Neujahrsansprachentheater

Ganz Dänemark schaut zu, wenn am 31.12. um 18 Uhr die Neujahrsansprache der Königin gesendet wird. Die meisten Sylvesterfeiern beginnen mit dem kollektiven Sehen ihrer Rede.

Am Tag drauf spricht dann die Premierministerin – der Eventcharakter ist da nicht gegeben, das mag am Kater liegen. In den Medien jedenfalls werden beide Reden en detail analysiert. Und vorab wird spekuliert, was denn wohl gesagt werden könnte und Journalisten, andere Politiker sowie “der gewöhnliche Bürger” sagen, was sie meinen, was genau gesagt werden sollte. Ein Riesenvergnügen also. Und moralischer Anspruch. Denn natürlich muss die Regierungschefin genau die richtigen Probleme genau richtig ansprechen. So gab es vorab jede Menge gute Ratschläge.

Vorab? Ganz so vorab war das, was Politiker und Journalisten da von sich gaben, gar nicht. Denn die hatten die Rede, die gehalten wurde schon gelesen, da war sie noch gar nicht gesendet. Staatstragend sagten also Politiker und Journalisten, was sie sich von der Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt an Aussagen wünschen würden – und wußten doch schon, was sie sagen würde. Jeder Oppositionspolitiker, der sie dumm aussehen lassen wollte, hatte also die Möglichkeit, einfach nur Dinge zu fordern, die sie ohnehin nicht erwähnen würde. Dänische Mediendemokratie 2013? Hoffen wir lieber, dass das eine Ausnahme war.

Zum weiterlesen dazu hier ein Artikel von Jyllands-Posten (auf Dänisch natürlich).

Zurück zur Monarchie

Bedienstete am Sultanspalast

Die indonesische Stadt Yogyakarta gilt als Zentrum der freien Künste und der modernen Erziehung, als globaler Schmelztiegel verschiedenster indonesischer und internationaler Kulturen. Die Sultansstadt war außerdem ein entscheidender Schauplatz des Unabhängigkeitskriegs gegen die Holländer und vorübergehend Hauptstadt der jungen Republik Indonesien.
Und nun das: Die Bevölkerung hat den Weg zurück zur Monarchie gewählt. Nach jahrelangem Ringen mit dem indonesischen Nationalparlament in Jakarta hat die Stadtprovinz einen Sonderautonomiestatus zugebilligt bekommen, der den amtierenden Sultan automatisch als Gouverneur vorsieht. Der größte Teil der Einwohner steht hinter der Entscheidung, die der Sultansfamilie weitgehende Bestimmungsrechte über öffentliche Gelder und Ländereien verschafft. Offensichtlich ist das Vertrauen in den alternden Monarchen größer als in die von Korruption und Chaos geprägte demokratische Regierung in Jakarta.
Ein Problem allerdings regelt das neue Autonomiegesetz nicht: die Nachfolge. Die fünf Töchter des 66-jährigen Sultans Hamengkubuwono X sind nicht zur Thronfolge berechtigt.

Unsere Diktatoren dürfen das

Ist der Ruf erst ruiniert… Vielleicht denken sie das wirklich. In Washington, in Riyadh und in Manama. Die amerikanische Regierung ruft zu „Zurückhaltung“ auf in Bahrain. Während 1200 saudische Militärs und 800 Polizisten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten einrollen, um – wie es heißt – strategisch wichtige Gebäude und die Interessen der Königsfamilie zu schützen. Sie kommen auf Einladung von König Hamad, versteht sich. Eine hübsche kleine Golf-Party wird das werden.

