Im Ausland ist alles so anders…

Au weia, erst können die Russen kein Englisch und dann ist auch alles noch “ganz anders als in Deutschland”. “Verloren” fühlten sich die eingeflogenen Reporter! Das muss ein Schock für die Kollegen vom Spiegel gewesen sein. Einer, der immerhin die erste Seite wert war.

IMG_2332Hoffentlich konnte Kollege Bidder aus Moskau den eingeflogenen Reportern ein bisschen unter die Arme greifen, eventuell gar in der Landessprache das Fremdeln erleichtern.

Um künftige traumatische Erlebnisse in der Fremde zu vermeiden empfehlen wir: Freie Korrespondenten im Lande (wie sie zB über das Weltreporternetzwerk leicht zu finden sind), kennen sich gut aus, sprechen die örtliche Mundart und haben bereits funktionierende Internetanschlüsse.

Mein Nationalfeiertag

Am 26. Oktober war ich nicht in Japan, besuchte mit Architekt Terunobu Fujimori Raiding. Der Geburtsort von Franz Liszt befindet sich im Burgenland – unweit vom ehemaligen Eisernen Vorhang. Die Vortragsscheune war alt, das Architekturthema modern. Zur gleichen Zeit feierte Österreich – wie jedes Jahr, seine wiederhergestellte Souverenität: mit Panzerparaden und Rekruten auf der Wiener Ringstrasse. Und deshalb fiel mir folgende Geschichte mit meinem Armeepullover ein.

roland bundesheer 1974

Sturmgewehr vorn. Pullover nach hinten: Auch ich war einmal Rekrut.

1973 diente ich meiner Heimat, wie man so schön sagt. Während der sechs Monate als Wehrpflichtiger in der Kaserne Leobersdorf bei Wien lernte ich, dass eine Handgranate aus 3000 Splittern besteht und über den Kopf geworfen werden muss – damit sie nicht in den eigenen Reihen explodiert. Das Sturmgewehr konnte ich in stockdunkler Nacht zerlegen, putzen und wieder zusammenbauen. Panzer eleminierte ich mit einem langen Brett, einer Schnur und einer Mine. Kurz vor Eintreffen des „Russen“ zog ich das Brett vom Versteck aus über die Fahrbahn. Bummmm! Heute heisst sowas IED – Improvised Explosive Devise, und die Taliban verwenden statt der Schnur ein Handy. Ausserdem lernte ich, dass es besser ist, den olivgrünen Pullover mit dem V-Ausschnitt nach hinten zu tragen. Das schützt den Hals besser vor Gegenwind. Nach dem Abrüsten durfte ich diesen Pullover, sowie eine Hose – und ich glaube, auch eine lange Unterhose in Tarnfarbe, behalten – für den Ernstfall, sollte der Russe doch noch kommen. Ich nehme an, dass es bei einer Mobilisierung Zeit spart: Kein Armeeunterhosenanziehen in der Kaserne, sondern schon auf dem Weg dorthin. Der Schnitt und die Farbe des Pullovers passte perfekt zu meinen Jeans, und so war er noch Jahre nach meinem aktiven Heimatdienst fester Bestandteil von Disko- und Ausstellungseröffnungsbesuchen – bis er sich irgendwann von selber auflöste.

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Pullover und Unterhose, 30 Jahre alt, für €36.34

Wie gross meine Überraschung, als ich dreissig Jahre später vom Militärkommando eine eingeschriebene Drohung erhalte – getarnt als Grosszügigkeit. Wird der Pullover samt Unterhose nicht retourniert, geht’s vor’s Gericht. Die Grosszügigkeit bestand darin, dass „in Anerkennung meiner geleisteten Dienste“ die Möglichkeit besteht, den dreissigjährigen Pullover und die Unterhose für €36.34 zu erwerben.

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Dank an die Sovietunion für die Befreiung von der Naziherrschaft: Das „Russendenkmal“ auf dem Schwarzenbergplatz in Wien. Heute dient es als Kulisse für russische Musikvideos.

Ob die Betriebsversorgungsstelle des österreichischen Militärkommandos mit der Armeebekleidung immer noch so umgeht, das heisst, im Jahr 2043 zurückverlangt? Wer ist heute der imaginäre Feind? Es muss ihn geben, denn sonst würden am Nationalfeiertag in Wien keine Panzer rollen. Oder ist der Feind unsichtbar, die Militärparade ein Ausdruck der Hilf- und Nutzlosigkeit? Ist der Feind vielleicht sogar einer, der aus meinem Blog Schlüsselwörter wie IDE, Taliban und Handgranate filtert?

