerstörte Träume und schlaflose Nächte – die US-Haushaltsblockade

Gerade habe ich im Radio gehört, dass weltweit kein großes Interesse am schlechten Schauspiel der Haushaltsblockade von Washington besteht. Kein Wunder. Ich kann auch kaum noch die Stimmen der üblichen Verdächtigen ertragen, die sich gegenseitig die Schuld zu schieben. Die müssen doch mindestens genausoviele Geschichten von Betroffenen gehört haben wie ich!

Ich habe Touristen am Flughafen von Los Angeles getroffen, die ihren gesamten Ferienplan umstellen mussten weil sie nicht in Nationalparks kommen. Eine Rentnerin war auf dem Weg zum Trip ihres Lebens mit Schulfreundinnen – Wildwasserrafting im Grand Canyon. Aus der Traum!
Ich traf einen Vater, der die Hypothek für sein Haus und Studiengebühren für seine Töchter nicht bezahlen kann, weil er im Zwangsurlaub ist. Irgendwann soll er sein Gehalt bekommen. Bis dahin stapeln sich unbezahlte Rechnungen und Verzugsgebühren. Er schläft nicht gut.

Am meisten beeindruckt aber hat mich die Geschichte von Shanice, einer Studentin aus dem nicht gerade idyllischen Viertel Watts in Los Angeles. Das ist berühmt vor allem für Rassenunruhen in den 60ern und für die Türme aus Recycle-Material. “Ich weiss nicht, was derzeit unser größtes Problem ist – Gangs oder Teen-Mütter,” erzählte sie mir. Shanice will den Kreislauf durchbrechen und hat ein Studium angefangen. Sie schrieb sich ein für Soziologie und Kommunikation an einem relativ preiswerten College. 1000 Dollar zahlt sie im Jahr für Studium und Studienmaterial. Das stieß bei Freundinnen auf großes Unverständnis. “Warum wirst du nicht einfach schwanger, dann bekommst Du Geld für Essen und Wohnung?” haben die gefragt.
Die 21 jährige lebt bei ihrer Großmutter. Sie hat sechs Geschwister. Die leben bei der Mutter. Der Vater hat sich nie um sie gekümmert. Shanice bekommt etwa 10 tausend Dollar im Jahr aus verschiedenen Töpfen des Bundeshaushalts. Mir ist es ein Rätsel, wie man mit so wenig Geld in Los Angeles leben und studieren kann! “Ich bin total von finanzieller Hilfe abhängig. Ich zahle alles davon – das Busticket, die Bücher, mein Essen, die Gebühren, meine Kleidung, Zuschuss zur Miete.” erzählte sie mir. Und das ist die Verbindung zur Haushaltsblockade.
Vor gut acht Wochen wäre eine Zahlung an Shanice fällig gewesen, etwa 1500 Dollar. Wegen Kürzungen an den Unis noch vor der Blockade hat sich die Zahlung verzögert. Wegen der Streits in Washington wurden nun zusätzlich Stellen am College gestrichen und Shanice fürchtet, dass sie das Geld gar nicht mehr bekommt. Bei der Beratungsstelle sind die Schlangen endlos. Dort arbeiteten einmal drei Angestellte, nur eine Stelle ist geblieben. “Wenn ich am Ende des Monats keine Überweisung bekomme, kann ich mir den Bus nicht mehr leisten. Wenn ich nicht zur Schule komme, kriege ich schlechte Noten. Mit schlechten Noten bekomme ich keine finanzielle Förderung mehr.” Shanice will ein Vorbild sein, ihren Geschwistern zeigen, dass auch Kinder aus Watts einen Collegeabschluss machen können. Momentan fürchtet sie, dass die Schulfreundinnen recht behalten und es einfacher ist, eine Teen-Mutter zu sein als zu studieren.

 

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Vor Wahlen wird Islam zum Land …

Zu wenig dringt vom australischen Wahlkampf in den Rest der Welt vor. Was schade ist, denn wenn die nächsten 4 Wochen bis zur Wahl nur ansatzweise so skurril weitergehen, wie sie angefangen haben, wird’s zum Schreien. Kostprobe gefällig? Gern! Gestern zb gab eine junge Kandidatin der “One Nation” Partei (so eine Art australische Le-Pen- oder Sarah-Palin-Truppe) ein Interview und erklärte : Sie sei jetzt nicht generell gegen Islam als Land, aber deren Gesetze sollten lieber nicht in Australien gelten. Okay, ich verstehe, Sie brennen darauf, den Namen dieser politischen Wunderwaffe kennen zu lernen: Verständlich, denn Stephanie Banister, mit 27 Jahren das jüngste “poster girl” ihrer politischen Vereinigung, hat noch weitere Weisheiten in Sachen Religion parat. Da Skepsis in diesen schnellmedialen Zeiten angebracht ist, hören Sie sich den Beweis aus Australiens öffentlichem Fernsehen auf Youtube an. Es lohnt! Sarah, sorry Stephanie weiß auch: Nur 2 Prozent aller Australier etwa folgten dem Haram (sie meinte Koran, haram ist ein muslimischer Terminus für etwas das verboten ist )

http://www.youtube.com/watch?v=6_1SFf8t-ko

Dann belehrte sie noch: Juden hätten andere Diätvorschriften (nicht haram sondern kosher und steuerfrei), aber Juden hätten ja eh ihre “eigene Religion, welche nämlich Jesus Christus folge”. Autsch, ich glaube Stephanie muss wirklich muss noch mal zurück in Jahrgang 10, wo’s um “Religionen dieser Welt” ging. Denn Glaube und Gott sind ihr Lieblingsthema (sagt sie). Kaum nötig zu erwähnen, dass die aufstrebende Politikerin sich am nächsten Tag beschwerte und falsch zitiert fühlte… Die Beweise waren allerdings etwas zu erdrückend.

Mit etwas Glück bleibt Australien mehr Banister-Intelligenz eventuell erspart: im Moment wird gerichtlich gegen sie ermittelt weil sie angeblich Aufkleber verteilt hatte: “halal funds terrorism” brüllten die weiß auf rot, und ihre Anhänger hatten sie in Brisbanes Supermärkten auf Fleischwaren und andere Produkte geklebt. Das Verfahren steht noch aus, aber mit Vorstrafe darf sie nicht ins Parlament. phhhh.

halalfood

 

Dies waren Stephanie Banisters Aufkleber. Dank derer könnte Australien von ihr verschont werden.

 

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Taiwan: Studenten demonstrieren für Medienvielfalt

Wie war Ihr Silvester neulich? Ich habe mir zum Jahreswechsel das wie immer spektakuläre Feuerwerk am Taipei 101-Wolkenkratzer angesehen. Dazu musste ich nur vor die Haustür treten. Mein Video vom Feuerwerk, das ich noch in der Nacht ins Internet gestellt hatte, haben mittlerweile etwa 200.000 Menschen weltweit gesehen.

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Direkt am Hochhaus drängten sich zehntausende Taiwaner, vor allem aus der jungen Generation, um einen besonders guten Blick zu erhaschen. Einige aber machten sich dieses Jahr nichts aus dem Spektakel – sie hatten wichtigeres zu tun: Mehrere hundert Studenten begrüßten 2013 mit einer Mahnwache auf dem „Freiheitsplatz“ in der Nähe des Präsidentenpalasts. Dunkelheit, Kälte und Regen konnten sie nicht abhalten. Sie sind Teil einer Studentenbewegung, die seit etwa einem halben Jahr immer wieder mit friedlichen Protesten auf ihre Ziele aufmerksam macht. In Taiwan ist das ungewöhnlich, denn eigentlich gelten Studenten hier als extrem unpolitisch und kaum zu mobilisieren.

Studenten Demo Taiwan

Es geht um den Kampf gegen ein „Medienmonster“, um Meinungsvielfalt und Pressefreiheit. Die Studenten fordern von der Regierung und den Kartellbehörden, einen milliardenschweren Mediendeal zu verhindern. Taiwans größte Boulevardzeitung und das wichtigste kritische Nachrichtenmagazin sollen verkauft werden. Bislang gelten beide Blätter als politisch relativ unabhängig und ausgewogen. Die neuen Käufer aber sind einige der reichsten Unternehmer Taiwans, und sie machen einen Großteil ihrer Geschäfte drüben in China.

Nicht nur die Studenten, sondern eine breite Allianz aus Bürgerrechtsgruppen, Professoren und Journalisten fürchtet: Die neuen Eigentümer könnten china-kritische Berichte verhindern und ihre Medienmacht für eigenen Interessen missbrauchen. Am Ende könnten sie gar Taiwans Medienmarkt monopolisieren. Abweichende Stimmen würden dann kaum noch laut werden.