Tommy Vietor, der Sprecher des Weißen Hauses, sagte, die Partner der USA im Golfkooperationsrat sollten die Rechte der Menschen in Bahrain respektieren und mit all ihren Handlungen zum Dialog ermuntern. Das wird bestimmt gelingen mit all den bewaffneten, gepanzerten Fahrzeugen, bemannt mit grimmig drein schauenden Soldaten. Wir dürfen gespannt sein, wie Vietor ein befürchtetes Blutvergießen in Manama schön reden wird. Denn anders als bei dem ohnehin verhassten Muammar Gaddafi handelt es sich bei Bahrains König Hamad um einen wichtigen Partner am ölreichen Golf und einen bislang treuen Alliierten gegen den Iran. Der Schutz von Zivilisten vor militärischer Übermacht steht da gar nicht erst zur Diskussion.

In Nordafrika und selbst in Ägypten kann man, wenn alles nicht mehr hilft, schon mal ausgediente Diktatoren fallen lassen. Aber dort, wo die Energieversorgung auf dem Spiel steht, wo die 5. Flotte der USA vor Anker liegt und wo man die wichtigsten Partner im Machtkampf mit dem Iran ausmacht, dort gelten andere Regeln. Es gilt das Primat der eigenen Interessen vor irgendwelchen demokratischen Idealen oder gar Menschenrechten. Da muss man zusammenhalten, koste es was es wolle.

Die Saudis sind extrem nervös. Sonst hätten die Meister der Scheckbuchdiplomatie nicht plötzlich auf ihr eigenes Militär gesetzt. Das ist ungewöhnlich. Und ging schon vor mehr als einem Jahr im Nordjemen schief, als Riyadh in den Konflikt Sanaa’s mit den Houthis im Grenzgebiet eingriff. Daraus hätte man lernen können. Aber man muss nicht. Das Protestpotential im eigenen Land halten die Saudis noch mit einem massiven Polizeiaufgebot, der Verbreitung islamischer Fatwas gegen Protestkundgebungen sowie mit Schmiergeldern unter Kontrolle. Jedoch die unkalkulierbaren Entwicklungen im benachbarten Bahrain sowie im Jemen machen den von Krankheit und Alter angegriffenen saudischen Herrschern zu schaffen.

Die Verbündeten in Washington werden vermutlich beide Augen zu drücken solange es geht. Denn hier steht eindeutig zu viel auf dem Spiel: Die Ölpreise, die eigene militärische Machtprojektion in die Region sowie der Kampf gegen den Iran. Prognosen möchte man in diesen Tagen in der arabischen Welt nicht mehr wagen. Zu viele Dinge sind im Fluss, alte Regeln gelten nicht mehr, neue sind noch nicht etabliert. Aber wenn dieser von den USA geduldete, saudische Militäreinmarsch in Bahrain zu einem Blutbad führt, dann könnten am Ende diesseits und jenseits des Atlantiks ganz viele Verlierer stehen. Europäer inbegriffen, denn auch wer schweigt, macht sich schuldig. Der Begriff „politische Glaubwürdigkeit“ scheint aus dem Lexikon der modernen Politik gestrichen. Ersatzlos. Wie bedauerlich.  

Beredtes Schweigen

Als kritischer Untertan frage ich mich gelegentlich, ob die schwedische Königsfamilie gut beraten ist. Das legendäre Pressegespräch des Königs im Wald von Trollhättan war zwar erfrischend ehrlich aber sicher kein Musterbeispiel für gelungene Krisenprävention. Auch seine leidensfähige Gattin Silvia gab keine Figur ab, als sie wenige Wochen vor der Hochzeit ihrer ältesten Tochter Victoria ein Team des Stockholmer Senders TV 4 zur Audienz empfing. Die Frage nach der NSDAP-Mitgliedschaft ihres verstorbenen Vaters Walther Sommerlath kam sicher nicht unerwartet. Gleichwohl druckste die 1943 in Heidelberg geborene Silvia herum. Ihr Vater sei der brasilianischen Auslandsorganisation der NSDAP in einem Überlauf der Gefühle beigetreten, aus Freude über die „Wiedergeburt des Vaterlandes“, das sich damals „aus der Asche erhob“.