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Verfallener Schweinestall im Burgenland: Bauern versteckten hier ihre Frauen während der zehnjährigen russischen Besatzungszeit.

mai in moskau – geschichte wird gemacht

Ein Bild von © Thomas Franke, nachmoskau.de

Neulich in Moskau: In der Sauna

„Ist es okay, wenn ich giesse?“ „Ja.“
Ich giesse.
„Was ist das für ein Akzent?“ – „Ich bin Deutscher.“
„Ah, ein deutscher Spion.“ – „Klar. Was sonst.“
95° Celsius.
„Ich bin ein deutscher Spion und Sie ein russischer“, sage ich.
Ironiefrei.
Er denkt.
Er sagt: „Das ist paradox. Ich ein russischer Spion in Russland.“
„In Russland ist nichts paradox.“

© thomas franke, nachmoskau.de

„Verkauf die Datscha, Flegel Gouverneur!“

Russlands Kulturhauptstadt droht in Unverschämtheiten zu versinken
Sankt Petersburg ist voller Flegel. Seit mehreren Tagen tobt in der Stadt ein heftiger Streit, ob Gouverneur Georgi Poltawtschenko ein Flegel ist, die Petersburger Kraftfahrer, die Fußballfans oder gar alle Bürger. Vom Zaun gebrochen hat den Streit der Gouverneur. Für eine Wagenkolonne des Premierministers Dmitri Medwedew waren Anfang Oktober die Straßen im Stadtzentrum gesperrt worden, die im Stau stehenden Autofahrer meuterten. „Wer nicht zu faul war, hupte, die Leute streckten alle möglichen Finger in die Höhe“, schimpfte Poltawtschenko hinterher in einem TV-Interview. „So was passiert auch in anderen Städten. Aber so offene Flegelei habe ich nie gesehen.“

Das wiederum erboste nicht nur die Pkw fahrende Bürgerschaft. Als Poltawtschenko vergangenen Samstag beim Erstligaspiel von Senit Sankt Petersburg gegen Kuban Krasnodar auftauchte, empfingen ihn die Fans mit donnernden Sprechchören: „Gouverneur – Flegel!“ Später skandierten beide Stadionhälften im Wechsel: „Verkauf die Datscha, bau das Stadion!“, eine Anspielung auf den stockenden Bau des neuen Stadions für den Gasprom-Klub. Poltawtschenko hatte dazu erklärt, die Einwohner, vor allem die Fußballfreunde könnten ja ehrenamtlich auf der Baustelle mitarbeiten, die mindestens 800% der ursprünglich geplanten Kosten schlucken soll und mit umgerechnet fast 1,1 Milliarden Euro (1,3 Milliarden Franken) teurer als der Wembley-Neubau sein wird.
Eigentlich gilt Senit als Lieblingsverein der Staatsmacht, und Fußballfans allgemein als favorisierte Klientel Wladimir Putins, im Zweifelsfall auch geeignet, Oppositionelle zu verprügeln. Jetzt aber flegeln die Senit-Fans gegen ihr Stadtoberhaupt und amüsieren sich dabei auch noch glänzend.

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Es gehen Gerüchte, die Sicherheitsorgane fahndeten nach den Vorschreiern, die Organe dementieren, die Gesellschaftswissenschaftler Petersburgs streiten, ob Russlands Kulturhauptstadt tatsächlich in Flegelei versinke, ob die Revolution doch nahe oder nur Poltawtschenko entgleist sei. „Das war sein Missgeschick“, sagt der Petersburger Politologe Michail Winogradow unserer Zeitung, „noch kein Grund ihn abzusetzen, aber eine Episode, an die sich der Kreml erinnern wird, wenn in Petersburg wieder etwas eskaliert.“ Auch staatstragende Figuren wie der Petersburger Senator Wadim Tjulpanow raten Poltawtschenko, sich zu entschuldigen. Der immerhin versichert, er habe sich nur über die „Flegelei“ konkreter Personen und nicht aller Petersburger beschwert. Beamte des städtischen Sportkomitees aber kündigen „Erziehungsgespräche“ mit Vertretern der flegelhaften Fanklubs an.

