Conchita ist es Wurst

Wieder einmal findet der European Song Contest in Nordeuropa statt und wie letztes Jahr kümmere ich mich ein paar Tage nur am Rande um Wirtschaft und Hochkultur, sondern widme mich vor allem Europas größter Fernsehshow und allem, was drumherum so passiert. Besonders telegen ist die Österreichische Teilnehmerin Conchita Wurst. Groß, Wespentaille und Riesenwimpern – da spielt jemand mit dem Klischee des (Barbie-)Püppchens.

Wurst ist die weibliche Rolle von Tom Neuwirth und nicht nur in Kopenhagen, um zu singen, sondern auch, um für Toleranz zu werben – eigentlich seit langem ESC-Tradition. Einigen Osteuropäern missfällt das und womöglich auch einigen Westeuropäern. Es kam zu Boykottaufrufen, weil die sexuelle Orientierung als nicht telegen angesehen wurde.

Conchita Wurst lässt sich davon nicht allzu sehr berühren. Morgen tritt sie im zweiten Halbfinale auf. Ich habe Conchita Wurst schon einmal in Kopenhagen getroffen und für The Wall Street Journal interviewt. Den Text und sogar ein Video gibt es hier. In dem Film erklärt sie übrigens, was es mit ihrem Namen auf sich hat und was ihr Wurst ist.

Piano-Konzert im Wald. Nur in der Ariège.

Die Vögel singen sich ein. Die letzten Sonnenstrahlen scheinen durch das satte Grün der Bäume auf die kleine Lichtung zwischen den beiden alten Steinhäusern. Noelle kommt uns lächelnd entgegen – sie hat Bordeneuve zum Leben erweckt und sich ihren Traum erfüllt: Ein Rückzugsort für Künstler aus aller Welt am Fuße des Schlosses Castelbon. Heute Abend eröffnet die amerikanische Pianisten Lisa Lanza, die zehn Tage in Bordeneuve zu Gast war, die Konzertsaisont. Der Beginn eines künstlerischen Sommers voller Überraschungen.

Es ist Noelle Thompsons Sieg, die Stunde ihres Triumphs, den sie sehr nachdenklich lebt. Mitunter mit Tränen in den Augen. Die Mittdreißigerin hat diesen wunderbaren Ort buchstäblich mit ihren eigenen Händen geschaffen. Jedenfalls in den letzten zwei Jahren, nach dem plötzlichen Krebstod ihres Mannes David 2009. Denn begonnen hatte David Thompson die Verwandlung einer Scheunenruine in ein aus Holz und Natursteinen gebautes Haus mit zwei großen, offenen Räumen. Nachdem Noelle den Schock seines Todes halbwegs überwunden hatte, widmete die mutige Flötistin sich wieder dem gemeinsamen Traum. Sie betonierte Böden, verlegte Fliesen, bepflanzte den Garten, kümmerte sich um jedes Detail. Kein Stein, kein Stück Holz, das nicht in ihren Händen gelegen hätte. Hände, mit denen sie sich oft den Schweiß von der Stirn wischte oder sich die blonden, wuschelig-krausen Haare raufte, wenn wieder einmal nichts wie geplant klappen wollte. Aber auch Hände, die elegant über Klaviertasten gleiten können und einer Flöte die süßesten Töne entlocken.

Lisa Lanza, eine kleine, etwas rundliche Frau mit dunklem lockigen Haar und lachenden Augen, spielt die Rolle des ersten Gastes in der Künstlerpension. Wenn auch nur kurz, denn schon nach ein paar Tagen gehört sie quasi hier her. Welch eine wunderbare Kombination! Zwei besondere Frauen, ein bemerkenswerter Ort und die Musik.

Im ersten Stock der ehemaligen Scheune sitzen rund 20 Gäste auf einfachen Holzstühlen. Durch die großen, offenen Fenster hören wir die Vögel zwitschern. Lisa trägt ein schwarzes Kleid, eine dünne schwarze Wolljacke, die von einem goldenen Schmetterling gehalten wird. Die Brosche ist ein Erbstück ihrer kürzlich verstorbenen Mutter. Einer der Gründe, warum Lisa sich 10 Tage in Bordeneuve gegönnt hat: Um sich von der Mutter zu verabschieden und sich auf eine Konzertserie in den USA vorzubereiten.

