Syrisches Frühstück im kalifornischen Canyon

Sama Wareh vor ihrem Studio

Sama Wareh vor ihrem Studio

Die Wegbeschreibung von Sama Wareh hörte sich nach einem wunderbaren Abenteuer an. Schon die Adresse klang verlockend: Silverado Canyon. Ich sollte über eine kleine Brücke fahren, vorbei an einem Fels mit vier Streifen und schließlich gegenüber einer großen rotgestrichenen Scheune parken. Ich verfuhr mich nur einmal auf dem Weg gen Süden von Los Angeles und wurde am Ziel mit einer warmherzigen Umarmung und einem wunderbaren Frühstück empfangen: Sama hatte einen Tomaten-Bohnensalat, Knoblauchkäse mit Minze und Olivenöl, Pitabrot und andere Leckereien zu einem kleinen Festmahl im Schatten einer großen Eiche ausgebreitet. Dazu servierte sie gesüßten Tee aus Glastassen. Die in Kalifornien geborene Tochter von syrischen Einwanderern erklärte mir, warum es so wichtig ist, den Tee zu sehen, das gehöre zum Genuss dazu. Ich konnte mich nicht gut konzentrieren: Samas brauner Cowboyhut über einem locker um Kopf und Hals gebundenen lila Palästinenserschal mit angehängter Feder und Perlen, ihre hohen Schnürstiefel über engen lila Jeans entsprachen nicht den Erwartungen, mit denen ich zu diesem Interview einer Künstlerin mit Familie in Damaskus gefahren war. Bis ich Sama sah war mir nicht einmal bewusst, dass ich Erwartungen hatte. Ich wusste nur, dass sie auf eigene Faust mit Rucksack, Erspartem und Erlösen aus dem Verkauf ihres Motorrads und ihrer Kunst in die Türkei geflogen war um dort Flüchtlingen aus Syrien zu helfen. Tränen treten der 30 Jahre alten Künstlerin in die Augen, wenn sie von den Begegnungen erzählt: vom Leben der Familien ohne Möbel und Heizung in Kellern ohne Fenster und von Gastfreundschaft unter ärmsten Umständen. Am stärksten ist ihr ein Fahrer in Erinnerung, der sie in ein Lager an der Grenze brachte. “Er hat seine tote Tochter aus den Ruinen seines Hauses geholt und pendelt nun zwischen Syrien und der Türkei, um Verletzte und Obdachlose über die Grenze zu bringen.” Das Foto seiner Tochter ist auf dem Handy immer dabei.
Samas Kunst beschäftigte sich bis zur Reise an die Grenze nicht mit Politik. Sie findet Gemeinsamkeiten zwischen alten Kulturen, zum Beispiel in ihrer Serie “Beduine trifft Indianer”. Jetzt ruft sie in Gemälden zu Frieden, Menschlichkeit und Vergebung auf. In Nachrichten auf facebook warnt sie Freunde und Verwandte in Syrien davor, in Hass, Rachelust und Animosität gegenüber anderen Sekten, Religionen oder Kulturen zu verfallen. Sie weiß, dass das aus der Entfernung leichter gesagt als vor Ort getan ist. Die aktuelle Politik macht sie ratlos und misstrauisch. Deshalb wird sie sich im November wieder selbständig auf den Weg machen, den Cowboyhut über dem Kopftuch, mit Rucksack und hohen Stiefeln. Um Spenden für die Reise zu sammeln wird sie im Gemeindehaus ihres Canyondorfes bei syrischem Frühstück ihre Kunst verkaufen. “Ich möchte den Flüchtlingen zeigen, dass sie nicht vergessen sind.”

Wo die Wahrheit nicht zu finden ist

Schon wieder verbrannte Erde dort, wo ich gerade noch stand. Die PKK jagte in dieser Woche die Erdöl-Pipeline zwischen Midyat und Idil in die Luft – genau an der Stelle, wo ich letztes Jahr mit einer Patrouille kurdischer Milizionäre unterwegs war. Die Jungs sind unverletzt, ich habe sie erreicht, aber drei andere Menschen hatten weniger Glück.

