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Weltreporter-Forum 2016 – hier ist das Programm!

Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht!

Wir freuen uns mit unseren internationalen Gästen auf einen spannenden Sommer-Nachmittag auf dem Land. Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht!

 

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Diese Dänin wird nicht UN-Flüchtlingskommissarin

Als Update zu meinem Blogeintrag kürzlich: Lange hat sie hoffen dürfen, aber Helle Thorning-Schmidt wird nicht UN-Flüchtlingskommissarin. Auch der Deutsche Achim Steiner geht leer aus. Die dänische Ministerpräsdentin und der Bürokrat unterlagen beide gegen den Italiener Filippo Grandi.

 

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Organspende auf Norwegisch

Es gibt wenige Länder in Europa, wo es fast genügend Spenderorgane gibt. Norwegen gehört – neben Spanien und Belgien – dazu.

“Zwei entscheidende Dinge prägen das norwegische System: Wir verbinden Organspende weniger mit dem Tod als vielmehr mit der Möglichkeit, Leben zu spenden, und prinzipiell wird angenommen, dass mögliche Spender der Entnahme positiv gegenüberstehen”, sagt Troels Normann Mathisen, Pressesprecher von Stiftelsen Organdonasjon (Stiftung Organspende). Er hat vor 14 Jahren selbst Herz, Lunge und Leber erhalten. Anders als in Deutschland werden die Angehörigen in dem nordeuropäischen Land nicht gefragt, ob der oder die Tote Spender werden soll. Die Familie soll nur sagen, ob irgendetwas darauf hindeute, dass der oder die Verstorbene gegen eine Spende gewesen ist.

Das Gesetz sieht sogar vor, die Hinterbliebenen suggestiv schon mit der Absicht zu befragen, einen positiven Bescheid zu erhalten. Als Ärzte in Deutschland ähnlich vorgegangen sind, hat das zu Beschwerden geführt. Denn anders als in Norwegen sollen die fragenden Ärzte in Deutschland neutral bleiben. “Die Organspende ist eine altruistische Leistung – und ein Recht. Der Staat arbeitet daran, dass dieses Recht der Spende auch ausgeübt werden kann”, sagt Pål-Dag Line, Leiter der Transplantationsabteilung im Osloer Rikshospital.

Man mag vom norwegischen Modell halten, was man will, einen genauen Blick ist es in jedem Fall wert. Einen guten Einstieg bietet hoffentlich mein Artikel in Die Welt.

 

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Dänemark wird weiblich

Selbst ohne Frauenquote ist Dänemark auf dem Weg zu Frauen dominierten Regierungsparteien. Vergangenes Jahr wurde mit der Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt erstmals eine Frau an die Spitze der Regierung gewählt (als Dänemark zum 1.1.2012 die EU-Ratspräsdentschaft übernahm, erschien von mir ein Porträt in Die Welt). Sie ist außerdem Parteichefin. Der sozial-liberale Koalitionspartner RV hat schon lange eine Frau als Vorsitzende. Nun hat Außenminister Villy Sovndal seinen Rückzug als Chef der Linkspartei angekündigt. Nachfolgen wird ihm am 13.10. in jedem Fall eine Frau: es kandidiert die erst 29-jährige Sozialministerin Astrid Krag und die einfache Abgeordnete Annette Vilhelmsen, 52.
Im Vergleich zu Norwegen und Schweden hinkt Dänemark beim Anteil von Frauen in der Spitze von Wirtschaft und Politik bisher hinterher. Zumindest in der Politik wird das ab Mitte Oktober anders aussehen.
Die rechtspopulistische DF allerdings hat gerade die weibliche Vorsitzende durch einen Mann ersetzt.

 

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Kaltes, klares Wasser

Sparen, sparen, sparen – wohl selten sind diese Worte so häufig gehört worden wie derzeit. Die Euro-Krise soll bewältigt werden und Ausgabenkürzungen scheinen da vielen unabdingbar. Ähnlich sieht das auch die dänische EU-Ratspräsidentschaft. Nur 35 Mio. Euro sind für die kommenden sechs Monate veranschlagt – weniger als ein Drittel des Budgets von Vorgängerland Polen. Symbolisch für die dänische Sparwut steht kaltes klares Wasser. Statt Mineralwasser aus teuren Minifläschchen gibt es “postevand” (Leitungswasser) aus der Karaffe. Dazu heute aktuell ein Artikel in Die Welt und natürlich auch online.

 

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Widerstand in bunten Hosen

Einladungen nach Hause bin ich als Reporter gewöhnt, doch nur selten greifen meine Gastgeber nach dem Interview zur Klampfe. Arkadijus Vinokur, Jahrgang 1952, saß an einem Spätsommerabend auf dem Sofa, barfuß, das graue Haar zum Zopf gebunden. Er sang mir im schönsten Litauisch eine Weise. Es ging um die unglückliche Beziehung des Poeten zum Frühling.

Seine geographische Randlage in einem Vorort von Vilnius macht der stolze Spross einer jüdischen Familie mit einer Vielzahl von Talenten wett: Mit seiner Frau hat Vinokur in Litauen überaus populäre Kinderbücher geschrieben. Er hat ein Sudelbuch über den Eros und seine vielfältigen Facetten vorgelegt, das die tiefkatholischen Litauer vor Scham erröten ließ. In der  Zeitung Lietuvos Rytas geisselt er die populistischen Kampagnen der Nationalisten und die Intoleranz gegenüber Homosexuellen. Als Berater des Premiers Andrius Kubilius hat der streitbare Kreative unlängst ganz nebenbei den seit Jahren schwelenden Konflikt um die Rückgabe des jüdischen Eigentums gelöst.

Kürzlich traf ich dieses Talent mit den vielen Leben wieder: in Stockholm, wo er nach seiner Ausweisung durch den KGB drei Jahrzehnte als Clown und Dichter überdauert hatte. Noch einmal las er seine Gedichte auf dem Norrmalmstorg. Dort versammelten sich an jedem Montag die Exilanten und ihre Freunde zum friedlichen Protest – vom März 1990 bis zum September 1991. Es waren Kundgebungen der Sympathie. Für die Aufrechten in Estland, Lettland und Litauen. Die in mächtigen Chören von der Zeit des Erwachens und von der Freiheit sangen. Die sich zu einem 600 Kilometer langen Lindwurm aus Menschenleibern formierten – von Tallinn über Riga bis Vilnius. Mein Porträt von Arkadijus Vinokur zum Nachhören beim WDR.

 

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Truthahn statt Hering

 

Ganz Leiden bereitet sich schon darauf vor, bald ist es wieder soweit. Dann gibt es Jahrmarkt, Feuerwerk und viel Musik. Dann teilt unser Bürgermeister vormittags gratis Hering und Weissbrot aus. Und wer auf sich hält, tischt seiner Familie zum Abendessen „Hutspot“ auf, ein Eintopf aus Rüben, Zwiebeln und Kartoffeln mit einem Stück Rindfleisch. Es schmeckt besser als es klingt.

Einen noch warmen Kessel mit diesen Ingredienzen, so will es die Legende, soll ein Waisenjunge aus Leiden während der Belagerung der Stadt im 80Jährigen Krieg gefunden haben. Der Topf hing ausserhalb der sicheren Deiche, von denen die Stadt umgeben war, über einer erloschenen Feuerstelle im Lager der spanischen Truppen – als triumphierender Beweis dafür, dass der Feind tatsächlich wie beabsichtigt Hals über Kopf flüchten musste, um nicht jämmerlich in den Nordseefluten zu ersaufen. Denn um dem spanischen Erzfeind, der ihnen die Religionsfreiheit nehmen wollte, das Fürchten zu lehren, hatten die Holländer einen anderen Feind eingesetzt, der zwar noch viel grösser war, den sie aber im Laufe der Jahrhunderte zu bändigen gelernt hatten: das Wasser.

So endete am 3. Oktober 1574 die Belagerung von Leiden – ein Ereignis, das jedes Jahr im grossen Stil gefeiert wird. Immerhin hätten die Spanier die Bürger von Leiden fast ausgehungert. Doch die hielten dank ihres heldenhaften Bürgermeisters durch. Der sprach ihnen immer wieder Mut zu und bot ihnen am Ende sogar seinen eigenen Körper zum Aufessen an: „Snijdt het aan stukken en deelt ze om“, rief er, „schneidet ihn in Stücke und teilt diese aus!“

Soweit brauchte es glücklicherweise nicht zu kommen, statt dessen kamen die niederländischen Widerstandskämpfer, die so genannten Geuzen, auf die Idee, weiter rheinabwärts Richtung Rotterdam die Deiche zu durchbrechen. Petrus stand auf ihrer Seite: Er beglückte sie nicht nur mit einem handfesten typisch holländischen Sturmtief, sondern sorgte auch dafür, dass der Wind aus der richtigen Richtung kam und die Nordsee-Wassermassen Richtung Leiden trieb. Dem Feind jedenfalls blieb noch nicht einmal Zeit, sein Abendessen zu beenden.

Über den genauen Inhalt des Kessels, den der Waisenjunge fand, scheiden sich die Geister zwar, immerhin war Krieg, auch die Spanier konnten nicht allzuviel zu essen gehabt haben. Vermutlich bestand der Hutspot bloss aus Rüben und Zwiebeln und haben die Holländer – um das Ganze dann doch etwas schmackhafter zu gestalten – Kartoffeln und Fleisch hinzugefügt. Am nächsten Morgen jedenfalls, so die Legende, fuhren die Geuzen auf mit Hering und Weissbrot vollbeladenen Schiffen über das überflutete Land Richtung Leiden, um mit den hungrigen Bürgern die Befreiung zu feiern.

   

Die durften als Belohnung für ihr Durchhaltevermögen zwischen einer Universität und einer drastischen Steuersenkung wählen und entschieden sich natürlich – Legenden sind einfach zu schön! – für die Universität. So kommt es, dass Leiden heute eine der ältesten und renommiertesten Unis der Niederlande hat, selbst Königin Beatrix und ihr Kronprinz Willem Alexander haben hier die Hörsaalbänke gedrückt. Wobei sich Willem in Leiden den Beinamen Prins Pils verdiente: Das Studentenleben gefiel ihm so gut, dass er mit dem Auto auch mal in der Gracht landete.

Ob er am 3. Oktober zusammen mit seiner Maxima Hutspot kocht, weiss ich nicht. Zu meinen Lieblingsgerichten jedenfalls gehört es nicht unbedingt. Auch den Hering lasse ich lieber stehen. Die amerikanische Variante ist mir da schon lieber.

Für die haben die Pilgrim Fathers gesorgt, die legendären Gründerväter Amerikas. Diese Glaubensflüchtlinge aus England liessen sich nämlich zunächst in Leiden nieder, wo sie ihren Glauben problemlos ausüben durften. Nach einigen Jahren allerdings fanden sie die lockeren Holländer dann doch etwas zu liberal und gottlos und beschlossen, in die Neue Welt weiterzuziehen: Nach einem Zwischenstopp in Plymouth, wo sie auf die Mayflower umstiegen, landeten sie an der amerikanischen Ostküste – im Reisegepäck viele Sitten und Gebräuche aus Leiden. Auch den dritten Oktober feierten sie weiterhin, nun allerdings als Erntedank- statt Befreiungsfest. Bis Abraham Lincoln diesen Thanksgiving Day auf den vierten Donnerstag im November verlegte. Dass dabei nicht mehr Hering mit Weissbrot gereicht wird, hat mit der Fauna Neuenglands zu tun: In der Neuen Welt gab es Truthahn im Überfluss.