Studenten Medien Demo Taipeh

Auf einer Demonstration vor der Kartellbehörde in Taipeh habe ich vor einigen Wochen selbst gesehen, wie leidenschaftlich viele Studenten sich für dieses Thema engagieren. Vor allem wollen sie sich nicht den Mund verbieten lassen. Dass konservative Medien ihre Bewegung nicht ernst nehmen und sie als Störenfriede abstempeln wollen, spornt die Studenten nur noch mehr an. Die Proteste spülen vieles an die Oberfläche, was in Taiwans traditionell konfuzianisch geprägter Gesellschaft bislang kaum hinterfragt wurde: Erwachsene Studenten werden häufig wie unreife Kinder behandelt, denen man nicht auf Augenhöhe begegnen muss. Viele Universitäten untersagen ihnen gar politische Aktivitäten – ein Überbleibsel aus der Zeit, als Taiwan per Kriegsrecht regiert wurde.

Natürlich ist es nur eine kleine Minderheit der Studenten, die sich wirklich engagiert. Und ich glaube nicht, dass der Kampf gegen das Medienmonster am Ende erfolgreich sein wird. Taiwans Regierung will den Verkauf der Medien unter rein wirtschaftlichen Kriterien beurteilen. In jedem Fall aber denke ich: Viel wichtiger ist es, dass viele junge Taiwaner nun für gesellschaftliche Themen sensibilisiert sind. Und sie wehren sich dagegen, dass man sie nicht für voll nimmt. In Zukunft werden sie bestimmt noch öfter Gelegenheit haben, den Mund aufzumachen.

Bilder der Studentenproteste in Taiwan (Video):

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Was macht Taiwan so besonders, und wie lebt es sich in der einzigen Demokratie, in der Chinesisch Landessprache ist? Über meinen ungewöhnlichen Alltag habe ich ein kleines Buch geschrieben und mit vielen Fotos garniert.

Buch von Klaus Bardenhagen: Tschüß Deutschland, Ni hao Taiwan

Sie können einen Blick in mein Buch “Tschüß Deutschland, Ni hao Taiwan” werfen und es bestellen – gedruckt oder als e-Book im EPUB-Format für weniger als vier Euro.

berichtet seit 2009 aus Taiwan. Erfahren Sie mehr unter taiwanreporter.de oder folgen Sie ihm per Facebook und Twitter.

 

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Reif für die Insel – Backpacking damals und heute…

Die Gilis – drei kleine Inseln im Nordwesten von Balis Nachbarinsel Lombok –waren vor 15 Jahren mein ultimatives Ziel. Ich reiste zum ersten Mal mit dem Rucksack durch Indonesien und nachdem ich bereits zwei Monate in den Millionenstädten auf der Hauptinsel Java verbracht hatte, war das abgeschiedene Inselparadies genau der richtige Kontrast. Es gab keine befestigten Straßen, keine motorisierten Fahrzeuge, keine Geldautomaten, keine Post, eigentlich überhaupt nichts, was wir aus unserer so genannten zivilisierten Welt alles so kannten. Stattdessen gab es vor allem Sonne, Strand und Palmen, darunter kleine Bambusbungalows und Hängematten, Korallen und ab und zu sogar mal Schildkröten. Um dieses lebendige gewordene Klischee erleben zu können, war ich zwei Tage lang mit öffentlichen Bussen und Fähren von Bali aus unterwegs, stapfte mit meinem Rucksack durch nassen Sand und matschige Inselwege, duschte mit Salzwasser und aß jeden Tag gegrillten Fisch mit Chilisauce. Ich fand es großartig.

Als ich letzte Woche von Bali auf die Gilis übersetzte, war ich darauf vorbereitet auf der inzwischen zur Party-Insel avancierten Gili Trawangan nicht mehr viel Robinson-Feeling zu finden. Dennoch war ich geschockt: Auch der einst so unversehrte Oststrand der als „Familieninsel“ bekannten Gili Air war komplett zugebaut. Restaurants, Hotels, Tauchschulen reihen sich aneinander – allesamt auf befestigten Ufermauern. Erosion soll der Grund sein. Die kleinen Pferdekutschen verlangten fast zehn Euro um einmal um das winzige Eiland zu fahren, in Indonesiens Hauptstadt Jakarta kostet eine einstündige Taxifahrt von der Innenstadt zum Flughafen genauso viel. Der Kutscher erklärte mir während der Fahrt, dass praktisch alle unbebauten Grundstücke auf der Insel bereits aufgekauft seien, fast alle von Ausländern.

Doch nicht nur die Inseln haben sich verändert, auch die Reisenden. Vor allem die mit den Rucksäcken. Auf der gerade mal etwas mehr als einstündigen Fahrt mit dem Schnellboot von Bali (inzwischen gibt es mindestens acht Unternehmen, die täglich Hunderte von Touristen mit Hochgeschwindigkeitsbooten über einen der tiefsten Meeresgräben Indonesiens befördern) saßen zwei Backpackerinnen aus dem Ruhrpott neben mir, die sich bei den ersten Salzwasserspritzern unter einer Regenplane verkrochen, um ihr Make-up zu schonen. Dabei hatten sie sich extra die einzigen Außensitzplätze geschnappt, um ihre in Badeschlappen steckenden Füße in der Sonne zu bräunen. Natürlich sprang bei der Ankunft auch kein Passagier ins seichte Wasser, sondern alle warteten schön der Reihe nach, bis sie über einen beweglichen Steg auf den trockenen Teil des Strandes balancieren konnten. Als in meiner Unterkunft, ein einfaches Ressort mit Bambusbungalows und Strandbar, die WLAN-Verbindung ausfiel, war das für ein französisches Pärchen Grund genug, seine Sachen zu packen und in ein Ressort auf der anderen Seite der Insel zu ziehen – wo es ganz abgesehen davon auch warmes Wasser und Klimaanlage gab. Und nicht zu vergessen: „richtiges Essen“. Drei Tage mit Reis, Fisch und Gemüsecurry seinen ja nun wirklich genug.

 

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Schlägerei am Outdoor-Pool

Als Anfang des Monats die erste Hitzewelle über New York hereinbrach, beschloss ich, schwimmen zu gehen. Nicht an einem der Strände, die die Metropole umgeben, sondern in einem öffentlichen Outdoor-Pool. Wenige Tage zuvor war in Greenpoint, einem Brooklyner Stadtteil, das McCarren-Schwimmbad wieder eröffnet worden, und auf das war ich neugierig. 1936 erbaut, war die auf 1500 Besucher ausgelegte Anlage in den 70er Jahren zunehmend verfallen, bis sie 1984 dichtgemacht wurde. 28 lange Jahre blieb sie geschlossen, zum Ärger der Anwohner, bis sich Bürgermeister Michael Bloomberg erbarmte. Die Lokalpresse feierte die 50-Millionen-Dollar-Renovierung wie einen Sieg – die New York Times nannte sie „einen Meilenstein für eine neue soziale Dynamik in der Stadt“. Nun gut. In der Tat gehen die Millionäre, an denen es in der Stadt nicht gerade mangelt, am Wochenende nicht ins Freibad, sondern fliegen per Hubschrauber an die Strände der Hamptons. Und Greenpoint ist das, was man hier eine „mixed neighborhood“ nennt – ein raues Arbeiterviertel, das vor einigen Jahren von Intellektuellen und dann auch von jungen Familien entdeckt worden ist.

Da wir mit einem gewissen Andrang rechneten, suchten wir uns den strategisch günstigsten Zeitpunkt aus: Am späten Nachmittag, wenn die Familien zusammenpacken, um pünktlich zum Abendessen zuhause zu sein – die Abendbrotzeit in Amerika beginnt klassischerweise um 18 Uhr. Nach einer halbstündigen U-Bahnfahrt endlich angekommen, trauten wir unseren Augen nicht: Vor dem Eingang warteten ungefähr 300 Leute in einer Schlange, ordentlich eingefasst von Sperrgittern. Ins Bad eingelassen wurden jeweils nur so viele, wie heraus kamen. Das waren nicht eben viele.

Wir fragten eine Ordnungshüterin, wie lange es schätzungsweise dauern würde, bis wir hineinkämen, wenn wir uns einreihten. Sie wollte sich nicht festlegen: „Ich bin den ersten Tag hier.“ Dann sagte sie, dass wir noch Glück hätten, denn am Mittag habe sich die Schlange einmal um die komplette Anlage gewickelt. Unsere Strategie war also nicht ganz falsch gewesen, doch das half uns trotzdem nicht viel. Es ging auf 17.30 Uhr zu und war immer noch brütend heiß, und um 19 Uhr sollte das Bad schon wieder zu machen.

Wie gut, dass wir uns bereits zuhause über die gastronomische Infrastruktur von Greenpoint informiert hatten. Dort gibt es das „Radegast“, einen der seltenen Biergärten in New York – beziehungsweise was New Yorker unter einem solchen verstehen. So ganz unter freiem Himmel ist er nicht, schon gar nicht unter Bäumen, sondern in einer alten Lagerhalle mit Schiebeglasdach. Immerhin, es gibt deutsches Bier. Und so kühlten wir uns statt mit Poolwasser mit Radeberger naturtrüb ab.