Ein erster Proteststurm nach der Ausstrahlung im Mai ging alsbald im Taumel der Traumhochzeit unter. Doch Mats Deland ließ nicht locker. Im brasilianischen Domizil der Familie Sommerlath forschten der Historiker und seine Kollegen vom Politmagazin “Kalla fakta” den strammen Nazi-Kumpanen des Patriarchen nach. In Berliner Archiven stieß er auf die brisanteste Spur. Sie führt zum jüdischen Fabrikanten Efim Wechsler, der 1939 seinen lukrativen Betrieb für einen Spottpreis an Walther Sommerlath verkauft haben soll. Der Vater der Königin – ein Profiteur der „Arisierung“. 

Im zweiten Teil der Dokumentation, der am Sonntag ausgestrahlt wurde,  spürten die Autoren der Verwandtschaft Wechslers in Israel nach. Die Zwangslage ihres Onkels Efim habe sie sich nie richtig klar gemacht, sagte Daniella Wexler nun dem Boulevardblatt Expressen. Ihre Mutter habe stets von einem Tauschgeschäft gesprochen. Die Mutter sei der Königin sogar einmal auf einem Empfang begegnet, erinnert sich die pensionierte Richterin. Die Frauen hätten sich sehr nett unterhalten. Auch Wexler urteilt milde über die nunmehr schweigende Silvia: „Sie ist von diesen Enthüllungen vermutlich genauso überrascht wie ich.“

Jagdglück im Sündenpfuhl

 

Noch eine Erfolgsmeldung aus der Reihe “Bücher, die sich verkaufen”: Nachdem der König bei seiner Elchjagd die neue Skandal-Biographie “Den motvillige monarken” zwar eigentlich nicht, dann aber doch (und erfrischend zweideutig) rezensierte, geht das Werk ab wie ein Zäpfchen. Das Autoren-Trio grub tief in der Unterwäsche der Bernadottes. Thomas Sjöberg ist der bekannteste der drei Sudelfinken. Seine unverlangt eingesandten Porträts sind Legende. Er hat Nationalheiligtümer wie den IKEA-Boss Ingvar Kamprad und die Regie-Legende Ingmar Bergman zur Strecke gebracht. Hat er diesmal einen kapitalen Zwölfender geschossen, wie Beobachter in Stockholm munkeln, oder doch nur einen Bock? Auf ein Wort dazu auf NDR und WDR.

 

Regierungsringen

Beim Einkaufsbummel durch Den Haag komme ich regelmässig bei Eisverkäufer Martijn vorbei. Sein Eiswagen steht direkt vor Paleis Noordeinde, dem Arbeitpalast von Königin Beatrix. Wenn auf dem Dach die rot-weiss-blaue Flagge weht, sitzt die Monarchin hinter ihrem Schreibtisch.

 Für die Bürger von Den Haag ist Martijns Eiswagen zu einer festen Institution geworden. Sein Vater hat hier schon vor 20 Jahren Eis verkauft. In den letzten Wochen allerdings erkundigen sich viele Kunden beim Eiskaufen nicht nur über das Angebot sondern auch den letzten Stand der Koalitionsverhandlungen. Denn der fröhliche junge Holländer behält alles gut im Auge, er weiss genau,wer die Treppen zum Palast raufläuft und wer wieder rauskommt.

 „Das ist hier momentan ein Kommen und Gehen“, erzählt er. Da haben sich nicht nur die Fraktionsvorsitzenden der wichtigsten Parteien die Klinke in die Hand gegeben, sondern auch die so genannten Informateure. Die untersuchen im Auftrag der Königin, welche Koalitionspartner sich am ehesten zusammenraufen könnten.

 Bei Martijn hinter der Scheibe hängen Fotos der ehemaligen Ministerpräsidenten und Eiskunden Wim Kok und Jan Peter Balkenende. Ganz links, über dem Schokoladeneis, prangt bereits ein Schnappschuss von Mark Rutte – für den Eisverkäufer der nächste Premierminister der Niederlande. 