 

 

 

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Regierungsringen

Beim Einkaufsbummel durch Den Haag komme ich regelmässig bei Eisverkäufer Martijn vorbei. Sein Eiswagen steht direkt vor Paleis Noordeinde, dem Arbeitpalast von Königin Beatrix. Wenn auf dem Dach die rot-weiss-blaue Flagge weht, sitzt die Monarchin hinter ihrem Schreibtisch.

 Für die Bürger von Den Haag ist Martijns Eiswagen zu einer festen Institution geworden. Sein Vater hat hier schon vor 20 Jahren Eis verkauft. In den letzten Wochen allerdings erkundigen sich viele Kunden beim Eiskaufen nicht nur über das Angebot sondern auch den letzten Stand der Koalitionsverhandlungen. Denn der fröhliche junge Holländer behält alles gut im Auge, er weiss genau,wer die Treppen zum Palast raufläuft und wer wieder rauskommt.

 „Das ist hier momentan ein Kommen und Gehen“, erzählt er. Da haben sich nicht nur die Fraktionsvorsitzenden der wichtigsten Parteien die Klinke in die Hand gegeben, sondern auch die so genannten Informateure. Die untersuchen im Auftrag der Königin, welche Koalitionspartner sich am ehesten zusammenraufen könnten.

 Bei Martijn hinter der Scheibe hängen Fotos der ehemaligen Ministerpräsidenten und Eiskunden Wim Kok und Jan Peter Balkenende. Ganz links, über dem Schokoladeneis, prangt bereits ein Schnappschuss von Mark Rutte – für den Eisverkäufer der nächste Premierminister der Niederlande. 

 Noch allerdings ist es nicht soweit: Zwar hat Rutte mit seiner rechtsliberalen VVD-Partei die Wahlen gewonnen – aber nur ganz knapp vor den Sozialdemokraten. Eigentlicher Wahlsieger ist Geert Wilders: Seine islamfeindliche „Partei für die Freiheit“ PVV konnte die Zahl ihrer Sitze fast verdreifachen und ist nun drittstärkste Kraft im niederländischen Abgeordnetenhaus – noch vor den Christdemokraten, die erdrutschartige Verluste hinnehmen mussten. Diese vier Parteien haben alle zwischen 20 und 30 der insgesamt 150 Parlamentssitze ergattert.

 Folge: Die Koalitonsverhandlungen gestalten sich enorm schwierig, fast sieben Wochen nach den Wahlen ist immer noch kein neues Kabinett in Sicht.

Doch die Niederländer sind einiges gewöhnt: Für eine stabile Mehrheit sind immer mindestens drei Parteien nötig, dieses Mal vielleicht sogar vier. Deshalb üben sich alle in Geduld – und stehen für alles offen: Denn was auf das Land zukommt, weiss keiner. Wobei sich die Informateure wie Fussballtrainer vorkommen müssen: Mal versuchen sie es über die rechte Flanke, dann über die Linke. Auch in der Mitte war kein Durchkommen. Mal ist Wilders mit dabei, mal ist er im Abseits. Wobei sich die Niederländer nicht sicher sind, ob er nun wirklich mitspielen will oder doch lieber auf der Oppositionsbank sitzen bleibt.

Inzwischen allerdings ist Ruud Lubbers als Informateur auf dem Spielfeld erschienen, politisches Schwergewicht und Vertrauter von Königin Beatrix. Er hat alle zur Ordnung gepfiffen und an den Teamgeist appelliert – vor allem an den der Christdemokraten, die sich bislang zierten und nicht so richtig mitspielen wollten. Die Berührungsängste mit Wilders waren zu gross: Mit einer Partei, die an der Religionsfreiheit rüttelt, Kopfttücher verbieten und die ethnische Herkunft eines jeden Niederländers registrieren lassen will, so betonte der christdemokratische Fraktionsvorsitzende Maxime Verhagen, mit so einer Partei setze er sich nicht in ein Boot.

Doch nun hat Lubbers ein Machtwort gesprochen, seit Montagnachmittag finden an einem geheimen Ort erste informelle Gespräche zwischen Christdemokraten, Wilders und den Rechtsliberalen statt. Mehr weiss keiner, selbst Eisverkäufer Martijn nicht.

 Der bleibt trotz allem zuversichtlich: „Wir liegen ja noch gut im Rennen.“ Denn durchschnittlich dauern Koalitionsverhandlungen in den Niederlanden immer gut zwei Monate. Der Rekord war 1977, da vergingen fast sieben Monate, bis das Land eine neue Regierung hatte. „Aber“, so erinnert sich ein älterer Herr lachend, bevor er mit einer grossen Kugel Erdbeereis weiterläuft:  „Das haben wir damals ja auch überlebt. Das Leben ging einfach weiter.“

 

 

 

 

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Ausgemustert

Als Ungedienter bleibt mir der komplizierte Kranichtanz des Garderegiments auf ewig rätselhaft. Vorige Woche bin ich aber doch zum Schloss gelaufen, um mir das Schauspiel anzutun. Denn die Bewachung der Königsfamilie war stets das edelste Privileg des Wehrpflichtigen. Und mit dieser stolzen Tradition ist es nun vorbei.

Genau 109 Jahre nach ihrer Einführung haben die Schweden die allgemeine Wehrpflicht ausgemustert. Stellvertretend für die vier Millionen Landsleute, die sich vor ihnen schon zu Lande, zu Wasser und in der Luft durch ihre „lumpen“ genannte Grundausbildung quälten, wurden Carl-Johan Grape, Mikael Löjdkvist und Kajsa Andersson mit Orden dekoriert. Logisch, dass die drei ausgesuchten Mustersoldaten den Streitkräften für´s Erste erhalten bleiben – als Logistikexpertin der Luftwaffe, Matrose auf einem U-Boot-Jäger und Scharfschütze in Afghanistan.

 

 

Teure Rüstung und starke Freiwilligenverbände waren für das neutrale Land lange Zeit selbstverständlich. Im Kalten Krieg standen bis zu 800 000 Mann unter Waffen. Mächtige Bunker wurden in die Felsen getrieben. Vielen Schweden unvergessen sind die Eskapaden des Fabian Bom. Der Komiker Nils Poppe spielte in den frühen Nachkriegsjahren den hyperaktiven Gefreiten, der seine Vorgesetzten mit  Eigenmächtigkeiten zur Verzweiflung bringt.

In Zukunft will man hoch spezialisierte Berufssoldaten mit der Landesverteidigung sowie den bewaffneten Einsätzen im Ausland beauftragen. Ganz famos gehe es mit der Rekrutierung voran, versichert Oberbefehlshaber Sverker Göranson. Doch das ist eine höfliche Übertreibung. Bei der ungedienten Jugend nämlich hält sich das Interesse am Berufsbild des Soldaten in Grenzen.

Mit martialischen Kinospots sucht die Truppe daher nach Verbündeten im Kampf gegen das Böse. Die zum Teil in Südafrika inszenierten und an der Heimatfront ziemlich umstrittenen Streifen garantieren spannende Momente bei der Jagd auf Piraten und versprechen Schlaufüchsen eine Karriere mit Biss. Als strategischer Partner sind Johan Måns und seine Kollegen vom Rekrutierungszentrum der Streitkräfte natürlich auch auf der auf der Computerspielmesse „Dreamhack“ im südschwedischen Jonköping vertreten. Im Schlachtenlärm von „World of Warcraft“ und „Counter-Strike“ suchen die Offiziere nach dem Ego-Shooter von morgen. Wenn es der guten Sache dient, kennt Schwedens Militär keine Berührungsängste.

 

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Kinnock beugt sich dem Steuerdruck

Helle Thorning-Schmidt hat ein Problem. Die Chefin der dänischen Sozialdemokaten hat ein Familienmitglied, das in Dänemark keine Steuern gezahlt hat: ihr Mann Stephen Kinnock. Der Sohn des Ex-Labour Chefs Kinnock ist Direktor des Weltwirtschaftsforums. Da das in der Schweiz ansässig ist und er auch dort arbeitet, hat er bisher im Niedrigsteuerland Schweiz und nicht im Hochsteuerland Dänemark seine Einkommensteuer gezahlt. Da er aber die meisten verlängerten Wochenenden in Dänemark verbringt, ist zumindest fraglich, ob das rechtens ist.

Der Fall sagt viel über das Staatsverständnis der Dänen und ihren Moralismus aus. Zum einen galt Sippenhaftung und der Politikerin Thorning-Schmidt, die in Dänemarknoch höhere Steuern befürwortet, wurde das Verhalten ihres Mannes vorgeworfen und das in einem Land wo Ehegattensplitting ein Fremdwort ist. Zum anderen machte eine Vorschrift der dänischen Steuergesetzgebung dem Ehepaar das Leben besonders schwer: Kinnock meinte nämlich, nicht genügend in Dänemark zu sein, um dort steuerpflichtig zu sein, da er bei einem verlängerten Wochenende nicht schon morgens in Kopenhagen ankäme und abends abreise, sondern An- und Abreisetag nur teilweise in Dänemark verbringe. Da hat er aber die Rechnung ohne den dänischen Steuerstaat gemacht, der hier sein Gewaltmonopol ausnutzt und sagt, er brauche Freitag auch nur eine Minute vor Mitternacht in Dänemark anzukommen, schon gelte das als ein kompletter Tag Anwesenheit im Land – gleiches gelte für die Abreise.

Wenn es aber darum geht für Reisen Pauschbeträge anzusetzen, dann lässt das dänische Finanzamt eine solche Rechnung nicht zu, sondern die Pauschalen dürfen nur für die Zeit berechnet werden, die jemand tatsächlich unterwegs ist. Doch statt das die Dänen sich darüber entzürnen, dass hier ein Staat in Gutsherrenart stets zum eigenen Vorteil rechnet, klagen sie lediglich über das unmoralische Verhalten der Familie der sozialdemokratischen Parteichefin. Ganz klar ist bis heute nicht, wo Kinnock denn nun seine Steuern zu entrichten habe. Natürlich spricht einiges für Dänemark, wo er wegen der Familie auch seinen Lebensmittelpunkt hat.Dieser Fall hätte eine Steilvorlage dafür sein können, dass dänische Steuersystem zu diskutieren, stattdessen hat sich Kinnock dem öffentlichen Druck (auf seine Frau) gebeugt und frewillig Steuern nachgezahlt. Das kann in DDänemark übrigens ohne Anlass jeder machen. Mehr dazu gibt es hier in meinem Artikel in der gestrigen Financial Times Deutschland.