Das geht mir immer öfter so. Letzte Woche wurden in der Provinz Batman vier Menschen auf einer Straße in die Luft gesprengt, die ich schon öfter gefahren bin – eine Sprengfalle der PKK, in der es diesmal allerdings vier kurdische Aktivisten erwischte. Vorletztes Jahr ging eine Bombe vor dem Hotel hoch, in dem ich in Diyarbakir normalerweise absteige; die PKK ließ anschließend ausrichten, es sei ein Versehen gewesen, aber den sechs Toten und 67 Verletzten nützte das auch nichts mehr. Wiederum eineinhalb Jahre zuvor stand ich in einer heißen Augustnacht lange vor dem Eingang zum Kosuyolu Park in Diyarbakir, in dem ich mich mit einem untergetauchten kurdischen Deserteur getroffen hatte, und plauderte mit Bekannten; wenige Tage später detonierte genau an der Stelle eine gewaltige Bombe und tötete zehn Menschen.

So geht das nun, seit ich im türkischen Kurdengebiet unterwegs bin – das sind fast 20 Jahre. Von den Straßensperren und den Maschinenpistolenläufen unter der Nase will ich gar nicht anfangen, auch nicht von den langen Stunden auf Polizei- und Militärwachen oder den nächtelangen Fahrten durch gebirgiges Konfliktgebiet, und schon gar nicht von extremer Hitze, drei Meter tiefem Schnee und den Körben voller abgehackter Schafsköpfe auf den Märkten.

 Ich mache es ja auch gern, und vor allem: Es gibt keine Alternative dazu, wenn man vernünftig über den Kurdenkonflikt in der Türkei berichten will. Der Krieg zwischen der PKK und dem türkischem Staat wird ebenso stark in den Medien ausgefochten wie in den Bergen von Südostanatolien. Da ist den türkischen Behörden und den ansonsten recht ordentlichen Medien des Landes ebensowenig zu glauben wie der PKK und deren hochprofessionellem Propaganda-Apparat. Es hilft also nichts, die Wahrheit ist nur vor Ort zu finden.

Ärgerlich ist nur, dass diese Wahrheit nicht viel zählt, wenn es um Schlagzeilen geht. So machte die „taz“ diese Woche mit einer Geschichte Furore, die vom deutschen Schreibtisch aus mit eher trüben Quellen „recherchiert“ war: Die Türkei setze möglicherweise chemische Waffen gegen Guerrillakämpfer ein. Um Bilder ging es da, die ungenannten „kurdischen Menschenrechtlern“ demnach von ungewisser Seite „zugespielt“ wurden, bevor sie ihren Weg nach Deutschland fanden. Aber immerhin war die „taz“-Geschichte selbst noch sauber geschrieben – was man von den eskalierenden Abschriften anderer Medien nicht behaupten kann. Man beachte im Folgenden vor allem, wie das Zitat des Hamburger Arztes durch die Berichte mutiert:

 So berichtete die „taz“:

In den letzten Wochen hat das rechtsmedizinische Institut der Uniklinik Hamburg-Eppendorf im Auftrag der taz die Bilder untersucht. Zwar besitzen solche Fotos nur einen sehr begrenzten Beweiswert. Doch die Ergebnisse des Eppendorfer Forensikers Jan Sperhake stützen die kurdische Darstellung: Eine der Leichen wies “hochgradige Zerstörungen” auf, wie sie an “den Zustand nach Bahnüberfahrungen erinnern”, schreibt Sperhake. Teils quellen Leber, Darmschlingen und andere Organe aus den Körpern, die Muskulatur liege teils großflächig frei, Gliedmaßen seien enorm zerstört. Neben vermutlichen Stich- und Schussverletzungen weisen die Toten auch Verletzungen auf, die auf eine Explosion zurückgehen könnten. Vor allem aber zeigen zwei der abgebildeten Leichen eigentümliche großflächige Hautdefekte. So etwas kann theoretisch auch durch Hitze entstehen. Doch dies schließt Sperhake weitgehend aus: Kopfhaare, Lider, Brauen und Bart wiesen, soweit beurteilbar, keine Hitzeeinwirkungen auf. Sein Fazit: “Angesichts des Zustands der Leichen muss deshalb in Betracht gezogen werden, dass chemische Substanzen eingesetzt worden sein könnten.”