 Noch allerdings ist es nicht soweit: Zwar hat Rutte mit seiner rechtsliberalen VVD-Partei die Wahlen gewonnen – aber nur ganz knapp vor den Sozialdemokraten. Eigentlicher Wahlsieger ist Geert Wilders: Seine islamfeindliche „Partei für die Freiheit“ PVV konnte die Zahl ihrer Sitze fast verdreifachen und ist nun drittstärkste Kraft im niederländischen Abgeordnetenhaus – noch vor den Christdemokraten, die erdrutschartige Verluste hinnehmen mussten. Diese vier Parteien haben alle zwischen 20 und 30 der insgesamt 150 Parlamentssitze ergattert.

 Folge: Die Koalitonsverhandlungen gestalten sich enorm schwierig, fast sieben Wochen nach den Wahlen ist immer noch kein neues Kabinett in Sicht.

Doch die Niederländer sind einiges gewöhnt: Für eine stabile Mehrheit sind immer mindestens drei Parteien nötig, dieses Mal vielleicht sogar vier. Deshalb üben sich alle in Geduld – und stehen für alles offen: Denn was auf das Land zukommt, weiss keiner. Wobei sich die Informateure wie Fussballtrainer vorkommen müssen: Mal versuchen sie es über die rechte Flanke, dann über die Linke. Auch in der Mitte war kein Durchkommen. Mal ist Wilders mit dabei, mal ist er im Abseits. Wobei sich die Niederländer nicht sicher sind, ob er nun wirklich mitspielen will oder doch lieber auf der Oppositionsbank sitzen bleibt.

Inzwischen allerdings ist Ruud Lubbers als Informateur auf dem Spielfeld erschienen, politisches Schwergewicht und Vertrauter von Königin Beatrix. Er hat alle zur Ordnung gepfiffen und an den Teamgeist appelliert – vor allem an den der Christdemokraten, die sich bislang zierten und nicht so richtig mitspielen wollten. Die Berührungsängste mit Wilders waren zu gross: Mit einer Partei, die an der Religionsfreiheit rüttelt, Kopfttücher verbieten und die ethnische Herkunft eines jeden Niederländers registrieren lassen will, so betonte der christdemokratische Fraktionsvorsitzende Maxime Verhagen, mit so einer Partei setze er sich nicht in ein Boot.

Doch nun hat Lubbers ein Machtwort gesprochen, seit Montagnachmittag finden an einem geheimen Ort erste informelle Gespräche zwischen Christdemokraten, Wilders und den Rechtsliberalen statt. Mehr weiss keiner, selbst Eisverkäufer Martijn nicht.

 Der bleibt trotz allem zuversichtlich: „Wir liegen ja noch gut im Rennen.“ Denn durchschnittlich dauern Koalitionsverhandlungen in den Niederlanden immer gut zwei Monate. Der Rekord war 1977, da vergingen fast sieben Monate, bis das Land eine neue Regierung hatte. „Aber“, so erinnert sich ein älterer Herr lachend, bevor er mit einer grossen Kugel Erdbeereis weiterläuft:  „Das haben wir damals ja auch überlebt. Das Leben ging einfach weiter.“

 

 

 

Begegnung mit einem deutschen Prinz in Hollywood

 

‘Prinz Frederic, Hello!’ – der deutsche Akzent war so stark, dass ich ziemlich sicher war: der Prinz ist höchstpersönlich am Telefon! Ich fragte lieber nochmal nach. Bis dahin dachte ich, Prinzen haben Butler, die den Hörer abnehmen, während die Hoheiten – so sie denn in Beverly Hills residieren – mit gekühltem Drink am Swimmingpool liegen, umgeben von Bediensteten, die ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Aber nein – Prinz Frederic geht tatsächlich persönlich ans Telefon. Vielleicht ist das noch eine Angewohnheit aus seiner Zeit als Hans Robert Lichtenberg, bevor er dank Vermittlung und Bezahlung des Titel-Großhändlers ‘Konsul’ Hans-Herrmann Weyer von Prinzessin Marie Auguste adoptiert und damit zum Verwandten von Kaiser Wilhelm wurde. 