 

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Fluch und Segen des schwarzen Goldes

Svolvaer, die winzige Inselhauptstadt der Lofoten: Im Konferenzsaal des neuen Thon-Hotels preist Umweltminister Erik Solheim die Schönheit der Landschaft. Die archaische Inselwelt mit ihren gewaltig aufragenden Granitfelsen sei das Schönste, was das Land zu bieten habe. „Ein modernes Land“ im Übrigen, mit zivilisierten Umgangsformen, strengen Gesetzen und dem „weltbesten Verwaltungsplan“ für seine Naturschätze, so der Minister. Die Deepwater Horizon-Havarie gibt dem fortschrittlichen Norweger dennoch zu denken: „Das ist nicht in irgendeinem korrupten Entwicklungsland passiert und betroffen war einer der weltgrößten Energiekonzerne.“ Die Katastrophe hat die Norweger aufgeschreckt, die auf öffentlichen Hearings wie gestern in Svolvaer über die jüngste Konzessionsrunde für die Petrokonzerne beraten. Die Hälfte der zur Erkundung beantragten Fördergebiete liegt in sensiblen Küstengewässern sowie in den arktischen Gewässern der Barentssee.

 

Aus dem fernen Oslo ist reichlich Politprominenz angereist: „Eine gedeihliche Koexistenz von Fischereiwesen und Petroindustrie ist möglich“, sagt Fischereiministerin Lisbeth Berg-Hansen. Sie vertritt die Interessen der zweitwichtigsten Branche des Landes. Um das weltbekannte Gütesiegel „Fisch aus Norwegen“ sorgt sie sich nicht.

Dabei warnt das Meeresforschungsinstitut in Bergen in alarmierendem Tonfall vor dem Vorstoß der Petrokonzerne in die sensiblen Gewässer der Lofoten und Västerålen. Der Kontinentalsockel ist schmal, das Gebiet über viele Monate in Dunkelheit gehüllt und von Stürmen geplagt, mächtige Meeresströmungen würden eine Ölpest weit verbreiten, die Strände wären kaum zu reinigen: Auch aus fast jeder der über 300 Seiten des wissenschaftlichen Berichts von 26 Forschungsinstitutionen zum Verwaltungsplan ließe sich die Botschaft herauslesen: Lasst es bleiben!

Dann geht es hoch her, im Saal wie auf dem Podium: Studien zu den Auswirkungen der seismischen Erkundungen seien manipuliert worden, ruft ein Fischer. Dass die Industrie viel zu großen Einfluss auf die Studien nimmt, kritisieren auch Umweltschützer – und fordern dringend mehr unabhängige Forschung. Einigen der rund 200 Teilnehmer des Hearings drängt sich der Eindruck auf, über die neuen Konzessionen für die Inselgewässer sei bereits entschieden.

„Wir nehmen die Katastrophe im Golf von Mexiko sehr ernst“, entgegnet  Ölminister Terje Riis-Johansen. Konzessionen in der Tiefsee und in sensiblen Küstengewässern würden erst vergeben, wenn die Ursachen für das Desaster restlos aufgeklärt sind.

 

Frederic Hauge meint, diese schon zu kennen: „Alle großen Spieler der Branche versuchen, die Kosten zu senken, Arbeiter werden unter Druck gesetzt, Risiken ignoriert, Leckagen in Kauf genommen“, sagt der streitbare Gründer der Umweltorganisation Bellona.  Auch der Staatskonzern Statoil sei da keine Ausnahme. Mit einer Dokumentation der jüngsten Unfälle und Beinahe-Katastrophen will Bellona verdeutlichen: Eine verheerende Ölpest wäre auch in Nordsee, Norwegischer See und Barentssee jederzeit möglich. Und ihre Folgen würden alles bislang Gesehene in den Schatten stellen.

 

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Nordisches Atomidyll

Die Finnen sind anders. Sauna, Trockner und Heizung bullern im Winter auf Hochtouren. Unmengen Energie verschlingen auch Zellstoffabriken, Stahlhütten und Chemiewerke. Der benötigte Strom soll – allen technologischen und finanziellen Risiken zum Trotz – zukünftig verstärkt durch Kernspaltung entstehen. Nicht einmal die finnischen Grünen wagen es, deswegen auf die Barrikade zu gehen. Sie bringen das Kunststück fertig, an der Regierung beteiligt zu sein und zugleich den Atomkurs des Ministerpräsidenten Matti Vanhanen heftig zu kritisieren.

Menschenketten gegen den drohenden Atomtod wird es auch im Nachbarland Schweden sobald nicht wieder geben. Obwohl sich Solveig Ternström (72) und Eva Selin Lindgren (73) nichts sehnlicher wünschen. Vor drei Jahrzehnten malten die Schauspielerin und die Kernphysikerin Protestplakate und sammelten Unterschriften für den Atomausstieg. Heute sitzen die beiden für die Zentrumspartei im schwedischen Reichstag. Ausgerechnet das bäuerliche Zentrum, lange Jahre eine feste Bastion der Kernkraftgegner,  ebnete im Vorjahr den Weg für den „Energiekompromiss“ der bürgerlichen Vier-Parteien-Koalition. Im Gegenzug für neue Atommeiler ließ sich die Zentrums-Chefin und Wirtschaftsministerin  Maud Olofsson das Versprechen geben, künftig mehr Geld für erneuerbare Energien wie die Windkraft locker zu machen.

Ihre eigene Fraktion hatte die forsche Vorsitzende während einer Dienstreise in Straßburg regelrecht überrumpelt. In einer Telefonkonferenz wurde den Abgeordneten beschieden, sie müssten der Einigung im Interesse des Koalitionsfriedens ihren Segen geben. Dabei gärt es an der Basis gewaltig: Austritte häufen sich. Auch in der Wählergunst erlitt die Partei in Umfragen massive Einbußen, sie liegt nur knapp oberhalb der Vier-Prozent-Hürde. In hunderten Briefen, E-Mails und Telefonanrufen sprachen enttäuschte Zentrums-Anhänger den Revoluzzern Mut zu.

Die sollen noch vor der Sommerpause im Parlament fürt den Neubau von Atommeilern stimmen. Doch sie weigern sich. Nicht ausgeschlossen, dass sich weitere Abgeordnete ihrem Protest gegen den Atomkonsens anschließen. Vier Gegenstimmen aus dem bürgerlichen Lager würden theoretisch reichen, um das Gesetz zu kippen. Als Schauspielerin ist Solveig Ternström für jede dramaturgische Zuspitzung empfänglich: Sie werde mit Nein stimmen, versichert die Schwedin trotzig – selbst wenn sie dabei in den Lauf einer Pistole blicken müsste.

 

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Papa, was ist eigentlich Globalisation?

Nun, mein Junge, es heisst Globalisierung, und Globalisierung ist, wenn in Island ein Vulkan ausbricht, und ich hier in Afrika kein Hotelzimmer finde, weil massenweise Urlauber nicht in ihre Heimatlaender reisen koennen. Deren Rueckfluege wurden naemlich gestrichen.

Die Hotelbetreiber in Hurghada, wo ich heute zwangsweise eintraf, weil ich was recherchieren muss, also diese Hotelbetreiber in dieser Pauschaltouristenhoelle sagen ihren Gaesten, sie sollten nun selber sehen, wo sie bleiben, weil man den Touristen, die aus Russland jetzt ankommen, ihre gebuchten Zimmer nicht verweigern koenne. Deren Fluege wurden ja nicht gestrichen.

So fuehrt der Vulkanausbruch auf Island zu einem Touristenstau in Afrika. Und zu einer Preisexplosion bei den Zimmerpreisen, denn dieselben Hotelbetreiber haben angesichts der zwangsgestiegenen Nachfrage flugs die Raten um schaetzungsweise 30 Prozent erhoeht, gepriesen seien die Naturgewalten. Man kann also sagen, dass mein Geldbeutel in Afrika duenner wird, wenn auf Island ein Vulkan ausbricht. Das ist Globalisierung – oder besser die noch etwas unausgereifte Beta-Version davon.

Ganz zu schweigen davon, dass ich diesen Blogeintrag hier im Internetcafe nahezu blind auf einem kyrillischen Keyboard schreibe.

 

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Elche, Träumer, Königskinder

Für die einen sind sie ein Symbol trauter Eintracht, für die anderen nur ein ärgerliches Hindernis: Kronprinzessin Victoria und ihr auserkorener Prinzgemahl Daniel Westling, die sich im königlichen Park Haga im Norden Stockholms das Nest für künftige  Familienfreuden bereiten. Der Park wurde von 1771 bis 1780 auf drei Inseln in Brunsviken nach eigenhändigen Skizzen des Künstlerkönigs Gustav III. zu einer idealen Naturlandschaft geformt und darauf kleine Brücken, Tempel, Pavillons und Kanäle verteilt. Doch bevor er die Pläne zu einem monumentalen Palast realisieren konnte, begegnete Gustav auf einem Maskenball 1792 seinem Mörder. Immerhin das bescheidene Schloss Haga wurde fertig. Hier wuchs König Carl XVI. Gustaf in den 40er Jahren vaterlos unter seinen Schwestern Margaretha, Birgitta,  Desirée und Christina auf. Fortan wurde das Gemäuer als Gästehaus der Regierung genutzt. Wo einst allerhand illustre Würdenträgern ihre müden Häupter betteten, sollen nach der Traumhochzeit im Juni die Thronfolgerin und ihr Gemahl einziehen. Hundehalter und Flaneure ärgern sich schon jetzt über den pompösen Eisenzaun, der im Park emporwächst.

Unterdessen polieren sie im Stockholmer Dom die Wappen der Edlen und das hölzerne Standbild des tapferen Georg, zu dessen Füßen sich der dänische Drache windet. Das mediale Großereignis beschert Storkyrkan eine Generalüberholung für umgerechnet 1,4 Millionen Euro. Mit immer neuen Alarmmeldungen aus der Welt der Schneider, Juweliere und Kuchenbäcker fiebert Svensk Damtidning dem Mittsommer entgegen. Und auch Johan Lindwall, Hofberichterstatter des Boulevardblatts Expressen müht sich verzweifelt, dem recht drögen Fitnesstrainer Daniel skandalöse Seiten abzuringen. Derweil setzt das öffentlich-rechtliche SVT auf Dauerberieselung: Die recht blonde Ebba von Sydow konfrontiert das ermüdende Publikum an jedem Montag mit allerhand Kuriositäten nordischer Blaublüter.  

Nur im schönen Ockelbo können sie ganz gelassen sein. Dort hat Viktoria im Juni letzten Jahres die Kälber „Embla“ und „Ask“ zur Welt gebracht. „Daniel weiß wirklich wie er die Damen zu nehmen hat“, schwärmt Lars Akesjö von seinem kapitalen Sechsender. In der nordschwedischen Heimat des Prinzgemahls betreibt der findige Schwede eine Elchfarm. Schon vor Jahren hat er den Rummel um die Hochzeit vorausgesehen und seine Jungelche nach dem Bernadotte-Spross und ihrem bürgerlichen Lover benannt.