Lisas Mutter gehört zu denen, deren Anwesenheit deutlich zu spüren ist, obwohl sie für das Auge nicht sichtbar sind. „Ich freue mich sehr, heute Abend hier spielen zu dürfen“, sagt Lisa und geht mit entschlossenen Schritten auf den Steinway-Flügel zu. Liszt, Debussy und Brahms stehen auf dem Programm. „Und ich freue mich jetzt schon noch mehr auf den Rotwein und die selbstgemachten Tapas von Noelle“, flüsterte Lisa mir kurz vor Beginn des Konzerts Augen zwinkernd zu.

Die ersten Töne verzaubern die ehemalige Scheune. Noelle sitzt neben mir auf dem Holzboden in ihren hellen Shorts und weißer Bluse. Barfuß, wie meistens. Sie blickt versonnen aus dem Fenster, hält sich tapfer. Denn dass David bei uns ist, darauf weist nicht nur sein in weißer Farbe auf einen Notenständer gepinselter Name hin. Die Verstorbenen sind nicht tot, sie bleiben bei uns, solange wir es erlauben und ihnen Raum geben. Auf ganz subtile Weise ist dieser Piano-Abend, später noch von dem begabten katalanischen Cellisten Nabi Cabestany bereichert, eine Überwindung des Verlustes durch den Tod. Für Noelle und David wie für Lisa und ihre Mutter. Aber auch für die wenigen Eingeweihten, die gelegentlich feuchte Augen bekommen. Die übrigen Gäste spüren nur eine große Intensität, der weite, luftige Raum, der von dem schweren, hölzernen Dachgebälk überspannt wird, knistert vor Emotionalität.

Als Lisa und Nabi sich zum dritten Mal verneigen, verlangen die Zuhörer weitere Zugaben. Ich glaube, wir wollen alle nicht, dass der Zauber, den die beiden verbreiten – unterstützt von den Vögeln  – ein Ende findet. Lisa löst die Spannung mit einem witzigen Tango über verrückten französischen Käse. Danach will sie aber wirklich ihren Rotwein. Sie hat sich ihn mehr als verdient.

Bei Wein und exquisiten Häppchen perlen die Gespräche zwischen all diesen unterschiedlichen, sehr ungewöhnlichen Menschen, die es auf die ein oder andere Weise in die Ariège verschlagen hat, mit großer Leichtigkeit. Unterbrochen von dem ein oder anderen schallenden Lachen. Franzosen, Amerikaner, Briten, ein Israeli, eine Deutsche, eine spanische Familie – Lisa, Nabi und Noelle haben sie miteinander verbunden.

Wir tauschen Bruchstücke unserer persönlichen Geschichten aus. Und lachen über die banale Erkenntnis, wie klein die Welt ist. Es ist stockdunkel, als alle die gegangen sind, die noch eine lange Fahrt vor sich haben, um an ihre eigenen, weit entlegenen Heimatorte irgendwo in den Pyrenäen oder am anderen Ende der Ariège zu gelangen. Auch die Vögel schlafen schon. Aber der Rotwein ist noch nicht leer und ein paar Oliven glänzen verlockend in einer Tonschale. Ein paar Träume und Erfahrungen gilt es noch zu teilen.

Lisa will sich irgendwann endlich einen eigenes Grand Piano kaufen, auch wenn sie nicht weiß, wo sie es Zuhause hinstellen soll. Oder woher das Geld dafür kommen soll. Noelle weiß nicht, ob sie einer Klasse junger amerikanischer Flötisten – die nächsten Gäste – Wein zum Abendessen anbieten darf oder nicht. Legal sei das nämlich nicht, jedenfalls nicht in den USA. Und die Lehrer tränken auch nicht, wendet sie ein. Aber Südfrankreich und Noelles exzellente Küche ohne Rotwein – das geht gar nicht, entscheiden wir. Außerdem debattieren wir, ob die große, dunkle Schlange, die ich kürzlich im Gemüsegarten fand, eine giftige Viper war oder eine harmlose Blindschleiche.Und wir machen Pläne für weitere Konzerte.