Daraus wurde bei „Spiegel Online“ (unter Berufung auf die „taz“):

Ein rechtsmedizinisches Gutachten des Hamburger Universitätsklinikums bestätigt den ursprünglichen Verdacht: Die acht Kurden starben mit hoher Wahrscheinlichkeit “durch den Einsatz chemischer Substanzen”.

 Und daraus wiederum wurde bei der „Zeit“ (unter Berufung auf Spiegel Online“):

Die Ärzte gingen davon aus, dass die acht Kurden “mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den Einsatz chemischer Substanzen” starben.

Stille Post statt Recherche. Entsprechend steigerten sich auch die Überschriften: 

taz: “Hat die Türkei C-Waffen eingesetzt?” 

Spiegel: “Türkei soll Kurden mit Chemiewaffen getötet haben” 

Zeit: “Türkei gerät wegen möglichen Giftgasangriffs unter Druck” 

Türken, Kurden, Chemiewaffen: Klar, dass Politiker von Claudia Roth bis Rupert Polenz da sofort für Forderungen nach internationalen Untersuchungen zu haben waren, was die Geschichte natürlich wiederum aufwertete. Den PKK-Medien war das am nächsten Tag einen Aufmacher wert: „Deutsche Medien berichten über Chemiewaffenvorwürfe gegen die Türkei“.

Ein gelungener Coup war das, Hut ab! Aber ich nähre mich lieber redlich.

  

Kriegsführung mit dem Rechenschieber

Seit sechs Wochen eskaliert der PKK-Krieg im Südosten der Türkei wieder dramatisch, mehr als hundert Menschen sind in dieser Zeitspanne getötet worden: türkische und kurdische Soldaten der türkischen Armee, kurdische Milizionäre der türkischen Republik, kurdische Guerrillakämpfer der PKK und auch einige Zivilisten – kurdische wie türkische.

In den Reihen der türkischen Armee sterben in diesem Krieg vor allem Wehrpflichtige von 19 oder 20 Jahren, die nach einem sechswöchigen Grundkurs an die gefährlichsten Außenposten im bergigen Konfliktgebiet geschickt werden. Der Generalstabschef sitzt sicher in Ankara und äußert sich in einem langatmigen Fernsehinterview so:

„Wir haben in den vergangenen 26 Jahren 30.000 Terroristen erledigt, 10.000 weitere wurden verletzt oder ergaben sich, das macht also 40.000. Die Truppenstärke der Organisation fluktuiert mit der Zeit, 6000 Mann sind es im Durchschnitt – der Höchsstand waren 10.000, derzeit sind es etwa 4000. Wenn wir den Durchschnitt von 6000 nehmen und die 30.000 dadurch teilen, dann ergibt das Fünf. Mathematisch gesehen haben wir die Terrororganisation PKK also in den letzten 26 Jahren schon fünfmal ausgelöscht. Das ist eine Tatsache.“

Noch während das Interview ausgestrahlt wurde, starben bei einem PKK-Angriff wieder drei junge Soldaten.

 

Zensur: Von Deutschland lernen?

Über ein faszinierendes Abkommen zwischen Deutschland und dem Videoportal Youtube berichtet der türkische Telekommunikationsminister Yildirim – faszinierend für mich jedenfalls, denn ich habe davon noch nie gehört: Die deutsche Justiz, so der Minister, sei ständig online mit Youtube verbunden (was ja an sich keine Kunst ist, wenn sie denn Internet-Zugang hat). Über diesen direkten Draht verschicken deutsche Staatsanwälte demnach sofort eine Warnung, wenn ihnen ein Video nicht gefällt; wenn es dann nicht binnen 72 Stunden aus dem Netz verschwinde, werde es von Youtube gesperrt.