Wir waren über die Entwicklung des Abends nicht ganz traurig. Am nächsten Tag bedauerten wir sie noch viel weniger. Da lasen wir in der New York Times, dass es in der Badeanstalt zu Randale gekommen war: Als ein Bademeister ein paar Halbwüchsigen untersagte, per Rückwärtssalto ins Becken zu springen, verprügelten sie den Mann kurzerhand. Die Polizei kam, die Jugendlichen wurden wegen Zusammenrottung, Körperverletzung und Ruhestörung festgenommen, und das Bad eine Stunde früher geschlossen. Soviel zur neuen sozialen Dynamik. Mir taten nur die Leute leid, die anders als wir geduldig in der Schlange ausgeharrt hatten – für nichts.

Fotos: Christine Mattauch (5), Nikolaus Piper (2)

 

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Ohne Zeitmaschine zurück ins Hippie-Zeitalter

Ich bin noch nichtmal ganz im Restaurant, da begrüßt mich ein grauhaariger Lockenkopf in ausgewaschenem Sweatshirt und zerrissenen Jeans mit freundlichstem Lächeln und einer weit ausholenden Geste, die mir bedeutet, ich solle mich neben ihn an die Bar setzen. Aus den Lautsprechern klingt Carly Simons’ “You’re so vain”. Über den Tischen neben der Bar hängen bunte Kunstwerke, ein Surfbrett und eine US-Flagge mit Friedenszeichen über den blau-weißen Streifen. Zwischen den Tischen laufen wedelnd Hunde herum. Die Gäste begrüßen sich mit heftigen Umarmungen und großem Hallo als hätten sie sich Ewigkeiten nicht gesehen. Es stellt sich heraus, dass sie sich andauernd über den Weg laufen, sie sind alle Nachbarn in Topanga, einer Gemeinde nur wenige Kilometer entfernt von Los Angeles mitten in den Bergen. Hier ist die Zeit in den späten 60 ern stehen geblieben. Topanga Canyon war damals DER Ort für Musiker. Im Topanga Corral spielten Joni Mitchell, Bob Dylan, Jim Morrison und George Harrison. Canned Heat war die Houseband und Neil Young besass ein Haus am Fluß. Während ich meinen  Cafe au Lait trinke höre ich Geschichten von Nächten, in denen sich die Bewohner zugekifft in die Wiesen legten und UFOs beobachteten nur um später festzustellen, dass die Raumschiffe mit Außerirdischen über LAX kreisende Flugzeuge waren. Pat, der Besitzer des Restaurants empfiehlt, den Dichter zu besuchen, der mit Hilfe eines Joints noch immer sein 60 Strophen langes Topanga-Gedicht von 1970 aufsagen kann. Oder die Chakra-Expertin, die alles über magnetische Felder unter der Region weiß. Ich könnte mich auch auf die Suche nach Uschi Obermaier machen. Die Kommune-1-Ikone entwirft hier oben ihre Schmuckkollektion.

Alle Gespräche über Topanga führen irgendwann zu wortreichen Versuchen, den ‘Vibe’, die ‘Energie’, die ‘Community’ hier zu beschreiben. Karen ist vor einem Monat aus Los Angeles  in die Berge gezogen. Hier kann die Hauverwalterin besser meditieren, findet optimalen Zugang zu ihrer spirituellen Seite und atmet endlich wieder richtig durch. Der Sweatshirt-Träger, der mich so überschwänglich an die Bar gebeten hat, ist Filmproduzent. Philip kam zum ersten Mal 1969 nach Topanga und hat sich vor fünf Jahren endlich ein Haus hier gekauft mit traumhafter Ausicht auf Berge und Pazifik. “Ich bin mein Leben lang durch die Welt gereist und habe nach dem perfekten Ort zum Leben gesucht,” erzählt er. “Dabei war er direkt vor meiner Nase, nur zehn Kilometer entfernt von Downtown Los Angeles!”

Pat ist bis heute für die Warnung seiner Mutter dankbar. Kaum war die Familie 1964 in Los Angeles angekommen sagte die: “Geh blos nicht nach Topanga! Da sind lauter zugedröhnte Nichtsnutze mit langem Haar!” Pat war damals 16 Jahre alt und nahm diese Warnung zum Anlass so schnell wie möglich nach Topanga zu trampen. “Sie hatte Recht! Und ich passte perfekt dazu!” Pats langes Haar ist inzwischen dünn und grau geworden. Er bindet es mit einem bunten Gummi im Nacken zusammen. Natürlich ist alles auf seiner Speisekarte Öko – von den Kaffeebohnen über das Obst bis zu den Eiern von freilaufenden Hühnern. Nach einem langen Frühstück und kräftigen Abschiedsumarmungen spaziere ich durchs kleine Dorfzentrum. In den Schaufenstern liegen Kristalle, Räucherstäbchen und Batikhemden. Yogalehrer, Heiler und Trommlerinnen werben für ihre Künste. Bilder von kleinen Hütten am Fluss und Anwesen auf Hügelgipfeln hängen im Fenster des Immobilienladens. Unter 750 tausend Dollar ist kein Stück vom Hippie-Paradies zu bekommen. Die Anwesen oben auf den Bergkuppeln kosten mehrere Millionen. Ich fahre die Serpentinenstraße durch die Hügel zurück in die Stadt, schon jetzt wehmütig in Erinnerung an die hinter mir liegende gute alte Hippiewelt.

 

 

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Moscheen zwischen Kirchen und Tempeln

Beim Fotografieren seiner Ausstellung „Moscheen in Deutschland“ hat der Stuttgarter Architektur-Fotografen Wilfried Dechau viel über die islamische Minderheit in seiner Heimat gelernt. Vor allem viele kleine Details, die man eben nur erfährt, wenn man den Alltag von Muslimen miterlebt. In der indonesischen Studentenstadt Jogjakarta, wo das Goethe-Institut seine Bilder im März im Wandelgang der Moschee der größten islamischen Universität ausgestellt hat, wollte er nun einen Umkehreffekt erreichen: Drei Tage lang ließ er Studenten im Rahmen eines Workshops Kirchen und Tempel fotografieren. Dabei ging es zwar natürlich hauptsächlich um Tricks und Kniffe der Architekturfotografie, aber nicht ganz nebensächlich auch um die Vermittlung der religiösen und kulturellen Vielfalt im Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Das Experiment funktionierte tatsächlich und die Studenten stießen in den Gebetshäusern der ihnen zum Teil unbekannten Religionen auf viele Details, die sie interessierten oder sogar berührten – und die sie in zum Teil beeindruckenden Bildern festhielten. Dennoch endeten die Exkursionen zu den Kirchen und Tempeln jedes Mal mit der Suche nach einer Moschee: Die Organisatoren hatten nicht bedacht, dass die muslimischen Teilnehmer bei aller interreligiösen Gruppenharmonie dennoch ihre Gebetszeiten einhalten wollen…

 

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Nek Minnit passiert was

Jahresendzeitstimmung. Zeit für die große Bilanz. Was hat die Menschen in meinem Land bewegt? Wo offenbarten sich ihre wahren Interessen, ihre Leidenschaften, ihre Themen? Zum Glück gibt es den Informationskanal YouTube, der uns das Psychogramm der Nation präzise aufzeigt. Vielleicht sollte ich, um es spannender zu machen, an dieser Stelle die Quizfrage stellen: Wer oder was befand sich auf dem im Jahre 2011 in Neuseeland am häufigsten gesehenen Video?

Richtig: Rebecca Black. Das ist die kleine schwarzhaarige Dame im Cabrio und mit dürftig überschminktem Pickel, deren selbstproduzierter Song ‚Friday‘ als so grottenschlecht empfunden wurde, dass er weltweit über eine Billion mal anklickt wurde. Eine Art Hass-Reflex – 167 Millionen mal davon allein in Neuseeland. Eine ordentliche Trefferquote für ein Vier-Millionen-Volk. Immerhin sind wir weltweit nicht allein mit unserem schlechten Geschmack.

Schaut man sich an, was es in Aotearoa auf den zweiten Platz der YouTube-Hitliste geschafft hat, blickt man in einen noch tieferen kulturellen Abgrund. Hier tut sich eindeutig ein Nordhalbkugel-Südhalbkugel-Gefälle mit antipodischer Note auf. Denn weit vor den erschreckenden Erdbebenszenen aus Christchurch oder den Heldenmomenten der Rugby-Weltmeisterschaft wollten die Kiwis ein Machwerk namens ‚Nek Minute‘ sehen.