 

Jetzt tritt der deutsche Prinz an für die Nachfolge von Arnold Schwarzenegger, will Gouverneur von Kalifornien werden. Sein Wahlprogramm: Marijuana, Prostitution und kubanische Zigarren legalisieren und versteuern, die Homo-Ehe erlauben, die Grenze zwischen USA und Mexiko öffnen. Damit will er die knapp 20 Milliarden Dollar Haushaltsdefizit ausgleichen und sich die Stimmen von Latinos, Schwulen und Lesben sichern. In Kalifornien sind das ziemlich viele. Trotz eines ziemlich wirren Wahlkampfes hat der Prinz inzwischenüber zehntausend Unterschriften gesammelt. Sein Name wird im November höchstwahrscheinlich auf den Stimmzetteln stehen. Die Unterschriften müssen nur noch auf Rechtmässigkeit geprüft werden.    

Prinz Frederic klang jedenfalls ziemlich optimistisch und kampfeslustig am Telefon. Obwohl ich ihn – wie er mir lachend erzählte – beim Abendessen mit Gattin Zsa Zsa Gabor unterbrochen hatte. ‘Das machen wir jeden Abend – Abendbrot essen und dazu Nachrichten schauen. Meine Frau sitzt ja leider im Rollstuhl und kann mich beim Wahlkampf nicht begleiten.’ Seiner Prinzessin und First Lady Zsa Zsa gehe es gut, erklärte er auf meine Nachfrage. Sie hätten zwar 1986 aus reinem Geschäftssinn geheiratet ‘Ich wollte rein in die Hollywood High Society und sie wollte Prinzessin sein’, inzwischen sei aber eine große Liebe zwischen ihnen gewachsen und sie würden einander nie verlassen. Rührend! Den Wahlkampf führe er auch, um sein Blut in Wallung zu halten und jung zu bleiben. 

Bei soviel Plauderei mit einem Prinzen vergaß ich fast, nach einem Interviewtermin zu fragen. Den bekam ich dann aber doch – vor Beginn der Schwulen- und Lesbenparade in Hollywood. Bei der fuhr der Prinz in einer Kutsche mit. Eigentlich wollte ich an dem Tag direkt vom Interview in eine Kneipe zum Fußballschauen. Aber dann war überraschend ein Platz frei in der Kutsche und der Prinz fragte, ob ich nicht mitfahren wollte. Welche Reporterin kann schon die Einladung eines Prinzen ablehnen – selbst wenn es ein Wichtigtuer mit gekauftem Titel ist – mit ihm in der Kutsche in der Schwulenparade durch Hollywood zu fahren.

Ich wurde schwach, habe unglaubliche Töne gesammelt, während der Prinz bei über 30 Grad und wolkenlosem Himmel in Uniform majestätisch winkend Wahlkampf machte – und Deutschland hat gewonnen. 

 

 

Schiffbruch unter stolzer Flagge

 

Per Edström am Wrack: Im letzten Herbst ist ihm seine „Pamela“ gekentert.  „Schon seltsam, dass Boote schneller rosten als Menschen“, bemerkt der 81-jährige Theatermacher lakonisch. „Selbst bin ich noch nicht ganz so weit.“ In den guten alten Zeiten waren Edström und seine Kumpane von der „Republikanischen Segelvereinigung“  ein Schrecken der Meere. Sie hielten es schlicht für unwürdig, dass man im schwedischen Musterland den Posten des Staatsoberhaupts vererbt.

 

 

 

 

 

„Die Initiation bestand darin, im feinen Clubhaus der Königlichen Segelgesellschaft auf Sandhamn eine Mütze zu stehlen und das Wappen mit der Königskrone herauszuschneiden“, erinnert sich Edström. Bei republikanischen Regatten wurde so manche Königspuppe guillotiniert. Stets versank das edle Haupt unrettbar tief in dunklen Fluten.