Mir kommt das etwas merkwürdig vor, aber ich kann das ebenso schwer nachprüfen wie all die anderen türkischen Internet-Nutzer, denen Yildirim das erzählt, weil Youtube für uns in der Türkei ja schon seit Jahren komplett gesperrt ist. Immerhin können wir uns jetzt denken, was Yildirim von den Youtube-Vertretern verlangen wird, die diese Woche nach Ankara kommen, um die Voraussetzungen für eine Aufhebung der Blockade zu sondieren – über die 15 Millionen Euro hinaus, die Ankara als Eintrittsgeld verlangt.

Sollte eine Einigung auf das von Yildirim skizzierte Modell hinauslaufen, wird Youtube personell kräftig aufstocken müssen, um all den Zensurwünschen der türkischen Staatsanwälte nachzukommen. Im World Wide Web sind hierzulande tausende Adressen gesperrt, darunter natürlich Dutzende kurdische Medien und linke Webseiten, aber auch allerlei unpolitische Seiten wie das internationale Anzeigenportal www.expatriates.com. Warum, das bleibt wie immer das Geheimnis der türkischen Behörden: Die Adresse sei auf Grundlage des türkischen Internet-Gesetzes vorbeugend geschlossen, lautet der kryptische Standard-Hinweis.

Zensiert

Die türkische Datenautobahn erinnert fatal an die türkischen Autobahnen: Dauernd kommt einem etwas rückwärts entgegen. Mit dem Youtube-Verbot können wir nach zwei Jahren dank Yasaktube und ähnlicher Umgehungsstraßen ja einigermaßen leben. Mit der Sperrung aller möglichen kurdischen Seiten kommen wir auch klar, weil alle die Schleichwege kennen. Die PKK-nahe Ajansa Nuceyan a Firate zum Beispiel wechselt einfach die Domain-Endung, wenn sie wieder einmal von den türkischen Gerichten gesperrt wird. Derzeit erreichen wir in der Türkei sie unter www.firatnews.nu, nachdem www.firatnews.com und www.firatnews.eu gesperrt sind (wer letztere Adressen öffnen kann, befindet sich nicht in der Türkei). Gesperrte Zeitungen wie Gündem können wir immerhin mit Proxies wie Ktunnel lesen.

Aber nun bin ich endgültig in der Sackgasse gelandet: Um auf meinem Blog „Türkei-Reporter“ einen „social bookmarking button“ installieren zu können, müsste ich ihn vom Betreiber herunterladen können – und der ist gleich doppelt gesperrt. Zwei Provinzgerichte, in Denizli und in Burdur, haben beschlossen, dass der 30jährige israelische Software-Programmierer Hillel Stoler eine Gefahr für die Türkei darstellt. Warum, das bleibt – wie immer bei diesen Sperrungen – ihr Geheimnis und wird dem Nutzer nicht verraten. Auf die Facebook- und Twitter-Links muss ich also verzichten und bitte die geneigten Leser deshalb darum, meinen Blog manuell weiterzuempfehlen.

Blühendes Wunder

 

An meiner Wahlheimat Holland habe ich nach 20 Jahren einiges auszusetzen und die rosarote Brille längst abgesetzt. Aber jedes Jahr im Frühling um diese Zeit verliebe ich mich wieder hemmungsvoll in dieses Land. Dazu reicht eine Zugfahrt vom Leiden nach Haarlem und ein Blick aus dem Fenster über die blühenden Felder der Blumenzwiebelregion: Die gesamte Landschaft gleicht einem gigantischen Mondriangemälde. Gelbe, rote und blaue Blumenbahnen aus Tulpen, Narzissen oder Hyazinthen so weit das Auge reicht….angesichts dieses hinreissenden Farbenrausches muss man einfach kapitulieren!