In wenigen verwackelten Sekunden erblickt man da einen jungen Mann mit weißer Stirnbinde, nacktem Oberkörper und unleserlichen Tätowierungen, der nicht nur das obere Drittel seiner Unterhose hervorblitzen lässt, sondern auch ein Gebiss frankensteinschen Ausmaßes. Der Zuschauer fragt sich, ob das vielleicht aus einem Scherzartikelladen stammt. Ebenso erheiternd ist, dass der Scooter des Protagonisten offensichtlich gerade zu Klump gefahren wurde. Der absolute Schenkelklopfer ist jedoch, dass der Roller-Besitzer sich nur sehr rudimentär zu artikulieren weiß. Was man mit „und dann passierte im nächsten Augenblick Folgendes“ übersetzen müsste, reduziert sich bei ihm auf das verzerrte Raunzen zweier Worte: ‚Nek minute‘. Ein Brüller!

Der YouTube-Clip entstammt einem Skater-Film, hieß erst ‚Negg Minute‘, dann ‚Nek Minute‘ und schließlich ‚Nek Minnit‘, um der Stammel-Orthographie konsequent treu zu bleiben. Bei dem gefährlich bis grenzdebil wirkenden Mann handelt es sich um den wahrscheinlich blitzgescheiten Levi Hawken aus Dunedin. Der hat sich als furchloser Skateboarder einen Namen gemacht, weil er die steilsten Straßen herunternagelt, ‚hill bombing‘ genannt. Jetzt hat er auch noch ein Stück kiwianischer Kulturgeschichte geschrieben.

Nek Minnit ist seit Monaten ein geflügelter Begriff. Moderatoren und Teenager streuen ihn gerne ein und warten auf Lacher. Neben etlichen Parodien gibt es auch den gleichnamigen Song von ‚Youth Empire‘, in dem diese Textzeile hervorsticht: “Sitze auf dem Klo, lass gleich die Bombe fallen, Nek Minnit, kein Klopapier da”. Besser kann man das Vorher und Nachher, das uns an Silvester bevorsteht, nicht zusammenfassen.

 

 

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FB-Orange, oder: Das richtige Leben im Falschen

Orange und von der Seite Pink. Ella’s Freundin hatte eine kuriose Hautfarbe. Ein Griff zur falschen Pickelcreme? Nee, dagegen sprach, dass auch Schultern, Arme, großzügiges Dekolletee und Beine der 18-Jährigen Orange leuchteten.

Später im Kino fragte ich meine Kollegin, was die Freundin ihrer Tochter eigentlich mit ihrer Haut hätte. (Ich gebe zu, in Make-up und Mode-Fragen war ich nie weit vorn.) Kathy, also meine Kollegin, wusste auch nicht wieso Sarah vor dem Ausgehen gestrahlt hatte wie eine Mandarine. Aber sie versprach, es herauszufinden. Kathy ist top in Recherchen der kniffligen Art. Dienstag rief sie an: Selftanning Lotion. In Sydney scheint gerade eine hautfreundlich milde Wintersonne, ohne starke Farbfolgen. “Also musste vor dem Ausgehen Selbstbräunung aus der Tube ran.”

Nun war aber Sarah aber ja leider nicht braun sondern erschreckend gelblich-apfelsinig geworden –  zu viel Chemie offenbar, OrangeHaut statt Sommerteint. War ihr das nicht peinlich? Kam das auf Partys heute gut an? “Hab ich ja auch gefragt”, nickt Kathy. Und erntete blankes Unverständnis: Nein das Orange sei im Gegenteil völlig okay. Das käme nämlich auf den Facebook-Fotos von der Big-Night-Out später viel besser raus – Blitzlicht und zweimal digital kopiert, mache aus Orange ein saucooles Bali-Braun.

Und dass sie auf der Party leuchtet wie ein Kürbis und dann tagelang gelb durch die Gegend läuft? Egal! “Spätestens Mittwoch“ sei im echten Leben ihr Teint ja wieder wie sonst. Die Facebook-Fotos aber, die würden doch viel mehr Leute sehen als nur die, mit denen sie gefeiert hat. Immer wieder würden die angeklickt, von allen möglichen potentiellen Fans. Und blieben da den Rest ihres Lebens!

Fair enough, in der Ewigkeit will man top aussehen, klar. Facebook für Fortgeschrittene, grinst Kathy. Wer in der sozial-medialen Unendlichkeit gut rüberkommen will, muss eben zu kleinen Opfern bereit sein.   (Fotos: Facebook)

 

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Aufs Rad gekommen

Nicht Umweltbewusstsein oder Sparsamkeit – nein: ein Reihe von Modetrends hat die Indonesier zurück zum Fahrrad gebracht. Mir fiel dies zum ersten Mal auf, als eine verwegene Zirkustruppe auf selbstgebauten Hochrädern durch Java tourte und bei jedem Halt alte Schrotträder umbaute. So hinterließen sie auf ihrer Reise an allen möglichen Orten neue Brutstätten für ihre Zweistockfahrräder und diverse abgewandelte Modelle. Da das Auf- und Absteigen dieser Vehikel eher umständlich ist, konnte ich immer öfter unerfahrene Hochradfahrer beim Umklammern von Laternenpfählen oder an roten Ampeln hinter Lastwagen gehängt beobachten. Die Profis kümmern sich schlichtweg nicht um rote Ampeln und verlassen sich darauf, dass man sie schon sehen wird (was auch meistens der Fall ist). Bei den damals noch eher seltenen Fahrrad-Demos versammelten sich die Hochradfreaks mit Pseudo-Harley-Bikern, deren Räder etwa so lang wie die anderen hoch waren.

Etwa gleichzeitig kehrte BMX zurück. Ein australischer Freund reist seither nur noch mit seinem BMX-Rad nach Indonesien und verbringt seine Ferien in diversen Heimwerkstätten, die für wenig Geld und umso mehr Erfindungsreichtum seine Spezialwünsche besser und vor allem viel billiger erfüllen als alle australischen Bikeshops.

Doch all das ist Schnee von gestern, wenn man nun auf die Straßen schaut: Dort wimmelt es auf einmal vor Eingangrädern – Stichwort „fixed gear“: In knallbunt leuchtenden Farben, die Pedale immer in Bewegung und möglichst ohne Bremsen. Selbst meine bewegungsfaulen Mitbewohner, die sich bisher immer von Taxis möglichst noch bis in die Eingangshalle ihres Ziels fahren lassen haben, sind mittlerweile aufs Fahrrad umgestiegen. Sie haben festgestellt, dass sie damit nicht nur in sind, sondern auch noch Geld für Transport und den Fitnessclub sparen. In Jakarta – gefühlt die Stadt mit dem schlimmsten Verkehrschaos der Welt – ist diese Mode allerdings nach wie vor eher ein Überlebenskampf außer an autofreien Sonntagen (einen Vormittag im Monat auf der Hauptachse der Stadt). Die gerade neu eingeführten Radwege wurden sofort mit Begeisterung von Straßenverkäufern und falsch überholenden Mopeds in Beschlag genommen.

In der Kulturmetropole Yogyakarta jedoch haben die Radfans mittlerweile den letzten Freitag jedes Monats zum Radeltag ausgerufen. Mit einem Massenaufgebot, das alle Umweltaktivisten vor Neid erblassen lässt, demonstriert die Jugend der Stadt nun monatlich und mit großer Fröhlichkeit, wie die City der Sultansstadt am schönsten wäre: auto- und motorradfrei.

 

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Selbes Land, andere Welt!

Die Fahrtbeschreibungen zu meinen Gesprächspartnern in Wyoming beinhaltet Ölbohrstationen, Heuhaufen, Warnungen vor Schneestürmen und den Tipp, einen guten Reservereifen mitzunehmen, weil es auf den 20 Meilen unbefestigter Straße keinen Handyempfang gibt und das Satellitentelefon auf der Rinderfarm, zu der ich fahre nur sporadisch funktioniert. Je nachdem, wie der Satellit steht. Ich kann es kaum erwarten, mich auf den Weg zu machen!

Ich fahre ewig entlang endloser Felder und roter Felsformationen. Kein Haus, kein Auto, keine Stromleitung, kein Mensch in Sicht. Am nächsten Morgen sitze ich nicht in meinem Cabrio im mehrspurigen Berufsverkehr von Los Angeles, sondern mit Mutter Gwen, ihren zwei Kindern Kody und Kiley bei Sonnenaufgang im Geländewagen. Wir fahren 45 Minuten auf einem unbefestigten Feldweg zur Haltestelle des Schulbusses, in dem die Kinder nochmal 25 Minuten zum Unterricht unterwegs sind. Statt sich Yoga, Meditation, Jogging oder anderen in Kalifornien beliebten Aktivitäten zu widmen steigt Gwen nach der Rückkehr auf den Heu-Laster, fährt mit Ehemann Reno zur Wiese, wo rund 1400 Kühe mit ihren Kälbern auf Futter warten.