Kaum zu identifizierende Tierschreie zerreissen die Stille der Nacht. Füchse. Noelle sagt, das sei normal, das seien Fuchskämpfe im Wald. Wie beruhigend. Mit einer Taschenlampe ausgestattet stapfen wir über einen dicht belaubten, kaum erkennbaren Pfad steil nach oben zum Schloss Castelbon. Dort steigen wir ins Auto und fahren in die Nacht. Immer noch verzaubert. Nur in der Ariège.

Nek Minnit passiert was

Jahresendzeitstimmung. Zeit für die große Bilanz. Was hat die Menschen in meinem Land bewegt? Wo offenbarten sich ihre wahren Interessen, ihre Leidenschaften, ihre Themen? Zum Glück gibt es den Informationskanal YouTube, der uns das Psychogramm der Nation präzise aufzeigt. Vielleicht sollte ich, um es spannender zu machen, an dieser Stelle die Quizfrage stellen: Wer oder was befand sich auf dem im Jahre 2011 in Neuseeland am häufigsten gesehenen Video?

Richtig: Rebecca Black. Das ist die kleine schwarzhaarige Dame im Cabrio und mit dürftig überschminktem Pickel, deren selbstproduzierter Song ‚Friday‘ als so grottenschlecht empfunden wurde, dass er weltweit über eine Billion mal anklickt wurde. Eine Art Hass-Reflex – 167 Millionen mal davon allein in Neuseeland. Eine ordentliche Trefferquote für ein Vier-Millionen-Volk. Immerhin sind wir weltweit nicht allein mit unserem schlechten Geschmack.

Schaut man sich an, was es in Aotearoa auf den zweiten Platz der YouTube-Hitliste geschafft hat, blickt man in einen noch tieferen kulturellen Abgrund. Hier tut sich eindeutig ein Nordhalbkugel-Südhalbkugel-Gefälle mit antipodischer Note auf. Denn weit vor den erschreckenden Erdbebenszenen aus Christchurch oder den Heldenmomenten der Rugby-Weltmeisterschaft wollten die Kiwis ein Machwerk namens ‚Nek Minute‘ sehen.

In wenigen verwackelten Sekunden erblickt man da einen jungen Mann mit weißer Stirnbinde, nacktem Oberkörper und unleserlichen Tätowierungen, der nicht nur das obere Drittel seiner Unterhose hervorblitzen lässt, sondern auch ein Gebiss frankensteinschen Ausmaßes. Der Zuschauer fragt sich, ob das vielleicht aus einem Scherzartikelladen stammt. Ebenso erheiternd ist, dass der Scooter des Protagonisten offensichtlich gerade zu Klump gefahren wurde. Der absolute Schenkelklopfer ist jedoch, dass der Roller-Besitzer sich nur sehr rudimentär zu artikulieren weiß. Was man mit „und dann passierte im nächsten Augenblick Folgendes“ übersetzen müsste, reduziert sich bei ihm auf das verzerrte Raunzen zweier Worte: ‚Nek minute‘. Ein Brüller!

Der YouTube-Clip entstammt einem Skater-Film, hieß erst ‚Negg Minute‘, dann ‚Nek Minute‘ und schließlich ‚Nek Minnit‘, um der Stammel-Orthographie konsequent treu zu bleiben. Bei dem gefährlich bis grenzdebil wirkenden Mann handelt es sich um den wahrscheinlich blitzgescheiten Levi Hawken aus Dunedin. Der hat sich als furchloser Skateboarder einen Namen gemacht, weil er die steilsten Straßen herunternagelt, ‚hill bombing‘ genannt. Jetzt hat er auch noch ein Stück kiwianischer Kulturgeschichte geschrieben.

Nek Minnit ist seit Monaten ein geflügelter Begriff. Moderatoren und Teenager streuen ihn gerne ein und warten auf Lacher. Neben etlichen Parodien gibt es auch den gleichnamigen Song von ‚Youth Empire‘, in dem diese Textzeile hervorsticht: “Sitze auf dem Klo, lass gleich die Bombe fallen, Nek Minnit, kein Klopapier da”. Besser kann man das Vorher und Nachher, das uns an Silvester bevorsteht, nicht zusammenfassen.