Als Korrespondentin habe ich es natürlich nicht beim Anschauen belassen, inzwischen weiss ich eine Menge über die Blumenzwiebelzucht, insbesondere über die Tulpe. Ist sie doch nicht nur Hollands Nationalsymbol, sondern auch noch eine erfolgreiche Immigrantin mit einer überaus steilen Karriere: Im botanischen Garten der alten Rembrandtstadt Leiden bohrte sie sich erstmals durch europäischen Boden, allerdings lange bevor Rembrandt geboren wurde, nämlich schon 1594.

Ursprünglich stammt die Tulpe aus Kazachstan. Über die Türkei gelangte sie nach Europa. Ihr Mäzen hiess Carolus Clusius, auch „Erasmus der Botanik“ genannt. Er war Ende des 16. Jahrhunderts in Leiden Aufseher des Hortus Botanicus. Clusius verkörperte das Idealbild des Gelehrten aus der Renaissance: hungrig nach Wissen, ein besessener Sammler, ständig kreuz und quer durch Europa auf Pflanzenjagd.

Die ersten Tulpenzwiebeln bestellte er beim Botschafter des österreichischen Kaisers in der Türkei, Ogier Ghislan de Busbec, einem Flamen. Der hatte sich in seinen Briefen immer wieder bewundernd über jene geheimnisvolle Blume ausgelassen, die von den Osmanen wie ein Kleinod behandelt wurde und auch den Sultan so bezauberte, dass er regelmässig rauschende Tulpenparties hielt.

Auch die ersten Tulpen im Leidener Hortus Botanicus wurden 1594 wie ein Weltwunder gefeiert und von den Schaulustigen fast zertrampelt. Aus der anfänglichen Begeisterung wurde schnell Besessenheit: Die so genannte Tulpenraserei begann, eine Zeit, in der ein einziger ‚bol’, wie die Zwiebel auf niederländisch heisst, bis zu 13.000 Gulden einbrachte, umgerechnet 6.000 Euro  – genausoviel wie Rembrandt für sein Haus an der Jodenbreestraat gezahlt hatte, das heutige Rembrandthaus. Der Tulpenhandel wurde Big Business: Reiche-Leute-Söhne schmückten mit dem vergänglichen Juwel das Décolleté ihrer Geliebten. Es war teurer als ein Diamant. Da das Angebot bei weitem nicht der Nachfrage entsprach, wurden bollen zum beliebtesten Spekulationsobjekt. Einer der wenigen, der einen kühlen Kopf bewahrte, war der Maler Jan Brueghel der Jüngere: Auf seiner Persiflage einer Zwiebelauktion stellte er alle Beiteiligten als Affen dar.

Als der Markt am 6. Februar 1637 einstürzte, gehörte auch sein Kollege, der Landschaftsmaler Jan van Goyen zu den Opfern. Noch Jahre nach seinem Tod wurden seine Witwe und die Kinder von seinen Gläubigern verfolgt. Dieser 6. Februar 1637 ging als erster Börsenkrach der Welt in die Geschichte ein.

 Der Beliebtheit der Tulpe allerdings konnte dies keinen Abbruch tun. Dafür sorgten der schon damals sprichwörtliche Handelsgeist der Niederländer – und der durchlässige Sandboden zwischen Haarlem und Leiden, auf dem es der Tulpe ausserordentlich gut gefiel. Wieder wurde sie big business – jetzt als Massenprodukt: Jedes Jahr überrollen die Niederländer die Welt mit 10 Milliarden bollen. Inzwischen taucht die Tulpe als Nationalsymbol im Logo niederländischer Banken und Fluggesellschaften auf. Firmen benennen sich nach ihr, und nicht umsonst bekam Altfussballer Ruud Gullit in Italien den Beinamen „Schwarze Tulpe“. Willig liess sie alles mit sich anstellen, sei es mit gefülltem Blütenkelch oder mehrfarbig gestreift im Fransenlook.

 900 verschiedene Tulpensorten gibt es inzwischen, allein dieses Jahr werden rund 20 neue Sorten auf den Markt gebracht, darunter die Papageientulpe Irene Parrot, eine Wuschelkopf-“Punktulpe” mit fransigen Rändern. Den Tulpenzüchtern ist es sogar gelungen, die Zahl ihrer Chromosomen von 24 auf 48 zu verdoppeln. Bei diesen Sorten fällt alles doppelt so stark und kräftig aus.