Gennadis Jackett

Wer kennt das nicht? Die KraWatte sitzt falsch, der Anzug ist zu warm, das Aufnahmegerät fällt aus. Schreckminuten in einem Interview. Je schlimmer, desto wichtiger der Gesprächspartner. Eine Toleranzbreite allerdings gibt es immer. Doch ohne Krawatte geht’s nun einfach nicht, wenn man als männlicher Vertreter des Gewerbes zu Friedenszeiten ein Interview mit der Macht anpeilt. In Polen half mir einmal der Fotograf mit seiner Zweitkrawatte aus der Patsche. Und die Sache blieb unter uns. Die Geschichte von Gennadis Jackett aber wird die abchasische Politszene wohl bis zum Präsidentschaftswahlkampf im Dezember beschäftigen.

 

Dabei begann alles ganz harmlos mit einem Hintergrundgespräch in einem verrauchten Cafe von Suchum (vor der einseitigen Unabhängigkeitserklärung von 1999 eher unter dem georgischen Namen Suchumi bekannt), der Hauptstadt Abchasiens (http://www.therepublicofabkhazia.org/). Ich traf dort einem der wichtigsten Oppositionspolitiker des ausser von Russland, Nicaragua und Venezuela von niemandem anerkannten Zwergstaates. Gennadi Alamia (http://abkhasia.kavkaz-uzel.ru/articles/82870) heisst der Mann, wie so viele Politiker in Abchasien eigentlich ein Dichter von Beruf. Alamia sitzt mir im schwarzen Anzug und weissem Hemd – aber ohne Krawatte – gegenüber, ich ihm in Jeans, T-Shirt und Reporterjacke. Einzig von der Statur her ähneln wir uns.

 

Als ich ihm zum Abschluss einer heftigen geopolitischen Diskussion erzähle, dass ich am nächsten Tag den Staatspräsidenten, Sergej Bagapsch (http://www.abkhaziagov.org), interviewe, beginnt der Intellektuelle sich auszuziehen. Zuerst das Handy, dann die schmale Brieftasche und schliesslich das ganze fein gewobene Jackett. „Hier nimm dieses und gibs mir bei Gelegenheit wieder zurück“, sagt Alamia, den ich gerade das erste Mal getroffen habe.

 

Das Präsidenten-Interview in den Kleidern seines schärfsten Kritikers lief übrigens hervorragend. Und tags darauf kannte schon halb Suchum die Geschichte von Gennadis Jackett im Präsidentenpalast. Wären wir Diplomaten statt Journalisten, wer würde solch hilfsbereiten Menschen das Recht auf Selbstbestimmung absprechen? 

 

 

Wissen Sie, wer Alexander Suworow ist? Der größte Feldherr aller Zeiten. Das finden zumindest die Russen. Erstens, weil er Russe ist, zweitens weil er die Alpen überquert hat. Wie Hannibal, nur ohne Elefanten, und in eine andere Richtung. Suworow soll übrigens die ganze Aktion für ziemlichen Schwachsinn gehalten haben. Trotzdem führte er 1899 seine Truppen aus Norditalien auf einer halsbrecherischen Route über den Sankt Gotthard Pass, wurde dann aber in der Schweiz von französischen Revolutionstruppen geschlagen. (Ab hier berichtet die russische Geschichtsschreibung ziemlich ungenau.) Suworow und seine Krieger mussten über verschneite Pässe nach Österreich ausweichen, von 25.000 Mann kamen 15.000 an. Ein ebenso überflüssiger wie wahnwitziger Feldzug. Aber die Russen mögen so was.

Der Historienmaler Wassilij Surikow fand den Kanonenrohralpinismus seiner Landsleute jedenfalls ziemlich abgefahren.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/99/Suvorov_crossing_the_alps.jpg

Die Schweizer offenbar auch. Die haben das anstehende 210. Jubiläum der Alpenüberquerung Suworows zum Anlass genommen, um den russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew einzuladen. Denn weder vor noch nach Suworow hat es ein russisches Staatsoberhaupt je zum einen offiziellen Besuch ins Eidgenössische geschafft – von Iwan dem Schrecklichen bis Gorbi oder Putin. (Klar, Lenin, war mal länger da, aber das noch als Privatmann, bevor er auszog, um in der Heimat Oktoberevolution zu veranstalten.) Und tatsächlich, Medwedew ist heute in der Schweiz eingetroffen, kein russischer Staatsmann sagt nein, wenn es darum geht, die ruhmreichen Waffentaten der Ahnen zu feiern.