 

Von wegen “It never rains in Southern California”

 

Sonne, Palmen, Margaritas am Strand und laue Nächte an Pools der Promis in Hollywood – so stellen sich viele das Leben einer Reporterin in Los Angeles vor. An dieser Stelle muss ich zumindest eine Illusion zerstören – die von der Sonne und den lauen Nächten. Die Beach Boys haben schlicht völlig verantwortungslos gelogen mit ihrem „It never rains in Southern California“. Das hab ich gemerkt, kaum war ich angekommen als Korrespondentin in Los Angeles. Das war in einem völlig verregneten März. Endlose Wasssergüsse führten zu bedrohlichen Erdrutschen, stundenlangen Telefon-, Internet- und Fernsehausfällen. Das Spielchen wiederholte sich jedes Jahr. Bisher aber nur im Winter und Frühling. Und dann kam der Sommer 2010! Erst gab es wochenlang eine hartnäckige graue Suppe aus Meeresrichtung, die die Südkalifornier in Depressionen schickte. Dann kamen plötzlich drei Tage Rekordhitze von über 45 Grad, bei denen wir nicht ins Auto steigen konnten ohne uns den Hintern am Sitz zu verbrennen und das Cabrio-Verdeck zulassen mussten, um nicht als Trockenpflaumen zu enden. Dann kam eine kurze sehr interessante Zwischenphase mit dramatischen Wolkenlandschaften und zugegebenermaßen wunderschönen Regenbögen.

Und jetzt das! Feuchte Kälte! In den letzten Tagen versammeln sich Kalifornier lieber mit Kuscheldecken vorm Kaminfeuer als mit Drinks an Pazifik oder Pool. Ich gestehe, dass wir hier etwas empfindlich sind und dazu neigen, schon bei 15 Grad Plüsch-Puschen, gefütterte Stiefel, dicke Pullis, Handschuhe und Strickmützen anzuziehen.

Die einzigen, die sich über das verrückte Wetter freuen, sind die Meteorologen. Bei denen ist endlich mal was los! Die Grafikabteilung muss nicht mehr nur blauen Himmel malen, sondern kann bei der Sieben-Tage-Vorhersage ihre ganze Symbol-Palette ausschöpfen: Wolken, Wind, Regen – Aus deutscher Sicht wirklich nichts Besonderes, aber für so ein Wetter zieht doch kein Mensch nach Kalifornien!

 

 

Party bei den Toten

Ein Konzert auf einem Friedhof? Einen Moment glaubte ich, ich hätte mich verlesen. Doch da stand es, schwarz auf weiß, in der E-Mail meiner Freundin Carol, einer resoluten älteren Dame, die nicht zu dummen Scherzen neigt. „It is a really nice event“, ließ sie mich wissen. „Let me know if you want to join us.“ Das wollte ich allerdings.

Stattfinden sollte der „nice event“ nachmittags auf dem Green-Wood Cemetery, einem 1838 gegründeten Waldfriedhof im Brooklyner Stadtteil Greenwood Heights. Das Gelände ist riesig – fast 200 Hektar – mit Seen, Teichen, Hügeln und vielen, vielen Bäumen. Nicht nur deshalb ist dieser Friedhof ein wenig anders als die meisten. Viele berühmte und manche exzentrische Persönlichkeiten sind dort beerdigt und bilden eine ewig ruhende illustre Gemeinschaft: der Dirigent Leonard Bernstein; der Boxer und Gangster „Bill the Butcher“; der Vater des US-Präsidenten Theodore Roosevelt; Lola Montez, die Geliebte des bayerischen Königs Ludwig I. In der Fassade des pompösen Eingangstores nistet seit Jahren eine Kolonie grüner Papageien. Angeblich sind die Vögel aus einem Flughafen-Container entwischt.

Konzertanlass war Memorial Day, ein Feiertag, mit dem Amerikaner der Soldaten gedenken, die in Ausübung ihres Dienstes gefallen sind. Ich erwartete deshalb eine Militärkapelle mit Marsch- und Trauermusik, als Zuhörer ein paar Veteranen in Uniform und eine ernste, würdevolle Atmosphäre.

Die Bühne und ein paar Stuhlreihen waren auf einem asphaltierten Platz aufgebaut. Weil es so heiß war, hatten sich allerdings die meisten Zuhörer in den Schatten der Bäume zurückgezogen. Ich traute meinen Augen kaum: Hunderte lagerten auf und zwischen Grabsteinen – Großfamilien mit Picknicktaschen, junge Leute mit Yogamatten, Herrenclubs mit Klappstühlen. Einige wenige hatten Miniaturen des Sternenbanners angesteckt oder Kleidung in den Nationalfarben weiß-rot-blau gewählt. Doch die meisten sahen aus wie auf einer gewöhnlichen Sommerfrische – Shorts, kurze Röcke, Flip-Flops.