 Allerdings müssen Tulpenfreunde immer noch 25 Jahre warten, bis eine neue Sorte in der Blumenvase steht. Allein 20 Jahre dauert es, bis sie veredelt ist und einen Namen bekommen hat. Ausserdem hat die Tulpe im Gegensatz zu den meisten anderen Blumen eine Jugendphase von bis zu 5 Jahren. Erst dann blüht sie zum ersten Mal. In den ersten 5 Jahren sieht man überhaupt nichts, da wird die Geduld  der Züchter auf eine harte Probe gestellt.

 Auch der Name fällt am Ende meistens anders aus als erwartet: Von zehn fallen neun weg, weil sie schon besetzt sind oder zu ähnlich klingen. Dieses Jahr ist eine Tulpe auf den Markt gekommen, die eigentlich “Alexandra of Denmark” heissen sollte, doch das ging nicht, die Alexandra war schon besetzt. Jetzt heisst sie nur noch “Denmark”- obwohl sie rot-gelb ausgefallen ist und nicht rot-weiss.

 

 

 

 

In den Wartezimmern der Welt

Letzte Woche war es mal wieder soweit: Höchste Zeit, die Aufenthalterlaubnis verlängern zu lassen – ein alljährlicher Spießrutenlauf, den man gerne aufschiebt bis zum letzten Moment.

Immerhin vergibt die Ausländerpolizei neuerdings Termine, um die kilometerlangen Warteschlangen zu verkürzen. Genützt hat unser Termin um 14.45 Uhr dann aber nicht viel, denn die Kasse, an der die Verwaltungsgebühr zu entrichten ist, schließt um 14.30 Uhr, so dass man ohnehin am nächsten Morgen wiederkommen muss.

Egal, bisher hat sowieso noch nie jemand auf Anhieb alle erforderlichen Papiere beibringen können. Uns wäre es jetzt – bei der dreizehnten Verlängerung – zwar fast gelungen, doch seit dem Vorjahr hat man sich mal wieder etwas Neues einfallen lassen: Damit auch unsere zehnjährige Tochter weiter in dem Land bleiben darf, in dem sie geboren ist, müssen wir jetzt eine eidesstattliche Versicherung beifügen, dass wir für die Dauer ihres Aufenthalts in der Türkei für ihre „Speisung und Tränkung“ aufkommen werden.

Nun gut, was tut man nicht alles für eine Aufenthaltsgenehmigung – aber halt, so einfach ist das nicht: Der Schwur muss notariell beglaubigt werden, und jetzt wird es kompliziert. Denn der Notar will einen gültigen Ausweis sehen, bevor er uns den Schwur abnimmt, und ein deutscher Reisepass tut es da nicht. Auch der türkische Presseausweis reicht nicht, obwohl er vom Ministerpräsidentenamt ausgestellt und mit allerlei Siegeln verziert ist. Nein, nur eine gültige Aufenthaltserlaubnis der Türkischen Republik darf es sein, wenn einem Ausländer der Eid abgenommen werden soll. Aber unsere Aufenthaltserlaubnis ist leider abgelaufen, darum brauchen wir ja die eidesstattliche Versicherung…

Lästig, nervenaufreibend und zeitraubend ist das alles natürlich, zumal ich mir im multinationalen Gedränge auf den winterlichen Fluren der Ausländerpolizei auch mal wieder eine Grippe eingefangen habe. Aufregen kann ich mich über den bürokratischen Hürdenlauf aber nicht. Schließlich weiß ich, was türkische Staatsbürger schon für ein Gerenne haben, um nur ein Visum für Deutschland zu bekommen. Was für eine deutsche Aufenthaltsgenehmigung zu erdulden ist, kann ich nur dunkel ahnen. In einem deutschen Ratgeber für aufenthaltswillige Ausländer heißt es jedenfalls: „Bereiten Sie sich auf umfangreiche bürokratische Regelungen und lange Wartezeiten vor.“