Hier werden keine Sinnfragen gestellt. Es wird getan, was getan werden muss. Alle haben ihre Aufgaben. Auch die acht australischen Hütehunde, die im Sommer unverzichtbar sind, wenn mehr als 3000 Kühe auf höher liegende Bergwiesen getrieben werden. Kiley und Kody wissen: wenn sie sich über Langeweile beklagen, werden sie durch den eisigen Wind zur Scheune geschickt zum Sattel ölen, Kälber füttern oder Hundehaus säubern. Vater Reno fordert mich beim Abendessen mit Rinderbraten, Kartoffelbrei und Pekannuss-Pie auf, meinen Freunden in Kalifornien zu sagen, sie sollen Republikaner wählen und die verrückten Demokraten aus dem Amt scheuchen. Die würden Geld verschwenden an die angeblich Armen, die in Wirklichkeit nur zu faul zum Arbeiten seien. „Kaum jemand will so hart arbeiten, wie wir!“ sagt der Farmer und hat wahrscheinlich Recht. Er schiebt hinterher: „Nur die Latino-Immigranten! Die wollen auch nur ein besseres Leben für ihre Familien, wie wir alle! Die nehmen dafür jede Arbeit an!“ Für eine lange Diskussion bleibt keine Zeit. Reno schaut in den Stall. Sein Gespür hat den Bauern, der auf einer Rinderfarm ohne Strom aufgewachsen ist nicht getrogen: eine kranke Kuh kalbt, die Geburt ist kompliziert. Ich erlebe am nächsten Morgen  den Höhepunkt meines Land-Ausflugs: Gwen drückt mir eine Flasche mit warmer Milch in die Hand und fordert mich auf, das frisch geborene Kalb zu füttern. Kaum angekommen, habe auch ich schon eine Aufgabe bekommen.

 

 

 

 

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festliches braten und trinken in Bondi

 

“Und, wie ging Weihnachten so in Bondi Beach?” fragt sich die Blogleserschaft ungeduldig. Sonnig, warm und randvoll mit Menschen. Der Strand war weitgehend ausgebucht. In den umliegenden Parks tranken sich Backpacker an die Grenzen der Besinnungslosigkeit.

Fröhlich prostend saß man unter “Alcohol-free Zone” Schildern mit Kühlboxen voller Wein und Bier. Abgemahnt wurde kaum jemand, die Schilder sind offenbar mehr dekorativ und ideell gedacht. Die Polizei behielt die Mengen im Auge, und dann kollabierten alle gemeinsam zu einer decibel dröhnenden Rave-party.

 

 

Und all das, weil vor gut 2000 Jahren in Bethlehem little Baby Jesus geboren wurde!  

ho-holy night, silent night…  

 

 

 

 

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Allah macht hart

Das »journalistische Desaster«, wie Jörg Lau von der ZEIT es in einem Gastvortrag nannte, begann am 5. Juni und nahm in den Wochen danach seinen ungebremsten Lauf. Es ist einer jener Wahrnehmungsunfälle, die im Stimmengewirr unserer postmodernen Medienwelt inzwischen leider all zu oft die Normalität sind. Den Anfang macht eine kurze, zweiseitige Zusammenfassung einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Ihr widmen sich an jenem 5. Juni zuerst die Süddeutsche Zeitung und dann die Nachrichtenagenturen.

In der KFN-Studie geht es auch und unter anderem um den Zusammenhang zwischen der Religiosität junger Muslime in Deutschland und ihrer Bereitschaft zu Gewalt. Die zweiseitige Zusammenfassung behauptet: »Für junge Muslime geht … die zunehmende Bindung an ihre Religion mit einem Anstieg der Gewalt einher.«

Wenn das keine Schlagzeile ist! »Die Faust zum Gebet«, überschreibt die Süddeutsche Zeitung ihren Beitrag, gefolgt vom Chor anderer Boulevard- und Qualitätszeitungen: »Allah macht hart«, »Jung, muslimisch, brutal«, »Junge Muslime, je gläubiger, desto brutaler« usw. usf. Im Artikel der Süddeutschen behauptet Christian Pfeiffer, Direktor des KFN, zwischen muslimischer Religiosität und Gewaltbereitschaft gebe es einen »signifikanten Zusammenhang«.

Es ist das Verdienst von bildblog.de, den kompletten Text der Studie einfach mal ganz gelesen zu haben. Dort findet sich nämlich dieser »signifikante Zusammenhang« von muslimischer Religiosität und Gewalt gar nicht. Er ist allenfalls sehr klein, und die Studie begründet ihn mit allem möglichen, nur nicht mit Religion. Im Gegenteil: Sie belegt, »dass diese (leicht – J. S.) erhöhte Gewaltbereitschaft weitestgehend auf andere Belastungsfaktoren zurückzuführen ist.« Es sei, heißt es in der Studie weiter, »bei isla­mischen Jugendlichen von keinem unmittelbaren Zusammenhang … zwischen der Religiosität und der Gewaltdelinquenz auszugehen.«

Bildblog.de weist auf diesen Widerspruch am 13. Juni hin und lässt sich von Pfeiffer erklären, er sei falsch zitiert worden. Zu spät, die Schlagzeilenmaschine lief da bereits seit einer Woche rund, siehe oben. Schwer zu sagen, woran diese mediale Entgleisung nun genau lag, ob zum Beispiel Pfeiffer so sehr nach Publicity für sein Institut giert, dass es ihm »offenbar lieber ist, falsch zitiert zu werden als gar nicht« (Jörg Lau). Darüber kann nur spekuliert werden. Sicher ist: Die deutsche (Medien-) Öffentlichkeit scheint auf den Kurzschluss »junge Muslime gleich Gewalt« nur gewartet zu haben. Wer muss da schon ganze Studien lesen.

Soweit ich weiß, haben sich die meisten Blätter später nicht nur nicht korrigiert, sondern basteln auch weiterhin an diesem Stigma, noch Wochen danach, wie etwa der Wiesbadener Kurier oder Spiegel Online. Eine Ausnahme bildet die österreichische Zeitung Die Presse, die sich für den Beitrag »Gewissenloses Islam-Bashing« die Mühe macht, auch mal in den ersten Teil der KFN-Studie aus dem Jahre 2009 zu gucken. Dort werde belegt, dass muslimische Migranten gar nicht gewalttätiger seien als Migranten aus anderen Kulturkreisen.

Aber solch eine Schlagzeile wäre leider längst nicht so sexy wie »Gläubige Muslime sind deutlich gewaltbereiter«.

 

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Wer hat Angst vorm schwarzen Facebook-Mann?

Am 7. Juni wurde in Alexandria der 28jährige Khaled Said von Polizisten aus einem Internetcafé gezerrt und zu Tode misshandelt. Brutale Polizeiwillkür ist in Ägypten keine Seltenheit. Wie bei anderen Anlässen zuvor, zeigt auch diese Tragödie, dass das Land zu jenen auf der Welt gehört, in denen Facebook als zentrales Protestmedium kaum noch wegzudenken ist. Die Gruppe »Wir alle sind Khaled Said« hat jetzt – nicht mal zwei Wochen nach dem tragischen Tod – 112.000 Mitglieder. Die Gruppe »Ich heiße Khaled Muhammad Said« bringt es auf fast 200.000.

Das Web 2.0 als Plattform des Widerstandes ist kein Novum in Ägypten. Über die Facebook-Gruppe »Mohamed ElBaradei« werden 252.000 Mitglieder in Echtzeit über die Aktionen der Reformkampagne des früheren Chefs der Atomenergiebehörde informiert. Im Fall Khaled Saids konnte der öffentliche Druck übers Web 2.0 bereits einen ersten Erfolg erzielen. Schwierig bleibt es trotzdem, in einem Polizeistaat wie Ägypten den Protest aus dem Internet ins wirkliche Leben zu tragen.

Die Sicherheitsdienste lesen ebenfalls Facebook. Wann immer ein Straßenprotest angekündigt wird, sind sie zur Stelle und ersticken die Aktion im Keim. Wie auch am Freitag um 17 Uhr. Die Facebook-Gruppe »Wir alle sind Khaled Said« hatte zu einem Schweigespaziergang an die Uferpromenaden gerufen – in Kairo an die Corniche am Nil, in Alexandria an jene am Mittelmeer. Aus Protest und Trauer sollten die Leute in in schwarzer Kleidung kommen.

Pünktlich um fünf stand in Kairo auch die Bereitschaftspolizei am Nilufer. Beamte in Uniform oder in Zivil und mit Sprechfunkgeräten schlenderten die Promenade hoch und runter. Viel Resonanz erzeugte der Aufruf nicht, schätzungsweise einhundert junge Leute liefen, schwarz gekleidet, das Ufer entlang oder standen an Brückengeländern und lasen im Koran.

Für die Polizisten eine absurde Situation. Wer protestierte, wer spazierte hier ganz normal an seinem arbeitsfreien Freitag? Immerhin sind schwarze T-Shirts, Jacken oder Abayas in Kairo nicht unüblich. Das Spektakel war an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Wie auf einem Kegelklubausflug zogen Gruppen ziviler Beamte in Bundfaltenhosen und vollgeschwitzten Herrenoberhemden die Promenade entlang und versuchten nervös, alle schwarzgekleideten Menschen wegzuschicken. Wie viel Zeit bleibt einem Regime noch, das solche lächerlichen Szenen produziert? Vieles in Ägypten erinnert mich derzeit an die späte DDR.