Im Freihafen der Piraten auf der idyllischen lnsel Värmdö in den Stockholmer Schären stapeln sich Oldtimer, Skulpturen, ausgediente Kulissen und rostige Maschinenteile in byzantinischer Fülle. Doch nach einem halben Jahrhundert des vergeblichen Widerstands fühlen die Kämpen von einst kaum noch Wind in den Segeln. „Auch Republikaner können aussterben“, philosophiert Edström über den royalen Klimawandel. Fraglich, ob die gebrechliche Crew noch in der Lage ist, ihr Mutterschiff zu bergen. Dabei war „Pamela“ einst die Königin der Meere, behauptet der betagte Skipper. „Der norwegische Entdecker Fritjof Nansen schipperte mit ihr nach Grönland. Dann ging es einmal um die Welt, 20 Jahre lag sie vor Bali. Und kehrte dann in nordische Gewässer zurück, wo ich sie vor vielen Jahren gekauft habe. Leider habe ich dieses Erbe nicht besser verwaltet.“

 

 

Der Kiel schlug um, das Schiff lief voll. Und nun liegt es ein Fußbreit unter Wasser. Doch Edström hat noch Träume. Bis zur Hochzeit der Kronprinzessin Victoria mit ihrem Fitnesstrainer Daniel bleiben ein paar Tage. Seine “‘Pamela” will er heben. Und Kurs setzen auf das königliche Schloss und auf die Festgemeinde. „Ein wenig Pumpen, ein wenig Ziehen. Dann taucht sie wieder auf – mit unserer stolzen Flagge im Mast.“

Knatsch, Kommerz und Königskinder

Wenige Wochen vor der Traumhochzeit der schwedischen Kronprinzessin Victoria mit ihrem Fitnesstrainer Daniel Westling am 19. Juni wird das Königshaus von bösen Schlagzeilen erschüttert: Prinzessin Madeleine hat ihre Verlobung mit dem Anwalt Jonas Bergström aufgelöst. Die beiden hätten sich nach reiflicher Überlegung entschieden, künftig getrennte Wege zu gehen, teilte das Königshaus in dürren Worten auf seiner Webseite mit. Und sprach zugleich einen Tadel für die Medienzunft aus: Die „extreme Berichterstattung“ der letzten Tage sei alles andere als hilfreich gewesen.

Gerüchte von Untreue wucherten in den schwedischen Redaktionen seit geraumer Weile. Doch erst als im norwegischen Boulevardblatt Se og Hør eine junge Norwegerin ihre angebliche Affäre mit dem schneidigen Anwalt hinausposaunte, war auch in Schweden kein Halten mehr. Erst spekulierte das royale Sturmgeschütz Svensk Damtidning, ohnehin im Kreuzfeuer, weil man erst die geschützte Personalnummer der Kronprinzessin preisgab und dann auch noch die Königin an Alzheimer erkranken ließ. Später stiegen auch vergleichbar seriöse Blätter wie Expressen oder Aftonbladet in die „Madde-Afäre“ ein.

Der Medienanalytiker Olle Lidbom wundert sich im Medienmagazin Medierna  über die ungewöhnlich grellen Schlagzeilen. Denn anders als etwa in Dänemark und Norwegen, wo viel Persönliches berichtet wird, hielten schwedische Blätter bislang vergleichbar höfliche Distanz zu den Bernadottes. „Für die Abendzeitungen war es ein bedeutsamer Schritt, mit so harten Bandagen gegen den Hof vorzugehen. Man warf einmal im Jahr pflichtschuldig die Frage auf, wohin die Apanage floss. Aber im Übrigen war man stets sehr untertänig. Dies hier ist ein echter Paradigmenwechsel.“

Auch Jan Helin griff zu. Mit Widerwillen, wie der Chefredakteur von Aftonbladet treuherzig versichert. Dafür aber seitenlang und in Farbe: „Unsere Berichte haben mir keine Freude bereitet. Aber die Geschichte hat eine Relevanz, schließlich geht es um die Thronfolge. Allerdings wurden hier auch Persönlichkeitsrechte berührt. Und da hat man die Grenze ganz klar verschoben. Schwer vorstellbar, dass es bei künftigen Geschichten aus der Königsfamilie mehr Zurückhaltung gibt.’