Wir breiteten unsere Decken am Grab eines gewissen John Huzinec aus, verstorben am 7. August 2005. Dan, ein Freund von Carol, holte drei Tüten Popcorn, das die Friedhofsverwaltung neben der Bühne verkaufte. Uniformträger sah ich keine, und sie hätten sich vermutlich auch fehl am Platz gefühlt, denn die „ISO Symphonic Band“ und der „Brooklyn Youth Chorus“ hatten ein überaus ziviles Programm zusammengestellt: von der „Bridge over troubled water“ über Auszüge aus der West Side Story bis zur „Minnie from Brooklyn“, einer Variation des berühmten Jazzsongs „Minnie the Moucher“. Zwischen den Grabsteinen wippte und schnippte das Publikum, manche sangen mit. Und warum diese Liedauswahl? Einer der Beteiligten, Komponist oder Texter, hat auf dem Green-Wood Cemetery seine ewige Ruhe gefunden. Oder, wie es der Konzertmeister formulierte: er ist ein „Permanent Resident“. Eine hübsche, pragmatische Idee.

 

Mit zunehmender Dauer des Konzerts wurden die Sitten immer lockerer. Kinder balancierten auf den Grabsteinen, Erwachsene benutzten sie als Rückenlehne. Wie die Permanent Residents dazu standen, wird man nie erfahren, aber vielleicht finden sie es ja ganz gut, wenn mal Leben auf ihren Friedhof kommt. Der Gipfel war erreicht, als eine Gruppe dickbäuchiger Herren vor uns eine Flasche Wein entkorkte. Carol, die genüsslich ihr Popcorn verspeiste, zuckte nicht mit der Wimper. Nur wenn die Kinder zu laut kreischten, ärgerte sie sich. „Psst! Das ist doch ein Konzert“, rief sie mehrfach in Richtung der Eltern.

Weil der Green-Wood Cemetery reichlich 30 Gehminuten von meiner Wohnung entfernt liegt, hatte ich übrigens die Idee gehabt, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren. Das sei keine gute Idee, hatte mich Carol belehrt. Radfahren ist auf dem Friedhof streng verboten. Aus Pietätsgründen.

 

Fotos: Christine Mattauch

Feiern am Rande der Erde

Die norwegische Kleinstadt Kirkenes liegt am äußersten nordöstlichen Rande des norwegischen Festlandes – von Oslo in etwa so viele Kilometer entfernt, wie Oslo auch von Rom entfernt ist. Seit einigen Jahren findet hier jährlich das Barentsspekatekel statt, ein Festival mit Theater, Musik, Kunst und Literatur. Vor allem die Beziehungen zum (oder besser: zu den) russischen Nachbarn – die Grenze ist 40 Kilometer entfernt – soll(en) durch das Festival auf dem nicht-politischen Wege verbessert werden. Scharenweise wurden russische Journalisten nack Kirkenes geladen, ebenso Künstler. Der hohe Norden (Highnorth oder Nordomradene) ist für Norwegen eine der wichtigsten Gegenden, schießlich gibt es hier einen Grenzkonflikt mit Russland (die Ziehung der Wassergrenze ist seit Jahrzehnten ungeklärt), in der Barentssee (dem russischen und norwegeischen Teil) werden umfangreiche Rohstoffvorkommen vermutet und der Klimawandel eröffnet die Nordostpassage, die an Kirkenes vorbeiführt. Die Stadt dürfte also Zukunft haben. Kulturell erlebt sie dieser Tage Anfang Februar einen kleinen Boom – am Eröffnungsabend bewiesen Musiker der nördlichen Naturvölker in Schweden, Finnland, Russland, Norwegen und Amerika, dass sie Musik machen können, die mit dem Klischee der Folklore nichts am Hut hat, sondern was den Stimmeneinsatz angeht sich eher mit Blixa Bargeld oder Gry Bagoien messen lassen muss. Allein für diese Auftritte hat sich die weite Anreise schon gelohnt, haben die letzten zwei Festivaltage noch gar nicht begonnen.