 

Der tägliche Wahnsinn

Die Lektüre türkischer Zeitungen ist eine Wissenschaft für sich. Nicht nur äußerlich unterscheiden sich die bunt und boulevardesk aufgemachten Blätter von westlichen Zeitungen, auch journalistisch muss man sie zu nehmen wissen. Nachrichten, Neuigkeiten und Exklusives stehen nicht unbedingt auf der Seite Eins mit ihren Balkenüberschriften. Sie sind vielmehr übers Blatt verteilt in den Kolumnen der sogenannten „Eckenschreiber“ (köse yazarlari) zu finden – das sind hochbezahlte Kolumnisten mit guten Kontakten in Ankara, treuen Lesergemeinden und gewaltigem politischen Einfluss. Jeder Kolumnist hat seinen speziellen Draht. Ins Außenministerium etwa ist Murat Yetkin von der Zeitung „Radikal“ bestens verdrahtet; wer aus der Westentasche von Oppositionführer Deniz Baykal informiert werden will, greift zur Kolumne von Fikret Bila in „Milliyet“, usw. Und während Zeitungen im Westen meist eine einheitliche politische Ausrichtung haben, findet sich innerhalb einer türkischen Zeitung ein ganzer Regenbogen von Kolumnisten, von rechtsnational bis liberal, die im selben Blatt oft entgegengesetzte Meinungen zum selben Thema vertreten.

Auch die Einteilung der Zeitung ist gewöhnungsbedürftig. Bei „Hürriyet“ etwa kommt nach der Seite Eins erst einmal eine Seite mit Klatsch aus der türkischen Promi-Szene. Zwei bis drei Seiten Mord und Totschlag folgen, dann kommen die Wirtschaftsseiten. Darauf folgen mehrere Seiten große und kleine Anzeigen, in denen manchmal auch die Seite mit den Auslandsberichten versteckt ist. Erst nach den Anzeigen kommt die Politik, gefolgt vom Sport und einer letzten vermischten Seite.

Als Korrespondentin muss ich natürlich vor allem die Kolumnisten studieren, um aus ihren oft recht ausschweifenden Betrachtungen die News herauszufiltern. Fasziniert bin ich aber immer von den zweiten und dritten Seiten, die Leben und Tod in der türkischen Gesellschaft so viel plastischer abbilden als die Politik. Allein am heutigen Tage vermelden die türkischen Zeitungen auf diesen Seiten folgende Geschichten:

Polizeitaucher suchen in See bei Hakkari nach vermisster Braut. Die 19jährige war am Vorabend einer Zwangsheirat aus ihrem Elternhaus geflohen, von ihrer Familie in Yüksekova aufgespürt und heimgeholt und seither nicht mehr gesehen worden. Ermittler gehen von einem Ehrenmord aus.
Junger Mann in Adana ermordet seine Freundin, weil sie schwanger war
Zwei Tote und zwei Verletzte bei Streit um Tänzerin in einem Nachtclub in Usak. Der Streit wurde mit Schnellfeuergewehren ausgetragen
Drei Männer wegen Entführung und Vergewaltigung einer 14jährigen in Ankara festgenommen. Die Entführer hatten an der Haustür der Familie geklingelt, sich als Polizisten ausgegeben und das Mädchen aufgefordert, „zur Wache mitzukommen“.
Ehemaliger Bürgermeister von Bursa an seinen Schussverletzungen gestorben, nachdem er letzte Woche von seinem Geschäftspartner niedergeschossen worden war
Vierfache Mutter in Zonguldak geköpft, Ehemann bestreitet Tat
Mann in Izmir erschießt seine Ehefrau und sich selbst, weil sie sich scheiden lassen wollte. Die beiden Kinder hatte er vorher zum Nachbarn geschickt
In Erzurum zu Tode gefolterter 13jähriger wurde vermutlich von seinem Cousin getötet
Arzt in seiner Praxis in Gaziantep von Unbekannten erschossen, sieben Kugeln im Kopf
Anwältin in ihrem Haus in Bodrum vom Klempner erstochen
Brutaler Raubüberfall auf 70jährigem in seinem Haus in Izmir: Seine Pflegerin holte die Täter ins Haus
Leiche in Izmir als seit fünf Jahren vermisster Geschäftsmann identifiziert
Gemeinsamer Selbstmordversuch von vier 13jährigen Mädchen in Kütahya
Schwer verbrannte Schülerin kämpft um ihr Leben. Die 17jährige war am Sonntag von einem Molotow-Cocktail getroffen worden, den Unbekannte in einen Linienbus in Istanbul warfen