 

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Kritische Kernspaltung

Vor ziemlich genau einem Jahr machte ich mich zu einer Reise durch das lange Schweden auf. Ich wollte der jüngsten Wendung im Dauerstreit um die Atomkraft nachspüren. Die bürgerliche Regierung in Stockholm hatte gerade den Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen. Die alten Meiler sollten länger laufen dürfen, bei Bedarf sogar neue entstehen.  Aus seinem Bürofenster im stillgelegten AKW Barsebäck  betrachtete Leif Öst  ein Spalier von Windmühlen im Sund vor Kopenhagen. Der scheidende Kraftwerkschef führte damals das Kommando über 200 Arbeiter und Ingenieure in einer absurd anmutenden Zwischenwelt – während sich die einen noch Gedanken über die Abwicklung machten, planten die Kollegen nebenan schon die Reaktoren von morgen.   

Wie all ihren Besuchern, versicherte mir Jenny Rees von der Atomfirma SKB, das Problem mit der Endlagerung sei gelöst. Rund 10 000 Atomtouristen schleusen Jenny und ihre Kollegen alljährlich durch den Versuchsstollen  unter einer idyllischen Halbinsel bei Oskarshamn .  450 Meter tief im Granitgestein soll der Strahlenmüll, eingehüllt in 25 Tonnen schweren Kupferkapseln, bis in alle Ewigkeit ruhen.

Auch in der Atomgemeinde Forsmark, die am Ende den Zuschlag für den Bau des Endlagers erhielt, strahlten sie einen überraschenden Optimismus aus. Ausländischen Fernsehteams wurden so oft die badenden Kinder im warmen Abflusskanal des Pannenreaktors vorgeführt, dass sich das Bild vom „Schwedischen Atomidyll“ zwangsläufig aufdrängte.

Dabei brodelte es schon damals gewaltig hinter den Kulissen. „Schweden ist furchtbar abhängig von der Atomkraft und das Zentrum hat ein Problem mit der Demokratie“. So brachte etwa Christer Jonsson aus Kalmar seine Enttäuschung über den drastischen Kurswechsel seiner Partei auf den Punkt. Wie so viele seiner Parteifreunde ist der einflussreiche Lokalpolitiker überzeugter Atomkraftgegner. Dass ausgerechnet das bäuerliche Zentrum, lange Jahre eine feste Bastion des Widerstands, den drei Jahrzehnte gültigen Volksentscheid kippte, können viele an der Basis nicht begreifen. Zumal sie nicht gefragt wurden. Den Kurswechsel habe die Vorsitzende Maud Olofsson an der Partei vorbei organisiert, monieren die Kritiker. 

Die muss sich nun warm anziehen. Mindestens drei parteiinterne Widerständler im Parlament wollen bei der noch vor den Wahlen im September anstehenden Abstimmung über den Energiekompromiss ihre Stimme verweigern. Die Schauspielerin Solveig Ternström (Jahrgang 1937) erklärte, sie ließe sich selbt vor einer Pistolenmündung nicht umstimmen. Und ihre Parteifreundin Eva-Salin Lindgren geht noch einen Schritt weiter. Wie es denn sein könne, fragt die Kernphysikerin, dass mit der Entwicklung der Endlagermethode ausgerechnet die Atomfirma SKB betraut sei. In der Tat werden aus einem staatlich verwalteten Rücklagenfonds für die Atomendsorgung Projekte finanziert, die SKB in Auftrag gibt. „Wir brauchen mehr unabhängige Forschung“, fordert Lindgren.

Der Aufruhr gegen den Energiepakt könnte für das Zentrum böse Folgen haben. In jüngsten Umfragen kratzt die Partei gefährlich an der 4-Prozent-Hürde.

 

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Feiern am Rande der Erde

Die norwegische Kleinstadt Kirkenes liegt am äußersten nordöstlichen Rande des norwegischen Festlandes – von Oslo in etwa so viele Kilometer entfernt, wie Oslo auch von Rom entfernt ist. Seit einigen Jahren findet hier jährlich das Barentsspekatekel statt, ein Festival mit Theater, Musik, Kunst und Literatur. Vor allem die Beziehungen zum (oder besser: zu den) russischen Nachbarn – die Grenze ist 40 Kilometer entfernt – soll(en) durch das Festival auf dem nicht-politischen Wege verbessert werden. Scharenweise wurden russische Journalisten nack Kirkenes geladen, ebenso Künstler. Der hohe Norden (Highnorth oder Nordomradene) ist für Norwegen eine der wichtigsten Gegenden, schießlich gibt es hier einen Grenzkonflikt mit Russland (die Ziehung der Wassergrenze ist seit Jahrzehnten ungeklärt), in der Barentssee (dem russischen und norwegeischen Teil) werden umfangreiche Rohstoffvorkommen vermutet und der Klimawandel eröffnet die Nordostpassage, die an Kirkenes vorbeiführt. Die Stadt dürfte also Zukunft haben. Kulturell erlebt sie dieser Tage Anfang Februar einen kleinen Boom – am Eröffnungsabend bewiesen Musiker der nördlichen Naturvölker in Schweden, Finnland, Russland, Norwegen und Amerika, dass sie Musik machen können, die mit dem Klischee der Folklore nichts am Hut hat, sondern was den Stimmeneinsatz angeht sich eher mit Blixa Bargeld oder Gry Bagoien messen lassen muss. Allein für diese Auftritte hat sich die weite Anreise schon gelohnt, haben die letzten zwei Festivaltage noch gar nicht begonnen.

 

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Eisfieber

 

 

   Es ist jedes Jahr dasselbe: Sobald es mehr als drei Nächte hintereinander friert, macht sich in den Niederlanden das Eisfieber breit – eine Epidemie, die – egal, ob gross oder klein – in einem angsterregendem Rekordtempo die gesamte Nation erfasst und auch die Sprache drastisch beeinflusst. Ist doch auf einmal von Eistransplantationen die Rede, von Eismeistern – und vom Elfstedentocht, jenem heroischsten Schlittschuhlauf der Welt, auch „Lauf der Läufe“ genannt, gut 220 Kilometer lang entlang der elf friesischen Städte. Zehntausende nehmen teil, auch wenn es einige immer ein paar abgefrorene Zehen oder Finger kostet und sich viele erst weit nach Mitternacht mehr tot als lebendig über die Ziellinie schleppen.

Dank Klimawandel wird vielen diese Peinigung erspart, der letzte Elf-Städte-Lauf fand im Januar 1997 statt. Aber gehofft wird halt jedes Jahr, auch jetzt wieder. Immerhin könnte der plötzliche Wintereinbruch den Niederländern Bilderbuchweihnachten bescheren. Die ganze Nacht hat es geschneit, auch heute vormittag noch. Momentan liegt hier an der Nordseeküste bei Leiden mehr Schnee als zuhause bei meinen Eltern in Baden-Württemberg. Ich habe die Wohnzimmertür in den Garten kaum aufgekriegt, das hat es noch nie gegeben. Und vor der Haustür, auf den Kanälen, haben sich schon gestern die ersten aufs Eis getraut, bei blitzeblauem Himmel.

Beim Anblick solch fröhlicher Eislaufzenen werde ich von einer geradezu hemmungslosen Liebe zu meinem Wahlheimatland erfasst. Sämtliche Kritik, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hat, schmilzt wie Schnee in der Sonne. Erstens scheint das schatsen, wie das Schlittschuhlaufen auf nederlands heisst,  das Beste im Holländer zum Vorschein zu bringen, denn auf einmal sind alle überaus freundlich, hilfsbereit und so richtig gut drauf – bei Temperaturen über Null wartet man darauf zuweilen vergeblich.  Zweitens geht es hier dann zu wie auf den Gemälden Alter Meister, die schon im Goldenen 17. Jahrhundert das bunte Treiben der Eisläufer verewigt haben – und daran kann ich mich nicht sattsehen: Genauso wie vor 400 Jahren schieben Ungeübte auch heute noch einen Esszimmerstuhl vor sich her, um nicht dauernd hinzufallen. Kinder nehmen ihre Schlitten mit aufs Eis, Jugendliche spielen Hockey oder flitzen um die Wette, rechts und links am Rand machen sich Buden mit Glühwein oder warmer chocolademelk breit. Am schönsten ist das alles im Grachtengürtel altholländischer Städte wie Leiden oder Amsterdam, vor der Kulisse historischer Grachtenhäuser aus dunklem Backstein, die mit ihren prächtig verzierten weissen Giebeln alle aussehen wie Lebkuchen mit Zuckerguss. So manche Kneipe rollt dann einen Läufer aus, damit die Schlittschuhläufer auf Kufen in die Kneipe stolpern können, um sich bei einem borrel aufzuwärmen.

 Weniger glücklich sind die Hausbootbesitzer. Beim letzten strengen Elfstedentocht-Winter 1997 lagen ihre schwimmenden Heime so fest im Eis, dass sie sich vorkamen wie Entdeckungsreisende auf Nova Zembla. Auch müssen sie sich, sobald es friert,  auf ungebetene Gäste gefasst machen: Viele Schlittschuhläufer schauen ungeniert bei ihnen durchs Fenster rein. Manche setzen sich sogar ganz dreist oben aufs Deck, um sich die Schlittschuhe anzuziehen. Und Anfänger nutzen die Boote als Halt oder  höchst willkommene Notbremse.

 Allerdings hat das Eis auch seine Vorteile: 1997 konnten die Hausbootbewohner wochenlang um ihr Heim herumspazieren, um in aller Ruhe die Fenster zu putzen oder längst fällige Reparaturarbeiten zu erledigen. Normalerweise müssen sie das von einem schwankenden Beiboot aus erledigen. Und je tiefer die Temperaturen, desto wämer das nachbarschaftliche Verhältnis: Man trifft sich viel häufiger mit den Hausbootbewohnern vom anderen Ufer.  

 So wie der Rest der Nation wünscht sich deshalb auch so mancher Hausbootbesitzer inbrünstig, dass es nach 13 Jahren Warten endlich wieder zu einem Elfstedentocht kommt – und der Eismeister nach wiederholtem Messen der Eisdicke wie immer auf friesisch die drei erlösenden Worte sprechen kann:  „It giet oan – es kann losgehen!“

 

 

 

 

 

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Absolutely

Gemessen an der Einwohnerzahl gehört Schweden sicher zu den Ländern, die am meisten nationale Ikonen hervorgebracht haben: Abba, Ikea, H&M, Volvo und natürlich Absolut. Die Wodkamarke feiert in diesem Jahr ihren 30. . Wie kaum ein anderes Produkt ist Absolut in die Werbegeschichte eingegangen. Denn mit ungewöhnlichen Kampagnen schaffte es der damals noch staatliche schwedische Produzent sich im internationalen Geschäft für Alkoholika zu platzieren. Künstler wie Keith Haring und Andy Warhol haben Anzeigen für die Flasche mit dem klaren Inhalt entworfen und sie so zur Ikone gemacht (wie das alles geschah erzählt der Schwede Carl Hamilton in seiner Biographie einer Flasche).