 

 

 

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Trinken, TV und ein Traktorschlauch

Vang Vieng ist eine südostasiatische Schönheit: Steile Karstberge ragen aus grünen Reisfeldern, es mäandert der Nam Song, Kinder fischen im Fluss, Reisfelder, Bambushütten, Wasserfälle. Schwer zu übertreffen der laotische Ort (Traum eines jeden Reisejournalisten) Wären da nicht die Besucher. Vor ein paar Jahren haben die 18- bis 28jährige “Traveller” aus aller Welt Vang Vieng entdeckt und zu ihrer Nr 1 Trink- und Partyzentrale gemacht.
Attraktionen: a) drinking b) tubing c) TVing.

Seither geht Vang Vieng so: Ein Veranstalter im Ort gibt Urlaubern in Badezeug gegen Mittag (bzw. nach dem Ausnüchtern) je einen aufgeblasenen Traktorreifenschlauch und bringt sie flussaufwärts. Dort werden sie in den Nam Song geworfen um im Reifen flussabwärts zu treiben. Das nennen sie tubing; tube: engl. = Schlauch, tubing = sich im Schlauch treibend die Kante geben. Denn weil im Fluss treiben durstig macht und weil Alkohol in Laos sehr billig ist, können sich die jungen Abenteurer unterwegs in Bucket-Bars erfrischen. Dort bekommen sie für 30 000 Kip (2,60 Euro) einen Eimer Hochprozentiges. Den trinken sie per Strohhalm. Wer 2 Eimer kauft, bekommt 1 umsonst, Whisky, bei 38 Grad im Schatten, nur dass es kaum Schatten gibt.

Wenn sie im Ort ankommen sind sie folglich nicht mehr so frisch. Daher lassen sie sich auf Party Island nieder, wo die Lautsprecheranlagen von fünf Bars einander open air beschallen und erholen sich bei ein paar Drinks. Dann geht es in die TV-Bars. Von denen gibt es an den 3 Haupt- und 2 Nebenstraßen etwa 50 bis 60 (nicht übertrieben): luftige Kneipen, in denen in Meditationspolster gelehnt alle Besucher tagein tagaus in die gleiche Richtung starren: auf einen der Fernseher (4 bis 5 pro Bar). Die zeigen in Endlosschleife Friends (Folgen einer amerikanische Vorabendserie mit Lachern aus der Dose). Besonders kecke Bars zeigen Zeichentrickserien, aber meist läuft Friends. Dazu trinken die verwegenen Weltentdecker Beerlao (0,65 Liter für 1 Euro), teilen noch ein paar buckets Whiskey und essen “happy” Pizzen.

Dann gehen sie ins Hostel. Und am nächsten Tag gleich in die TV-Bar, weil tubing waren sie ja nun schon. Nein, stopp, zwischendurch springen sie noch kurz ins Internetcafe und teilen ihren Facebookfriends mit, was sie so ‘erleben’, wichtig, dass alle Bescheid wissen. Oder sie skypen, weil sie leider (Beerlao) keine Fotos mehr hochladen können.

Dieses Gespräch einer jungen Irin durfte ich mitverfolgen (sie schrie so laut in den Schirm, dass schwer war diskret wegzuhören):

– “yea, so cool, so cheap – been tubing too”

– (Frage am anderen Ende)

– Not sure, called Vaengving or something like that.

– (Frage aus Dublin)

– Not sure, Asia somewhere. (Frage an den Computernachbarn): Hey, Sean, what’s this place called?

– (wieder in den Skype Schirm) Right, it’s called Laos, cool place, really, near Thailand, you better come over.

Am nächsten Tag bin ich weiter nach Norden gefahren. Der Rest von Laos ist nämlich weitgehend tubingfrei (schon dank der Dürre und der chinesischen Staudämme), und wirklich interressant, auch schön. Die Einheimischen in Vang Vieng allerdings taten mir noch länger leid. Sicher machen sie Geld, aber um welchen Preis? Und Tourismus war mir mal wieder peinlich. Aber wahrscheinlich werde ich nur alt und humorlos. Obwohl: Ich bin auch mit 21 nicht 9000 Kilometer geflogen und sehr lange Bus gefahren, nur um mich dann am Ziel vor einer amerikanischen Fersehserie mit billigem Bier zu betrinken. Glaube ich jedenfalls.

 

 

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Gänsehaut auf dem Schulweg

Bei der Recherche für eine Geschichte über Japans schlappe Geburtenrate hat mir eine der befragten Mütter neulich ganz landesuntypisch aufrichtig ihre Meinung gesagt: “Kindheit in Japan, das ist kein Spaß”, seufzte sie. Bereits in den pre-schools ginge es um Leistung und Talent. Um danach in gute Schulen zu kommen, müssen die Kinder schwierige Aufnahmetests bestehen. Zur Vorbereitung pauken die kleinen Japaner wochenlang mit einem Tutor. Haben sie die Tests geschafft, sind die Eltern glücklich und die kids erschöpft. Doch Ausruhen ist nicht. In den Schulen wird viel gefordert und wer nicht mitkommt, muss wieder mit einem Tutor nachsitzen. Die Eltern kostet das alles Geld, sehr viel Geld. Vom Staat gibt es bisher nur läppische finanzielle Unterstützung für den Nachwuchs. “Das reicht nicht einmal für die Windeln”, sagte mir eine andere Mutter.

 Teuer sind auch die Schuluniformen, mit denen sich Japans Lehranstalten optisch voneinander abgrenzen. Da gibt es unauffällige graue Anzüge mit Schullogo und Krawatte – die perfekte Vorbereitung aufs Berufsleben. Richtig neckisch sehen hingegen die Kleinen aus, die in einer marineblauen Matrosenuniform mit goldenen Knöpfen und schickem Hütchen unterwegs sind.  Auch meine Kinder tragen Uniform. Blau-rotes Schottenmuster fürs Kleid, weiße Bluse, blaue Strumpfhose, schwarze Schuhe. Nicht gerade der Mode letzter Schrei, aber es ist ja ohnehin Winter und die dicken Jacken geben kaum etwas von der Uniform frei.

So mancher einheimische Knirps ist da schlechter dran. Selbst wenn die Temperaturen am Gefrierpunkt kratzen, staksen einige Steppkes mit kurzen Hosen oder Röckchen und Kniestrümpfen zur Schule. Eine Winterjacke? Fehlanzeige, der Popeline-Blazer muss reichen. Mütze, Handschuh, Schal? Nix da. Nebenher tippelt die Frau Mama, warm gewandet im Wollmantel und Fellstiefeln. Ist aber keine Strafaktion für einen unartigen Filius, sondern, man glaubt es kaum, rigide Schulpolitik. Ja, in Japan dürfen die Schulen sogar bestimmen, ob Kinder frieren oder nicht. Allein der Anblick der nackten Kinderbeine lässt mich frösteln.

 Mit dem Spaßfaktor scheint es für Nippons Nachwuchs wirklich nicht so weit her zu sein.  

 

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Alles eine Frage der Einstellung

Das ist eine Filiale der französischen Supermarktkette Carrefour in Paris und das sind die Einkaufswagen, die direkt an einer mehrspurigen Kreuzung stehen, langsam vor sich hinverdrecken und von Passanten als willkommenes Abfalllager genutzt werden (siehe der Müll im zweiten Wagen).

Und nun die Frage: Würden Sie ihr Kind in diesen Kindersitz setzen? Nein? Dann sind wir schon beim Thema, denn eine Französin würde es. “Et hopp, hinein und los gehts zum Einkaufen!” Denn alles ist eine Frage der Einstellung und das bekomme ich gerade am eigenen Leib zu spüren bei meinem wöchentlichen Besuch in der Geburtsvorbereitung im bayerischen Oberland, südlich von München.

Nicht nur, dass ich mit weitestem Abstand die Älteste im Kurs bin, nein, ich bin auch die, die am ehesten entbinden wird. Denn ich habe viel zu spät mit dem Kurs angefangen und es kann mir passieren, dass ich ihn auch nicht zu Ende führen werde, weil das Baby vorher kommt. Ich bin auch die einzige, die noch arbeitet. Obwohl das liegt daran, dass Selbstständige sich einfach keinen Mutterschutz leisten können. Bei 13 Euro am Tag von der Krankenkasse ist man eben nicht in der komfortablen Situation einer Gehaltsempfängerin. Meine Mithecheler im Kurs sind zum Großteil Angestellte und die meisten sind, weil sie beim Tierarzt oder im Kindergarten arbeiten, auch schon seit Monaten aus Ansteckungsgefahren von der Arbeit frei gestellt. Haben die es gut. Ich beneide sie.