So geht das hier jeden Tag. In der Berichterstattung bringe ich kein Promille davon unter.

 

Produktionsprozess

Wenn zwei bislang verfehdete Staaten eine historischen Durchbruch erzielen, sich auf die Aufnahme diplomatischer Beziehungen einigen und die Öffnung der geschlossenen Grenze ins Auge fassen, dann sollte man als Korrespondent in Erfahrung bringen, was die Bevölkerung an dieser Grenze davon hält. Auf geht es also an den seit 16 Jahren geschlossenen Grenzübergang Alican zwischen der Türkei und Armenien. Weil der Flughafen Agri seit Monaten geschlossen ist, geht es mit dem Flugzeug nach Kars und dann mit dem Auto weiter. Obwohl es noch September ist, sieht das Wetter in Kars bereits so aus:

 

 

Auf der 150 Kilometer weiten Fahrt durch die Berge ist nicht nur mit dem Wetter zu rechnen und mit Lastwagen, die auf ihrem Weg aus Iran oder nach Georgien grundsätzlich auf der falschen Spur entgegen kommen, sondern auch mit vierbeinigen Verkehrsteilnehmern:

 

 

In der Tiefebene von Igdir ist das Wetter wärmer, die Straße schlängelt sich parallel zum Grenzfluss Aras dahin bis zur gleichnamigen Provinzhauptstadt Igdir am Fuße des Berg Ararat.

 

 

 

Am Ortsausgang von Igdir steht das türkische Völkermordsdenkmal, das die türkische Sicht der Ereignisse von 1915 symbolisiert – ein Ensemble von fünf Schwertern, die sich vor dem Ararat fast 45 Meter hoch in den Himmel recken:

 

 

 

Hinter Igdir ist die Türkei bald zu Ende: Rechts geht es hier zu der aserbaidschanischen Enklasve Nakhitschewan, links zum geschlossenen Grenzübergang nach Armenien:

 

 

 

Nur ein paar Kilometer sind es jetzt noch bis Alican, doch da haben es zwei Lastwagen doch noch geschafft: Vollsperrung der Überlandstraße.

 

 

 

Mit freundlicher Unterstützung der Landbevölkerung geht es über Feldwege weiter zum Ziel. Warme Abendsonne beleuchtet den Besuch in Unter-Alican, das grenznächste Dorf auf der türkischen Seite:

 

 

 

Beim Besuch im Nachbardorf Ober-Alican dämmert es bereits:

 

 

 

Was die Bewohner der Grenzdörfer gesagt haben, das ist hier nachzulesen und hier nachzuhören.

Und von der türkisch-armenischen Grenze aus gesehen, sieht der Berg Ararat so aus:

 

Pariser Modeschauen und die neuen Online-Methoden

Auch die Mode-Presseagenturen gehen mit der Zeit, wie die Agence "mpressoffice" beweist. Statt Freelancer wie mich zu ihrer Fashionshow einzuladen, schickten Sie mir einen Tag später vier Bilder (davon eines unscharf) der Show der türkischen Designerin Dice Kayek und eine vorgefertigte Kritik. Toller Service? Nein, keineswegs. Denn nur wenn man die ganze Show gesehen hat, kann man sich ein Bild von der Kollektion machen. Und ehrlich gesagt brauche ich niemanden, der mir meine Kritik vorformuliert. Die Vogue, Elle und Konsorten hatten sicherlich eine Einladung. Warum also werden wir Freelancer so abgespeist?