Nun ist die Prinzessin nach New York entfleucht, um Abstand zu gewinnen. Die Preise auf dem Bildmarkt steigen, die Papparazzi lauern.  Und vor dem wuchtigen Schloss im Herzen Stockholms trauert Sten Hedman den guten alten Zeiten nach. Den erfahrenen Hofreporter kann in diesem Leben kaum noch etwas aus der Ruhe bringen: „Man wartet, bis die Norweger vorlegen. Dann hat man ein Alibi, um die Geschichte abzubrennen. Früher war das anders. Wir Älteren erinnern uns an die Liebesgeschichte von Prinz Bertil und seiner Liljan. Das wussten alle. Und haben doch still gehalten.  Aus Loyalität zum Prinzen. Aber heute geht es doch in erster Linie ums Geschäft.“

Abschied von AC/DC

Mal ehrlich, wann verlassen Sie für gewöhnlich einen Kinosaal? Gehören Sie zu jenen, die ihn fluchtartig vor den Massen verlassen, sobald James Bond zum letzten Kuss angesetzt hat? Oder halten Sie es auch mal etwas länger aus, vielleicht weil die Musik so klasse ist, während der Abspann läuft? Aber die Endlos-Namensliste, die nach jedem Film über die Leinwand flimmert, lesen Sie garantiert nicht. Wen interessiert schon, wer Meg Ryans Garderobe in Ordnung hält? Oder wer George Clooney die grauen Haare fönt? Eben, das interessiert gemeinhin keinen Mensch.

In Japan ist das anders. Da wird jede Minute im Filmtheater ausgekostet. Von den ersten Warnungen “Do not eat or drink!”, “Do not talk!” und “No trouble!” bis hin zum letzten Eintrag im Abspann. Und ich mein’ den letzten, den allerletzten Eintrag. Neulich, bei “New York, I love you”, saß das Publikum knapp fünf Minuten und ertrug die nicht enden wollende Namensliste mit totaler Ruhe (“Do not talk”) und ohne Fluchtversuch. Famos, diese Japaner.

Disziplin ist eben alles im Land der aufgehenden Sonne.  Das gilt auch für Rockkonzerte. Jüngst heizten AC/DC (ja, es gibt sie noch) in Tokio einigen Tausend Fans ein. Und was für paradiesische Zustände fanden die in die Jahre gekommenen Pioniere des Heavy-Metal vor: Ihre Kernarbeitszeit ging von 19 Uhr bis 21 Uhr! Danach wurde die Bühne schwarz, gingen die Zuschauer brav nach Hause und die Hardrocker vermutlich zum Entspannen ins heiße Onsenbad. Einen besseren Stundenlohn bekommen sie wohl nirgends auf der Welt. Klingt wie ein Aprilscherz, ist aber keiner. Selbst die wildeste Show muss ihre Grenzen haben. Und zwei Stunden ausgeflippt sein, das ist ja auch schon was.

Da lob ich mir doch das altehrwürdige Kabuki-Schauspiel. Auch wenn ich kein eingefleischter Fan dieses japanischen Kostümspektakels aus der Edo-Zeit bin, so bekomm’ ich doch wenigstens was für mein Geld. Vier Stunden dauert die Show und reden und essen darf man auch, denn jede Stunde gibt’s extra dafür eine Pause. Ein Fest für alle Sinne ist dieses Kabuki also. Sorry AC/DC, aber in Zukunft halt’ ich’s eher mit den dick geschminkten und prächtig kostümierten Herren der japanischen Schauspielzunft.