Zwar ist die Kampagne mit den bekannten Künstlern als Gestalter seit 2007 eingestellt, doch will sich die Marke weiterhin kulturell positionieren, wie es so schön heißt. Deshalb wurde Ende Oktober in Stockholm der erste Absolut Art Award vergeben (Preisträger und mehr hier). Aus diesem Anlass ein kurzer Abriß der schwedischen Alkohol- und Privatisierungspolitik:

Seit vergangenem Jahr gehört Absolut wie der komplette Vin & Sprit-Konzern zu Pernod Ricard aus Frankreich. Zuvor war der schwedische Staat Jahrzehnte Eigner. Dank Alkoholproduktion in staatlicher Hand sollte der Konsum eingeschränkt werden, die gleiche Aufgabe haben übrigens die immer noch staatlichen Alkoholläden. Doch die 2006 angetretene liberal-konservative Regierung will privatisieren und hat Absolut verkauft und damit einmal mehr mit Alkohol tüchtig Geld verdient. Das staatliche Alkoholverkaufsmonopol aber? Bleibt vorerst. Und Vattenfall? Ebenfalls bis auf Weiteres in Regierungshand. Der Konzern, in Deutschland aktiv und berüchtigt vor allem wegen seiner vielen Probleme mit AKWs und als Betreiber von Kohlekraftwerken, soll in Schweden seinem Namen alle Ehre machen. Vattenfall bedeutet Wasserfall. Schwedische Doppelmoral? Absolutely.

 

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Alle Jahre wieder

Das Leben im Norden Europas kann recht angenehm sein – die Natur ist sauber, das Meer selten weit und trotz der ein oder anderen Horrormeldung (hier ein Text meines ehemaligen Praktikanten) muss man nicht viel Angst vor Kriminalität haben. Auf der Negativliste stehen neben den trüben Monaten extrem hohe Lebenshaltungskosten und ebensolche Steuern. Dafür wird das ein oder andere geboten, wie beispielsweise kostenlose Ausbildung der Kinder, wenn man denn welche hat.

Ein weiteres nordisches Phänomen trübt die Lebensqualität in regelmäßigen Abständen erheblich ein: die Nichtexistenz eines klassischen Wohnungsmarktes. In Nordeuropa ist es üblich, Immobilien zu kaufen und der ein oder andere mietet auch. Doch wer denkt, dass diese Handel überwiegend auf einem gewöhnlichen, allen leicht zugänglichen Markt vorgehen, irrt.

Nehmen wir das Beispiel Kopenhagen. Ein großer Teil der Hauptstädter wohnt in einer so genannten Andelsbolig, am ehesten mit der deutschen Genossenschaftswohnung vergleichbar. Man kauft sich einen Anteil an der Gesellschaft, die das Haus besitzt und darf dann gegen eine relativ geringe Miete eine bestimmte Wohnung nutzen, eine Zweizimmerwohnung in zentraler Lage ist so durchaus für eine monatliche Belastung von unter 800 Euro zu haben. Doch die Genossenschaftsanteile werden üblicherweise nicht frei gehandelt, sondern sind einerseits preisreguliert und werden andererseits nur an jene verkauft, die schon jahrelang auf der Warteliste der Andelsboligselskab stehen. Klar, dass hier Neuzuzügler – ob aus dem Ausland oder anderen Teilen Dänemarks – das Nachsehen haben. Schließlich haben sie nicht zehn Jahre vor dem Umzug geahnt, dass sie einmal in Kopenhagen landen würden und sich dementsprechend nicht früh genug auf eine solche Liste gesetzt.

Mittlerweile gibt es zwar einige Anteile im offenen Angebot, doch die sind erheblich teurer und zudem gibt es sehr enge Vorschriften, die regeln inwieweit eine solche Wohnung im Falle eines Auslandsaufenthaltes untervermietet werden darf. Wer also wegzieht, riskiert, zu einem schlechten Zeitpunkt zum Verkauf gezwungen zu werden, weil er nicht länger untervermieten darf.

Bleibt also der Mietmarkt. Teilweise wirklich günstig sind die Angebote auf der Seite der größten Wohnungsgesellschaft: Im gutbürgerlichen Stadtteil Østerbro beispielsweise gibt es Dreizimmerwohnungen ab 400 Euro Kaltmiete. Doch Priorität hat, wer ohnehin schon in dem Haus wohnt. Also heißt es, erst einmal mit einer Einzimmerwohnung anfangen und hoffen, dass bald etwas Größeres frei wird. Die Einzimmerwohnungen kosten gerade einmal zwischen zwei- dreihundert Euro monatlich. Der Haken an der Sache: mal eben kurz in die Miniwohnung und dann in die große geht nicht. Alleine für die Einzimmerwohnung beträgt die Wartezeit ‘mere end 20 år’, mehr als zwanzig Jahre. Da fragt man sich, wer sich überhaupt auf eine solche Warteliste setzen lässt – mit 15 drauf, mit 35 in der 20 Quadratmeterwohnung in Hoffnung darauf, vielleicht sieben Jahre später in eine größere wechseln zu dürfen, vielleicht auch schon nach drei Jahren, vielleicht aber auch nie? Leider ist dieses Beispiel exemplarisch. Kurze Wartezeiten gibt es in erster Linie aus sozialen Gründen, dazu zählt auch, dass die klassische weiße Mittelklasse die Wartezeit verkürzt bekommt, wenn sie bereit ist, in Einwandererbezirke mit hoher Arbeitslosigkeit zu ziehen.

Standardlösung ist deshalb vor allem für Zugezogene sich von Untermiete zu Untermiete zu hangeln. Denn, wer einen Genossenschaftsanteil besitzt, vermietet diesen womöglich mal unter, z.B. wegen eines Auslandsaufenthalts (s.o.). Maximale Mietdauer ist in solchen Fällen aber zwei Jahre, Standard ein Jahr oder noch weniger. Deshalb heißt es für viele neu Kopenhagener wieder und wieder alle Jahre wieder: Wohnungssuche und Umzug. Die Kaste der Nichtseßhaften ist gefühlt so groß wie der Stimmanteil von Linkspartei und FDP zusammen bei der Bundestagswahl in diesem September.

Es gibt nur zwei Alternativen: eine klassische Eigentumswohnung oder eine klassische Mietwohnung. Immerhin, in jüngster Zeit wird beides angeboten, allerdings überwiegend in Betonburgen am Stadtrand. Die haben zwar hochklassige Architekten entworfen, doch es sind reine Schlafstädte, die vielleicht einen Supermarkt um die Ecke haben, aber weder Cafés, noch Gemüse- oder Blumenläden. Und die Preise? München, Innenstadtlage (mit Café, Gemüse- und Blumenladen um die Ecke) plus 30 Prozent.

Berlin, wir kommen!

 

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Sonntags nie

 

Sonntags wählen ist in den Niederlanden ausgeschlossen, für sowas Profanes darf der Tag des Herrn aus Rücksicht auf strenggläubige Kalvinisten nicht missbraucht werden. Doch das Interesse an den Bundestagswahlen ist so gross, dass man fast meinen könnte, dass heute nicht in Deutschland, sondern in den Niederlanden gewählt wird: Merkel und Steinmeier prangen auf den Titelseiten der Zeitungen, gleich darf ich zu einer grossen Wahlparty in Den Haag aufbrechen, und mehrere Zeitschriften und Nachrichtenmagazine analysieren diese Woche in ihren Aufmachern ausführlichst den deutschen Wahlkampf.

Dabei wundern sich die Niederländer vor allem über eines: Dass in der deutschen Parteienlandschaft weit und breit kein rechtspopulistischer Geert Wilders zu entdecken ist, der Islam im Wahlkampf kein Thema war und auch kein Moslem-bashing stattfindet. Ganz einfach, weil es unanständig ist und man sich dafür eigentlich schämen sollte. Das jedenfalls erfährt der Leser im Meinungsblatt Vrij Nederland, das nach acht Seiten Analyse zu dem Schluss kommt, dass die Niederlande für die Deutschen ein Beispiel dafür sind, wie man es nicht machen sollte.

So können sich die Zeiten ändern. Als ich in den 90er Jahren hierher kam, war es genau umgekehrt: Die Niederländer galten als vorbildlich an allen Fronten, und darüber schrieben wir Korrespondenten uns die Finger wund. Egal, ob Drogenpolitik, Toleranz, Integration oder Sterbehilfe: „Bei uns ist alles besser“, lautete das Motto, mit dem sich die Niederländer nur allzu gerne brüsteten, um dem Rest der Welt zu zeigen, worin ein kleines Land ganz gross sein kann – vor allem dem dicken Bruder im Osten, den Deutschen.

Inzwischen schlagen die Niederländer leisere Töne an. Und sie sind nicht bloss bescheidener geworden, sie gucken auch nicht mehr verächtlich über die Grenze, sondern – man halte sich fest – bewundernd! Dass ihr Deutschlandbild nicht mehr ausschliesslich vom Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besatzungszeit geprägt ist, liegt nicht nur an Schüleraustauschprogrammen und neuem Unterrichtsmaterial für die Geschichtsstunde. Höchst effektiv für die wundersame Wandlung war auch der WM-Effekt 2006: „Toll, wie ihr das hingekriegt habt!“ heisst es noch heute. Dass sich damals einige deutsche Fussballfans ein niederländisches Oranje-Trikot übergezogen haben, hat die Niederländer sogar regelrecht aus der Fassung gebracht. Ein Oranjefan in einem deutschen Trikot wurde bislang zwar noch nicht gesichtet, aber deutsche Tugenden wie Fleiss und Ausdauer stehen inzwischen so hoch im Kurs, dass sich immer mehr niederländische Unternehmer in Deutschland niederlassen. Auch im Grenzgebiet zieht es immer mehr Niederländer auf die deutsche Seite, vor allem wegen der Höflichkeit und der guten Umgangsformen, ergab eine Umfrage. Ist es zu fassen? Da könnte man als Deutscher vor Verlegenheit ja glatt rot werden!

Wer’s nicht glauben will, dem zeige ich als Beweis gerne immer wieder jenen Artikel aus der angesehenen Tageszeitung Volkskrant,  der auf einer ganzen Seite erklärt, warum in Deutschland alles besser ist – angefangen bei den Brötchen über die Taxifahrer bis hin zu den Debatten im Parlament. Auch die Sonderbeilage „Duitsland is ok“ hab’ ich mir aufgehoben, schon allein wegen der 45 Tipps, die darin gegeben werden. Kleine Kostprobe: „Trinke deutschen Wein, trage Birkenstock und kaufe bei Tchibo.“

 

 

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Von der Wiege bis zur Bahre

Mein Sohn Marius (4 Jahre) hat gerade seinen ersten Steuerbescheid bekommen! 4 Kronen (!) aus Zinserträgen vom Sparkonto. Die stehen der Gesellschaft zu, denn in der Abfuhr irdischer Besitztümer übt sich der Schwede früh. Die Verwaltung der Steuerschuld hat Väterchen Staat denkbar einfach gestaltet: Jedes Schwedenkind wird bei seiner Geburt mit einer zwölfstelligen Personenkennziffer ausgestattet, unter der alle nur denkbaren Informationen gespeichert sind. Jede Behörde hat Zugriff auf diese Daten. Ohne die personnummer geht auch in reiferen Lebensjahren nichts: Man kann kein Konto eröffnen, keine Wohnung mieten, keine Brille kaufen und nicht zum Arzt gehen. Hat man sie, ist alles ein Kinderspiel. Hat man sie nicht – wie gewisse Zugewanderte mit fragwürdigen Biographien – lohnt es kaum weiterzuleben.