Doch was sie für die Zeit danach planen, wundert mich. Die meisten wollen nach der Geburt zwei bis drei Jahre mit dem Kind zuhause bleiben. Und das mit Ende 20 oder Anfang 30 und diversen Eltern und Großeltern in Reichweite. Wenn ich dann erzähle, dass ich mir das gar nicht leisten kann und in Frankreich es eh üblich ist, dass das Kind nach drei Monaten in fremde Hände gegeben wird, dann kommt immer die gleiche Reaktion: “Ja, in Frankreich gibt es ja auch so viele Krippenplätze und für alles ist gesorgt.” Wenn die Damen wüssten. Das Ganze ist ein großes Märchen. Die Kinder-Rundherum-Versorgung in Frankreich ist ein Vorurteil, das sich in Deutschland hartnäckig hält nach dem Motto: Woanders ist es besser. Doch leider schaut die Realität anders aus: Krippenplätze sind Fehlanzeige – wenigstens in Paris. Ich kenne keine, ich wiederhole keine, die je einen Krippenplatz bekommen hätte. Alle organisieren sich selbst, mit Kinderfrauen, Familienkrippen, Eltern-Babysitting etc. Was bitte ist sonst organisiert? Gar nichts. Während man hier in Deutschland Kindergeld bekommt und das nun sogar auf über 180 Euro im Monat erhöht werden soll, gibt es in Frankreich fürs erste Kind gar nichts. Null Euro. Erst ab dem zweiten gibt es was und das liegt weit unter dem Betrag von Deutschland. Elterngeld? Auch das Fehlanzeige. Unterstützung für Väter? Fehlanzeige.

Schon in der Schwangerschaft müssen die Französinnen blechen: Ein Ultraschall in Deutschland kostet um die 30 Euro, in Frankreich 100 Euro. Wer nicht in Frankreich versichert ist, der ist schnell mit fast 2000 Euro dabei, wenn er eine “normale” Schwangerschaft durchlebt. So wie ich. Was zu ewigen Diskussionen mit meiner deutschen Krankenversicherung führt, die mir bis dato GAR NICHTS zurückerstattet hat. Wahrscheinlich denken die das Gleiche wie meine Schwangerschaft-Kolleginnen: In Frankreich ist doch alles eh rund um Geburt und Kinderbetreuung geregelt, was braucht die dann noch Geld zurück.

Ach, träumt nur alle weiter und ich setze inzwischen dann mein Baby in den Carrefour-Einkaufswagen. Aber wahrscheinlich erst nachdem ich in typisch deutscher Gründlichkeit ihn mit einem feuchten Tuch abgewischt habe. Denn alles ist wirklich nur eine Frage der Einstellung und irgendwie kann man wohl doch nicht aus seiner deutschen Haut.

Foto: Barbara Markert

 

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Von der Wiege bis zur Bahre

Mein Sohn Marius (4 Jahre) hat gerade seinen ersten Steuerbescheid bekommen! 4 Kronen (!) aus Zinserträgen vom Sparkonto. Die stehen der Gesellschaft zu, denn in der Abfuhr irdischer Besitztümer übt sich der Schwede früh. Die Verwaltung der Steuerschuld hat Väterchen Staat denkbar einfach gestaltet: Jedes Schwedenkind wird bei seiner Geburt mit einer zwölfstelligen Personenkennziffer ausgestattet, unter der alle nur denkbaren Informationen gespeichert sind. Jede Behörde hat Zugriff auf diese Daten. Ohne die personnummer geht auch in reiferen Lebensjahren nichts: Man kann kein Konto eröffnen, keine Wohnung mieten, keine Brille kaufen und nicht zum Arzt gehen. Hat man sie, ist alles ein Kinderspiel. Hat man sie nicht – wie gewisse Zugewanderte mit fragwürdigen Biographien – lohnt es kaum weiterzuleben.

Praktisch ist auch die auf eine Metallplatte gestanzte Erkennungsmarke mit Name und Nummer, die bei einer eventuellen Evakuierung des Kindes an einem Kettchen um den Hals baumelnd mitzuführen ist. Sie erinnert streng an die „Hundemarken“ amerikanischer Marinesoldaten und erleichtert die Identifizierung, sollte Marius einmal  im Dienst für das Vaterland sein zartes Leben aushauchen oder einer Katastrophe zum Opfer fallen. Solche sind von Natur aus überwältigend und folglich auch von der ebenso fürsorglichen wie allmächtigen Kinderaufsichtsbehörde Barnavårdcentralen (BVC)  kaum vorauszuplanen.

Manchmal ist die Sammelwut ihrer Behörden selbst den Schweden unheimlich. An der Stockholmer Uniklinik Karolinska werden die Blutproben sämtlicher Neugeborener seit 1975 im so genannten PKU-Register aufbewahrt. Noch hindert ein Gesetz Polizei und Versicherungen daran, ohne Bedenken auf die sensiblen Daten zuzugreifen. Der Versuch, eine solche systematische Erfassung aller Bürger einzuführen, würde in Deutschland unweigerlich zum Aufstand führen. Man möge sich nur an die westdeutsche Volkszählung von 1987 erinnern!

Doch solche revoluzzerhafte Gedanken, helfen zur Stunde nicht weiter. Ausnahmsweise bin ich am Sonntag ins Büro geeilt, mit der festen Absicht, noch emsiger in den Papieren zu rascheln, noch mehr Geschichten zu ersinnen, noch mehr Angebote rauszugeben. Die Steuern des Filius darf nämlich fürs Erste der Papa bezahlen.

 

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Drogenerziehung auf Indonesisch

Gestern bekam ich eine ungewöhnliche SMS: „Drogen zerstören die Zukunft der jungen Generation. Hört jetzt auch auf, Drogen zu nehmen, damit Eure Zukunft nicht dunkel und hoffnungslos ist. Sender: Präsident der Republik Indonesien.“ Da ich mich als drogenfreie Langweilerin davon nicht angesprochen fühlte, werde ich diese fürsorgliche Nachricht heute einem Freund weiterleiten, der wegen eines Joints seine nähere Zukunft im Gefängnis verbringen wird. Dass er eines und nicht fünf Jahre im Knast verbringen wird, hat er übrigens den Ordnungskräften dieser fürsorglichen Republik zu verdanken. Für mehrere hundert Euro Bestechungsgeld hat die Polizei das zunächst völlig übertriebene Verhaftungsprotokoll in einen Bericht umgewandelt, der – zumindest in groben Zügen – der Realität entspricht. Für ein paar hundert Euro mehr haben sich Richter und Staatsanwalt dann auch noch erbarmt, ein normales Strafmaß anzusetzen. Ein anderer Bekannter hatte weniger Geld. Er hat nun vier Jahre Zeit, um sich wegen ein paar Gramm Hasch seine Zukunft im Gefängnis aufzubauen: Er holt seinen Schulabschluss nach, den er sich – ebenfalls wegen Mangel an Geld und staatlicher Unterstützung – „draußen“ nicht leisten konnte.

 

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Walking on Water

Sie kommen aus aller Welt, singen Länderlieder (“Chi chi chi – le le le”, “Juuuuh Ess Aijaijai”), üben die französische Nationalhymne (schließlich war Bastille Day” / 14 Juillet) und lernen täglich dazu: Sydneys World Youth Day-Besucher. Gestern lernte eine Gruppe aus Amerika, dass der Pazifik im Winter kalt sein kann, beim Baden indes Badezeug sinnvoll ist. (In Sydney derzeit um 15,5 Grad C). Züchtig bekleidet mit Jeans, langärmeligen T-Shirts und Strümpfen probierten die jungen Katholiken in Bondi Beach ihre Variante von Jesus’ Walking on Water-Technik aus… Leider klappte der Gang übers Wasser noch nicht so gut, und die Teenager landeten klatschnass in den Wellen. Da sie das Experiment genau an Bondi Beachs strömungsreichster Stelle absolvierten, kamen Sekunden später die Lifeguards und schickten die Teens gen Badezone. Mitsamt ihrer triefenden Klamotten.

Auch viele wasserscheuere Pilger überraschte die Tatsache, dass Australien einen Winter hat. Viele junge Leute vor allem aus asiatischen und afrikanischen Ländern reisten mit kleinem Gepäck an: Rock, Shorts und T-Shirt. In den bis zu 7 Grad kalten Nächten frieren sie sich derzeit die Ohren ab und fürchten sich vermutlich schon jetzt vor dem Massen-Event “Sleeping under the Stars” am Samstag. Hilfe naht: Australische Frauengruppen stricken derzeit wie besessen Mützen und Schals, Bürger spenden Wolljacken, und Qantas hat 1.0000 ausrangierte Airline-Decken zur Verfügung gestellt. So könnte es doch noch richtig kuschelig werden am Samstag….