 

War also eine prima Idee der Schweizer mit Suworow. Aber sie dürfen sich nicht wundern, wenn ihr Bundespräsident in 3 Jahren eine Einladung von Alexander Lukaschenko (allgemein bekannt als letzter Diktator Europas) aus Weißrussland kriegt. Den will seit Jahrzehnten kein westlicher Staatsmann besuchen, weil er sich innenpolitisch so daneben benimmt. (Und Lukaschenko hat weder Öl noch Gas zu verkaufen.) Aber das sollte man in Helvetien vergessen. Im November 1812 standen 4 dezimierte Schweizer Regimenter am Ufer der Beresina. Auf dem Heimweg eines danebengegangenen Moskau-Trips. Aber sie hielten mit blanken Bajonetten und unter Absingen später als Beresina-Lied berühmt gewordener Verse eine russische Übermacht auf, retteten so die Reste der Großen Armee Napoleons. Die Masse dieser Armee ging auf der weiteren Flucht trotzdem vor die Hunde. Und von 1300 Schweizer Helden überlebten den Tag nur 300. Auch der heroischste Männerchor aller Zeit verreckte völlig sinnlos. Also, die Berner Diplomaten könnten das Beresina-Lied schon mal auswendig lernen:

 

Unser Leben gleicht der Reise
Eines Wandrers in der Nacht;
Jeder hat in seinem Gleise
Etwas, das ihm Kummer macht.

Aber unerwartet schwindet
Vor uns Nacht und Dunkelheit,
Und der Schwergedrückte findet
Linderung in seinem Leid.

 

Mutig, mutig, liebe Brüder,
Gebt das bange Sorgen auf;
Morgen steigt die Sonne wieder
Freundlich an dem Himmel auf.

Darum laßt uns weitergehen;
Weichet nicht verzagt zurück!
Hinter jenen fernen Höhen
Wartet unser noch ein Glück.

Das viel kleinere Übel. Russland interveniert in Georgien

 

„Hat der russische Bär sich wieder von seiner Kette losgerissen?“, diese Frage hörte ich in den letzten Tagen immer wieder von deutschen Redakteuren. Und immer wieder vergleichen die Kollegen in der Heimat die russische Intervention in Georgien mit dem sowjetischen Einmarsch in Prag 1968. Obwohl inzwischen auch amerikanische Experten konstatieren, dass Georgien die Feindseligkeiten mit einem massiven und von langer Hand geplanten Überraschungsangriff auf die Separatistenprovinz Südossetien begann. ( Paul J. Saunders in der „Washington Post“)

 Aber wenn der Kreml Truppen losschickt, ist es der erste Reflex hierzulande, ihm das Schild „Aggressor“ um den Hals zu hängen, seine G8-Mitgliedschaft, seinen WTO-Beitritt und die Winterolympiade in Sotschi in Diskussion zu stellen. Klar, Putin ist kein Demokrat, die Propaganda seiner Staatsmedien auch diesmal zum Kotzen, selbst moskowitische Touristen benehmen sich überall daneben. Aber auch wenn noch immer russische Panzer durch Georgien kurven, diese Intervention entwickelt sich weniger blutig, als, das, was die Nato 1999 zur Rettung einer anderen Separatistenprovinz, nämlich des Kosovos, auf serbischem Staatsgebiet veranstalteten. Vom Irak ganz zu schweigen.

 Jetzt beklagt die Weltpresse hunderte Tote und zehntausende Flüchtlinge. Die Mehrzahl von ihnen wurden Opfer der georgischen Attacken auf die südossetische Hauptstadt Zchinwali. Aber das bleibt meistens unerwähnt. Und niemand stellt sich die Frage, was passiert wäre, wenn der russische Bär sich in Südossetien nicht auf die Hinterbeine gestellt hätte.