Praktisch ist auch die auf eine Metallplatte gestanzte Erkennungsmarke mit Name und Nummer, die bei einer eventuellen Evakuierung des Kindes an einem Kettchen um den Hals baumelnd mitzuführen ist. Sie erinnert streng an die „Hundemarken“ amerikanischer Marinesoldaten und erleichtert die Identifizierung, sollte Marius einmal  im Dienst für das Vaterland sein zartes Leben aushauchen oder einer Katastrophe zum Opfer fallen. Solche sind von Natur aus überwältigend und folglich auch von der ebenso fürsorglichen wie allmächtigen Kinderaufsichtsbehörde Barnavårdcentralen (BVC)  kaum vorauszuplanen.

Manchmal ist die Sammelwut ihrer Behörden selbst den Schweden unheimlich. An der Stockholmer Uniklinik Karolinska werden die Blutproben sämtlicher Neugeborener seit 1975 im so genannten PKU-Register aufbewahrt. Noch hindert ein Gesetz Polizei und Versicherungen daran, ohne Bedenken auf die sensiblen Daten zuzugreifen. Der Versuch, eine solche systematische Erfassung aller Bürger einzuführen, würde in Deutschland unweigerlich zum Aufstand führen. Man möge sich nur an die westdeutsche Volkszählung von 1987 erinnern!

Doch solche revoluzzerhafte Gedanken, helfen zur Stunde nicht weiter. Ausnahmsweise bin ich am Sonntag ins Büro geeilt, mit der festen Absicht, noch emsiger in den Papieren zu rascheln, noch mehr Geschichten zu ersinnen, noch mehr Angebote rauszugeben. Die Steuern des Filius darf nämlich fürs Erste der Papa bezahlen.

 

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Im Herzen der Finsternis

Kaddisch im Wald von Paneriai. Fania Brantsovskaya reicht dem Reporter bis zum Bauchnabel. Die alte Dame, Jahrgang 1922, überlebte die Auflösung des Wilner Ghettos 1943, ging als Partisanin in die Wälder. Sie hat ein vergilbtes Foto mitgebracht. Von ihrer Familie ist nichts geblieben als die Erinnerung. 70 000 Menschen haben die deutschen Besatzer in Ponar, rund 20 Kilometer südwestlich der litauischen Hauptstadt Vilnius, erschossen, in Gruben aufgeschichtet und verbrannt.

Vor dem Einmarsch der Nazis war fast jeder zweite Bewohner der Stadt jüdischen Glaubens. „Vilne“ ein Zentrum jüdischer Kultur, das es so in Nordeuropa kein zweites Mal gab. Litauens jüdische Emigranten, die Litvaken,  sind noch einmal zurückgekehrt ins Herz Europas, wollen die Erinnerung an dieses litauische Jerusalem mit seinem weltberühmten Gaon wieder aufleben lassen. Aber sie sprechen auch ein Thema an, das in der jungen Republik tabuisiert wird: Mit bestialischen Greueltaten beteiligten sich Litauer als willige Helfer der Nazis am Judenmord.

Unterdessen mühsame Spurensuche in der barocken Altstadt. Kein Schild, kein Hinweis. Im offiziellen Programm der Kulturhauptstadt findet das jüdische Erbe kaum statt. Kritiker halten Vilnius ohnehin für unwürdig, weil es bis heute Streit um die Rückgabe jüdischen Eigentums gibt. Frostig sei der Umgang mit der Minderheit, klagt der rastlose Simon Gurevičius von der Gemeinde (3 000 sind sie noch): Litauische Staatsanwälte ermittelten gegen jüdische Partisanen um Brantsovskaya. Neonazis durften vor der Synagoge aufmarschieren.

Immerhin, im Streit um den ehmaligen jüdischen Friedhof von Vilnius lenkte das Kulturministerium in diesen Tagen ein. Auf den von den Sowjets eingeebneten Flächen darf eine Bebauung nur nach Zustimmung der Gemeinde erfolgen. Auch in den Verhandlungen um Entschädigung für geraubten Besitz im Zuge der Enteignung und Arisierung gibt es Bewegung. Allerdings liegen die gegenseitigen Vorstellungen vom Umfang der Zahlungen noch weit auseinander.

 

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Kaupthing lässt Journalisten jetzt in Ruhe recherchieren

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise auf Island oder soll man besser sagen seit dem Zusammenbruch der Banken dort, tauchen ständig neue Gerüchte darüber auf, wie die Banker ihre Stellung systematisch ausgenutzt haben und so zum Absturz beigetragen haben. Schon lange heißt es, die Finanzinstitute hätten ihre größten Eigner mit sehr vorteilhaften und risikobehafteten Krediten bedient. Ende vergangener Woche (also Ende Juli) tauchte dann ein internes Dokument der Kaupthing Bank auf, dass genau dies bestätigte. Erst kursierte es auf Island, von wo aus auch ich es zugesteckt bekam (siehe den Bericht in der FTD). Für jedermann ist es auf der Seite von Wikileaks zugängig. Das war der mittlerweile verstaatlichten Kaupthing zu viel. Sie schrieb an Wikileaks und forderte, dass das Dokument entfernt werde. Doch das gelang nicht. Auch an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk RUV, der in der Abendsendung berichten wollte, wandte man sich. Hier ließ Kaupthing eine Verfügung zustellen und untersagte den Bericht, schließlich gehe es um das Bankgeheimnis.
Die auch für die Medien zuständige Kultusministerin Katrin Jakobsdóttir forderte daraufhin eine Gesetzesänderungen, damit die Journalisten nicht in ihrer Arbeit behindert werden. Schließlich wollen sie die Isländer darüber aufklären, was in ihren Banken geschehen ist und wie diese den Crash in dem Land mit verursacht haben.
Genau deshalb protestierten die Isländer im Netz und in Gesprächen gegen die Blockadepraxis von Kaupthing. Mit Erfolg. Die Bank will fortan nicht mehr gegen die Veröffentlichung des Dokuments vorgehen.

 

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Der König ist tot, es lebe die Königsfamilie

In der Oper gewesen, Livlægens besøg (Per Olov Enquists Livläkarens besök / Besuch des Leibarztes). Auch bei dem Stück ging die Verbeugung beim Schlussapplaus zunächst gen Loge der Königsfamilie.

 

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Sex in rasender Fahrt

Rein sportlich betrachtet war es schon eine Leistung, was sich da am Ostersonntag auf der Autobahn E18 bei Oslo vollzog. Anerkennende Pfiffe soll es gegeben haben als sich die Streifenbeamten im norwegischen Søndre Buskerud mit dem zur Beweissicherung gedrehten Film vergnügten. Der körnige Streifen – vermutlich bald auch für Jedermann im Internet zu sehen – zeigt einen Mazda in rasender Fahrt. Das Gefährt schlingert heftig, und das muss wohl auch so sein, denn auf dem Schoß des Piloten sitzt eine Frau. Die hat als einzige noch die Piste vor Augen, während die beiden – sagen wir es trocken – den Akt vollziehen.

Einen knappen Kilometer halten die amtlichen Papparazzi dem hochtourigen Treiben mit, dann wird das Paar zur Ordnung gerufen. Kleinlaut gibt sich der Gigolo, die Strafe ist hart, die Pappe ist weg, den Fahrersitz muss er der
Gefährtin künftig allein überlassen.

Noch tragischer, weil tödlich für alle Beteiligten, endete ein ganz ähnliches Abenteuer bei Krefeld. Wie auch immer die nicht gänzlich geklärten Umstände – auch hier ist der Tatort ein Automobil. Schon schwingt Otto Normalverbraucher die Moralkeule über das schändliche Tun.

Doch hier ist Einhalt geboten: In beschleunigten Zeiten leben wir, die automobile Gesellschaft hat den Planeten geprägt. Da werden Internet-Bekanntschaften halt mal eben mit dem Wagen abgeholt. Mit der Triebabfuhr will sich niemand lange aufhalten.

Das war schon in den Fünfzigern so: In Skandinavien entstand im Gefolge der Rock-´n´-Roll und Rockabilly-Welle die Subkultur der „Raggare“: Wilde Arbeiterburschen mit viel Pomade im Haar kreuzten in ihren blank gewienerten Amischlitten über die Landstraßen und imponierten der weiblichen Bevölkerung. Und die „Aufreißer“ gibt es immer noch, sie schrauben an chromblitzenden Chevrolets, Buicks und Cadillacs und fahren von einer Wurstbude zur nächsten.

Welch schönes Kompliment an das zuletzt so verteufelte Massenprodukt, das ja angeblich so gar nicht mehr in die Zeit passt und in die Umwelt schon gar nicht. Vergessen die Krise, die Zahlen aus Detroit, das Bangen in Bochum,
auch der schmelzende Gletscher und der hungernde Eisbär : Das Auto ist unser Freund und Begleiter, es ist
an unserer Seite in Momenten der Freude und in Zeiten der höchsten Not. Dies endlich einmal anzuerkennen ist doch wohl wahrlich nicht zuviel verlangt.

 

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Hans Magnus!

Es war wohl das, was ein Heimspiel genannt wird. Er kam, wurde gesehen und gehört und erntete Applaus. Montagabend war Hans Magnus Enzensberger in Kopenhagen. Vor ausverkauftem Saal (d.h. rund 400 Zuschauern) parlierte er befragt von Per Øhrgaard über sein Buch "Hammerstein oder der Eigensinn", seine dafür angewandten Recherchemethoden und die Deutschen und ihre Vergangenheit. Auf Deutsch. Ohne Simultanübersetzung. So etwas geht wohl nur in Kopenhagen. Eine Veranstaltung, die weder in der Landessprache, noch auf Englisch stattfindet, sondern auf Deutsch, aber nicht gedolmetscht wird und dennoch hunderte von Interessierten anlockt, deren Muttersprache ganz gewiss nicht Deutsch ist.

Die zwischenzeitlichen Teilübersetzungen ins Dänische des Interviewers waren unnötig, wie er selber anmerkte. Unterstützt wurde die Veranstaltung vom Goethe-Institut. Oft wird diesem vorgeworfen nur eine kleine Elite im Zielland anzusprechen oder – noch schlimmer – nur die deutschen Expats vor Ort. Doch Montagabend kamen jene, die auch zu einer Literaturveranstaltung mit einem nordischen Verfasser gekommen wären und nicht nur eine kleine Gruppe aus dem "Lesekreis Deutsches Buch" (wenn es einen gleichnamigen denn gibt).

Und woran liegts: an der vertrackten deutsch-dänischen Vergangenheit und an den Medien. Dass das Deutsche in Dänemark so weit verbreitet ist, hat nämlich nicht nur damit zu tun, dass die beiden Länder aneinandergrenzen und Deutschland wichtigster dänischer Handelspartner ist, sondern ist auch auf Krieg und Medien zurückzuführen. Bis zum berüchtigten Kampf um die Düppeler Schanzen 1864 war ein Teil Schleswig-Holsteins einmal Dänisch und hat deshalb jetzt eine entsprechende Minderheit. Ein Teil des heutigen Süddänemarks war umgekeht einmal Deutsch und die Sprache ist dort immer noch sehr verbreitet. Zudem ist das dürftige dänische Fernsehprogramm schuld: Weil es in Dänemark nur zwei schwache Programme gab, schalteten früher viele, die konnten, auf die deutschen Sender. In Süddänemark und den Inseln der "dänischen Südsee" war das deutsche Fernsehen lange bevorzugte Unterhaltunsgquelle, weil das dänische Programm zu dünn war. Viele, die heute um die 30 sind, haben mit Sandmännchen Deutsch gelernt. Ein Plädoyer für mehr Kriege und schlechtere Fernsehprogramme also, um den Fremdsprachenaustausch zu forcieren?