 

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Togo in Brüssel

Seit einem Jahr verbringe ich meine Samstage auf den Straßen von Brüssel und Flandern. So im Umkreis von 20 Kilometern. Wenn Sie jetzt auf Radfahren tippen, liegen Sie völlig falsch. Wir sind mit dem Auto unterwegs. Stundenlang. Unsere wöchentliche Herausforderung besteht darin,  Sportplätze zu finden. Die Adressen, die unser Sohn von seinem Verein für die Auswärtsspiele bekommt. sind zwar sehr detailliert, helfen aber bestenfalls bis zur Ortseinfahrt.Belgische Fußballclubs scheinen es darauf anzulegen, die Gegner schon vor dem Spiel zu narren. Vielleicht wollen sie den Heimvorteil ausbauen. Jedenfalls gibt es immer wieder Mannschaften, die zu spät oder unvollständig eintreffen. In Uccle sind beim letzten Mal zwei Spieler und auch der Schüler-Trainer nie angekommen. Die angegebene Straße gibt es zwar tatsächlich, aber sie ist sieben Kilometer lang und der Platz liegt hinter den Häusern versteckt in einem Waldstück. Der Platzwart von Uccle war sichtlich überrascht, dass überhaupt jemand hingefunden hat: „Eigentlich verfahren sich hier alle.“ Auf die Idee, ein Schild aufzustellen oder die Wegbeschreibung zu verfeinern, kam trotzdem keiner:  „Hier kann man doch jeden fragen, wo unser Sportplatz ist.“ Sollte man aber nicht auf französisch machen, das mögen die Flamen nicht und schicken einen dann gern in die falsche Richtung. Ein Bekannter hat sich nur für die Rettung seiner Samstage ein GPS angeschafft. Half letzten Samstag aber auch nichts, weil es rund um Brüssel ungefähr 27 Brüsselse Steenwege gibt, an denen mindestens 54 Fussballplätze liegen und der KV Eizer leider nicht übermittelt, auf welchem er seine Heimspiele austrägt. Eine junge Belgierin hat mir kürzlich erzählt, dass sie in Togo in Afrika aufgewachsen ist und dass dort nur die geteerten Straßen Namen haben, die anderen nicht. Wer an einer ungeteerten Straße wohnt, muss seine Briefe bei der Post und seine Besucher bei der nächsten geteerten Kreuzung abholen. Am Samstag werde ich vorschlagen, dass belgische Fussballclubs einen ähnlichen Abholservice einrichten sollten. Aber die würden wahrscheinlich lieber den Sportplatz teeren, damit er auf der Karte einen eigenen Namen bekommt. 

 

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Verweis für den Direktor

Der Schuldirektor des Jacqmain-Lyzeums in Brüssel hat einen Verweis bekommen und wird für drei Monate vom Schulbetrieb ausgeschlossen. Weil er 78 Schüler vor dem 30. November eingeschrieben hat. Das war illegal und der Mann wusste das auch und wenn nicht, dann hätte ich es ihm sagen können. Ich habe nämlich am Abend vor dem 30. November vor seiner Schule im eiskalten Regen mein Zelt aufgebaut. So richtig mit Stahlheringe-zwischen-die-Pflastersteine-klopfen und Isomatte und Spirituskocher. Und das alles nur, um am nächsten Morgen meine Tochter für die Oberstufe anzumelden. Das hatte uns die wallonische Schulministerin eingebrockt. Weil sich vor allem katholische Edelschulen in Belgien traditionell die Schüler nach der Qualität des Elternhauses heraussuchen, hat die sozialistische Ministerin verfügt, dass die französisch-sprachigen Oberschulen diesmal alle Kinder akzeptieren müssen, unabhängig von Herkunft und Noten. Startschuss 30. November, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Vor manchen Schulen standen schon drei Tage vorher hundert Meter lange Schlangen. Die besseren Familien mieteten sich Wohnwagen und Studenten, die abwechselnd anstanden und sich in den Wohnwagen aufwärmten. Der Durchschnittstarif fürs Anstehen lag bei 500 Euro. Der Schuldirektor von Jacqmain hat das vorausgesehen und fand es ziemlich ungerecht und hat deshalb den belgischen Weg gewählt: Wer ihm lange genug vorjammerte, dass er an diesem Tag keine Zeit hat, dessen Kind wurde eben schon vorher auf die Liste gesetzt. Das ist irgendwie rausgekommen und deshalb kriegt der Direktor jetzt drei Monate lang Gehaltsabzug. Die meisten belgischen Eltern finden das zu hart, viele haben vor dem Brüsseler Rathaus protestiert, weil es doch nur gut ist, wenn sich der Direktor nicht an jeden Unsinn von oben hält. Die 78 Schüler bleiben natürlich eingeschrieben.Nächstes Jahr soll sowieso alles wieder anders werden. Bloß wie, das weiß keiner. Sicher ist, dass die Oberschulen keine Aufnahmeprüfungen machen und nicht nach Schulnoten auswählen dürfen. Das wäre ungerecht gegen schwächere Schüler und da ist man in Belgien ganz empfindlich. Das Ministerium sucht nach einer gerechten Lösung. Und dann bleibt immer noch der belgische Weg.

 

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Die größeren Belgier

Schweden und Norweger müssen sich jetzt warm anziehen, die Belgier kommen. Natürlich nicht nach Skandinavien, da ist es viel zu kalt und außerdem sind immer nur Bärenwurst und Rentiersteaks nichts für belgische Feinschmecker. Nein, die Belgier rücken den Skandinaviern etwa in Höhe 1,80 zu Leibe, sagt Professor Roland Hauspie von der Freien Universtität Brüssel. Solche durchschnittlichen Körpergrößen waren bisher den Nordeuropäern vorbehalten, jetzt tauchen da oben auch die Belgier auf. „Unsere Jungen sind im Schnitt vier Zentimeter größer als vor 30 Jahren,“ hat Hauspie gemessen, „und auch die Mädchen haben zwei Zentimeter zugelegt.“ Dass junge Menschen heute höher wachsen als früher, das haben andere auch schon gemerkt. Aber Professor Hauspie hat herausgefunden, dass für die Schweden und die Norweger jetzt Schluss ist mit größer werden. Jede ethnische Bevölkerungsgruppe habe ein bestimmtes Wachstumspotential, und alles deute darauf hin, dass die Schweden das bereits ausgeschöpft haben. Deshalb müssen sie zuschauen, wie die Belgier und hier vor allem die Flamen vorbeiwachsen. Sagt der Professor. Und irgendwann müssen die künftigen Ex-Hünen aus Schweden dann vielleicht sogar die Franzosen, Italiener und Spanier vorbeiziehen lassen. Die liegen zwar derzeit noch gut sechs bis sieben Zentimeter hinter Schweden und Flamen und fast zehn hinter den Holländern, aber sie wachsen zügig nach. Woran das liegt, weiß auch Professor Hauspie nicht so genau. Aber es hat in jedem Fall auch mit dem Essen zu tun, meint er. Gesunde und ausgewogene Ernährung treibt mehr als Einheitsbrei, und dauernd das gleiche Rentiersteak ist vielleich auch nicht das Gelbe vom Ei. So genau hat der Professor das nicht zwar nicht gesagt, aber er läßt das so durchschimmern.Auffällig sei zudem, dass alle Kinder im Frühjahr zweimal so schnell wachsen wie im Herbst. Was wahrscheinlich mit dem Licht zu tun habe. Und schon haben wir eine schlüssige Erklärung für das belgische Längenwachstum. Kein Europäisches Land ist so gut ausgeleuchtet wie Belgien, berichten Astronauten. Selbst wenn mitten in der Nacht vom All aus nichts mehr zu erkennen ist: das helle Dreieck da unten ist Belgien, wo sämtliche Autobahnen rund um die Uhr beleuchtet werden. Bisher haben wir das für Energieverschwendung gehalten, jetzt wissen wir, dass die Belgier bloß größer werden wollen. 

 

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Jagtvej ist überall

 

Vor einem Monat war Kopenhagen weltweit in den Schlagzeilen, weil autonome Demonstranten gewaltsam gegen die Räumung des alternativen Jugendzentrums Ungdomshuset demonstrierten. Mittlerweile ist das Gebäude abgerissen, doch die Demonstrationen gehen weiter, nur eben friedlich. Deshalb kümmert sich nicht nur die so genannte Weltpresse nicht mehr darum, sondern auch in Dänemark wird den Bemühungen, ein neues Jugendzentrum zu bekommen, kaum mehr Beachtung geschenkt. Doch, wer aufmerksam durch Dänemarks Hauptstadt geht, bekommt auch so mit: der "Jagtvej" (so die Adresse des Hauses) ist überall – einige Sympathisanten überklebten nämlich in einer subtilen, (beinahe) künstlerischen Aktion diverse Straßenschilder in der dänischen Hauptstadt. Nun gibt es den "Jagtvej" nicht nur wie gehabt im Stadtteil Norrebrø, sondern auch an etlichen anderen Ecken.