Dann hätten die Georgier nach weiteren heftigen Kämpfen Zchinwali erobert. Gelitten hätte darunter vor allem die Zivilbevölkerung. Aber damit wäre das Unheil erst losgegangen. Freiwillige aus Nordossetien, aber auch aus Tschetschenien oder Abchasien wären über die russische Grenze ihren südossetischen Brüdern zur Hilfe geeilt. Hitzköpfige Kosaken, aber auch Gewalttouristen aus ganz Russland hätten sich ihnen angeschlossen. Während auf der georgischen Seite nicht weniger Blut lechzende Abenteurer und Söldner aus der Ukraine aufgetaucht wären.

So wie bei den georgisch-kaukasischen Waffengängen in den 90iger Jahren hätten sich beide Seiten einen erbitterten Kleinkrieg geliefert. Der wäre nach den regionalen Sitten wie damals schnell in Gemetzel an Gefangenen und hilflosen Zivilisten ausgeartet. Und in noch brutalere Vergeltungsgreuel. Und wie damals wäre dieser kaukasische Blutrachekrieg auch auf die andere Rebellenrepublik in Georgien, Abchasien, übergesprungen. Im Falle eines georgischen Sieges hätten vor allem dort ethnische Säuberungen mit hunderttausenden von Flüchtlingen gedroht. Im Falle eines Sieges der Separatisten wären die letzten georgischen Dörfer in Südossetien ebenfalls kaum einer ethnischen Säuberung entgangen. Die westliche Öffentlichkeit hätte über dieses ferne, schwer zu begreifenden Vertreiben, Töten und Sterben geseufzt – erst vor Mitgefühl, dann vor Langeweile. So wie sie das Suchumi aber auch das Sarajewo der Neunziger Jahre vergessen hat, zwei durchaus vergleichbare Schlachtfelder. Russland selbst aber hätte sich tausende siegesbewußter, bewaffneter, Kriegs erprobter Tschetschenen, Tscherkessen und Dagestanern gegenüber gesehen, die nun die Idee von blutigem Selbstbestimmungsrecht in die russischen Kaukasusrepubliken zurückgetragen hätte. Wie in jenen Neunzigern die tschetschenischen Rebellen, die ihre Feuertaufe im ersten Abchasienkrieg gegen die Georgier erlebten.

Um in den Indikativ zurückzukehren: Wenn schon kein Segen, so war es doch das viel kleinere Übel für die Region, dass Moskau seine Armee nach Georgien geschickt hat. Und Europa sollte sich gut überlegen, ob es sich künftige Natopartner wirklich in Gegenden suchen muss, deren politische Kultur erstens von kriegerischen Ehrgesetzen aus dem politischen Mittelalter geprägt ist. Und die zweitens für Russlands Sicherheit einen wunden Punkt darstellen.

Zum Tode von Anna Politkowskaja

Ich trauere um Anna Politkowskaja. Nicht, dass ich sie gut gekannt hätte. Ich habe im vergangenen Jahr zusammen mit ihr, Seymour Hersh und Hans-Martin Tillack den Leipziger „Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien“ erhalten. In den Tagen der Preisverleihung haben wir uns kennen gelernt: bei einem Abendessen in den Räumen der Leipziger Medienstiftung, auf einer Podiumsdiskussion und während der Abschlussparty im Leipziger Rathaus haben wir miteinander geredet. Sie sprach über die immer stärkere Einschränkung der Pressefreiheit in Russland. Über den Geldmangel ihrer Zeitung „Nowaja Gazeta“, über die Lebensgefahr, unter der sie arbeitete. Man hatte bereits einmal versucht, sie wegen ihrer kritischen Berichterstattung über den Tschetschenienkrieg zu vergiften. Sie wirkte müde und erschöpft in ihrem fuchsia-farbenen Kostüm, frühzeitig ergraut aber ungebrochen. Ein Hauch von Vergeblichkeit umgab sie.

Sie sprach davon, dass die Lebensgefahr zum Berufsrisiko des Journalisten gehöre. Ich empfand es als Ehre, diesen Preis zusammen mit ihr bekommen zu haben. Ich bewundere ihren Mut und ihre Kraft. Für mich gehört die Lebensgefahr nicht zum Berufsrisiko. Ich habe die Wahl, in Afghanistan zu arbeiten. Anna Politkowskaja hatte keine Wahl. Und keine Chance. Ihre Gegner waren zu mächtig. Nun haben sie sie zum Schweigen gebracht.

Von Menschen wie ihr hängt die Zukunft der Freiheit ab. Ich trauere um Anna Politkowskaja.