Nein, und wieder muss Hans Magnus Enzensberger herhalten. Der sprach gegen Ende der Veranstaltung nämlich einige Worte Skandinavisch (nun gut, das ist eigentlich keine eigene Sprache, aber seine Betonung war keiner der drei skandnavischen Sprachen zuzuordnen, es war wohl Norwegisch für die Dänen verständlich gemacht). In den 1950ern hat er längere Zeit in Norwegen gelebt: statt Krieg und schlechtesm Fernsehprogramm ist ihm das Land und dessen Sprache durch Liebe nähergebracht worden, Liebe zu einer Frau und wohl auch dem Land. Seine damals geborene Tochter Tanaquil lebt immer noch dort und ist von Sprache angetan wie ihr Vater. Gemeinsam haben die beiden nordische Sagen übersetzt und obwohl Norwegerin, war es Tanaquil, die,  als ich sie vor einigen Jahren interviewte, mein Deutsch verbessern musste. Hatte sich doch ein eingedeutschter Anglizismus eingeschlichen. Sorry, ich meine: unskyld (und das mit einer Verbeugung vor Hans dem Großen).

 

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Nobelpreisträger Al Gore und die Geländewagen

Vor dem Grand Hotel an Oslos Flaniermeile Karl Johan lauert eine kleine Menschenmenge auf. Viele haben eine Kamera dabei und halten Stift und Papier in der Hand – Autogrammjäger. Doch sie sind nicht gekommen, um Kylie Minogue oder Robin Willams zu sehen, sondern ihr Popstar ist Al Gore. Der Amerikaner ist Freitagfrüh nach Oslo gekommen, um am heutigen Montag den Friedensnobelpreis in Empfang zu nehmen, den er sich mit dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) teilen soll. Gleich nach der Ankunft am Flughafen bewies er sein PR-Talent: Statt ökologisch unkorrekt mit einer Limousine in die etliche Kilometer entfernte Innenstadt zu fahren, nahm er den Zug. Jeder einzelne sei gefordert sich gegen den Klimawandel einzusetzen, so Gore. Anfangen könnte er gleich vor der eigenen Haus- bzw. Hoteltür: Während seine vielen Flüge im Namen des Klimaschutzes noch zu rechtfertigen sind, schließlich kann er so seine Botschaft in andere Länder tragen, scheinen sich nicht einmal die Leute, die ihn betreuen, bewusst, was jeder Einzelne tun kann. Die Wagen, die ihn und seine Mitstreiter die Tage in Oslo herumfahren sollen, sind zum Teil Benzinschlucker wie Stadtjeeps von Volvo und BMW und bereits während Al Gore noch auf seinem Hotelzimmer war, standen die Fahrer mit laufenden Motoren unten und warteten auf den Klimaretter.

 

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Die größeren Belgier

Schweden und Norweger müssen sich jetzt warm anziehen, die Belgier kommen. Natürlich nicht nach Skandinavien, da ist es viel zu kalt und außerdem sind immer nur Bärenwurst und Rentiersteaks nichts für belgische Feinschmecker. Nein, die Belgier rücken den Skandinaviern etwa in Höhe 1,80 zu Leibe, sagt Professor Roland Hauspie von der Freien Universtität Brüssel. Solche durchschnittlichen Körpergrößen waren bisher den Nordeuropäern vorbehalten, jetzt tauchen da oben auch die Belgier auf. „Unsere Jungen sind im Schnitt vier Zentimeter größer als vor 30 Jahren,“ hat Hauspie gemessen, „und auch die Mädchen haben zwei Zentimeter zugelegt.“ Dass junge Menschen heute höher wachsen als früher, das haben andere auch schon gemerkt. Aber Professor Hauspie hat herausgefunden, dass für die Schweden und die Norweger jetzt Schluss ist mit größer werden. Jede ethnische Bevölkerungsgruppe habe ein bestimmtes Wachstumspotential, und alles deute darauf hin, dass die Schweden das bereits ausgeschöpft haben. Deshalb müssen sie zuschauen, wie die Belgier und hier vor allem die Flamen vorbeiwachsen. Sagt der Professor. Und irgendwann müssen die künftigen Ex-Hünen aus Schweden dann vielleicht sogar die Franzosen, Italiener und Spanier vorbeiziehen lassen. Die liegen zwar derzeit noch gut sechs bis sieben Zentimeter hinter Schweden und Flamen und fast zehn hinter den Holländern, aber sie wachsen zügig nach. Woran das liegt, weiß auch Professor Hauspie nicht so genau. Aber es hat in jedem Fall auch mit dem Essen zu tun, meint er. Gesunde und ausgewogene Ernährung treibt mehr als Einheitsbrei, und dauernd das gleiche Rentiersteak ist vielleich auch nicht das Gelbe vom Ei. So genau hat der Professor das nicht zwar nicht gesagt, aber er läßt das so durchschimmern.Auffällig sei zudem, dass alle Kinder im Frühjahr zweimal so schnell wachsen wie im Herbst. Was wahrscheinlich mit dem Licht zu tun habe. Und schon haben wir eine schlüssige Erklärung für das belgische Längenwachstum. Kein Europäisches Land ist so gut ausgeleuchtet wie Belgien, berichten Astronauten. Selbst wenn mitten in der Nacht vom All aus nichts mehr zu erkennen ist: das helle Dreieck da unten ist Belgien, wo sämtliche Autobahnen rund um die Uhr beleuchtet werden. Bisher haben wir das für Energieverschwendung gehalten, jetzt wissen wir, dass die Belgier bloß größer werden wollen. 

 

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Kneipenabend mit Journalistin kostet Staatssekretärin die Karriere

Alkohol, ein männlicher Journalist und ein Kuss – im moralisierenden Schweden eine Mischung, die eine Politikerin die Karriere kosten kann. Nachdem sie am Dienstagabend vergangener Woche diesen Cocktail aus den drei pikanten Zutaten genossen hatte, trat Ulrica Schenström, Staatssekretärin unter dem schwedischen Regierungschef Fredrik Reinfeldt, gestern ab. „Schon die Bilder, die publiziert wurden und die Tatsache, dass ich mit einem Journalisten gesprochen und dabei Wein getrunken habe, sind bedauernswert“, schrieb sie in ihrem Rücktrittsbrief und verschwieg, dass es wohl mehr als ein Glas war und das sie an jenem Abend für die Krisenbereitschaft Schwedens zuständig war – zweiter Fehltritt.
Für umgerechnet rund 100 Euro sollen Staatssekretärin Ulrica Schenström und der Fernsehjournalist Anders Pihlblad am Dienstag vergangener Woche Wein und Bier getrunken haben. So hoch wie die Alkoholpreise in Schweden sind, nicht genug Geld, um sich besinnungslos zu besaufen, aber ausreichend, um die Zunge zu lösen. Zumal, so berichtet das Boulevardblatt Expressen, Schenström „Domaine Lalande Merlot” getrunken haben soll, der laut Weinkarte der Kneipe, die die beiden besuchten „die Leute gesprächig“ mache. Genau das, so wird gemutmaßt, habe der Journalist gewollt.
Damit haben die beiden Betroffenen gleich zwei empfindliche Stellen der Schweden getroffen. Zum einen haben sie den Eindruck erweckt, dass sich zwei, die beruflich eine Art Gegner sind, zu gut kennen und womöglich an der Öffentlichkeit vorbei Geheimnisse austauschen. Das gilt in dem nordeuropäischen Land als Korruption; entsprechende Anzeigen sind bereits eingegangen. Zum anderen ist die Krisenbereitschaft seit Ende 2004 in Schweden ein besonders heikles Thema. Damals kamen sehr viele Schweden bei der Tsunami-Katastrophe um und die Politiker traten – weil die Krisenbereitschaft nicht funktioniert hatte – erst spät an die Öffentlichkeit. Schon damals mußte ein Staatssekretär zurücktreten. Seither ist man in dem nordeuropäischen Land sehr darum bedacht, stets eine einsatzfähige Krisenbereitschaft zu haben. Nun hat Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt den Fehler gemacht, zu behaupten, es gefährde die nationale Sicherheit, wenn er bekannt gebe, ob Schenström Verantwortliche war und verschwieg eben genau jenes bis zum Rücktritt Schenströms. So ziemlich das Dümmste, was er nach nüchterner Betrachtung hätte tun können. Nachdem Reinfeldt gleich nach Amtsantritt im vergangenen Herbst schon zwei Ministerinnen verloren hatte, weil sie keine Fernsehgebühren bezahlt und Schwarzarbeit hatten ausführen lassen, sollte er eigentlich Übung im Hantieren von politischen Krisen haben. So war denn der Kuss des Journalisten, der schnell als rein freundschaftlich abgetan wurde, wohl vielmehr ein Judaskuss. Und die Geschichte geht weiter, denn die zwischenzeitlich eingesetzte Staatssekretärin hat ebenfalls Schwarzarbeit ausführen lassen.

 

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Worte zählen mehr als Taten

Der nordeuropäische Börsenverbund OMX sieht seine Zukunft im internationalen Geschäft. Das wurde einmal mehr klar, als Aufsichtsratschef Urban Bäckström und Vorstandsvorsitzender Magnus Böcker heute zur Pressekonferenz riefen, um sich zu den Plänen der Börsen Nasdaq und Dubai mit OMX zu äußern. Zwar gab es keine abschließende Bewertung, um man nun von der Dubaier Börse gekauft werden will, nur um gleich danach an die Nasdaq weitergereicht zu werden, doch Böcker und Bäckström hielten sich nicht zurück, Vorteile dieser Lösung zu preisen. Schließlich will man international gerne weit vorne mitspielen. Das OMX – das bis auf Oslo alle nordischen Handelsplätze betreibt – aber weiterhin noch sehr Nordeuropa zentriert ist, offenbarten die beiden ungewollt: Nur kurz nachdem Böcker gelobt hatte, dass die Nasdaq dazu führen würde, dass nordische Unternehmen international mehr gesehen werden würden, begann die Fragerunde der über das Internet international ausgesendeten Pressekonferenz. Und plötzlich vergaßen die OMX-Vertreter ihre Internationalität und wechselten ins Schwedische. Das dürfte das internationale Image nicht unbedingt gefördert haben.

Aber vielleicht haben die zwei auch nur daran gedacht, die wichtige Rolle der Auslandskorrespondenten zu unterstreichen. Solange es wichtig ist die Sprache der Region zu verstehen, macht das Internet diese nämlich nicht überflüssig.

 

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Zurück in die Siebziger

Im Herbst 1976 geboren kann ich mich an die 70er natürlich nicht mehr wirklich erinnern. Am vergangenen Wochenende fühlte ich mich trotzdem in die damalige Zeit zurückversetzt. Wie fast jeden Samstag begab ich mich ins Café Blanc, das mit FAZSZWeltAftenposten, Dagens Nyheter und sicher zwanzig weiteren internationalen Tageszeitungen die wohl beste Zeitungsauswahl Kopenhagens hat. Im Feuilleton der FAZ dann "Das kommende Geschlecht" – ein Portrait der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, geschrieben von Julia Voss, die wohl nur ein paar Jahre älter ist als ich. Schwarzer hat – mal wieder – ein Buch geschrieben.

"Die Antwort" heißt es: "Das sind zwölf Kapitel zu zwölf Fragen, die plötzlich wieder im Raum stehen. Seit einem Jahr erscheint fast jeden Monat ein neues Buch, in dem es um Familienpolitik geht, um Krippenplätze, Rollenverhalten, Berufsbilder, Väter, Mütter, Magersucht oder die Stellung von Frauen im Islam", schreibt Voss. Kurz, es geht um Gleichstellung, Emanzipation, Feminismus. Gähnend langweilig, wie ich finde. Die Benachteiligung der Frau? Das gibt es doch kaum noch! Heutzutage schieben Männer wie selbstverständlich Kinderwagen vor sich her, verabschieden sich ein paar Monate vom Job, um sich dem Nachwuchs zu widmen, ohne dass die Kollegen darüber die Nase rümpfen oder die Karriere verbaut ist und in den meisten Familien sind längst beide Ehepartner berufstätig. Wer will denn da noch das Buch von der Schwarzer kaufen, das die Frage der Gleichberechtigung angeht, als sei in den vergangenen Jahrzehnten kaum was geschehen, ja, als seien wir noch in den 1970ern?

Voss schreibt über Schwarzer: "'Wir brauchen keinen neuen Feminismus', urteilt sie mit Blick auf die Gegenwart: 'Was wir brauchen, ist ein neuer Elan für den bestehenden Feminismus. Und Frauen, die öffentlich sagen: Ich bin stolz, eine Feministin zu sein.' Die Definition ist klar: gleiche Chancen, gleiche Rechte, gleiche Pflichten." Ja, muss so eine Selbstverständlichkeit noch in der FAZ stehen? Demnächst kommt noch jemand und fordert in "Bilder und Zeiten" die Abschaffung des Klassenwahlrechts – alles Dinge, die doch längst erledigt sind!

Erst da geht mir auf: Kinderwagenschiebende Männer, die sich Elternzeit nehmen, kenne ich doch vor allem aus Schweden. Ich gehöre gewiss nicht zu den Leuten, die den Norden Europas idealisieren, aber in manchen Dingen ist die Region Deutschland um einiges voraus. Was die Gleichstellung angeht, sind die 1970er in Skandinavien längst vorbei. Das geht soweit, dass sich selbst in der neuen liberal-konservativen Regierung von Schweden der männliche Finanzminister als Feminist bezeichnet (Barbie für seine Töchter kauft er trotzdem). Peer Steinbrück übernehmen Sie!

 

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Jagtvej ist überall

 

Vor einem Monat war Kopenhagen weltweit in den Schlagzeilen, weil autonome Demonstranten gewaltsam gegen die Räumung des alternativen Jugendzentrums Ungdomshuset demonstrierten. Mittlerweile ist das Gebäude abgerissen, doch die Demonstrationen gehen weiter, nur eben friedlich. Deshalb kümmert sich nicht nur die so genannte Weltpresse nicht mehr darum, sondern auch in Dänemark wird den Bemühungen, ein neues Jugendzentrum zu bekommen, kaum mehr Beachtung geschenkt. Doch, wer aufmerksam durch Dänemarks Hauptstadt geht, bekommt auch so mit: der "Jagtvej" (so die Adresse des Hauses) ist überall – einige Sympathisanten überklebten nämlich in einer subtilen, (beinahe) künstlerischen Aktion diverse Straßenschilder in der dänischen Hauptstadt. Nun gibt es den "Jagtvej" nicht nur wie gehabt im Stadtteil Norrebrø, sondern auch an etlichen anderen Ecken.

 

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Dänemark lockte 1500 >>träge Arbeitslose<< aus Deutschland

In Dänemark herrschen beneidenswerte Zustände – die Arbeitslosenquote liegt laut statistischen Amt der EU unter vier Prozent und das Pro-Kopf-Einkommen ist auch real erheblich höher als in Deutschland. Kein Wunder also, dass die Jobmesse im süddänischen Kolding 1500 Arbeitssuchende aus Deutschland anzog. Sie alle waren gekommen, weil sie ein Leben mit Job in Dänemark einem Leben ohne Job in Deutschland vorziehen würden.

Das dänische Arbeitsmarktmodell der Flexicurity ist in jüngster Zeit in Deutschland fast täglich in den Medien. Politiker und Wissenschaftler plädieren dafür, das deutsche Arbeitsmarktmodell dem dänischen zumindest teilweise anzugleichen. In Dänemark herrscht die angelsächsiche hire & fire-Mentalität und gleichzeitig können die, die arbeitslos werden, mit relativ hoher Unterstützung rechnen.

Die Beschäftigten haben deshalb wenig Angst tief zu fallen und die Unternehmer zögern nicht mit Neueinstellungen, schließlich müssen sie nicht befürchten, die neuen Mitarbeiter weiterbeschäftigen zu müssen, wenn die Auftragslage nicht mehr ganz so gut ist oder das Mitarbeiterprofil einfach nicht mehr paßt.

Es gibt gute Gründe, dass das Modell in Deutschland häufig diskutiert wird, mein Besuch auf der Jobmesse in Kolding machte aber auch auf andere Probleme in Deutschland aufmerksam. Ich sprach mit einigen arbeitssuchenden Deutschen, die nach Dänemark gereist waren, um sich dort nach einer Stelle umzuschauen. Egal, ob sie aus Bremen, Uelzen oder Neubrandenburg kamen – keiner von ihnen war durch das heimische Arbeitsamt, das jetzt Arbeitsagentur heißt, auf die Messe aufmerksam gemacht worden, sondern alle hatten – dem Klischee vom trägen Arbeitslosen zum Trotz – selbst die Initiative ergriffen. Einem Arbeitslosen aus Bremen hatte die zuständige Beraterin von der Reise gen Norden gar abgeraten – "Da sind Sie doch gar nicht der Typ für", kommentierte sie das Engagement.

 

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Blogger bringt Ministerin zu Fall

Keine zehn Tage nach Amtsantritt ist die schwedische Handelsministerin Maria Borelius abgetreten, kurz darauf folgte ihr die Kultusministerin. Am Abgang von Borelius ist ein Blogger vermutlich nicht ganz unschuldig. Magnus Ljungkvist nämlich machte in seinem Blog als erstes publik, dass Borelius entgegen ihrer Behauptung in den 1990ern genug Geld verdient habe, um eine Haushaltshilfe legal zu beschäftigen. Erst recht, wenn man das Einkommen ihres Ehemannes berücksichtigt. So habe Borelius 1994 442 900 Schwedische Kronen (rund 48 000 Euro) verdient, gemeinsam mit ihrem Mann kam sie auf über 200 000 Euro, schreibt Ljungkvist.

Weil es in Schweden den gläsernen Bürger und also Abgeordneten gibt, konnte er die Daten bei den Behörden erfragen. Die anderen schwedischen Medien stützten sich dann auf seine Recherchen. Borelius Haushaltshilfe war nicht deren einziger Skandal, aber wegen ihrer falschen entschuldigenden Angabe ein besonders schwerwiegender. Meist ging es bei ihren Verfehlungen darum, Geld zu sparen. So hatte Borelius lange keine Fernsehgebühren bezahlt und das von ihr bewohnte Ferienhaus auf eine in Jersey registrierte Firma angemeldet – so sparte sie Vermögenssteuer.

Über seinen Blog ist der Bürger Magnus Ljungvist also zum Wachhund geworden und hat etwas vor den Journalisten ans Tageslicht gebracht. Jetzt zu erklären, Blogs könnten Journalisten überflüssig machen, ist aber etwas vorschnell: Ljunkvist nämlich ist im Hauptberuf Sprecher der Sozialdemokraten in der Region Stockholm. Ob er die Angaben der Ministerin wohl genauso gewissenhaft überprüft hätte, wenn diese seine Parteigenossen gewesen wäre ?

 

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Die drei (sic!) wiedergefundenden Munchs

Ein wenig lieblos lagen die zwei Bilder auf dem blau bezogenen Tisch (Foto: Richard Jeffries, Munch Museum). Es wirkte beinahe so, als präsentiere der Enkel auf dem Flohmarkt den Ramsch, den er bei seiner Oma auf dem Dachboden gefunden hat und jetzt verscherbeln möchte, um sich das Taschengeld aufzubessern. Doch bei den beiden Bildern handelte es sich um zwei der bekanntesten Gemälde: Es sind Originalversionen der Werke "Der Schrei" und "Madonna" des Norwegers Edvard Munch. Am helllichten Tag waren die beiden Bilder im August 2004 von bewaffneten Räubern aus dem Munch Museum im Osten von Oslo gestohlen worden. Ende August diesen Jahres konnte die Polizei die Gemälde endlich ausfindig machen.

Als das Munch Museum vor kurzem erste Fotos der sichergestellten Gemälde der Presse zur Verfügung stellte, ging es vor allem darum, zu beweisen: "Ja, wir haben die vor über zwei Jahren gestohlenen Bilder wieder". Eine ansprechende Präsentation der Werke war nicht einmal Nebensache: ein blaues Tuch auf einen Tisch geworfen, darauf die Bilder – das musste reichen.

Dennoch war das Interesse der Allgemeinheit riesig. So riesig, dass man sich kurzerhand entschloss, die sichergestellten Bilder im Museum zu zeigen bevor sie restauriert worden waren. Zwar hat die Kunst Edvard Munchs ohnehin schon seit langem viele fasziniert, doch kein Kunsthistoriker machte sich Illusionen: die zwei Werke waren durch den spektakulären Raub am helllichten Tag im August 2004 und die darauf folgende zweijährige Suche nach den Dieben und deren Beute noch interessanter geworden. Deshalb wollten die Besucher, die vor dem Munch Museum Schlange standen, die Werke so sehen, wie die Polizei sie sichergestellt hatte: leicht beschädigt und ohne Rahmen. Nicht das Motiv der Bilder, sondern der mit den Werken verbundene Kriminalfall hatte das Interesse an Munch gesteigert.

Das Munch Museum erstellt derzeit übrigens mit den Munch-Händlern Galerie Faurschou (Kopenhagen) und Kaare Berntsen (Oslo) ein Werkverzeichnis über die Gemälde des Norwegers. Bei der Zusammenstellung der Informationen zu den Bildern fiel den Kunsthistorikern auf, dass sie bei rund 70 Gemälden nicht wissen, in wessen Besitz diese sich derzeit befinden. Nachdem ich darüber einen Bericht für die englische Kunstzeitung The Art Newspaper geschrieben hatte, meldete sich eine Londoner Galerie beim Munch Museum. Einer ihrer Kunden besaß die gesuchte Version des Bildes "Mädchen auf der Brücke", eines der bedeutenderen Gemälde des Norwegers.